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Veröffentlicht am 18.04.2021

Von der Macht der Bienen

Das Flüstern der Bienen
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Anfang des 20. Jahrhunderts wird in der Nähe des mexikanischen Ortes Linares ein kleiner Junge gefunden. Das Kind erweckt zunächst das Misstrauen der Bewohner des Anwesens im Besitz der Morales-Familie, ...

Anfang des 20. Jahrhunderts wird in der Nähe des mexikanischen Ortes Linares ein kleiner Junge gefunden. Das Kind erweckt zunächst das Misstrauen der Bewohner des Anwesens im Besitz der Morales-Familie, da es durch eine Gaumenspalte "vom Teufel gezeichnet" ist. Und, mehr noch - der Kleine ist über und über von Bienen bedeckt, die ihn umschwärmen, ihm jedoch nichts anzutun scheinen. Simonopio, wie der Junge von nun an heißen soll, wächst als Patensohn der Morales auf und wird bald von den Mitgliedern der Familie und den Arbeitern akzeptiert, obwohl er nie wie sie zu sprechen lernt. Dafür verfügt er über eine ganz besondere Gabe: Er kann die Lebenswege ihm wichtiger Menschen fühlen und spürt beispielsweise, wenn sie sich in Gefahr befinden, so etwa als die ersten Fälle der Spanischen Grippe im Ort auftreten. Außerdem weiß er dank seiner Bienen um bevorstehende Wetterschwankungen oder wann die Pflanzen zu blühen beginnen. Doch er spürt auch, dass es einen Menschen auf dem Anwesen gibt, den Kojoten, der ihm Böses will und vor dem er sich verstecken muss, solange es möglich ist - denn dass es eines Tages zu einer Katastrophe kommen wird, ist Simonopio klar. Er weiß nur nicht, wann oder wie.

Erzählt wird der Roman aus wechselnden Perspektiven - im Hintergrund steht ein zunächst unbekannter Ich-Erzähler, in dessen Leben Simonopio lange Zeit der wahre Protagonist ist. Dann gibt es Kapitel, in denen man als Leser Beatriz, die Frau des Gutsbesitzers, begleitet, immer wieder auch Simonopio oder einen der Arbeiter. Die Perspektivwechsel stellen beim Lesen keinerlei Schwierigkeit dar, es wird stets schnell deutlich, wen man gerade begleitet. Sprachlich ist der Roman sehr gelungen - die Sprache ist sehr bildhaft und wortgewaltig, sofort hat man das weitläufige mexikanische Anwesen und seine Bewohner vor Augen und kann sich in ihre Ängste und Hoffnungen hineinfühlen. Subtiler Humor ergänzt den Zauber und die gleichzeitige Ernstheit des Buches.

Auch aus erzähltechnischer Sicht ist der Roman toll gestaltet, denn zwischen längeren Kapiteln gibt es immer wieder auch solche, die nur ein oder zwei Seiten einnehmen und manchmal sogar nur aus wenigen Sätzen bestehen - das fügt sich toll in den Roman ein und steigert an den entsprechenden Stellen die Spannung enorm.

Dem magischen Anteil der Geschichte, ausgehend von Simonopio und seinen Bienen, stand ich anfangs skeptisch gegenüber, schnell hat sich dann aber gezeigt, dass nie ein "zu viel" an Übernatürlichem vorhanden ist, das den Erzählfluss stören könnte, sondern dass dieser Aspekt die Geschichte vielmehr wunderbar ergänzt. Sie bleibt stets ernsthaft, tragisch, berührend und geheimnisvoll, ohne ins Unglaubwürdige, Anstrengende abzudriften. Diese Synthese aus Magischem und Realem hat mir sehr gut gefallen.

Fazit: Ein gelungenes, spannendes Konglomerat aus Ernsthaftigkeit und Humor, Familiengeschichte und Sozialstudie, dem ein ganz eigener Zauber innewohnt und das ich gerne weiterempfehle.

