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Veröffentlicht am 10.03.2021

Ende oder Neubeginn?

Das Kino am Jungfernstieg - Der Filmpalast
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Vier Jahre sind vergangen, seit Lili Pahl und John Fontaine nach der verschwundenen Filmrolle von Thea von Middendorffs letztem Film gesucht und dabei ein Familiengeheimnis aufgedeckt haben. Leider hatten ...

Vier Jahre sind vergangen, seit Lili Pahl und John Fontaine nach der verschwundenen Filmrolle von Thea von Middendorffs letztem Film gesucht und dabei ein Familiengeheimnis aufgedeckt haben. Leider hatten sie auf dem Heimweg einen schweren Autounfall und Lili kann sich nicht mehr erinnern, was sie damals gefunden haben. Aber sie weiß noch, dass sie und John ein Liebespaar waren. „Für einen Augenblick hatten sie beide an die große Liebe geglaubt und eine ganz besondere Leidenschaft gelebt. Die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft war zerstört worden, aber am Ende stand seine Verlobte – und ihr eigener Ehemann.“ (S. 15)
Seit damals hat sich viel verändert. Lili wurde bei dem Unfall schlimm verletzt und konnte sich nicht dagegen wehren, dass ihr Mann Albert und Peter, der Mann ihrer Halbschwester Hilde, aus dem Filmpalast von Lilis Eltern einen Jazzclub gemacht haben. Lili möchte nichts mehr mit dem Filmgeschäft zu tun haben und arbeitet als Cutterin für die Wochenschau. Als sie einen Bericht über die neu gegründete Berlinale schneidet erfährt sie, dass Thea von Middendorff einen neuen Film drehen wird – ausgerechnet John Fontaine berichtet darüber. „… mit John war all das wieder da, was vor dem Unfall vor Lili von Bedeutung gewesen war: das Kino, der Nachlass ihres Vaters, die Geheimnisse ihrer Mutter, ihre eigene Berufung als Cutterin.“ (S. 25)

Micaela Jary schließt mit dem zweiten Band zwar nahtlos an die Handlung des ersten an, trotzdem muss man diesen nicht unbedingt gelesen haben, um die Zusammenhänge zu verstehen (Aber ihr würdet ein großartiges Buch verpassen!).

Lili ist eine in mehrfacher Hinsicht gebrochene Frau. Bei dem Unfall hat sie sich u.a. das Becken gebrochen und seitdem fast immer Schmerzen. Mit ihrem Mann verbindet sie nur eine Vernunftehe („Sie waren die Fremden geblieben, die im Krieg aus einer Notlage heraus geheiratet hatten, und entfernten sich mit jedem Friedensjahr mehr voneinander.“ (S. 96)), trotzdem fordert er regelmäßig seine ehelichen Rechte ein. Ihr Schwager und ihre Halbschwester wollen ihr nach dem Kino jetzt auch noch das Trümmergrundstück abluchsen, auf dem ihr Elternhaus stand. Und Lili hat sich fast schon mit allem abgefunden, kaum Kraft oder einen Ansporn, etwas an der Situation zu ändern – bis John und Thea in Hamburg auftauchen. Lili liebt John immer noch, aber sie traut ihm nicht und rechnet sich auch keine gemeinsame Zukunft mit ihm aus.

Neben Lili sind auch ihre Nichte Gesa und Thea zwei sehr interessante Figuren. Gesa mochte ich schon im ersten Band, sie ist eine sehr nette, hilfsbereite und unkomplizierte junge Frau, die von der Karriere beim Film träumt und Lili nacheifert. Thea hingegen hat ihre beste Zeit, die große Karriere, eigentlich schon hinter sich, aber der neue Film ist ihre Chance, wieder durchzustarten. Wenn da nicht ihre Vergangenheit und das Geheimnis um den Tod ihres Mannes wären …

