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Pantoffeltier

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.01.2022

Beziehungen

Milch Blut Hitze
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Mit Kurzgeschichten kann ich selten etwas anfangen, weswegen ich eher zögerlich in diesen Band hereingelesen habe. Der Schreibstil hat mich jedoch gleich gepackt und ich hatte die Lektüre doch recht schnell ...

Mit Kurzgeschichten kann ich selten etwas anfangen, weswegen ich eher zögerlich in diesen Band hereingelesen habe. Der Schreibstil hat mich jedoch gleich gepackt und ich hatte die Lektüre doch recht schnell beendet.

Alle Geschichten spielen in Florida, der Fokus liegt auf PoC, besonders Frauen. Die Autorin schafft es meisterhaft die auftretenden Figuren kurz und prägnant zu skizzieren, sodass man mitfühlen kann. Die Atmosphäre der Geschichten ist meist beunruhigend und düster. Die Themen sind etwa Trauer über eine Fehlgeburt, der Umgang mit schwerer Krankheit und Tod. Trotzdem habe ich die Geschichten nicht als bedrückend empfunden (wenn auch stellenweise als beunruhigend).

Es geht um verschiedene Arten von Beziehungen. Um Mutterschaft, Freundschaft, Paarbeziehungen, Geschwisterbande. Oft werden gerade die Abgründe beleuchtet. Viele Geschichten enden im Unklaren und lassen Raum zum Interpretieren und Weiterspinnen.

Wie das immer so ist, haben mir nicht alle Geschichten gleich gut gefallen. Insgesamt mochte ich jedoch die Vielfältigkeit und Intensität der Geschichten und empfehle sie gern weiter.

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Veröffentlicht am 08.11.2021

Verwoben

Wolkenkuckucksland
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Der Pulitzerpreisträger Anthony Doerr legt mit Wolkenkuckucksland einen vielschichtigen neuen Roman vor. Es geht um verschiedene junge Menschen, die zu verschiedenen Zeiten leben, und alle nach ihrem Weg ...

Der Pulitzerpreisträger Anthony Doerr legt mit Wolkenkuckucksland einen vielschichtigen neuen Roman vor. Es geht um verschiedene junge Menschen, die zu verschiedenen Zeiten leben, und alle nach ihrem Weg suchen.

Da wären Omeir und Anna, die im 15. Jahrhundert um ihr Überleben kämpfen. Omeir, dessen Gesicht seit seiner Geburt entstellt ist, wird als Junge aus seiner Familie herausgerissen und soll für den Sultan das große Konstantinopel mit erobern. Anna arbeitet als Näherin in ebendieser mittelalterlichen Metropole und kämpft während der Belagerung um ihr Leben.

Seymour plant im Jahre 2020 aus falsch geleitetem Idealismus einen Anschlag auf die Bücherei seiner Heimatstadt, während dort fünf junge Schüler ein Theaterstück mit einem Koreaveteran einstudieren. Und die junge Konstance befindet sich in ferner Zukunft auf dem Weg zu einem erdähnlichen Planeten. All diese Protagonisten vereint die antike Prosaerzählung „Wolkenkuckucksland“, die nur bruchstückhaft überliefert ist und die das Leben der Protagonisten auf elementare Weise beeinflusst. Bei der Lektüre des Klappentextes war ich zunächst skeptisch. Das klang kompliziert und verkopft. Doch die Zweifel zerstreuten sich beim Reinlesen. Man hat sofort Bilder im Kopf und fühlt mit den Protagonisten mit.

Doerr schafft es auf raffinierte Weise die Geschichten der jungen Menschen zu verknüpfen und den Leser in seinen Bann zu ziehen. Problemlos springt er dabei in rasantem Tempo durch die Zeit und webt eine Jahrhunderte umspannende, vielschichtige Erzählung. Dabei laufen die einzelnen Handlungsstränge nicht nur nebeneinander her, sondern verbinden sich, trennen sich, nehmen aufeinander Bezug.

