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Veröffentlicht am 19.05.2021

Muttersein auf Messers Schneide

Der Verdacht
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„Vielleicht war das für mich auch eine Art Rechtfertigung. Mein Verhalten war pathologisch. Und ich konnte nicht aufhören, sie dafür zu bestrafen, dass es sie gab. Wie leicht war es da, meine Kopfhörer ...

„Vielleicht war das für mich auch eine Art Rechtfertigung. Mein Verhalten war pathologisch. Und ich konnte nicht aufhören, sie dafür zu bestrafen, dass es sie gab. Wie leicht war es da, meine Kopfhörer aufzusetzen und so zu tun, als existierte sie nicht.“

Inhalt

Blythe ist mehr als verzweifelt, als sie es dreizehn Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes fertig bringt, ihrem Ex-Mann die eigene Version der Geschichte zu erzählen, indem sie ihm alles, was sie in ihrer gemeinsamen Zeit tatsächlich bewegte, in Briefform zukommen lässt. Unbarmherzig rechnet sie mit sich selbst ab, aber auch mit der gemeinsamen Tochter und der vollkommen zermürbten Ehe, die zwangsläufig zum Scheitern verurteilt war.

Blythe hat nicht nur eine zerrüttete Kindheit hinter sich, in der sie nie mütterliche Liebe spürte, nun findet sie sich auch noch selbst in der Rolle der Mutter wieder und fühlt sich ihrem Kind nicht gewachsen. Aber schlimmer noch, es ist nicht nur, dass sie es nicht lieben kann, sie fürchtet sich regelrecht vor ihrer Tochter Violet. Sie ist ein kaltherziges Kind und scheint nur Interesse daran zu haben, die Schwachstellen anderer aufzudecken, um sie unbarmherzig auszunutzen. Mehr als eine friedliche Koexistenz gelingt der jungen Mutter nicht und dass, obwohl sie sich so auf ihr eigenes Kind gefreut hat. Ein zweites Baby scheint eine gute Lösung für die zahlreichen Probleme der Familie zu sein und eine Möglichkeit für Blythe sich mit ihren eigenen Gefühlen auszusöhnen, doch nach der Geburt ihres Sohnes Sam spitzt sich das Ungleichgewicht weiter zu. Zwar spürt die junge Frau nun die ganze Liebe zum Zweitgeborenen, doch Violet beobachtet die sich verändernde Situation mit Argwohn und warum sollte sie ihren besonderen Stand aufgeben wollen, warum den Kampf mit der eigenen Mutter einstellen – denn geliebt wird sie ja so oder so nicht …

Meinung

Die kanadische Autorin Ashley Audrain entwirft in ihrem Debütroman eine gleichermaßen authentische wie bedrückende Geschichte, ja fast das Psychogramm einer gestörten Seele. Dabei wählt sie eine kleine, sehr normale Familie, die sich nach und nach immer mehr von innen auflöst und regelrecht in ihre kleinsten Bestandteile zersetzt. Dabei lenkt sie ihr Augenmerk besonders auf die Mutterschaft einer jungen Frau, die selbst kein gutes Vorbild hatte und sich nun trotz einiger Zweifel an das Abenteuer wagt. Sehr schnell wird deutlich, wie groß die Kluft zwischen ihren Gefühlen ist, denn alles, was sie sich wünschte, kann sie einfach nicht empfinden, die Beziehung zwischen ihr und der Tochter ist vom ersten Moment an gestört und aus ihrer Gefühlswelt findet sie keinen Ausweg, ganz im Gegenteil, sie sieht bestimmte Verhaltensweisen an ihrem Kind, die sie noch tiefer in den dunkeln Gefühlsstrudel hinabziehen.