Wie bereits der erste Teil ist auch „Der Filmpalast“ extrem spannend, stellenweise fast schon ein Krimi. Lili versucht sich zu erinnern, was 1944 und 1947 geschah, warum es zu dem Unfall kam und was sie zuvor entdeckt hatten. Außerdem will sie das Trümmergrundstück nicht auch noch an Hilde verlieren. „Lilis Halbschwester wollte mutwillig zerstören, was Robert Wartenberg geschaffen hatte, daran bestand seit der Auflösung des Kinos am Jungfernstieg kein Zweifel.“ (S. 241)

Es war erschreckend zu lesen, wie wenig Rechte Frauen damals hatten. Obwohl Lili und Hilde ihre Eltern beerbt hatten, bestimmen ihre Männer über die Besitztümer, machen die Geschäfte, verwalten die Konten und dürfen ihren Frauen sogar verbieten zu arbeiten. Hilde und Lili erfahren nicht einmal, wie es überhaupt um ihr Vermögen steht Für Hilde ist das völlig in Ordnung, sie bekommt ein großzügiges Haushaltsgeld zugeteilt und ordnet sich ihrem Mann in allem devot unter. Lili hingegen will ihr Leben selbst bestimmen, kann das Kino und die Villa ihrer Eltern nicht vergessen und träumt von deren Wiederaufbau.

Micaela Jary zeigt ein sehr eindrucksvolles Bild der damaligen Zeit. Neben einem spannenden Einblick in die Entwicklung des Filmgeschäftes, lässt sie auch den Alltag wieder lebendig werden. Die Versorgungslage hatte sich zu Beginn der 50er Jahre noch nicht wirklich verbessert. Die Menschen hatten zwar wieder ausreichend zu Essen, aber es gab keine Kleiderstoffe oder Schuhe zu kaufen. Wohnraum war extrem knapp, die Städte oft noch Trümmerwüsten und die Besitzer der Grundstücke wurden enteignet bzw. mit kleinem Geld abgefunden, wenn sie die zerstörten Gebäude nicht aufbauen konnten. Die Frauen hatten kaum Rechte, dafür aber umfängliche Pflichten und ein selbstbestimmtes Leben war ihnen leider nur selten vergönnt.

Mich hat auch „Der Filmpalast“ wieder restlos begeistert und ich bin gespannt, ob Lilis Geschichte jetzt auserzählt ist oder wir doch noch erfahren, wie es mit ihr und dem Kino am Jungfernstieg weitergeht …

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Veröffentlicht am 09.03.2021

Der Franzose

Klaras Schweigen
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Freiburg 1948/49: Klara ist 18 und hatte Glück, ihre ganze Familie hat den Krieg überlebt und ihr Haus steht auch noch. Sie arbeitet in einem Économat (Lebensmittelgeschäft für die französischen Soldaten) ...

Freiburg 1948/49: Klara ist 18 und hatte Glück, ihre ganze Familie hat den Krieg überlebt und ihr Haus steht auch noch. Sie arbeitet in einem Économat (Lebensmittelgeschäft für die französischen Soldaten) und geht am Wochenende gern tanzen. Ihre jüngere Schwester Lotte geht noch zur Schule und ihre Mutter verdient Geld mit Näharbeiten, da ihr Vater seit Jahren arbeitslos ist. Er ist kein angenehmer Charakter, macht den 3 Frauen das Leben zur Hölle, kontrolliert und beschimpft sie, will jeden ihrer Schritte bestimmen – schließlich ist sie erst mit 21 volljährig. Klara lehnt sich immer wieder auf, während ihre Mutter und ihre Schwester kuschen. „Ohne dich war alles viel besser. Da war der Krieg draußen. Jetzt haben wir ihn hier im eigenen Haus mit dir.“ (S. 78)

Freiburg 2018: Nach einem Schlaganfall spricht Klara plötzlich nur noch Französisch. Ihre Enkelin Miriam ist irritiert, sie wusste nicht einmal, dass Klara die Sprache beherrscht, dabei ist sie nach dem frühen Unfalltod ihrer Eltern bei ihr und Opa Eduard aufgewachsen. Eines der ersten Worte, die Klara sagt, ist „Pascal“. Miriam hat den Namen noch nie gehört, aber Klaras Schwester Lotte sagt abwertend, dass das „der Franzose damals“ gewesen sein könnte. Mehr will oder kann sie dazu allerdings nicht sagen.

