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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.05.2021

Was ist der Trumpf: Moral oder Gerechtigkeit durch Schuld?

Die Wahrheit der Dinge
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„Gerechtigkeit ist Wunschdenken.“ (Seite 31)
Mich überzeugt immer, wenn jemand weiß wovon er schreibt und bei Markus Thiele liest man diesen Kenner deutlich durch die Zeilen! Er ist von Hause aus Anwalt. ...

„Gerechtigkeit ist Wunschdenken.“ (Seite 31)
Mich überzeugt immer, wenn jemand weiß wovon er schreibt und bei Markus Thiele liest man diesen Kenner deutlich durch die Zeilen! Er ist von Hause aus Anwalt. Der neuste Coup von ihm: „Die Wahrheit der Dinge“ ist ein gelungener spannungsgeladener Politkrimi.
Wenn nun ein Könner auch noch real existierend Begebenheiten als Grundlage für die Fiktion heranziehen, wird es umso spannender. Die „Vorbild-Fälle“ die hier eingeflossen, sind Marianne Bachmeier und Amadeu Antonio Kiowa. Aber keine Sorge, die muss man vorab nicht kenne.
Geschickt tauchen wir Leser:innen in zwei unterschiedlichen Handlungssträngen parallel in das Geschehen ein, manches mal verwundert es einen und die Frage steht im Raum wie das alles zusammen kommt, aber keine Sorge: es passt!
Vor allem begleitet man den Richter Frank Petersen und taucht mit ihm in seinen letzten Fall ab und auch in seine persönliche Selbstfindung. Im Vordergrund dieses Buches steht das komplexe Zusammenspiel von moralischer Beurteilung im Bezug zu einer gerechten Verurteilung durch die Klärung der Schuldfrage.
Wir als Leser werden direkt mit der Justiz konfrontiert und wie versucht wird Gerechtigkeit herzustellen. Viel Futter für den Kopf um mal das System zu überdenken. Mich erinnerte es entfernt an Ferdinand von Schirach, der auch ähnliche Fragestellungen aufwarf.

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Veröffentlicht am 22.04.2021

Bitte einsteigen und bereichern lassen!

Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei
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Ein essentielles Transportmittel sind die Busse des ÖPNV weltweit. Sehr unterschiedlich ausgestaltet und getaktet bereichern sie das öffentliche Leben oder machen es teilweise erst möglich. In Deutschland ...

Ein essentielles Transportmittel sind die Busse des ÖPNV weltweit. Sehr unterschiedlich ausgestaltet und getaktet bereichern sie das öffentliche Leben oder machen es teilweise erst möglich. In Deutschland sticht das äußerst gut ausgebaute Busnetz der BVG in Berlin ins Auge mit seinen leuchtend gelben Bussen.
Susanne Schmidt hat ihre Erfahrungen als Busfahrerin in einem Buch nun literarisch ausgefeilt zusammengefasst in „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“, erschienen bei hanserblau.
„Die ganze Stimmung unserer Stadt sitzt im Bus. Großzügig wird hier Frust mit Lust vermischt, Frechheit mit großer Schnauze zu klugen Sätzen verquirlt, zu viel Egoismus fällt schon mal vom Sitz, Dummheit wird in Berliner Manier auf den Arm genommen.“ (S.200)
Kein Buch für einen schnellen Gag und auch nicht ein Schenkelklopfer nach dem andere, erwarten Sie bitte keine Anekdotensammlung, dies ist ein ernstzunehmendes literarisches Buch. Wer Marzahner Fußpflegerinnen mag, wird diese Busfahrerin lieben! (Anspielung auf ‚Fußpflege in Marzahn‘).
Susanne Schmidt, eine selbstironisch reflektierte Frau, hat um die letzte Jahrtausendwende die Chance genutzt und ist als erfahrene gestandene Frau Busfahrerin der BVG geworden. Dieses Buch ist eine Reflektion des Erlebten von der Bewerbung bis zur Kündigung.
Ich habe sehr viel über den Beruf selbst gelernt, was alles zu wissen, wieviel Verantwortung zu tragen ist und wie einsam es sein kann und vieles mehr! Hier werden nicht platt Fakten abgespult, sondern auch die Zwischentöne gehört und das auch noch literarisch angenehm verpackt! Pro Kapitel wird ein Thema beleuchtet, nie einseitig und facettenreich gut geschrieben! Auf jeden Fall wird man für den Beruf sensibilisiert mit all seinen Belastungen und zum Schmunzeln kommt man auch. Nur Vorsicht, wenn man dieses Buch gelesen hat, kann man zur Nervensäge für alle anderen werden, sichtet man einen ÖPNV-Bus, denn man hat plötzlich viel zu teilen und zu sinnieren.
„Sinnvolle Veränderungen warten lange draußen vor der Tür.“ (S 174) Susanne Schmidt setzt sich auch kritisch mit dem System auseinander, aber respektvoll und als Leser merkt man wie sehr ihr die BVG am Herzen liegt.

Fazit: Unbedingt im Bus lesen, bereichern lassen und den/die Busfahrer:innen freundlich grüßen!