Gerne wäre man noch tiefer in die einzelnen Schicksale eingetaucht. Am Ende bleibt wie bei allen herausragenden Romanen neben dem großen Glück etwas so wertvolles gelesen zu haben, auch die Wehmut, dass die Geschichte so schnell ihr Ende gefunden hat.

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Veröffentlicht am 11.04.2021

Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte erzählt in einer rundum gelungenen Biographie

Jeanne d'Arc
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Gerd Krumeichs Werk über die Lebensgeschichte der französischen Ikone
Jeanne d'Arc ist durchweg lesenswert und besticht durch seine akribische
Recherche. Krumeich orientiert sich dabei streng an historischen
Fakten ...

Gerd Krumeichs Werk über die Lebensgeschichte der französischen Ikone
Jeanne d'Arc ist durchweg lesenswert und besticht durch seine akribische
Recherche. Krumeich orientiert sich dabei streng an historischen
Fakten und bemüht sich mit Mythen und Gerüchten aufzuräumen. Dies macht er auch in der Einleitung deutlich, wenn er gegen Kollegen
austeilt, die es mit den Fakten nicht so genau genommen haben.
Krumeichs Schreibstil ist flüssig und somit gut lesbar. Einziger
Kritikpunkt sind die teils sehr verwirrenden Nennungen der verschiedenen
historischen Persönlichkeiten, bei deren Einordnung in den historischen
Kontext man gerade zu Anfang Probleme hat. Herausragend sind die vielen
Zitate von Zeitzeugen, die der Autor geschickt in seine Geschichte
einbaut. Der Leser erfährt von einem von Krieg und Plünderungen
zerrissenem Land, in dem die Herrschaftsverhältnisse in stetigem Umbruch
sind. Auch sind die Menschen im 15.Jahrhundert sehr gläubig und das
Angebot an christlichen Glaubensgemeinschaften sehr groß. So ist es kein
Zufall, das die junge Jeanne Stimmen hört, die ihr befehlen zum König zu
ziehen und Orleans zu befreien. Bekanntermaßen werden ihre Erfolge mit Misstrauen und Angst beäugt und Jeanne D'Arc wird schließlich angeklagt. Es ist sehr beeindruckend, wie stark der Glaube und der Wille dieser jungen Frau war, der sie ihre Prozesse mit Anmut und Stärke ertragen lies. Ein empfehlenswertes Buch für alle, die mehr über diese historische Persönlichkeit erfahren möchten und sich dafür interessieren, was hinter den Mythen steckt, die sich um sie ranken.

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Veröffentlicht am 27.03.2021

Hut ab

Wie alle, nur anders
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1973 zieht Eckert, damals noch als schwuler Mann, nach Berlin und wagt bald ihre ersten Schritte als Transperson. Sie arbeitet an der Gaderobe im Chez Romy Haag, einem bekannten Travestieclub und ist begeistert ...

1973 zieht Eckert, damals noch als schwuler Mann, nach Berlin und wagt bald ihre ersten Schritte als Transperson. Sie arbeitet an der Gaderobe im Chez Romy Haag, einem bekannten Travestieclub und ist begeistert vom Nachtleben und der Gemeinschaft von Travestiekünstlerinnen.

Fast 10 Jahre später erlaubt ihr das Transsexuellengesetz den Schritt ins Tagleben. Um eine sozialversicherungspflichtige Arbeit ausüben zu können, ohne Diskriminierung und schräge Blicke zu riskieren, verschweigt Eckert ihre Transidentität und lebt fortan als Frau. Sie tauscht die Männer gegen Kunst, stürzt sich in die Berliner Hochkultur und wird eine bekannte Opern-/Theaterkritikerin und Autorin.