Miriam ist schon Mitte 40 und beruflich erfolgreich, aber privat läuft es nicht so gut. Ihr Leben ist von Verlusten geprägt, sie tut sich schwer damit, anderen zu vertrauen und Beziehungen einzugehen.
Klara scheint ein erfülltes und glückliches Leben gehabt zu haben, wenn man vom frühen Verlust ihrer Tochter absieht. Doch sie, Eduard und Lotte haben sich vor Jahren geschworen, dass eine Sache nie ans Licht kommen darf und Klara hatte sie erfolgreich verdrängt. Durch den Schlaganfall kommen die Erinnerungen nach und nach wieder hoch und reißen die alten Wunden neu auf.

Auf der Suche nach Klaras Vergangenheit und dem mysteriösen Pascal reist Miriam bis an die Atlantikküste, doch auch dort können nicht alle Fragen beantwortet werden – einigen Antworten wissen nur Klara und Lotte. „Ein Tisch und siebzig Jahre Klaras Schweigen trennten sie voneinander.“ (S. 284) Die werden gezwungen, sich endlich an damals zu erinnern und vor allem damit auseinander zu setzen. Am Ende muss auch Miriam ihre Biographie neu schreiben.

„Klaras Schweigen“ ist eine sehr ergreifende Liebes- und Lebensgeschichte. Bettina Storks beschäftigt sich darin mit Vergangenheitsbewältigung und Verlusten, Familiengeheimnissen und welche Erfahrungen und oder Ängste wir (unbewusst) von unseren Vorfahren übernehmen. Sehr einfühlsam und gleichzeitig fesselnd erzählt Bettina Storks parallel auf zwei Zeitsträngen Klaras und Miriams Geschichte.

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Veröffentlicht am 28.02.2021

… denn ihr Hobby ist mörderisch!

Der Club der toten Sticker
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„Ich bin auf der Flucht und brauche Hilfe! … Man hält mich für einen Mörder!“ (S. 134) Nie hätte der pensionierte Kommissar Siggi Seifferheld damit gerechnet, dass er selbst mal in das Visier seiner ehemaligen ...

„Ich bin auf der Flucht und brauche Hilfe! … Man hält mich für einen Mörder!“ (S. 134) Nie hätte der pensionierte Kommissar Siggi Seifferheld damit gerechnet, dass er selbst mal in das Visier seiner ehemaligen Kollegen gerät. Kurz zuvor hatte er noch gedacht, dass die sehr hübsche, sehr junge, aber leider auch leicht übergriffige und übermotovierte Journalistin Gunda Selund sein größtes Problem ist, die immer noch seine Biographie schreiben will. Doch dann wird ein toter Sticker nach dem anderen gefunden – ermordet mit einer Präzisionsschleuder. „Seifferheld hatte in seinem Job viel gesehen, ab das war das Unheimlichste, was ihm je untergekommen war.“ (S. 54) Sticken ist zum tödlichen Hobby geworden und jeder Sticker in Lebensgefahr. Räumt Siggi, der vom Weltruhm als DER Männersticker träumt, etwa die lästige Konkurrenz aus dem Weg oder hat er sich gar einen St(rrr)icker zum Feind gemacht?! Oder gibt es jemanden in seiner Vergangenheit, der jetzt endlich mit ihm abrechnen will?