Veröffentlicht am 13.04.2021

Von der Sklaverei und ihren Auswirkungen

Heimkehren
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Esi und Effia sind Schwestern, und doch kennen sie sich nicht und wachsen getrennt voneinander auf. Die Leben der beiden verlaufen sehr unterschiedlich: Während Effias Stamm mit den Briten Sklavenhandel ...

Esi und Effia sind Schwestern, und doch kennen sie sich nicht und wachsen getrennt voneinander auf. Die Leben der beiden verlaufen sehr unterschiedlich: Während Effias Stamm mit den Briten Sklavenhandel betreibt, wird Esi als Sklavin nach Amerika verschifft. Der Roman gliedert sich auf zwischen den Nachkommen der beiden Frauen und lässt ihre Kinder, Enkel und Urenkel zu Wort kommen.

Nacheinander werden insgesamt vierzehn Leben beschrieben, die von Effia und Esi und jeweils sechs ihrer Nachkommen. So unterschiedlich sie auch sind, verbindet sie stets eines: die Sklaverei und die Ausgrenzung aufgrund ihrer Hautfarbe. Anders als ich anfangs befürchtet hatte gelingt es der Autorin sehr gut, jeden Charakter individuell zu zeichnen und ihm im Buch den Platz einzuräumen, den er benötigt - ich hatte nicht das Gefühl, dass irgendjemand zu kurz kommt oder in den einzelnen Episoden zu wenig in die Tiefe gegangen wird. Auch die Verbindungen zwischen den einzelnen Leben war mir nicht zu lose, sondern stets gut nachvollziehbar und mit Rekurs auf die Vorfahren der jeweiligen Figur.

Während hier von den Schwestern Effia und Esi schrittweise von Generation zu Generation nach vorne gegangen und jeweils einem Nachkommen der beiden Gehör geschenkt wird, wird vor allem eines deutlich: Die Auswirkungen der Sklaverei sind bis heute spürbar. Noch viele Generationen, nachdem sich der Strang der Familie aufgegliedert hat und auch noch nachdem die Sklaverei offiziell abgeschafft wurde, sind Diskriminierungen aufgrund Hautfarbe und Herkunft ein großes Thema. Wie es dazu kam, wird in diesem Buch sehr schön dargestellt. Ein lesenswertes Buch, dass ich gerne weiterempfehle!

Veröffentlicht am 08.04.2021

Typisch japanisch

Der Klang der Wälder
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Durch Zufall trifft Tomura in der Turnhalle seiner Schule eines Tages auf einen Klavierstimmer, der dort das schuleigene Instrument in Ordnung bringt. Für Tomura eröffnet sich eine neue Welt, er ist sogleich ...

Durch Zufall trifft Tomura in der Turnhalle seiner Schule eines Tages auf einen Klavierstimmer, der dort das schuleigene Instrument in Ordnung bringt. Für Tomura eröffnet sich eine neue Welt, er ist sogleich fasziniert von der Klangvielfalt des Klaviers und der präzisen Arbeit des Mannes. So sehr, dass er eine Ausbildung zum Klavierstimmer beginnt und hinterher im selben Laden wie der Mann zu arbeiten beginnt. Vor Tomura liegen Jahre harter Arbeit und Selbstzweifel, denn die Kunst des Klavierstimmens ist eine ganz besondere, die viel Übung erfordert.

Das Buch besitzt diesen ganz bestimmten, japanischen Büchern eigenen Zauber. Die Erzählung ist schlicht, die Handlung wenig spektakulär und sehr ruhig. Und dennoch wird man als Leser sogleich von der poetischen Sprache und der Macht des Gesagten und des Ungesagten in den Bann gezogen, die dem Buch eine märchenhafte Atmosphäre verleihen. Schlägt man das Buch auf, fühlt es sich an, als tauche man tief hinab in den Ozean. Die Außenwelt wird abgedämpft, während alles andere gleichzeitig viel klarer wird, und man die Melodie des Buches vernimmt, die sich für Tomura im Klang der Wälder manifestiert.