Nora Eckert hat ein beeindruckendes Leben hinter sich und erzählt uneitel und mit präszisem Blick. Sie bringt sich selbst bei, was sie braucht und verharrt nicht bei Problemen. Sie ist pragmatisch und dramatisiert nicht. Eindringlich berichtet sie vom aufregenden, schwierigen, aber auch befreienden Weg zum Frausein. Es ist sehr interessant zu lesen, wie subtil institutionelle Diskriminierung wirkt und wie viel Kraft es braucht, sich selbstbewusst den Institutionen zu stellen.

Die Autorin ist selbst überrascht von ihrer stabilen Psyche und dankbar für die Menschen in ihrem Umfeld, die ihr Verständnis entgegenbringen. Das Buch ist auch eine große Liebeserklärung an die Stadt Berlin, die es Nora möglich machte sich neu zu erfinden. Man muss zunächst reinfinden in ihre eher intelektuelle Schreibweise und die häufigen Gedankensprünge. Eckert schreibt sehr reflektiert und man merkt, wie viel sie gelesen hat und wie leidenschaftlich sie sich mit Literatur und Kunst beschäftigt.

Ehrlich gesagt hatte ich automatisch etwas ganz anderes erwartet, da alles, was ich bisher zu dem Thema gelesen habe, eher sehr persönliche Erfahrungsberichte waren und oft das Happy End eine geschlechtsangleichende Operation ist. Auch diese Geschichten haben ihre Berechtigung, Nora Eckert schafft es aber zudem, über ihren Tellerrand hinauszusehen und ihre persönliche Geschichte in einen größeren Kontext zu stellen. Hut ab sowohl vor der Person, als auch der interessant erzählten Lebensgeschichte.

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Veröffentlicht am 07.03.2021

Vom Dagegensein

Kleine Freiheit
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Hans war immer gegen Familie und Bürgerlichkeit. Doch als sich die Kommune, in der er lebt, auflöst, bleibt er mit seinen beiden Töchtern zurück.

Seine Tochter Saskia versucht als Erwachsene die perfekte ...

Hans war immer gegen Familie und Bürgerlichkeit. Doch als sich die Kommune, in der er lebt, auflöst, bleibt er mit seinen beiden Töchtern zurück.

Seine Tochter Saskia versucht als Erwachsene die perfekte bürgerliche Existenz aufzubauen. Ihre Karriere als Richterin hat sie aufgegeben, um sich um ihre Söhne zu kümmern. Der Vater ist ihr furchtbar peinlich. Bei einer Bürgerinitiative gegen den geplanten Bau von Windrädern rutscht sie unverhofft in eine Rolle als rechtliche Beratung hinein und bald auch in die Konfrontation mit dem Weltbild ihres Vaters.


Abwechselnd wird von Hans uns Saskia erzählt. Die Autorin springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Das ist sehr gut gemacht und stört den Lesefluss nicht. Die Szenen sind sehr überlegt gewählt, nur etwas über 200 Seiten braucht die Autorin, um schwierige gesellschaftliche Themen unserer Zeit zu verhandeln. Sowohl Hans, als auch Saskia hadern mit dem Konzept von Familie, gesellschaftlichen Werten, der aktuellen politischen Situation. Die Autorin erzählt davon wie einen das Dagegensein plötzlich an Orte bringt, an denen man nie sein wollte. Über Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit, Einsamkeit und auch kleine, unverhoffte Momente der Freude. Sehr genau legt die Autorin die Schwächen und Ängste der Figuren auf und hält sich mit moralischem Urteilen zurück. Sie beobachtet nur. Und das sehr gut.

Besonders gut gefallen hat mit die Schreibweise der Autorin. Mühelos schafft sie eine melancholische Atmosphäre, die im Leser noch lange nachhallt. Die Figuren wirken authentisch. Man findet ihre Handlungsweise nicht unbedingt richtig, kann aber Verständnis aufbringen.

Am Ende löst sich für meinen Geschmack alles zu schnell auf, doch das ist nur ein kleiner Wehmutstropfen in einem sehr intensiven, berührenden Leseerlebnis.

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