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Veröffentlicht am 12.04.2021

Ein poetischer, leiser Roman über das Klavierstimmen und das Leben selbst

Der Klang der Wälder
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Wer „Der Klang der Wälder“ von Natsu Miyashita nur wegen des bezaubernd gestalteten Buchumschlags gekauft hat, dem kann ich nur sagen: Richtig so! So poetisch, ruhig und beinahe sphärisch, wie das Cover ...

Wer „Der Klang der Wälder“ von Natsu Miyashita nur wegen des bezaubernd gestalteten Buchumschlags gekauft hat, dem kann ich nur sagen: Richtig so! So poetisch, ruhig und beinahe sphärisch, wie das Cover gestaltet ist, so entfaltet sich auch die Geschichte um den angehenden Klavierstimmer Tomura.

Tomura ist in den Bergen aufgewachsen und entscheidet sich nach dem Schulabschluss scheinbar aus dem Blauen heraus für eine Ausbildung als Klavierstimmer, obwohl er das Instrument in seinem Leben nie zuvor berührt hat. Was ihn treibt, ist die Suche nach dem „Klang der Wälder“, dem idealen Klang, der in seinem Kopf die Bergwälder seiner Heimat zum Leben erweckt.

Miyashitas Roman ist ein Buch der leisen Töne: ruhig und persönlich erzählt, unaufgeregt und voller Poesie. Tomura lernt in seiner Ausbildung viel über das Klavierstimmen, aber auch viel über das Leben – die Kunst des Aufgebens zum Beispiel und die Macht individueller Wahrnehmung. Dabei kommt der Roman völlig ohne große Gesten aus: keine große Liebe, keine großen Träume, keine Ausnahmetalente. Ein Roman über das Leben in seiner Alltäglichkeit, die häufig verborgene Schönheit in sich trägt.

„Der Klang der Wälder“ ist ein außergewöhnlich erzähltes Buch über einen gewöhnlichen Menschen – und darin liegt sein Zauber.

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Ein bewegtes Leben, erzählt in Momentaufnahmen

Es könnte so einfach sein
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Das Autorinnen-Duo, das sich hinter dem Pseudonym Anne Handorf verbirgt, hat mit „Es könnte so einfach sein“ einen Roman geschaffen, der oft bewegt, manchmal wütend macht und hier und da ein kleines bisschen ...

Das Autorinnen-Duo, das sich hinter dem Pseudonym Anne Handorf verbirgt, hat mit „Es könnte so einfach sein“ einen Roman geschaffen, der oft bewegt, manchmal wütend macht und hier und da ein kleines bisschen zu sehr auf der Metaebene verweilt. Ein Buch über eine Frau mit einem festen Willen und tief sitzendem Ehrgeiz, die zumindest für mich (trotz ihrer Fehler) definitiv ein Vorbild sein könnte.

Vera ist Autorin und arbeitet an ihrem letzten Roman vor der Rente. Es soll ein Buch werden über eine Frau mit frisch diagnostizierter Krebserkrankung, die auf eine große Feier hinlebt – während Veras eigene Feier zum 65. Geburtstag kurz bevorsteht. An diesem Tag soll das Buch fertig sein, aber Vera ist blockiert aufgrund eines Familienkonflikts. Nach und nach reflektiert sie während dem Schreiben (oder auch dem Nicht-Schreiben) ihre eigene Biografie: wie sie als Sekretärin in einem Verlagshaus durch Zufall dazu kam, Heftromane zu schreiben, wie sie um jeden Auftrag kämpfen musste, immer und immer wieder, und wie sie jahrelang hinter einem männlichen Pseudonym verborgen bleiben musste, weil die Öffentlichkeit angeblich keine Bücher von Frauen lesen wolle.