Dieser Roman wirft eine Menge Fragen auf und weckt ambivalente Gefühle – einerseits kann man sich als Leser wunderbar in die Gedankengänge der Hauptprotagonistin hineinversetzen und kommt ihren Emotionen sehr nah, andererseits gibt es immer wieder Stellen im Buch, die zeigen, wie labil die Mutterfigur hier ist und welch schlimme Folgen es haben kann, wenn nicht einmal der Partner das Offensichtliche wahrhaben möchte und stattdessen lieber die Flucht ergreift. Gerade der Aspekt, wie sich eine Partnerschaft verändert, wenn plötzlich gemeinsamer Nachwuchs da ist, hat mir ausgesprochen gut gefallen. In diesem Fall ist das Gefüge nur wahnsinnig schnell und äußerst fatal in eine Schieflage geraten. Das Kind wird nicht wie gewünscht zum Bindeglied, sondern entzweit die Partner immer mehr.

Ein weiteres Plus dieser Erzählung ist eine ungewöhnliche Perspektive, denn alle bisherigen Romane, die ich zur Thematik Mutter-Tochter-Beziehungen gelesen haben, schildern zwar oft ein Unverständnis der beiden füreinander und eine klare Abgrenzung voneinander, aber hier liegt der Handlungsschwerpunkt eindeutig auf der Mutter und ihrer fehlenden Liebe zur Tochter. Es gibt einige Stellen im Text, da spricht die Heranwachsende ihre Mutter direkt darauf an, warum sie ihr keine Liebe entgegenbringen kann, warum sie ihre Tochter so sehr hasst. Und tatsächlich, die Mutter schreibt oftmals den Satz „Ich hasse sie“. Dennoch schafft es dieser Roman, dass man als Leser gewissermaßen wertungsfrei bleiben möchte und stattdessen lieber gefesselt der eigentlichen Handlung folgt, die ich mir übrigens auch absolut spannend in einer Verfilmung vorstellen könnte.

Etwas störend empfand ich die gewählte Briefform, gerade im Schriftbild wirkt die 2. Person Singular im Präteritum äußerst umständlich und etwas sperrig, ganz anders als der Inhalt selbst aber doch so, dass es mir gerade in den Erzählpassagen ohne wörtliche Rede negativ aufgefallen ist.

Fazit

Ganz klar hier werden es 5 Lesesterne und eine absolute Leseempfehlung, denn diese Geschichte punktet mit einer großen Authentizität, wirbelt eine Vielzahl an Gedanken auf, fasziniert und verschreckt gleichermaßen und liest sich stellenweise so atemlos wie ein guter Thriller. Es ist ein gekonnter Mix aus Spannungsmomenten, gepaart mit tiefen Emotionen und sehr menschlichen Verhaltensweisen. Immer wieder regt der Text zum Nachdenken an und lässt Fragen aufkommen: Wie gehe ich selbst mit der Mutterrolle um? Warum haben es ungeliebte Kinder so schwer und ist das alles wirklich so ausschlaggebend für die nächste Generation? Ich glaube dieses Buch hätte mir zu einer anderen Zeit im Leben Bauchschmerzen bereitet, denn kurz nach einer Entbindung mit ähnlichen Fragen im Herzen, wie die Erzählerin wirkt das sicherlich verstörend – mit dem entsprechenden Abstand ist es allerdings ein literarischer Leckerbissen und ziemlich weit oben auf der Liste meiner Lieblingsbücher, also ein Jahreshighlight allemal!

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Veröffentlicht am 14.04.2021

Die Erdkugel auf ihrer richtigen Bahn

Löwen wecken
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Du begreifst nie, wie komplex die Wirklichkeit ist, solange du nicht versuchst, dir eine alternative Wirklichkeit zu schaffen. Und da war schon was dran, an dem, was er erzählte, etwas, das ihn vom klaren ...