„Es ließ sich nicht leugnen, ein Teil von Seifferheld war neugierig. Aber der überwiegende Teil von ihm war über 60 und wollte die letzten Jahre nicht mit Mordermittlungen verbringen, sondern damit, sich einen Namen als Sticker zu machen.“ (S. 43) Eigentlich wollte sich Siggi endlich nur noch auf sein Hobby, ach was sage ich, seine Berufung – das Sticken – konzentrieren und keine irren Mörder mehr jagen. Aber den Verdacht, selber der Täter zu sein, kann er natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Normalerweise ermittelt ja immer seine ganze Familie mit, aber diesmal sind er und Hovawart Onis auf sich allein gestellt. Seine eifersüchtige Herzdame Marianne ist wegen einer Erb-Sache im Ausland unterwegs und seine Schwester Irmingard mit ihrem Mann Helmerich im Urlaub. Nur die neugierige Frau Hoppe von gegenüber sieht, hört und weiß fast alles und damit dann kurz darauf ganz Schwäbisch Hall …

Sehr spannend, sehr rasant und unvergleichlich amüsant! „Der Club der toten Sticker“ ist schon der 8. Band mit Kommissar Siegfried Seifferheld und hoffentlich nicht der letzte! Tatjana Kruse versteht es meisterlich, den Leser mit falschen Fährten, skurrilen Protagonisten, Siggis nicht immer ernstzunehmenden Polizeiberichten, viel Schwäbisch Haller Lokalkolorit, einem filmreifen Showdown und ihrem unvergleichlichen Humor zu fesseln und bestens zu unterhalten.
Außerdem liebe ich die pointierten Beschreibungen des (Zusammen-) Lebens in einer Kleinstadt, in der fast jeder jeden kennt (wenn auch nur vom Sehen) und man sich von den neugierigen Nachbarn oder der überfürsorglichen Familie ständig überwacht fühlt.

Leider war auch dieses Buch wieder viel zu schnell ausgelesen. Wann kommt Nachschub, Frau Kruse???

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Veröffentlicht am 21.02.2021

Mit Gerontos on Tour

Wohin die Reise geht
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Es ist eine sehr ungewöhnliche Reisegesellschaft, die Marlies Ferber auf diesen abgedrehten Roadtrip schickt.
Rentner Jakob soll für seinen Sohn 1 Mio. € Schwarzgeld zu einer Schweizer Bank bringen, getarnt ...

Es ist eine sehr ungewöhnliche Reisegesellschaft, die Marlies Ferber auf diesen abgedrehten Roadtrip schickt.
Rentner Jakob soll für seinen Sohn 1 Mio. € Schwarzgeld zu einer Schweizer Bank bringen, getarnt als Kurzurlaub („… ich will einen Notgroschen, in Sicherheit … Nicht für mich, aber für die Familie …“ (S. 16.). Seinem Chorfreund Matthias erzählt er zwar von der Reise, aber natürlich nicht von dem Geld. Matthias ist Polizist, war schon ewig nicht mehr im Urlaub und will mit. Außerdem können sie in seinem Wohnwagen reisen - „Modell Rossini. Mit Lattenrost und orthopädischer Matratze.“ (S. 25). Und natürlich reist auch Eddie mit, Matthias Hund, ein früherer Bombenspürhund mit Knalltrauma.
Auf einer Raststätte fällt Jakob Tilda auf. Sie ist verwirrt und weiß nicht, wie sie hier hingekommen ist, aber sie kennt ihre Adresse – zumindest ungefähr. Tilda erinnert ihn an seine verstorbene Frau, die ebenfalls dement war.
Auch die Straßenmusikerin Alex ist auf der Raststätte gestrandet. „Je nachdem, wie sie sich zurecht machte, konnte sie wie fünfzehn oder fünfundzwanzig aussehen. … Offen für Veränderung, bereit zur Täuschung.“ (S. 28) Sie behauptet, von ihrer Reisegruppe vergessen worden zu sein. Jakob hat mit beiden Frauen Mitleid und überredet Matthias, sie mitzunehmen.
Doch nicht nur Jakob, sie alle haben ein Geheimnis. Und dann kommt es zur Vollsperrung der Autobahn, weil die Polizei jemanden sucht …