Veras Geschichte ist letztlich eine Erfolgsgeschichte, aber eine, die jede Hürde auf dem Weg zu diesem Erfolg klar offenlegt. Als moderne Leserin um die 30 macht es fassungslos und wütend zu lesen, wie Vera sich ihre erste Arbeitsstelle von ihrem Mann (übrigens ein absolut feiner Kerl!) absegnen lassen musste, wie sie nur durch Zufall zu ihrem eigenen Konto kam, wie Gewinnbeteiligung ausblieb und stattdessen gönnerhaft Likörflaschen überreicht wurden. Vera hat sich in einer Männerwelt durchgebissen, und dafür verdient sie höchsten Respekt. Gleichzeitig zeigt das Buch aber auch die Vielschichtigkeit der Figur: Es legt schonungslos Veras Fehler im persönlichen Bereich offen, zeigt ihre Unsicherheit und mal auch ihr Versagen. Allein diese Lebensgeschichte hätte gereicht, um ein überzeugendes Buch zu füllen, aber die Autor
innen haben sich damit nicht begnügt, sondern noch das „Buch im Buch“ über diese Erinnerungen gelegt, und an diesen Stellen bin ich beim Lesen immer ein wenig ausgestiegen. Meines Erachtens hätte es nämlich nicht die vielen Versatzstücke aus Veras entstehendem letzten Roman gebraucht – oder zumindest nicht in dieser Ausführlichkeit. Hier hat sich „Anne Handorf“ vielleicht ein wenig verkünstelt mit ihrem Buch über das Schreiben.

Insgesamt ist „Es könnte so einfach sein“ ein eindrückliches Buch, eine Art fiktionale Biografie einer Frau, wie es sie in Deutschland durchaus gegeben haben könnte. In der Hauptfigur Vera vereint sind die Mühen und Kämpfe so vieler Frauen, die sich immer noch einen weiteren Stein aus dem Weg räumen mussten, um ihre Ziele zu erreichen.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Ein wilder Ritt: blutig und voller schwarzem Humor

Ein kleines Lied über das Sterben
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Auf den ersten Blick mag „Ein kleines Lied über das Sterben“ von Timo Blunck aussehen wie ein humorvolle Regionalkrimi, aber Achtung: Hier geht es ganz schön finster zu! Das Buch spart nicht an abgründigem ...

Auf den ersten Blick mag „Ein kleines Lied über das Sterben“ von Timo Blunck aussehen wie ein humorvolle Regionalkrimi, aber Achtung: Hier geht es ganz schön finster zu! Das Buch spart nicht an abgründigem Humor, Blut und Nacktheit, also seid gewarnt. Wer darauf Lust hat, den erwartet jedoch ein Heidenspaß – oft ein bisschen drüber, aber wahnsinnig humorvoll, oft spannend und teilweise überraschend emotional.

Die Hauptfiguren: ein koksender Ex-Polizist, eine kettensägenschwingende Kannibalin und ein rumänischer Straßenhund. Zutaten für ein herrlich absurdes Krimi-Abenteuer, in dem die Leichen nur so links und rechts zu Boden fallen. Dieser Roman ist kein klassischer Ermittlerkrimi, denn die Antagonistin wird schon auf den ersten Seiten vorgestellt. Stattdessen handelt es sich um ein irrsinniges Katz-und-Maus-Spiel, in das Protagonist Tom mehr zufällig hineinstolpert. Stets an seiner Seite: eine wichtige Mordzeugin, die Hündin Knef, die sich mehr und mehr zur stillen Heldin des Romans mausert und mit ihrer Perspektive ein emotionales Gegengewicht zu dem ganzen Blut und Gesplatter darstellt.

