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Veröffentlicht am 21.03.2021

Alltägliche Geschichten aus einem Schweizer Altersheim.

Der Staubwedel muss mit
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Christoph Schwyzer nimmt uns in ein Schweizer Altersheim mit und stellt uns nach und nach seine Bewohner vor.

Sepp empört sich gleich zu Beginn darüber, dass er zu seinem 90-sten Geburtstag statt der ...

Christoph Schwyzer nimmt uns in ein Schweizer Altersheim mit und stellt uns nach und nach seine Bewohner vor.

Sepp empört sich gleich zu Beginn darüber, dass er zu seinem 90-sten Geburtstag statt der erwarteten Wein- oder Schnapsflasche nur ein Anti-Schuppen-Shampoo bekommen hat.

Für Frau Bebiers Herz ist die nachmittägliche Fernsehsendung „Sturm der Liebe“ genauso überlebenswichtig wie die morgendlichen Tabletten.

Glücklicherweise hat Frau Herger ihren Kummer, der sie regelmäßig besucht, um ihr Gesellschaft zu leisten.

Elvira und Arnoldo bekommen sich beim Mittagessen immer wieder wegen den lästigen Fliegen in die Haare.

Viola hütet ihre Sammlung aus aufwändig bestickten, kunstvoll bedruckten und zierlich umhäkelten Stofftaschentüchern wie einen Schatz und jedes Mal, wenn ihr Sohn sie besucht, schenkt sie ihm eine dieser Kosbarkeiten.

Frau Neuweg erzählt, wie sie ihren bereits verstorbenen Ehemann kennengelernt hat und ist der Meinung, dass Liebe kein Gefühl, sondern eine Haltung und eine Frage des Willens ist.

Freu Groß erinnert sich an ihre schlagfertige Mutter, die immer das letzte Wort hatte und Alois erzählt, dass er einmal ein kleines miauendes Kätzchen aus einem Abfallcontainer befreit hat.

Das sind nur einige wenige Beispiele für die Bekanntschaften , die wir während der Lektüre machen.

Wir lauschen den Erinnerungen und erfahren Anekdoten aus dem Leben vieler verschiedener Senioren. Manche der Alten sind schroff und barsch, andere freundlich und liebevoll.
Manche sind noch sehr klar, andere schon schon etwas verwirrt bzw. mehr oder weniger dement.
Viele sind schwerhörig, manche hören das Gras wachsen.
Manche sind zynisch, ironisch oder sarkastisch.

Es ist, als spaziere man als stummer Beobachter durch das Heim.
Währenddessen darf man Blicke in die Zimmer der Bewohner werfen und erfährt man so manches aus ihrem Alltag, aus ihrer Vergangenheit und aus ihrer Gedanken- und Gefühlswelt.

Manche Zimmer sind kahl, manche voll gestellt mit Erinnerungsstücken. Aus manchen Zimmern dringt ohrenbetäubender Lärm vom Fernseher, in anderen ist es mucksmäuschenstill.
Wir dürfen sogar einen Blick in das Tagebuch von Rita werfen.

Christoph Schwyzer reiht Portrait an Portrait, Geschichte an Geschichte, Anekdote an Anekdote.
Er erzählt lebendig, kurzweilig und bildhaft.

Manches ist rührend und berührend, manches humorvoll, amüsant und schräg, anderes ist ironisch, ernst, tragikomisch, wehmütig, traurig oder deprimierend.
Manches auch empörend.
Aber nie wird es kitschig.
Der Autor macht sich niemals lustig, sondern beschreibt den Alltag und die Bewohner eines Altenheims offen, ehrlich und mit Respekt

Viele der Texte gefielen mir außerordentlich gut, mache „musste“ ich sogar zweimal lesen.
Es gab natürlich auch Texte, die mich gar nicht erreichten und mit denen ich nichts anfangen konnte. Das ist aber bei dieser Vielzahl an Portraits auch gar nicht anders zu erwarten.

Am liebsten mochte ich die Geschichten von Frau Stähli und ihrem Seelsorger, vom ehemaligen Metzger Kari und seinen Gedanken zum Tod, von Herrn Meyer, der mit zwölf zum Vegetarier wurde, von Frau Künzli, die eines Tages ihre Filzfinken zerschnitt, von Frau Schwegler auf ihrer Insel und von Herrn Kalbermatten und seinen Büchern!