Du begreifst nie, wie komplex die Wirklichkeit ist, solange du nicht versuchst, dir eine alternative Wirklichkeit zu schaffen. Und da war schon was dran, an dem, was er erzählte, etwas, das ihn vom klaren Territorium der Lüge entfernte.“

Inhalt

Etan Grien ist Arzt, liebender Ehemann und Familienvater und war Zeit seines Lebens immer prinzipientreu. Doch als er eines Nachts auf dem Nachhauseweg einen Menschen überfährt, gerät seine so alltägliche, normale Welt vollkommen durcheinander. Etan begeht Fahrerflucht, nachdem er sich kurz versichert hat, dass er dem Eritreer, der vor ihm im Wüstensand liegt nicht mehr helfen kann. Schlagartig wird ihm bewusst, dass er nun lügen muss oder für sein Vergehen alles verliert, was ihm lieb und teuer ist. Als am nächsten Morgen eine dunkelhäutige Frau vor seiner Tür steht und ihm seine verlorene Geldbörse überreicht, die sie bei ihrem tödlich verletzten Mann gefunden hat, begreift Etan, dass er so leicht nicht aus der Situation herauskommen wird, denn die Fremde hat alles, was sie braucht, um ihn zu erpressen und Etan beginnt ein gefährliches Doppelleben, welches ihn bald schon an seine Grenzen bringt …

Meinung

Viel zu lange schon lag dieses Buch auf meinem SUB und nun habe ich es im Rahmen einer Challenge endlich zur Hand genommen und mich in die ferne und auch nahe Welt der Lügen, des Betrugs und der schicksalhaften Begegnungen vorgewagt und mich gemeinsam mit den Hauptprotagonisten auf eine psychologische Reise in ihr Inneres gewagt.

Dieser Roman benötigt nicht allzu viele Zutaten, um seine Durchschlagskraft zu entwickeln, denn eigentlich ist es nur dieser kurze Moment, der Katalysator, den es braucht, um eine Kette an Ereignissen auszulösen, die dieses Buch in vielschichtigen Gedankengängen nach und nach freilegt.

Es sind zwei wesentliche Merkmale, die diese Erzählung so verstörend und gleichzeitig menschlich machen: zunächst ist es das Dilemma eines bisher nie negativ in Erscheinung getretenen Mannes, der sich plötzlich mit der vernichtenden Frage konfrontiert sieht, wieso er zu so einer Tat überhaupt fähig ist, er der nie gelogen hat, der immer auf der Seite der Guten stand und selbst viel Wert auf Integrität und Ehrlichkeit legt. Und dann ist es noch die Gegenseite, die zu Wort kommt, in Form einer Fremden, die bisher niemand wahrgenommen hat, die eine von tausenden Flüchtlingen ist, die in der Masse verschwinden, deren Leben noch nie einfach, schön und voller kleiner Wunder war.

Beide Gegenpole treffen aufeinander und müssen feststellen, dass es dieses Dogma zwischen Recht und Gerechtigkeit nicht gibt. Doch während Etan mit der Entwicklung seines eigenen Charakters zum vermeintlich schlechteren hadert, besinnt sich Sirkit, die Unfallzeugin eines anderen, wohlwissend, dass ihr Handeln immer eine Reaktion beim anderen auslösen wird und sie damit erstmals in ihrem Leben die Macht hat, eine Veränderung willentlich herbeizuführen.

Die in Tel Aviv lebende Autorin Ayelet Gundar-Goshen formt hier ein äußerst interessantes, leicht nachvollziehbares Gedankenkonstrukt zweier Menschen, die ein dunkles Geheimnis teilen, aus dem bald schon neue Entwicklungen entstehen. Dabei wechselt sie gekonnt die Erzählperspektiven, mal aus der männlichen, dann wieder der weiblichen Sicht und sie verwebt die Ereignisse so dicht und massiv, dass auch die Nebenprotagonisten unfreiwillige Zuschauer werden bzw. dazu verdammt sind, unwissend zu bleiben, ungeachtet ihrer Fähigkeit die zahlreichen Veränderungen wahrzunehmen. Im Hintergrund läuft beim Leser ein ganzer Film ab, der sich weniger auf die einzelnen Szenen konzentriert, sondern vielmehr auf die emotionale Ebene, die ungesagten Worten, die nur erdachten Möglichkeiten und den Wunsch, zumindest einem der Protagonisten beizustehen und sei es nur moralisch, selbst wenn das auf Grund der eindeutigen Indizien unverantwortlich erscheint.

