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Veröffentlicht am 06.04.2021

Ein Buch, das Mut und Hoffnung macht

Botschaften an mich selbst
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Inhalt:
Emilie Pine schreibt über sich und ihre tiefsten menschlichen und weiblichen Erfahrungen. Erfahrungen, die so viele Frauen und weiblich gelesene Menschen im 21. Jahrhundert machen und Erfahrungen, ...

Inhalt:
Emilie Pine schreibt über sich und ihre tiefsten menschlichen und weiblichen Erfahrungen. Erfahrungen, die so viele Frauen und weiblich gelesene Menschen im 21. Jahrhundert machen und Erfahrungen, die schmerzlich sind, aufrüttelnd und hoffnungsvoll. In sechs Essays kehrt sie ihr Innerstes nach aussen und lässt uns Leser*innen teilhaben an ihren Erlebnissen und Erkenntnissen, ihrem Schmerz, ihrem Glück, ihrem Mut und ihrer Stärke.

Meine Meinung:
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen besseren Zeitpunkt gibt "Botschaften an mich selbst" zu lesen, als unmittelbar direkt nach der Lektüre von "Frühlingserwachen". Im zweiten Essay "Babyjahre" spätestens hatte ich das Gefühl, zwei sehr ähnlichen Ansätzen mit komplett unterschiedlicher Umsetzung zu begegnen. Darin beschreibt Pine die erfolglosen Versuche, ein Kind zu zeugen und erzählt auf eindringliche Weise von der Schwangerschaft ihrer Schwester, die im neunten Monat mit einer Totgeburt endete. Weitere Essays beschreiben sexuelle Gewalt, den Hass auf den eigenen (weiblichen) Körper, Scheidung, Burn-out und Abhängigkeit und hängen auch damit unmittelbar mit den Themen in "Frühlingserwachen" zusammen. Während Isabelle Lehns Roman allerdings autofiktional ist, schreibt Emilie Pine von ihren persönlichsten Erfahrungen. Obwohl die Sprache dabei fast nüchtern wirkt, schafft sie es, zu berühren. Bereits im ersten Essay, in denen Pine über ihren alkoholkranken Vater schreibt, sind bei mir die Tränen gekullert. Auch gegen Ende des Buches, das Emilie Pine als Universitätsprofessorin zeigt, die jungen Menschen Mut macht und immer noch täglich gegen sexistische Windmühlen kämpfen muss, hat sie besonders bewegende, (selbst-)kritische und aufrüttelnde Worte gefunden, die stärken, anspornen und Hoffnung machen.

Schreibstil:
Pine schafft es, mit wenigen Worten, Stimmungen zu erzeugen, die Gänsehaut hervorrufen. Ich habe mit ihr um das Leben ihres Vaters gebangt, die Daumen für einen positiven Schwangerschaftstest gedrückt und hätte ihr Teenager-Ich am liebsten in den Arm genommen. Schlicht, klar und genau deshalb äusserst eindringlich, lässt sie den tiefsten Schmerz, die grössten Verletzungen in ihre Sprache hinein und schafft es mit und durch diese Essays dennoch, eine Art Versöhnung mit sich selber und ihrem Frausein, ihrer Geschichte und Entwicklung zu feiern.

Meine Empfehlung:
"Botschaften an mich selbst" ist ein absolutes Highlight. Ein Buch, das Mut macht, tröstet, das bewegt und schockiert, aber auch immer wieder einen Weg und einen Hoffnungsschimmer aufzeigt. Ich empfehle euch allen dieses Buch wärmstens und von Herzen weiter.

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  • Erzählstil
Veröffentlicht am 26.03.2021

Bewegend, grausam und sprachgewaltig

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
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Inhalt:
Eine schwarze Familie an der Golfküste von Mississippi, Jojo, der sich um seine noch sehr junge Schwester kümmert, und ihre Grosseltern Mam und Pop, bei denen die beiden leben. Mam ist schwer an ...