Christoph Schwyzer hat ein äußerst vielseitiges und buntes Bild gemalt, das sämtliche Empfindungen beim Leser hervorruft und der Realität eines Seniorenheims absolut entspricht.

„Der Staubwedel muss mit“ ist ein unterhaltsames und zum Nachdenken anregendes, lesenswertes Lesevergnügen, das auf einer originellen Idee, nämlich der Aneinanderreihung von Portraits, beruht.

Für mich war es kurzweiliger und nachhaltiger, immer mal wieder ein paar kurze Texte zwischendurch, als sehr viele Seiten am Stück zu lesen, damit die Portraits nicht ineinander verschwimmen und Aufnahmefähigkeit und Freude an der Lektüre nicht nachlassen.

Zum Abschluss meiner Rezension möchte ich das Porträt von Herrn Kalbermatten zitieren, das Buchliebhabern und Lesebegeisterten gefallen wird:
„Lückenlos verschwinden die Wände hinter Büchergestellen. Ohne Bücher wäre sein Zimmer ein Sarg und er kein Mensch, sondern nur ein frierender Körper. Bücher sind Wärmespeicher. Buch reiht sich an Buch. Bücher quer in jeden noch so kleinen Schlitz geschoben, in jede Lücke, in jede Ritze gesteckt; Bücher tragen die Decke, tragen durch das Leben. Bücher bringen Bücher zur Welt. Jedes trägt einen Namen, beginnt, wenn er es aus dem Regal zieht und aufschlägt, ihm seine Aufmerksamkeit schenkt, zu sprechen. Bücher führen ihn in die Höhe, zu den schönsten Aussichtspunkten, sie halten ihn in Bewegung; Satz für Satz entfaltet sich eine Kraft, die ihn antreibt, über das Geschriebene hinauszugehen und seine eigene Wahrheit zu finden. Denn die Wärmekraft eines Buches ist immer das, was zurückbleibt, wenn das Buch zugeschlagen wieder im Regal steht – und er in einer Atmosphäre des Schweigens dem Gelesenen nachspürt.“ (S. 59)








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Veröffentlicht am 18.03.2021

Berührende Familien-, Kriegs- und Nachkriegsgeschichte...

Nächstes Jahr in Berlin
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Astrid Seeberger erzählt sowohl eine berührende autobiographische Familiengeschichte, als auch von ihrer nicht ganz einfachen Beziehung zu ihrer Mutter.

Man kann den Roman meines Erachtens nicht nebenbei ...

Astrid Seeberger erzählt sowohl eine berührende autobiographische Familiengeschichte, als auch von ihrer nicht ganz einfachen Beziehung zu ihrer Mutter.

Man kann den Roman meines Erachtens nicht nebenbei und zwischendurch lesen, weil es keine leichte Kost ist, was man vorgesetzt bekommt.

Gleich zu Beginn des Buchs werden wir mit dem Tod von Astrids Mutter Rose, die in Stuttgart lebte, konfrontiert.
Die beiden hatten ein eher distanziertes Verhältnis und doch löst der Verlust bei Astrid aus, dass sie sich mit dem Leben ihrer Mutter und folglich auch mit ihrem eigenen auseinandersetzt.
Über diese Auseinandersetzung, die in der Tiefe erst 2012, also fünf Jahre später, auf einer einsamen Insel stattfindet, kommt sie ihrer Mutter post mortem näher.
Sie versteht vieles und kann so manches besser einordnen.

Astrid und wir erfahren von Kriegserlebnissen, von Vertreibung, Flucht, Ankommen und Neubeginn, was nicht immer ganz leicht verdaulich ist.
Und letztlich stößt Astrid aufgrund von Nachforschungen auf ein Familiengeheimnis, das ungewollt und ungeplant gelüftet wird.

Rose, Astrids Mutter, verbrachte ihre Kindheit mit ihren Eltern und drei Brüdern in Ostpreußen.
Während des zweiten Weltkriegs verlor sie auf der Flucht nach Westen ihre Familie aus den Augen. Fortan musste sie alleine zurechtkommen und sich alleine durchschlagen. Ohne Papiere und ohne Ausbildung.
Sie landete erstmal in einem Flüchtlingslager in Gmünd.

Die Autorin beschreibt bildhaft und atmosphärisch dicht und sie erzählt anschaulich, unaufgeregt und feinfühlig.

Das Buch ist intensiv und sprachmächtig. Es berührte mich und ich fühlte mich gut unterhalten.
Ich empfehle es gerne weiter.
Allen, die sich für Familien-, Kriegs- und Nachkriegsgeschichten interessieren, wird es gefallen.