„Wohin die Reise geht“ ist eine bittersüße, melancholische und überraschende Geschichte über vier völlig verschiedene Menschen, die durch den Zufall und das Schicksal zusammengeschweißt werden.
Jakob hatte früher eine Kaffeerösterei. Nach dem Konkurs folgte der soziale Abstieg, den ihm sein Sohn heute noch unterschwellig vorwirft. Nur deswegen lässt er sich zu dem Geldtransport überreden. Sein schlechtes Gewissen wird noch größer, als er Matthias belügen und ihm eine harmlose Reise vorgaukeln muss.
Matthias ist erst 40, aber gesundheitlich angeschlagen. Er hat eine gute Menschenkenntnis und überhaupt kein gutes Gefühl bei Alex.
Die hält ihre Mitreisenden ganz schön auf Trab. Sie hatte es bisher nicht leicht und läuft vor ihren Problemen davon, verklärt die Situation aber. „Ich will keine Wände, der Himmel ist mein Zelt, nachts leuchten mir die Sterne. Die Welt ist mein Zuhause.“ (S. 165)
Tilda hingegen hatte ein erfülltes Leben. Sie war Opernsängerin und Lehrerin, leider ohne eigene Kinder. Ihr Mann und ihre beste Freundin sind schon gestorben. Zum Glück kümmern sich deren Kinder um Tilda. Dass sie seit einiger Zeit immer wieder Sachen verlegt und Aussetzer hat, macht ihr Angst. Sie will auf keinen Fall ins Heim! Und auf der Reise scheinen die Probleme gleich viel kleiner zu sein. „Sie hatte sich jung gefühlt, wie beim Aufbruch in die weite Welt, die Abenteuer und Überraschungen bereithielt.“ (S. 178)

Die Autorin schreibt mit leichter Feder über falsches Pflichtgefühl, Unrechtsbewusstsein und Schuld, über die Annäherung der verschiedenen Charaktere und Generationen und Hilfe zur Selbsthilfe.

Selten hat mich ein Unterhaltungsroman so nachhaltig berührt und zum Nachdenken angeregt. Wie gehen wir eigentlich mit unseren „Alten“ um? Sind wir uns immer bewusst, dass sie trotzt allem noch mündig sind, auch wenn sie schon kleine Aussetzer haben und schwierig im Umgang werden?

Mein Tipp für alle, die „Goldene Zeiten im Gepäck“ von Adriana Popescu mochten.

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Veröffentlicht am 16.02.2021

Alte Liebe rostet nicht …

Das kleine Friesencafé
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Für Kapitän Hark Paulsen ist das die Liebe zur Seefahrt, seinem gemütlichen Friesenhaus und seiner verstorbenen Frau Miranda. Darum kann er auch nur schwer akzeptieren, dass er jetzt mit 67 in Rente gehen ...

Für Kapitän Hark Paulsen ist das die Liebe zur Seefahrt, seinem gemütlichen Friesenhaus und seiner verstorbenen Frau Miranda. Darum kann er auch nur schwer akzeptieren, dass er jetzt mit 67 in Rente gehen muss. „Er war gesund, kompetent und erfahren, hatte an Board alles im Griff, und der Job brachte ihm Spaß.“ (S. 7) Was soll er denn den ganzen Tag tun? Sich in die Rentnerclique der Insel integrieren und jede Woche Canasta spielen? Also dazu fühlt er sich definitiv noch zu jung!