Fazit

Ich bin begeistert von dieser Charakterstudie, die ganz nebenbei ein buntes Spektrum an Gedanken und Gefühlen wachrüttelt und vergebe gerne 5 Lesesterne für diese Ausnahmegeschichte. Das Beste daran – sie ist universell, übertragbar und egal wie realitätsnah sie auch sein mag, die Handlungen aller sind nachvollziehbar, empathisch und längst nicht so undenkbar, wie vermutet.

Der Kerngedanke hinter der manchmal abenteuerlichen Erzählung ist wie ein Fels, zunächst steht man vor einer schier unüberbrückbaren Wand, aber je länger man hinschaut, desto mehr Wege werden sichtbar und irgendwann scheint es sogar möglich das Massiv zu umgehen oder zu erklimmen. Es muss einfach wieder möglich sein, dass sich die Erdkugel eines Menschen in der richtigen Bahn bewegt, auch wenn man vorher glaubte, in einem vollkommen anderen Universum gelandet zu sein. In diese Situation darf man als Leser auf gut 400 Seiten eintauchen und wenn man das Buch zuklappt, bleibt nachhaltige Begeisterung für eine kleine Idee und ihre mannigfaltige Entwicklung.

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Veröffentlicht am 06.04.2021

Die Summe aller Unwahrheiten

Die Wahrheit der Dinge
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„Manchmal hat er den Eindruck, als steckten zwei Menschen in ihm …Er ist weder der eine noch der andere, gerade in den letzten Tagen wird das deutlich. Bleibt die Frage: Wer ist er eigentlich?“

Inhalt

Frank ...

„Manchmal hat er den Eindruck, als steckten zwei Menschen in ihm …Er ist weder der eine noch der andere, gerade in den letzten Tagen wird das deutlich. Bleibt die Frage: Wer ist er eigentlich?“

Inhalt

Frank Petersen ist Strafrichter in Hamburg, einer mit Erfahrung und gesundem Menschenverstand, ein zuverlässiger, korrekter Mann, dem es nicht um Gefühle geht, sondern um Objektivität. Aber derzeit steckt er in einer handfesten Lebenskrise: seine Frau Britta hat ihn verlassen, um die vielen Ehejahre Revue passieren zu lassen und sie kommt nur dann zurück, wenn Petersen einsieht, was in ihrer Partnerschaft alles schiefläuft, sein Sohn Jannis spricht nicht mehr mit dem Vater und beruflich wird es für ihn immer enger, nachdem der BGH mehrere seiner Urteile revidiert hat. So begibt er sich mühselig auf Spurensuche in sein eigenes Leben, um vielleicht den Punkt zu finden, an dem alles in die falsche Richtung lief. Eigentlich ist er sich sicher ihn zu kennen, denn vor 4 Jahren hat eine Nebenklägerin kurz vor der Verurteilung den Angeklagten erschossen, während Petersen nur danebenstand und sein Urteil nicht mehr verkünden brauchte – und diese Frau, die er zu gerne verstehen möchte, wird nun aus der Haft entlassen. Der Richter in Nöten sucht Antworten auf seine vielen Lebensfragen und stattet der Entlassenen einen Besuch ab, vielleicht liegt darin ein Neuanfang für ihn …

Meinung

Der deutsche Autor Markus Thiele, selbst Jurist, widmet sich in diesem Roman den vielen Graustufen zwischen Recht nach dem Gesetz und Gerechtigkeit nach dem menschlichen Empfinden. Dabei entwirft er eine sehr menschliche Charakterstudie, die gerade dem Strafrichter Petersen eine entscheidende Schlüsselrolle zukommen lässt. Wie fühlt sich ein Mann, der vollkommen überzeugt ist von den Gesetzten und ihrer Gültigkeit und dennoch miterleben muss, wie wenig Bestand ebendiese in manchen Situationen haben?