Ich freue mich schon auf den Roman „Goodbye Bukarest“, in dem die Autorin einen weiteren Teil ihrer Familiengeschichte aufgreift.

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Veröffentlicht am 16.03.2021

Eine mitreißende Kriminalgeschichte rund um eine Altenpflegerin...

Kein Feuer kann brennen so heiß
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Schon von Kindesbeinen an steht die inzwischen 30-jährige Lorina, die eigentlich eine Junge hätte werden sollen, im Schatten ihrer hübschen und erfolgreichen Schwester Carola.
Während Carola es zur Bankerin ...

Schon von Kindesbeinen an steht die inzwischen 30-jährige Lorina, die eigentlich eine Junge hätte werden sollen, im Schatten ihrer hübschen und erfolgreichen Schwester Carola.
Während Carola es zur Bankerin gebracht hat, ist die selbst in die Pflege eingestiegen, denn sie ist eine tatkräftige und robuste Frau, die anpackt, statt große Worte zu schwingen.
Lorina arbeitet nun als Altenpflegerin in der Villa Alsfelder, wo sie die nette alte und reiche Hausherrin Victoria Alsfelder betreut, die seit einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt.
Lorina hat großes Glück mit der Stelle, denn sie verdient gut und hat darüber hinaus freie Kost und Logis.
Aber weit gefehlt, zu denken, dass der Alltag hier monoton und öde ist.
Flirts und Liebeleien mit dem Physiotherapeuten Boris, ein aufgeschwatzter Pudel, ein verwaistes Baby und der habgierige Großneffe Christian bringen Schwung in die Bude.
Natürlich gibt es auch eine Leiche, aber wer das ist und welche Motive dahinter stecken könnten, verrate ich natürlich nicht.

Nur so viel: Mich hat Frau Noll, die dreifache Mutter und vierfache Großmutter, die erst mit dem Schreiben begonnen hat, als ihre Kinder aus dem Haus waren, wieder voll überzeugt.

Die 1935 in Shanghai geborene Autorin hat mit „Kein Feuer kann brennen so heiß“ eine weitere spannende, unterhaltsame und humorvolle Kriminalgeschichte geschrieben.
Es ist ihr wieder gelungen, mich mit teils skurrilen Figuren und einem mitreißenden Plot, der mitten aus dem Alltag kommt und viel Situationskomik bietet, zu fesseln.

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Veröffentlicht am 05.03.2021

Eine außergewöhnliche Frau und ihr unkonventionelles Leben...

Die Frau von Montparnasse
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In dieser kurzweiligen Romanbiographie, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich spielt, erfährt man auf äußerst unterhaltsame Weise von der ersten Lebenshälfte der Schriftstellerin, Philosophin und ...

In dieser kurzweiligen Romanbiographie, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich spielt, erfährt man auf äußerst unterhaltsame Weise von der ersten Lebenshälfte der Schriftstellerin, Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir.

Wir begleiten die 1908 geborene Simone von 1927 bis 1951.
Von Kindesbeinen an wollte sie denken und schreiben.
Sie träumte zeitlebens von Freiheit und Unabhängigkeit.
Sie wollte nicht das Leben ihrer Eltern imitieren, sondern ihren eigenen Weg gehen.
Es mangelte aber an weiblichen Vorbildern und deshalb „musste sie das Rad neu erfinden“.
Immer wieder überdachte und hinterfragte sie ihr eigenes Leben, um schließlich für damalige Verhältnisse zu einer ziemlich unkonventionellen Lebensweise zu finden.

Ihr flog nichts zu. Um alles musste sie kämpfen.
Sie schlug eine Lehrerlaufbahn ein, hatte Lehraufträge an Pariser Gymnasien und erteilte Nachhilfestunden.
Sie zog zu Hause aus, mietete ein möbliertes Zimmer bei ihrer Großmutter und genoss ihre neue Unabhängigkeit.
In diese Zeit fiel auch ihre Begegnung mit Jean-Paul Sartre, zu dem sie eine lebenslange innige Verbindung haben würde.

Ihre Texte wurden lange von den Verlagen abgelehnt und auch um die sie bereichernde, intensive und fast symbiotische Beziehung zu Jean-Paul Sartre musste sie kämpfen.

Die beiden redeten „über Gott und die Welt“, diskutierten und verbrachten endlos viel Zeit miteinander.