Neben dem wunderbaren Märchencharakter erfährt man beim Lesen tatsächlich auch Einiges über Klaviere und die ihnen eigene Klangwelt. Das ist jedoch keinesfalls so trocken wie man im ersten Moment vielleicht glauben mag, sondern im Gegenteil sehr faszinierend. Dass viele Klaviere sich verschieden anhören, war mir vorher klar, aber welche riesigen Unterschiede zwischen ihnen bestehen und wie bedeutsam beispielsweise schon eine geringfügige Änderung der Höhe des Hockers und die minimale Justierung der Pedale bewirkt, nicht. Man kann als Nicht-Klavierspieler also auch eine Menge lernen mit diesem Buch.

Fazit: Ich habe es sehr gerne gelesen; es ist sehr ruhig, dabei jedoch auch sehr poetisch und atmosphärisch.

Veröffentlicht am 04.04.2021

Ein interessanter Einblick für Alice-Fans

Die Erfindung von Alice im Wunderland
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"Alice im Wunderland" dürfte wohl jedem ein Begriff sein. In diesem Sachbuch widmet sich Peter Hunt den Hintergründen und der Entstehungsgeschichte des beliebten Kinderbuchklassikers.

Dabei steht vor ...

"Alice im Wunderland" dürfte wohl jedem ein Begriff sein. In diesem Sachbuch widmet sich Peter Hunt den Hintergründen und der Entstehungsgeschichte des beliebten Kinderbuchklassikers.

Dabei steht vor allem die Freundschaft zwischen Charles Dodgson, der den meisten als "Lewis Carroll" bekannt ist, und der kleinen Alice Liddell im Vordergrund. Diese ist Vorbild der Alice-Figur und zugleich Adressatin der von Dogdson erfundenen Geschichten, welche überwiegend im Rahmen mehrerer gemeinsamer Bootsausflüge entstanden.

Das Buch bietet Einblicke in die Zeit, die Dogdson mit Alice und deren Schwestern verbracht hat, und weist auf die versteckte Genialität des Werkes mit seinen zahlreichen Anspielungen auf Personen und Gegebenheiten aus der Umgebung der Liddell-Schwestern hin. Es werden so einige interessante Fakten angesprochen und Vermutungen aufgestellt, und wer "Alice im Wunderland" gelesen hat, kann mit diesem Buch sicher eine Menge Spaß haben. Immer wieder werden kürzere Szenen zitiert, Vergleiche zu Liedern und Reimen herangezogen und großformatig abgedruckte Zeichnugen und Skizzen Tenniels, des Original-Illustrators der Alice-Bände, sowie von Dogdson angefertigte Fotographien eingestreut.

Veröffentlicht am 21.03.2021

Erschreckend ehrlich

Die Schlachthaus-Tagebücher
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Lina Gustafsson ist Tierärztin. Um die Bedingungen für Schlachttiere zu verbessern, nimmt sie für einige Monate einen Job auf einem schwedischen Schlachthof an. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, die neu ...

Lina Gustafsson ist Tierärztin. Um die Bedingungen für Schlachttiere zu verbessern, nimmt sie für einige Monate einen Job auf einem schwedischen Schlachthof an. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, die neu ankommenden Tiere zu begutachten und darauf zu achten, ob einzelne Tiere Verletzungen haben, sodass sie bei der Schlachtung vorgezogen werden können. Außerdem überprüft sie mit anderen Tierärzten gemeinsam den Umgang des Stallpersonals mit den Schweinen und nimmt an Kontrollen zur Lebensmittelsicherheit teil.