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Veröffentlicht am 11.04.2021

Wenn man eine Mutti und eine Mama hat

Geteilte Träume
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Ulla Mothes hat mit „Geteilte Träume“ nicht nur ein sehr gutes sondern auch ein wichtiges Buch geschrieben gegossen in eine unterhaltsame Geschichte, die trotz Dramatik nie kitschig wird!
Es ist eine deutsch-deutsche ...

Ulla Mothes hat mit „Geteilte Träume“ nicht nur ein sehr gutes sondern auch ein wichtiges Buch geschrieben gegossen in eine unterhaltsame Geschichte, die trotz Dramatik nie kitschig wird!
Es ist eine deutsch-deutsche Geschichte auf Augenhöhe. Die Gegenwartsschiene spielt kurz nach der Maueröffnung, 1992. Wir begleiten Ingke, die in der DDR aufwuchs und nun mit 18 Jahren durch einen Zufall herausfand, dass sie adoptiert worden ist. Harter Tobak auf der persönlichen Ebene und das kombiniert mit der Geschichte der DDR. Ingke spricht mit vielen ihrer engsten Familienmitglieder, erst den bekannten ihrer Lebensfamilie und dann natürlich noch ihre biologische Familie. Alle erzählen Ingke aus der Vergangenheit damit sie ein vollständiges Bild von dem bekommt was sie zu dem macht was sie ist und wer sie ist. Vom Kriegsende bis ins Jahr 1992 reicht das Erzählte. Da ein ständiger Perspektivwechsel stattfindet, ist es kurzweilig.
Das Buch ist natürlich vordergründig die Geschichte der jungen Ingke und ihr Weg Ordnung in ihre Gedanken zu bringen über ihre Adoption. Aber im Kern eine deutsch-deutsche Geschichtsstunde auf persönlicher Ebene. Es transportiert nicht nur Fakten und wie es war in der DDR war, nein, auch Einstellungen, Gedankenwelten und Ideen. Das funktioniert nur so gut, weil die Charaktere rund ausgearbeitet wurden und echt wirken mit Widersprüchen und es Reibungen gibt zwischen den Figuren.
"Du musst von deinem Leben begeistert sein, dann bist du auch glücklich. Alles eine Einstellungsfrage." (S.98)
Ich habe viel gelernt, Subbotnik war mir vorher kein Begriff und wie beispielsweise die Familien in Sippenhaft genommen wurde und vieles vieles mehr. Vor allem aber habe ich viel mehr Verständnis für die verschiedensten Lebensebenen auf denen jemand die DDR wahrgenommen hat oder was Einzelnen passiert ist und wie prägend es ist. Die Autorin hat das mit ihrer Prosa einfach, aber überzeugend umgesetzt.
Wer sich für das papierhafte Buch entscheidet ist gut beraten recht schnell sich den Stammbaum am Ende anzuschauen. Er hilft ab und an während des Lesens.
Ich habe das Buch bereits seit ein paar Tagen zur Seite gelegt, aber es arbeitet nach und ich kaue weiter auf dem Gelesenen herum. Mich hat der Roman überzeugt und tief bewegt.
Ich habe das Buch bereits seit ein paar Tagen zur Seite gelegt, aber es arbeitet nach und ich kaue weiter auf dem Gelesenen herum. Mich hat der Roman überzeugt und tief bewegt.

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Veröffentlicht am 03.04.2021

Besenhexe oder Laubbläserhexe?

Edgar, Ellen & Poe
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Stürzt euch in ein Leseabenteuer der besonderen Art mit „Edgar, Ellen & Poe“ von Antje Leser. Wie man dem Cover und dem Untertitel schon entnehmen kann, geht es um eine Hexengeschichte. Und zwar der besonderen ...