Wenn man diesem Krimi etwas vorwerfen kann, dann ist es, dass es ganz schön viele Zufälle gibt. Viele Entwicklungen in den Ermittlungen sind somit kein Ergebnis cleverer Gedankengänge, sondern eben von Zufallsbegegnungen. Das sorgt dafür, dass in der Ermittlung selbst wenig Spannung steckt. Stattdessen bekommen die Mordszenen jede Menge Raum, was mitunter voyeuristisch wirken und ein wenig zu viel des Guten werden kann – zumal ja bereits von Anfang an klar ist, wer da mordet. Man muss aber fairerweise zugeben, dass das Buch auch nie vorgibt, ein Ermittlerkrimi zu sein. Eigentlich ist es ein Guy-Ritchie-Film in Buchform, und darin ist es verdammt gut. Es gibt viel zu lachen, und der Roman enthält überraschend viel Repräsentation von Vielfalt, mit der das Buch respektvoll umgeht: einen bisexuellen Protagonisten, eine Schwarze Schutzpolizistin und mehr als einmal auch ein Gendersternchen. Gerade diese reflektierten Aspekte sorgen dafür, dass „Ein kleines Lied über das Sterben“ nicht zum Exploitation-Machwerk verkommt, sondern auch immer wieder klare Positionen bezieht und kluge Kommentare zur gegenwärtigen Lage der Nation abgibt.

Kurzum: Timo Bluncks schwarzhumoriger Krimi ist ein Fest für alle, die das Absurde und Düstere lieben und vor Sex und Gewalt nicht zurückschrecken. Dabei schießt das Buch zwar manchmal übers Ziel hinaus, kippt aber trotzdem nie gänzlich ins Plumpe.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Eine phantastische Reise mit vielen stillen Zwischentönen

Water Moon
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„Watermoon“ von Samantha Sotto Yambao entzieht sich ein Stück weit klassischen Genre-Zuordnungen: Es ist zugleich ein Fantasy-Roman, eine Liebesgeschichte und ein philosophisches Werk über Themen wie Selbstbestimmung ...

„Watermoon“ von Samantha Sotto Yambao entzieht sich ein Stück weit klassischen Genre-Zuordnungen: Es ist zugleich ein Fantasy-Roman, eine Liebesgeschichte und ein philosophisches Werk über Themen wie Selbstbestimmung und Schicksal. Je nach persönlichem Geschmack enthält das Buch also Häppchen für viele Arten von Lesenden – und ist darin vielleicht ein wenig zu breit aufgestellt, um alle zufriedenzustellen.

Protagonistin Hana führt ein Pfandhaus, in dem Menschen ihre bereuten Entscheidungen abgeben und sich somit davon befreien können. Das Pfandhaus gehört zu einer phantastischen Parallelwelt, die kaum ein Mensch aus der Realität je zu sehen bekommen hat. Als Hanas Vater unter mysteriösen Umständen verschwindet, will Hana sich auf die Suche nach ihm machen und bekommt dabei unverhofft Unterstützung von dem brillanten Wissenschaftler Keishin, der zufällig gerade in diesem Moment ins Pfandhaus gestolpert kommt.

Hana nimmt Keishin mit in ihre Welt, die voller Paradoxe und Unmöglichkeiten ist: Ein Sprung in einen Teich teleportiert an andere Orte, die Zeit lässt sich falten, ein Lied kann ein Schiff über einen Ozean tragen … Dieses Buch steckt voller phantastischer Ideen, über die man beim Lesen nur staunen kann. Zugleich ist Hanas Welt keine schöne, friedliche Welt: Schreckensgestalten verfolgen die beiden, verlorene Kinder rufen von unter der Erde, in einem Museum werden die schlimmsten Fehlentscheidungen der gesamten Menschheit aufbewahrt. Yambao erzählt all das auf eine sehr ruhige, oftmals auch poetisch-philosophische Weise. Trotz der vielen Gefahren, denen Hana und Keishin begegnen, wird das Buch niemals actiongeladen oder hektisch. Dieser ruhige Erzählstil trägt zur unwirklichen Atmosphäre von „Watermoon“ bei, die sehr eigen und gerade dadurch reizvoll ist.