Inhalt:
Eine schwarze Familie an der Golfküste von Mississippi, Jojo, der sich um seine noch sehr junge Schwester kümmert, und ihre Grosseltern Mam und Pop, bei denen die beiden leben. Mam ist schwer an Krebs erkrankt und kann sich auch mit ihrem eigenen Wissen über die Welt der Pflanen und Geister nicht mehr heilen, Pop zieht sich immer mehr in sich selber zurück, weil er ein schreckliches Geheimnis mit sich herumträgt, das ihn bis in seine Träume verfolgt.
Leonie, die Mutter der Kinder, ist stets unterwegs und arbeitet in einer Bar, um sich ihre Drogeneskapaden zu finanzieren. Manchmal scheint es, als würde sie ihre Kinder ein wenig vergessen und manchmal sieht sie, wenn sie high ist, ihren verstorbenen Bruder, der mit Trost und Vorwürfen schnell zur Hand ist.
Als Leonie ihre beste Freundin Misty und ihre beiden Kinder ins Auto packt, um die weite Reise zur Parchman Farm, dem staatlichen Gefängnis, anzutreten und dort Michael, den weissen Vater ihrer Kinder abzuholen, zeigt sich, wie sehr Armut, Rassismus, Schuld, Liebe, Verlust, Verachtung, Würde und Hoffnung die Menschheit prägen und ihr Schicksal im Guten und vor allem auch im Schlechten mitbestimmen.

Meine Meinung:
Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, wie sehr mich dieses Buch berührt und mit seiner wuchtigen und zugleich sanften Sprache für sich eingenommen hat.
Sprachliche Bilder und formvollendet auf den wunden Punkt treffende Beschreibungen haben mich mitgerissen und begeistert. Besonders gut gefallen hat mir, wie das Wissen von Mam um die Pflanzenheilkunde und die Geistwelt integriert worden ist. Dieses selbstverständliche Einbinden der verschiedenen Wesen und Mächte, welche die Protagonisten umgeben, hat mich ein wenig an das Buch "Unter dem Frangipanibaum" erinnert, das ich euch ebenfalls sehr ans Herz lege.
Obwohl Mam diese spezielle Gabe aber eingesetzt und sich selber behandelt, hat sie irgendwann keine Kraft mehr, gegen den Krebs anzukämpfen. Sie hat alles versucht, um Leonie ihr Wissen weiterzugeben, aber diese hat nicht alles aufnehmen können und wollen. Dafür hat Jojo die Gabe. Er sieht und spürt, was um ihn herum vorgeht, versteht die Tiere und Pflanzen und sieht, aber auch Leonies verstorbenen Bruder Given und den zwölfjährigen Richie, der damals mit Pop gemeinsam auf der "Parchman Farm" gefangengehalten wurde.
Die Geschichte, die Pop mit Richie verbindet, ist so unvorstellbar grausam, dass Pop sie Jojo nur in ganz kleinen Happen erzählt und diese Geschichte, die zuerst wie ein parallel zur Handlung ablaufender Nebenstrang erscheint, entpuppt sich nach und nach als Rahmenhandlung, die alle anderen Figuren umgibt und sowohl miteinander verbindet, als auch voneinander trennt. Durch all diese Grausamkeiten hindurch, habe ich mich vom Buch an der Hand genommen gefühlt und wenn "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt", mir eines gezeigt hat, dann dass es am Ende immer Hoffnung und Licht geben kann, wenn man aufeinander aufpasst, seine Lieben ganz fest hält und auf seine eigenen Stärken vertraut.

Jojo:
Diese Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt und dabei habe ich Jojo am meisten in mein Herz geschlossen. Er wird ein wenig zur Hauptfigur, weil er es ist, welcher die Fäden innerhalb der Familie zusammenhält, weil er seine kleine Schwester Kayla liebevoll und einfühlsam betreut und behütet und weil er als einziger Zugang zu Pop und dessen Gefühls- und Gedankenwelt hat. Weil er sich Zeit nimmt, seine Gabe nutzt und mit seiner jungen und reinen Seele und seinem grossen und liebevollen Herz versucht, stets das Richtige zu tun. Die Gespräche, die Jojo mit Pop führt und die grosse Achtung, die Jojo seinem Pop entgegenbringt, haben mich tief berührt und sind etwas vom Schönsten und Bewegendsten, das mir je in einem Buch begegnet ist.

Meine Empfehlung:
"Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" erzählt die Geschichte einer Familie, die täglich mit Armut und Rassismus konfrontiert ist und dabei stets droht, zu zerbrechen, aber von Jojo und Pop mit aller Kraft zusammengehalten wird. Die Sprache ist roh, wuchtig und überwältigend, die Handlung brutal, grausam und manchmal kaum auszuhalten und trotzdem strahlt dieses Buch eine Zuversicht und Wärme aus, die Hoffnung macht. Ich bin immer noch ganz überwältigt und empfehle euch diesen Schatz von ganzem Herzen weiter.