Ihre Partnerschaft beruhte dabei auf einem recht außergewöhnlichen, unromantischen und, wie ich meine, v. a. für Simone schwierigen und komplizierten Pakt: keine Heirat, Beziehungsfristen, die verlängert werden können, Affären und zufällige Lieben sollen im Sinne der Freiheit toleriert werden.

Für Simone, die sich nicht selten hintanstellte und zurücknahm, um z. B. Sartres Texte zu korrigieren, war es aber immer wieder eine Herausforderung, mit den Affären und dem oft rücksichtslosen Verhalten von Sartre klarzukommen.

Zusammen formulierten, begründeten und vertraten die beiden die Philosophie des Existentialismus, gemeinsam traten sie für Freiheit ein.

Die Autorin erzählt sehr detailliert, flüssig, verständlich und lebendig aus dem Leben dieser außergewöhnlichen Frau, beleuchtet die Beziehung zu Sartre und geht auf unterschiedliche Haltungen in ihren philosophischen Ansätzen ein.
Während Simone in ihrem Denken pragmatischer, menschlicher und emotionalere war, verleugnete Sartre Emotionen und ging viel rationaler vor.

Figuren, Schauplätze und Szenen werden anschaulich und bildhaft beschrieben, so dass man das Gefühl hat, vor Ort, dabei und mittendrin zu sein.
Besonders Simone de Beauvoir, der es gelang, sich von den bürgerlichen Konventionen zu befreien, ihren eigenen Weg zu gehen und ihren Traum vom Schreiben zu verwirklichen, wird sehr differenziert und in all ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität dargestellt.

„Die Frau von Montparnasse“ ist informativ, unterhaltsam und kurzweilig.
Ich empfehle den Roman sehr gerne weiter!

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Veröffentlicht am 15.02.2021

Eine Hotelbar, zwei Menschen und eine Wende...

Die Jahre ohne uns
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Wir erfahren in diesem wunderschönen und überraschenden Roman, wie eine Begegnung in einer Hotelbar in einer kleinen englischen Stadt das Leben zweier Menschen aufwühlen und verändern kann.

Es geht um ...

Wir erfahren in diesem wunderschönen und überraschenden Roman, wie eine Begegnung in einer Hotelbar in einer kleinen englischen Stadt das Leben zweier Menschen aufwühlen und verändern kann.

Es geht um eine Frau und einen Mann, beide sind bereits in ihren Sechzigern.
Sie erzählen sich ihre Lebensgeschichten.

Äußerst originell ist der erste Teil, in dem wir vom recht eintönigen Leben einer enttäuschten und einsamen Frau, einer Musik- und Gartenliebhaberin, lesen.
Sie assoziiert zu Schlagwörtern und Begriffen und bringt uns so die verschiedenen Phasen, Tief- und Höhepunkte ihres Lebens näher.
Wir erfahren von Enttäuschungen, weil der Vater sie in jungen Jahren verließ und weil ihre Abschlussarbeit abgelehnt wurde und wir lesen von verpassten Möglichkeiten und unerfüllten Träumen.

Vom wenig tiefgründigen und erfüllenden Leben des haltlosen Mannes, eines ehemaligen Schauspielers, erfahren wir auf eine ganz andere Art und Weise. Er springt nicht, sondern erzählt chronologisch und geradlinig von Erlebnissen, Erfahrungen und falschen Entscheidungen.
Seine Geschichte wird fast schon poetisch erzählt, ist lebendig wie das Leben und hat gleichzeitig etwas surreales oder alptraumhaftes.

Nach den beiden ersten Teilen, in denen wir diese zwei Fremden kennenlernen, erwartet uns im dritten Teil die Auflösung des Rätsels als Finale.
Es geht dabei um die Erkenntnisse der beiden und um deren Umgang damit. Es zeigt sich, dass es Hoffnung und Zukunft gibt.

Der 1987 geborene Autor Barney Norris hat mit „Die Jahre ohne uns“ einen feinfühligen, berührenden und packenden Roman geschrieben, der wunderbar unterhält und zum Nachdenken anregt.

Der Roman entpuppte sich dabei als etwas ganz anderes als das, womit ich nach der Lektüre des Klappentextes gerechnet hatte. Ich war aber positiv überrascht.

Ich empfehle dieses außergewöhnliche Buch, durch dessen Seiten ich flog und das ich an nur einem Tag ausgelesen habe, sehr gerne weiter.

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