Im Nachwort des Buches zeigt der Autor die Parallelen zu wahren Kriminalfällen, auf denen diese Geschichte, wenn auch zweckentfremdet basiert. Aber die Verbindung zwischen Fiktion und Realität ist hier absolut überzeugend gelungen, so dass der Leser für die vielen kleinen Nuancen sensibilisiert wird und immer tiefer in die Gedankenwelt des Hauptprotagonisten eintaucht.

Die Handlung des Buches erstreckt sich auf zwei Handlungsstränge, zunächst die gegenwärtige Lage, in der Frank Petersen sein ganz persönliches Dilemma offenlegt und immer wieder eine Rechtfertigung für seinen Charakter und seine Entscheidungen gibt, während er verzweifelt zu verstehen versucht, warum gerade die Familie seine „Unfehlbarkeit“ kritisiert und sich konsequent zurückzieht. Und dann geht der Leser gemeinsam mit Corinna Maier den Weg in die Vergangenheit. Lernt eine glückliche junge Frau kennen, die binnen weniger Monate alles verliert, was sie liebte und bei Gelegenheit zur Mörderin wurde, die im Gerichtssaal Selbstjustiz übte, weil ihr Vertrauen in die Gerichtsbarkeit zerstört war. Das Zusammentreffen der beiden Charaktere, die sich so unähnlich gar nicht sind, bringt letztlich die entscheidende Wende im Geschehen.

Von diesem Roman bin ich positiv überrascht und sehr angetan, weniger wegen einer anspruchsvoll gehobenen Sprache oder einer grandiosen Idee, als vielmehr von der moralischen Umsetzung und differenzierter Betrachtungen zum Thema Schuld, Aufarbeitung, Strafe und Schicksal. Die Geschichte bleibt sehr nah an der Realität, die Charaktere sind vielschichtig und gewissenhaft gezeichnet und die Thematik lädt den Leser dazu ein, sich intensiv mit der Entwicklung zu beschäftigen. Nicht zuletzt das Seelenleben des Richters, der sich ununterbrochen nach der individuellen Verantwortung für sein Handeln fragt und objektiv keine Schuld bei sich finden kann, wird hier in allen Schattierungen wahrnehmbar.

Fazit

Sehr gern vergebe ich 5 Lesesterne für diesen besonders menschlichen Roman, dessen Protagonist genauso gerne Kaffee trinkt, wie Gedanken eruiert und sowohl privat als auch beruflich bereit ist, die Dinge ehrlich zu hinterfragen und sich offen, aber nicht schutzlos seinen Zweifeln aussetzt. Das große Plus dieser Erzählung ist neben der interessanten Gerichtsthematik und den Parallelen zu tatsächlichen Verbrechen das intensive Auseinandersetzen mit juristischer Entscheidungsfindung, die niemals losgelöst von dem jeweiligen Menschen geschehen kann, selbst wenn dieser sich verpflichtet hat, vorurteilsfrei und gesetzestreu zu entscheiden. Die Lektüre bietet sehr viele Ansatzpunkte für Diskussionen und führt den Leser zurück auf sein eigenes Selbstverständnis über die Unfehlbarkeit Einzelner in einer funktionierenden Gesellschaft, die großen Wert auf ihre Rechtssprechung legt. Vom Autor möchte ich sehr gerne ein weiteres Buch lesen und setze „Das Echo des Schweigens“ direkt auf meine Wunschliste.

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Veröffentlicht am 26.03.2021

Ein Sommer der prägenden Eindrücke

Der große Sommer
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„Wir schwiegen wieder. Der Spätsommerwind wehte durch den Turm. Man konnte frei atmen. Unter uns die Stadt und alles, was passiert war. Und über einem Dorf weit im Westen das V der Gänse in der Luft. Beate ...