Stürzt euch in ein Leseabenteuer der besonderen Art mit „Edgar, Ellen & Poe“ von Antje Leser. Wie man dem Cover und dem Untertitel schon entnehmen kann, geht es um eine Hexengeschichte. Und zwar der besonderen Art. Denn es gibt verschiedene Hexen in diesem Buch, da sind die traditionellen Besenhexen und die modernen Laubbläserhexen. Die Oberhexen beider Gruppen sind Schwestern und im Dauerstreit! Nun fallen zwei Ereignisse zusammen. Ellen steht vor ihre Prüfung zur vollwertigen Hexe und ein Riese taumelt in aller Leben und ist im wahrsten Sinne des Wortes trampelt unterwegs …
Toll an dem Kinderbuch ist, dass es sehr fantasievoll ist. Es gibt so viele witzige Aspekte und Einfälle! Einfach herrlich. Auch die Charaktere sind wunderbar gezeichnet. Vor allem was uns überzeugt hat, ist das ambivalente. Was zunächst negativ erscheint, zeigt sich dann auf den zweiten Blick doch gar nicht so verkehrt. Die Vielschichtigkeit die hier aufgegriffen wird und wie Vorurteile zum Verhängnis werden können, empfand ich als eine ganz klare Stärke des Buches.
Ein weiterer Themenkomplex der uns positiv aufgefallen ist, ist die Botschaft, dass Krisen zusammen bringen können was vorher verfeindet war. Eine großartige Botschaft in diesen ungestümen Zeiten!
Auch ist die Auseinandersetzung Leben mit der Natur oder mit Technik ist eingeflochten.
Das Buch ist sehr gut geeignet zum Selbstlesen für gute Grundschulleser, da der Zeilenabstand und die Buchstaben entsprechend groß sind. Durchsetzt mit netten Schwarz/Weiß-Bildern von Alexander von Knorre lockert es den Text auf. Aber es ist auch Durchhaltevermögen notwendig, da es mehr als 200 Seiten sind. Keine Sorge, die Geschichte ist so spannend, vielleicht auch ein Anreiz mehr zu lesen!
Aber durch die Komplexität und Vielschichtigkeit der Geschichte auch super zum Vorlesen ab der 1. Klasse geeignet. Hier kann man gemeinsam noch stärker auf Themen eingehen, die eventuell beim alleinigen Lesen untergehen, wie witzige Begriffe, Umweltschutz und eben auch: Resilienz!
Noch mal kurz zur Sprache: Die Autorin hat eine wunderbare Art diese Geschichte zu erzählen und auch hier Kreativität gezeigt, wenn es um die „Laubbläser-Konnäkschn MC“ geht oder andere lustige Schöpfungen.
Einzige Kritik ist, dass es wahnsinnig viele Hexen gibt und die Fülle einen etwas langsameren Erstleser erschlagen könnte. Selbst beim Vorlesen kommt man da ins Stolpern und muss mal überlegen wo die eine oder andere Hexe gehört und warum die jetzt auftaucht.
Fazit: Hier wird die Schwarz-Weiß-Sicht auf das Leben großartig in Frage gestellt. Hat uns super duper gut gefallen diese Vielschichtigkeit in Kombination mit der Spannung.

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Veröffentlicht am 30.03.2021

Literarisch off the beaten tracks

Die Optimistin
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Treffen ein türkischstämmiger Nerd nach der Flucht von seiner eigenen Hochzeit und eine alte Dame in einem Altersheim zusammen. Die alte Dame beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen.
So beginnt kein ...

Treffen ein türkischstämmiger Nerd nach der Flucht von seiner eigenen Hochzeit und eine alte Dame in einem Altersheim zusammen. Die alte Dame beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen.
So beginnt kein Witz, sondern das ist der Anfang von Timo Bluncks neustem Roman ‚Die Optimistin‘, der herrlich erfrischende Lesestunden beschert! Toygar hat in einer Altenresidenz an der Ostsee bei Charlotte Keller einen Unterschlupf gefunden. Denn er sollte eigentlich durch missliche Umstände eine Frau heiraten, die er bis dato nicht kannte. Charlotte freut sich über den unerwarteten Gast und lauscht zunächst Toygar wie er in diese Situation geriet, um dann selbst über ihr Leben zu erzählen.
Aber keine Sorge! Die Dame hat die historischen Fakten präsent, aber ihre eigenen scheinen da ab und an mit ihr durch zu gehen. Was das Ganze absurd und urkomisch macht. Und zum Glück ist Toygar auch sattelfest mit den Fakten und fragt öfters mal nach.
Dynamik erhält der ganze Text in dem nicht nur Charlotte ihr Leben zum Besten gibt, sondern auch parallel die Suche nach dem Bräutigam stattfindet durch drei Brüder der Brautfamilie, die etwas an der Nase herumgeführt. Dieser Strang hat einen leicht klamaukhaften Touch.
In der Kombination kurzweilig, da der Gegenwartsstrang Toygar immer mehr auf die Spur kommt und weil Charlotte zwar ihre fantasievolle Lebensgeschichte erzählt, aber durch die Geschichte rast und scheinbar überall mitgemischt hat! Wiederaufbau, Beatles, RAF, DDR….
Der Roman enthält Unmengen an Referenzen zu Songs und Filmen. Wer also Film und/oder Musikliebhaber ist, sollte dieses Buch definitiv lesen! Da ich eher der Gattung Leseratte angehöre, konnte ich nicht mit allem was anfangen, aber mit dem meisten und las einfach drüber hinweg, wenn unbekannt. Schadete dem Lesefluss nicht.
Nicht nur die Geschichte ist kreativ, auch hat der Autor sich einen interessanten didaktischen Kniff überlegt und einzelne Sätze oder Satzfetzen zu Überschriften erkoren, aber im Endeffekt ist es der Fließtext selbst.
Das gedruckte Buch ist auch genial, denn das Cover hat keinen klassischen Schutzumschlag sondern es ist direkt auf das Buch gedruckt mit Prägedruck. Viel besser als immer diese anachronistischen Umschläge! Sollte es vielmehr geben.
Fazit: Lasst doch die älteren Generationen auch mal ausreden und hört einfach zu. Nicht immer nur die alten Kamellen von gestern gibt es zu hören, wer länger horcht, erfährt viel mehr und erkennt, dass die Alten von heute die Jungend von gestern waren und es nicht immer einfach war.

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