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Veröffentlicht am 21.03.2021

Grandios, packend und poetisch

Fang den Hasen
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Inhalt:
Sara spaziert gerade durch ihre neue Heimat Dublin, als ein Anruf von Lejla sie zwölf Jahre in die Vergangenheit katapultiert. "Armin ist in Wien", sagt Lejla und bitte Sara, nach Mostar zu reisen. ...

Inhalt:
Sara spaziert gerade durch ihre neue Heimat Dublin, als ein Anruf von Lejla sie zwölf Jahre in die Vergangenheit katapultiert. "Armin ist in Wien", sagt Lejla und bitte Sara, nach Mostar zu reisen. Von dort aus soll sie Lejla nach Wien fahren. Zu Armin, Lejlas Bruder, der in den Neunzigerjahren aus Jugoslawien verschwunden und seither nicht mehr gesehen worden ist. Sara weiss nicht, wie ihr geschieht, aber sie stimmt zu und durchlebt die Geschichte ihrer ehemaligen Heimat, die mittlerweile genau so zerfallen ist wie ihre Familie, noch einmal schmerzlich. An ihrer Seite Lejla, die wilde junge Frau und die toxische Freundschaft, die auch immer irgendwie mitfährt durch das dunkle Bosnien, in dem es auch am Tag nicht richtig hell wird.

So bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden:
Ich bin so froh, dass Saša Stanišić - der Autor von HERKUNFT (wer dieses Buch noch nicht gelesen hat, soll das unbedingt nachholen) - auf "Fang den Hasen" aufmerksam gemacht hat. Und ich bin so froh, dass ich bei der Lektüre von "Fang den Hasen" einige mir bekannte Orte in Bosnien besuchen durfte, die ich nun schon seit mehr als ein Jahr nicht besuchen konnte (HIER seht ihr die Wasserfälle von Jajce, Bilder von Mostar habe ich leider keine für euch).

Meine Meinung:
Aber es geht nicht um die Orte, es geht um die Stimmung, die Versprechungen, Verletzungen, Vorwürfe und die Bilder, die auftauchen um aus einer Zeit zu berichten, in denen Menschen ihren Namen ändern mussten, um ihr Leben zu retten. Wie die Bosniakin Lejla, die somit nur noch für Sara "Lejla" ist, aber für niemanden sonst. Genau so wie der Name, ist auch ihre Geschichte, die Geschichte ihrer Freundschaft, vor zwölf Jahren konserviert worden, aber ihre Erinnerungen sind es nicht. Sie haben sich angepasst an die Begebenheiten und das neue Leben, stimmen nicht mehr überein und sorgen für Vorwürfe und Unverständnis. Was ist es denn, das bleibt, wenn alles auseinanderfällt, wenn Personen verschwinden? Ein Bruder, ein Sohn, eine Familie, eine Heimat, ein Land, ein Gefühl, ein Hase? Was bleibt, wenn das Vergangene sich nicht in Worte fassen lässt, weil es keine Worte gibt, um das Unaussprechliche zu beschreiben? Lana Bastašić löst das, in dem sie nicht "be-", sondern "um-"schreibt. Poetisch und packend, humorvoll und hektisch und träge zugleich webt sie eine Geschichte, die dichter und dichter wird, die ein Roadtrip durch Bosnien und die Geschichte der Protagonistinnen und ein Coming-of-Age-Roman, eine Liebesgeschichte und eine Chronik ist, in der das Licht die Zukunft ist und die Dunkelheit die Gegenwart. Während Sara von Anfang an besonnen scheint, vernünftig, aufopfernd, beschönigend, ist Lejla die Rebellin, welche aufbegehrt und provoziert, welche Gefühle wie Schmerz und Leid auch einfach einmal zulassen will. Aber je länger die Geschichte dauert, desto mehr verschwimmen die Grenzen von Schuld und Verantwortung. Desto undurchdringbarer webt Lana Bastašić die unsichtbaren Fäden dieses Netzes, das Lejla und Sara zugleich aneinanderfesselt und voneinander trennt. Sie tut dies mit treffenden, zarten, heftigen und starken Worten und hat mit "Fang den Hasen" ein grossartiges Stück Literatur geschaffen, das Lust auf mehr macht.

Meine Empfehlung:
Lest dieses Buch, taucht ein in diese düstere Stimmung, gönnt euch die Melancholie, die poetischen, fesselnden Bilder, die kraftvollen Worte, die mir den Boden unter den Füssen genommen, mich wie ein Schnellzug überfahren und gleichzeitig auf einer Welle der schönen Formulierungen haben reiten lassen. Ich bin mir sicher, dass wir noch viel von Lana Bastašić hören (lesen) werden.