„Wir schwiegen wieder. Der Spätsommerwind wehte durch den Turm. Man konnte frei atmen. Unter uns die Stadt und alles, was passiert war. Und über einem Dorf weit im Westen das V der Gänse in der Luft. Beate drückte meine Hand sehr fest und legte ihren Kopf an meinen.“

Inhalt

Für Friedrich steht dieser Sommer unter keinem guten Stern, denn weil er in Mathe und Latein zur Nachprüfung muss, um versetzt zu werden, brummen ihm seine Eltern zwei Wochen Zwangsarrest bei seinen Großeltern auf, damit er sich endlich auf die Schule konzentriert und das Ziel erreicht. Und während er für seine Großmutter noch eine Menge Zuneigung empfindet, gestaltet sich die Beziehung zum Großvater sehr schwierig, denn der ist nicht nur reserviert und schwer durchschaubar, sondern setzt die Messlatte wahnsinnig hoch – eigentlich meint Friedrich, dass es niemand dem praktizierenden Mediziner recht machen kann. Der 16-Jährige tröstet sich mit der Anwesenheit seines besten Freundes Johann und seiner Schwester Alma, die ebenfalls dableiben. Und dann lernt er im Schwimmbad Beate kennen und damit gerät seine Gefühlswelt vollkommen durcheinander, denn dieses Mädchen muss er unbedingt erobern, weil er sich förmlich von jetzt auf gleich in sie verliebt hat. Und während er vormittags für seine Prüfungen lernt, eröffnen ihm die freien Nachmittage eine ganz neue Welt – die bunte, bewegende Welt der Jugend, mit dem Zauber jener unbeschwerten Tage …

Meinung

Dies war mein erstes Buch des deutschen Autors Ewald Arenz aber mit Sicherheit nicht mein letztes. Es ist die wundervoll, warmherzige Erzählung über die Zeit der Jugend mit all ihren Herausforderungen, Prüfungen und Einsichten, die man so oder ganz ähnlich selbst erlebt hat, die sich hier auf einen alles verändernden, prägenden Sommer konzentriert und ganz viel Leben innerhalb einer kurzen Lebensspanne unterbringt. Dieser Roman besticht mit seiner Einfachheit, denn er ist absolut universell, so dass es kaum eine Rolle spielt, in welchem Jahrzehnt wir uns befinden und wie die Vorgänge tatsächlich waren – er beschwört die Gegenwart mit allen Überlegungen der Jugendlichen fast nebenbei herauf.

Besonders positiv beurteile ich die differenzierte, empathische Charakterisierung aller Protagonisten. Denn Friedrich ist umgeben von einer Vielzahl anderer Menschen, die ihn in irgendeiner Weise beeinflussen und zu diversen Handlungen herausfordern. Egal, ob es sich dabei um seine Großmutter handelt, die dem jungen Mann zu erklären versucht, warum sie sich auf den Großvater eingelassen hat oder um seine Schwester Alma, die unter die Kategorie beste Freundin fällt und mit der alles teilen kann, was ihn bewegt.

Die Sprache des Buches ist sehr leicht, die Sätze eher kurz und die Handlung wird mehr in Situationen geschildert als in Rückblicken. Dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz und dadurch liest sich die Geschichte flüssig und schnell. Gerade die einzelnen Ereignisse bekommen durch die Verwendung der wörtlichen Rede etwas Unmittelbares, dem man sich kaum entziehen kann – als Leser hat man das Gefühl, den Handlungen direkt beizuwohnen, man sieht sie nicht nur vor dem inneren Auge ablaufen, sondern bekommt die Hintergründe und Unsicherheiten der Protagonisten direkt mit dazu geliefert. Deshalb bin ich der Ansicht, dass man diesen Roman auch sehr gut lesen kann, wenn man selbst der Teenager ist (meiner Tochter, fast 15 Jahre alt, habe ich schon Lust auf das Buch gemacht – sie findet sich darin bestimmt wieder).