Dass ihre Arbeit nichts für schwache Mägen ist, ist wohl jedem klar - in ihren ersten Tagen wird Lina herumgeführt, sieht die verschiedenen Stationen, die die Schweine durchlaufen: von der Ankunft über das Treiben und Vergasen bis hin zum Entbluten und Ausweiden wird alles recht detailliert beschrieben. Immer wieder fallen Lina dabei Misstände und Tierquälereien auf. Schon beim Ausladen aus den Transportern werden die Tiere, die nach der oft stundenlangen Fahrt entkräftet und gestresst sind, mit Plastikpaddeln geschlagen, damit sie sich möglichst schnell in die Buchten treiben lassen, wo sie auf ihre Tötung warten. Viele lahmen oder haben Bisswunden. In den Buchten angekommen gibt es kaum Futter, und diejenigen, die über Nacht dortbleiben, stehen auf einer winzigen Fläche mit vielen anderen zusammen oft zentimetertief im Wasser. Beim Gang in die Gaskammer, in der sie unter Schmerzen mit Kohlendioxid getötet werden, kommen wieder die Plastikpaddel zum Einsatz.

Obwohl Lina diese Punkte immer wieder anspricht, reagieren viele Mitarbeiter nur gereizt und genervt, und ändern tut sich kaum etwas. Die Aussichtslosigkeit dieser Situation und Linas schwindende Hoffnung werden ebenso greifbar wie das Leid der Tiere. Der erschreckende Teil des Buches ist nichteinmal der, in dem die Körper der Schlachttiere aufgeschnitten und die Organe entnommen werden (Achtung, auch das wird mehrmals ausführlich beschrieben), sondern alles, was davor geschieht. Und dennoch entspricht der Umgang mit den Tieren ganz offiziell den Richtlinien, sodass Lina zwar Berichte über das ruppige Verhalten der Mitarbeiter an die Aufsichtsbehörden schicken und diese auch selbst immer wieder um einen sanfteren Umgang mit den ohnehin verängstigten Tieren bitten kann, das aber dann auch schon alles ist.

Linas anfängliche Empörung weicht bald dem Verdruss des Alltags - obwohl jeder Tag ein wenig anders abläuft und immer mal wieder etwas Unvorhergesehenes geschieht, sind sie am Ende doch alle gleich. Jeden Tag werden etwa 3.100 Schweine alleine auf diesem einen Hof geschlachtet, jeden Tag kommen dort völlig gestresste, verängstigte Tiere an, jeden Tag werden sie in ihrer Panik noch weiter mit den Plastikpaddeln getrieben. Und alles, was Lina tun kann, ist diejenigen zur Schlachtung vorziehen zu lassen, die offensichtlich große Schmerzen haben.

Die Sprache, in der Lina ihren Arbeitsalltag auf dem Hof schildert, ist nüchtern und sachlich, und lässt die Bilder für sich sprechen. Die einzelnen Kapitel sind kurz, denn jedes entspricht einer Art Tagebucheintrag. Das Buch ist nicht fiktiv, Lina Gustafsson hat, wie sie am Ende des Buches wiederholt betont, alles Beschriebene tatsächlich beobachtet und erlebt. Schlachtungen sind ein Thema, das die meisten Menschen lieber vermeiden, einfach weil sich niemand besonders gerne Gedanken darüber macht - und nicht ohne Grund ist es uns unangenehm, wie dieses Buch zeigt. Im Detail von den schlechten Bedingungen zu lesen, in denen die Tiere die letzten Stunden vor ihrem Tod verbringen, ist erschreckend. Noch erschreckender ist es jedoch, dass dies alles vom Gesetz als vollkommen in Ordnung eingestuft wird.

"Die Schlachthaus-Tagebücher" ist in seiner Ehrlichkeit und Ungeschöntheit nicht einfach zu lesen, und ich habe das Buch währenddessen immer wieder für eine Weile beiseite legen müssen. Dennoch bin ich am Ende sehr froh um den tiefen Einblick, den es dem Leser eröffnet.