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Veröffentlicht am 25.02.2021

Einfühlsam und mit viel Leichtigkeit und Liebe erzählt

Der Blumenladen der guten Wünsche
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Inhalt:
Charlotte hat sich ihr Leben eigentlich anders vorgestellt und von Vernissagen an der Seite ihres Partners und einem Leben in der Grossstadt geträumt. Nun ist sie zurück in ihrer Heimat und steht ...

Inhalt:
Charlotte hat sich ihr Leben eigentlich anders vorgestellt und von Vernissagen an der Seite ihres Partners und einem Leben in der Grossstadt geträumt. Nun ist sie zurück in ihrer Heimat und steht vor dem Scherbenhaufen, den ihre Oma ihr hinterlassen hat. Der Blumenladen, den Charlotte bunt, duftend und einladend in Erinnerung hatte, ist komplett heruntergekommen, der Gärtner Knut wirkt abweisend und die Verkäuferin Sheela taucht gar nicht erst auf. Soll sich Charlotte wirklich in dieses Abenteuer stürzen und das Geschäft übernehmen oder doch lieber verkaufen? Zum Glück kann sie auf die Hilfe ihrer besten Freundin Sarah, auf alte Kontakte und die Bücher ihrer Grossmutter zählen. Darin finden sich wertvolle Hinweise zur Deutung der Sprache der Blumen, mit deren Hilfe Charlotte lernt, an sich selber zu glauben und spannende und romantische Verkaufskonzepte entwickelt.

Meine Meinung:
Gerade bin ich wieder sehr viel unterwegs und lese ziemlich anspruchsvolle Literatur, habe aber nicht immer den Kopf und die Energie dafür und wollte deshalb ein paar Frühlingsgefühle hier einziehen lassen. Auf das Buch "Der Blumenladen der guten Wünsche" bin ich bei Martina vom Blog Martinas Buchwelten entdeckt. Martina stellt für jeden Monat einen tollen und ausführlichen Neuerscheinungs-Post zusammen und ich stöbere so gerne bei ihr, lasse mich inspirieren und merke mir das eine oder andere Buch vor. "Der Blumenladen der guten Wünsche" hat mich von der ersten Seite an für sich eingenommen. Ich liebe Blumenläden und Bücher darüber (und Buchhandlungen und Bücher darüber) und tauche so gerne in die Welt einer Ladenbesitzerin ein, die sich ihr eigenes Geschäft/Geschäftsmodell aufgebaut hat. Charlotte war mir von Anfang an total sympathisch und es hat mich sehr gefreut, dass auch ihre Zweifel und Ängste stimmig eingebunden werden und dass ihre Freundin Sarah ihr so wundervoll zur Seite steht und dass das Auftauchen eines alten Bekannten für Schmetterlinge im Bauch sorgt...

Schreibstil:
Dieses Buch hat richtig Lust darauf gemacht, durch Frühlingswiesen zu streifen, zu gärtnern, in Blumenläden zu stöbern und mit lieben Freunden ein gutes Glas Wein zu geniessen. Es hat für Wärme, Sonne und ein wenig Romantik gesorgt und ich habe es innerhalb eines einzigen Tages verschlungen und mich anschliessend einen ganzen Vormittag lang meinen Balkongarten auf- und umräumen und putzen, meine Pflanzenplanung machen und ein paar Schützlinge umtopfen und vorziehen lassen. Der Frühling kann kommen und dieses Buch hat auch in mir für ein wenig Frühling gesorgt.
Für diese Gefühle ist der liebevoll erzählende, einfühlsame und auch sehr detaillierte Schreibstil verantwortlich. Es gelingt der Autorin Lena Hofmeister wissenswerte und spannende Details zu den beschriebenen Pflanzen und herzerwärmende, skurrile Begegnungen im Blumenladen mit Kundinnen und Kunden, sowie mit Sheela und Knut zu einer unterhaltsamen und leichten Geschichte zu verknüpfen und ich hätte gerne noch lange weitergelesen. Trotzdem schimmert auch durch, wie schwer Charlotte dieser Neuanfang fällt und wie sehr ihr ihre Oma fehlt.

Meine Empfehlung:
Ich empfehle "Der Blumenladen der guten Wünsche" sehr gerne an alle weiter, die auch ein wenig Leichtigkeit, Sonne und Frühling im Kopf und Herzen gebrauchen können und auf der Suche nach einer liebenswert und einfühlsam erzählten Geschichte mit Tiefgang sind.