Eher überraschend kam für mich die später im Buch aufgeworfene Thematik einer Psychose, die hier zum Glück rechtzeitig erkannt wird, weil Menschen zusammenkommen, die aufeinander achten und denen die krankhaften Veränderungen im Verhalten eines Freundes direkt auffallen. Diese Entwicklung hätte das Buch für mich aber gar nicht unbedingt gebraucht, denn es funktioniert im zwischenmenschlichen Bereich auch ohne diesen Handlungsstrang optimal.

Sehr gefangengenommen hat mich dafür die Beziehung zwischen den Großeltern und ihrem Enkel, darin steckt so viel Wahrheit und Lebensweisheit, dass ich allein mit diesem Spannungsfeld schon zufrieden gewesen wäre. Das Tagebuch der Großmutter, das Unverständnis eines Jugendlichen ob dieser seltsamen Wahl des Partners und die Einsicht, dass die Liebe manchmal seltsame Wege geht und dass Menschen im Kern andere Qualitäten haben, als nach außen vermutet – daran habe ich den größten Gefallen gefunden.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen zeitlosen, berührenden, humorvollen Roman über das Erwachsenwerden, geprägt von persönlichen Erlebnissen, eigenen Entscheidungen, Fehlern, die man nicht rückgängig machen kann, Entschuldigungen die schwer fallen, Hoffnungen die bleiben, und Ereignissen, die aus einem Jugendlichen schließlich nach einer gewissen Zeit einen gereiften Erwachsenen hervorbringen. Manchmal sind es nur Momente, die unwiderrufliche Veränderungen bringen, manchmal bewusste Handlungen und oft sind es einfach nur geliebte Menschen, deren Einfluss kriegsentscheidend sein wird, was die Entwicklung des zukünftigen eigenen Ichs betrifft. Dieses Buch ist sehr empfehlenswert, weil es mittels Leichtigkeit durch einen Sommer der Veränderungen führt und gute Unterhaltung in Kombination mit eigenen Erfahrungswerten bietet.

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Veröffentlicht am 08.03.2021

Hasserfüllte Botschaften erwarten dich

Hinter diesen Türen
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„Und da wurde mir klar, was für eine verkorkste Dynamik das war – dass es in meiner Beziehung zu diesem gestörten kleinen Mädchen nicht um Geborgenheit und Fürsorge ging, sondern um Macht und Überlegenheit, ...

„Und da wurde mir klar, was für eine verkorkste Dynamik das war – dass es in meiner Beziehung zu diesem gestörten kleinen Mädchen nicht um Geborgenheit und Fürsorge ging, sondern um Macht und Überlegenheit, um Sieger und Verlierer in einem Krieg. Nein. Ganz egal, wie die Situation am Ende ausgegangen war – gewonnen hatte ich nicht.“

Inhalt

Rowan Caine zieht es aus einem ganz bestimmten Grund nach Schottland, dort will sie als Kindermädchen einer Familie beruflich Fuß fassen und darüber hinaus etwas aus ihrer eigenen Vergangenheit klären. Doch das Anwesen der Familie Elincourt übertrifft ihre kühnsten Vorstellungen, die Vorderseite des Hauses befindet sich noch im restaurierten viktorianischen Stil, während der Anbau durch Glas und modernste Technik besticht. Ziemlich schnell wird sie mit den ihr anvertrauten drei Mädchen alleingelassen und sieht sich den Tücken der hochmodernen Haustechnik gegenüber. Binnen weniger Tage wird ihr klar, dass sie dieser Stelle nicht gewachsen ist, so wie auch die fünf Nannys vor ihr, die alle das Weite gesucht haben. Im Haus scheint etwas nicht mit rechten Dingen zuzugehen, sie hört nächtliche Geräusche, stößt auf einen Giftgarten, der nicht gesichert ist, entdeckt das alte Geheimnis des Hauses und bricht bald schon in Panik aus, nachdem mitten in der Nacht alle Lichter angehen, wilde Musik durch die Räume schallt und Türen offenstehen, die sie ganz sicher verschlossen hat …