Einige Aspekte des Buchs sind jedoch auch weniger gelungen: Die häufigen Sprünge von einem phantastischen Szenario zum nächsten wirken zum Teil etwas abgehackt, als hätte die Autorin versucht, möglichst viele ihrer (wirklich wundervollen!) Ideen im Buch unterzubringen, ohne sich zu fragen, ob dafür noch genug Platz ist. So graben sich manche Ideen gegenseitig das Wasser ab. Auch die unvermeidliche Liebesgeschichte zwischen Hana und Keishin konnte zumindest mich nicht überzeugen, wurde das Trope von „Liebe auf den ersten Blick“ doch arg überstrapaziert. Gerade Keishins Beweggründe, Hana zu helfen, bleiben sehr oberflächlich und dadurch oftmals unglaubwürdig.

Insgesamt ist „Watermoon“ jedoch ein Buch voller Zauber, Phantastik und dem ein oder anderen gut platzierten Gruselmoment. Es entführt wahrhaftig in eine völlig andere Welt, in die man sich als Leserin einfach hineinfallen lassen kann. Das ideale Buch für ein wenig Realitätsflucht!

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Veröffentlicht am 04.11.2024

Ein bewegender Roman über Leidenschaft und die Verwobenheit menschlicher Schicksale

Das große Spiel
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In „Das große Spiel“ zeichnet Autor Richard Powers mit Prägnanz und Poesie die Biographien mehrerer Menschen nach, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch tief miteinander verbunden sind. Der ...

In „Das große Spiel“ zeichnet Autor Richard Powers mit Prägnanz und Poesie die Biographien mehrerer Menschen nach, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch tief miteinander verbunden sind. Der Roman beschäftigt sich vorrangig mit den Leidenschaften seiner Figuren und Fragen von Herkunft, Zugehörigkeit und Menschlichkeit.

„Das große Spiel“ ist eines dieser Bücher, bei denen eine Inhaltsangabe schwerfällt: Mehrere parallele Handlungsstränge leiten durch den Roman, die alle miteinander verknüpft zu sein scheinen, deren Verknüpfung aber nicht auf den ersten Blick offenbar wird. Ein todkranker Tech-Mogul, der auf sein Leben und sein Schaffen zurückblickt, in erster Linie aber an seinen ältesten, entfremdeten Freund zurückdenkt, mit dem er eine große Leidenschaft teilte: das Go-Spiel. Eine Meeresforscherin, die ihren Beruf gegen alle Widerstände der sexistischen Nachkriegsgesellschaft auslebt. Eine Insel im Pazifik, die mit ihrem kolonialen Erbe ringt. All diese Geschichten stehen für sich, sind bewegende und tiefgehende Biographien aus sich selbst heraus. Aber sie gehören auch zusammen, und das ist das eigentlich Beeindruckende an diesem Roman.

Richard Powers ist mit „Das große Spiel“ ein flammendes Plädoyer für menschliche Leidenschaft gelungen. Die Geschichten seiner Figuren zeigen, welch kraftvollen Antrieb echte Leidenschaft darstellen kann, aber auch, welches zerstörerische Potenzial ihr innewohnt. Gerade die Geschichte um die zerbrechende Freundschaft von Internet-Billionär Todd Keanes und Rafi, seinem Freund aus Jugendtagen, ist zugleich wunderschön, berührend und schmerzhaft realitätsnah. Dieses Konzept der Leidenschaft kontrastiert Powers immer wieder mit dem technologischen Fortschritt, repräsentiert durch Todd und seinen Drang zur Innovation und Automatisierung. Über den Biographien dieser Menschen liegt also wie ein dünner Schleier stets auch die Frage danach, was echte Menschlichkeit ausmacht. All dies stellt Powers in einer bildhaften, kraftvollen Sprache dar, wobei seine Schilderungen nicht ganz ohne Längen bleiben. Hier und da mäandert der Text vielleicht ein wenig zu weit davon, aber es gelingt ihm doch immer wieder, seine Leserschaft aufs Neue zu packen und zum Kern der Sache zurückzuleiten.

Ein anspruchsvolles, poetisches und bewegendes Buch mit vielen aktuellen Bezügen und Denkanstößen.

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