Julia arbeitet in Gelsenkirchen im Blumengeschäft ihrer Oma Anita, in ihrer Freizeit malt sie und backt Kuchen. Eines Tages findet Anita eine Mappe mit Zeichnungen von Julias Mutter wieder, die bei einer Mutter-Kind-Kur auf Föhr entstanden sind. „Das größte Glück wohnt gleich hier, hinterm Deich.“ (S. 35) steht unter einer von ihnen. In Julia bricht die Sehnsucht nach ihrer Mutter wieder auf, an die sie sich nicht erinnern kann, da sie sehr jung gestorben ist. Anita verordnet ihr einen 8wöchigen Urlaub auf Föhr, den Julia nutzen soll, um nach Spuren ihrer Mutter zu suchen. Auf der Suche nach einer Unterkunft entdeckt sie Harks sanierte Scheune und überrumpelt ihn, ihr diese zu vermieten. „Ich habe … das schönste Atelier der Welt gefunden. Es lässt einen in der Luft schweben und doch mit beiden Beinen auf dem Boden stehen.“ (S. 73) Ihr kleines Atelier spricht sich schnell rum. Einheimische und Gäste kommen um sich malen zu lassen oder die ungewöhnlichen Bilder der Marschlandschaften und Surfer zu bewundern. „… mit Pinsel und Farbe war sie in der Lage, die Anziehungskraft der Erde außer Kraft zu setzen und den Traum vom Fliegen wahr werden zu lassen.“ (S. 79) Sie beginnt, Kuchen zu backen und an die Besucher auszuteilen. Der junge Bürgermeister des Ortes will sie überzeugen, ein richtiges Café zu eröffnen, aber für Julia soll es nur eine kurze Auszeit vom Alltag bleiben. Und dann steht plötzlich Anita mit ihrem Laster und einem Plan vor der Scheune … „Wenn es nur eine Stunde so aussieht wie das Café, das ich nie hatte, wird mein Traum wahr.“ (S. 104)

Wenn man zurzeit schon nicht ans Meer fahren darf, kann man sich mit dem kleinen Friesencafé von Janne Mommsen wenigstens dahin träumen. Es ist eine berührende Geschichte über Abschiede und Neuanfänge, über Sehnsuchtsorte, das Suchen, Finden und vor allem Ankommen. „Ich habe dich gesucht und mich dabei gefunden.“ (S. 242) Er schreibt sehr poetisch und ich mag den leisen Humor, dass die Handlung blitzschnell von ruhig und friedlich in aufwühlend wechselt und wieder zurück – wie das Meer und Wetter um und über Föhr.

Julia ist sehr lebensfroh und steht mit beiden Beinen fest im Leben. Sie liebt Anita, bei der sie aufgewachsen ist, und ihre Arbeit im Blumenladen. Aber sie ist die unterschwellige Trauer um ihre Mutter und die Sehnsucht nach ihr nie losgeworden. Die Insel tut ihr gut. „Auf Föhr war alles vereint, was ihr etwas bedeutete: das Malen und Backen, die Blumen und die Menschen. Hier, in der Scheune, verbanden sich ihre Leidenschaften auf leichte, natürliche Weise. Und sie war ihrer Mutter besonders nah.“ (S. 171) Julia bekommt einen anderen Blickwinkel auf ihr Leben, kann sich beim Malen ausprobieren und ausleben. Sie bewirtet auch gern ihre Gäste. Aber will sie ihr Leben wirklich komplett umkrempeln?

Hark ist ein Eigenbrötler, der seine Ruhe und sich im Selbstmitleid suhlen will. Julia mischt sein Leben kräftig auf und Anita schlägt ein wie eine Bombe.

Janne Mommsens stimmungsvolle Geschichte geht ans Herz und wärmt von innen, weckt die Sehnsucht nach Mee(h)r und macht glücklich – und leider auch unbändigen Appetit auf Julias und Anitas Kuchen und Torten – also besser nicht mit leerem Magen lesen.

Mein Lieblingszitat ist übrigens „Aufatmen. Frisches Heu und Meeresduft. Sonnige Weite. Freiheit!“ (S. 175) – genauso fühle ich mich immer, wenn wir auf „unserer“ Insel ankommen …

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