Meinung

Dies ist mein zweiter Thriller aus der Feder der britischen Erfolgsautorin Ruth Ware, die mich bereits mit „Woman in cabin 10“ gut unterhalten konnte. Ihr aktueller Thriller ist aber noch um Längen besser, so gut, dass ich ihn kaum aus der Hand legen konnte und unbedingt erfahren wollte, ob es sich um mysteriöse Geistergeschichten handelt, oder ob es jemanden gibt, der für die unerklärlichen Dinge die Verantwortung trägt. Beide Möglichkeiten werden hier mittels diverser Erzählstränge verfolgt und lassen den Leser miträtseln.

Zunächst einmal passt die Erzählperspektive des Buches ausgesprochen gut, denn Rowan, die Nanny schreibt ihre Geschichte selbst nieder, sie sitzt mittlerweile im Gefängnis und wendet sich hilfesuchend an einen Strafverteidiger, der ihr empfohlen wurde, weil er angeblich auch die ganz hoffnungslosen Fälle zu einem versöhnlichen Ende führt. Rowan wurde angeklagt, denn angeblich hat sie eines der Kinder der Elincourts vorsätzlich umgebracht, aber so war es nicht und die junge Frau muss versuchen, alles so genau wie möglich zu beschreiben, um überhaupt eine realistische Chance auf Freilassung zu erhalten. Wären da nur nicht die vernichtenden Indizien und eine Vorgeschichte, die sie lieber nicht offenbaren würde …

Dieser Thriller ist absolut genial, angefangen bei der Hintergrundgeschichte, hin zu den seltsamen, gruseligen Ereignissen im sanierten alten Herrenhaus und letztlich durch die mentale Nähe zur Hauptprotagonisten, deren Verzweiflung und Beklemmung immer mehr Raum einnehmen und regelrecht beängstigend wirken. Besonders spannend fand ich die Figur des Kindermädchens selbst, denn sie hat sich zwar ein perfektes Image zurechtgebastelt, lässt aber durch ihre subjektive Meinung viel offen: eigentlich mag sie Kinder längst nicht so sehr, wie geglaubt und irgendein Geheimnis umgibt auch ihre Person, weshalb sie sich oft anders verhält, als es normalerweise üblich wäre und der Leser rätselt ständig mit, was sie eigentlich verschleiern möchte und warum.

Selbst die Chronologie des Thrillers konnte mich überzeugen, mit diversen Zeitsprüngen, die sowohl die Vergangenheit einbeziehen als auch die Gegenwart und letztlich auf ein fulminantes Finale zusteuern. Bei den Gedanken und Geschehnissen des allerletzten Abends, hätte ich mir noch mehr Intensität gewünscht, weil Rowan so plötzlich und unwiderruflich vor den Scherben ihres Lebens steht und erst im Nachhinein für Klärung sorgen kann, aber letztlich spielt das keine Rolle mehr, denn es gibt ein dunkles Geheimnis, ein totes Mädchen und unzählige Fragen, die andere beantworten müssen.

Fazit

Dieser temporeiche, subtile Spannungsroman konnte mich absolut überzeugen, so dass ich begeisterte 5 Lesesterne vergebe. Gerade der Mix zwischen Verbrechen und Gruselgeschichte übte auf mich einen ganz besonderen Reiz aus - zwischendurch habe ich diverse Szenarien vor Augen gehabt, die dann doch rational erklärbar waren, aber im ersten Moment nicht so wirkten. Wer Gefallen an mysteriösen Ereignissen und mörderischen Ambitionen findet, ist hier genau richtig. Ich werde wohl mindestens noch ein weiteres Buch der Autorin auf meine Leseliste setzen, und empfehle diesen bedrückenden Gruselthriller gerne weiter.

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