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Veröffentlicht am 15.01.2021

Poetisch, kritisch und eine Liebeserklärung an die Literatur und das Erzählen

Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
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Inhalt:
Zwei Freunde, Luo und der namenlose Ich-Erzähler, werden zur Zeit der chinesischen Kulturrevolution zur "kulturellen Umerziehung" in die Berge geschickt, wo sie mit einfachen Bauern zusammenleben ...

Inhalt:
Zwei Freunde, Luo und der namenlose Ich-Erzähler, werden zur Zeit der chinesischen Kulturrevolution zur "kulturellen Umerziehung" in die Berge geschickt, wo sie mit einfachen Bauern zusammenleben und schwerste Arbeit verrichten müssen. Es kommt aber, dass sie das Vertrauen des Laobans gewinnen können und dabei das Privileg erlangen, einmal im Monat in die nächste Stadt zu reisen, dort einen Film zu sehen und diesen dann der Dorfbevölkerung im Detail zu erzählen. Während ihren Ausflügen in die Stadt verliebt sich Luo in eine junge Schneiderin und gleichzeitig entdecken die beiden Freunde, dass der Brillenschang, der ebenfalls zur Umerziehung im Dorf ist, verbotene Bücher bei sich versteckt. Fortan sind es die Bücher, welche die beiden Freunde besitzen wollen. Mit ihnen - so hoffen sie - können sie die kleine Schneiderin für sich einnehmen und sich zudem Literatur erschliessen, die ihnen bis anhin verwehrt geblieben ist.

Meine Meinung:
Dai Sijie ist mir seit "Der kleine Trommler" ein Begriff und doch sind Jahre vergangen, bis ich zu einem weiteren Buch von ihm gegriffen habe. "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" habe ich erst gerade im Oktober im offenen Bücherschrank entdeckt, es lag also nur ganz kurz bei mir auf dem SuB, aber ich wollte es unbedingt sofort befreien und das war eine sehr, sehr gute Entscheidung. Das Buch hat mich gefesselt, mir enorm gut gefallen und mich mit seiner Geschichte, in der es um eine starke Liebe und eine noch stärkere Freundschaft geht in seinen Bann gezogen.

Handlung:
Luo beim Versuch zu beobachten, der jungen Schneidern, die keine schulische Bildung genossen hat, aber um so lebenstauglicher ist, die Werke der westlichen Literatur näherzubringen, hat bei mir immer wieder Erinnerungen an "Pygmalion" von George Bernhard Shaw heraufbeschwört (wer das Buch nicht kennt, vielleicht kennt ihr ja "My Fair Lady"). Auch dort nimmt sich ein gebildeter Mann einer weniger gebildeten Frau an, um sie - voller bester Absicht aber natürlich komplett sexistisch - in seine Klasse der Gesellschaft einzuführen und das "Experiment" verläuft anders als geplant, weil Pygmalion plötzlich beginnt, eigene Entscheidungen zu treffen.
In Dai Sijies Roman kommen aber noch zwei weitere Komponenten hinzu, welche diese Geschichte um so spannender und liebenswerter machen: erstens spielen die politische Situation, das Verbot gewisser Literatur und die um so grössere Sehnsucht nach Büchern, Bildung und Unabhängigkeit eine grosse Rolle und zweitens steht Luo nicht alleine da, sondern hat seinen besten Freund an seiner Seite. Dieser ich-Erzähler ist es auch, der Luo stets den Rücken frei hält und seine Geschichten so feinfühlig und aufmerksam, aber auch humorvoll und (selbst-)kritisch erzählt, dass man ihm gerne noch viel länger "zuhören" und ewig in diesem Buch lesen möchte.

Meine Empfehlung:
"Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" hat mich berührt und in eine ganz andere Zeit und an einen fernen Ort entführt. Gerade jetzt, wo grössere Reisen nicht möglich sind, habe ich diese Reise nach China enorm geschätzt. Dai Sijie hat mit diesem Werk einen Roman geschaffen, der nicht nur gesellschaftskritisch ist, sondern auch eine enorme Liebeserklärung an die Literatur und Kultur, das Lesen und Erzählen beinhaltet und zudem eine zarte Liebesgeschichte erzählt und eine starke Freundschaft thematisiert. Von mir gibt es dafür eine sehr herzliche Leseempfehlung.

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