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Veröffentlicht am 21.06.2021

Absolut lesenswert, tiefgründig und romantisch

Die Glücksschneiderin
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Inhalt:
Die Leidenschaft zum Beruf machen und den ganzen Tag von Kaffee und Kuchen umgeben Kleider umnähen und massschneidern, sowie Nähkurse veranstalten? Clara hat sich dies gemeinsam mit ihrer Tante ...

Inhalt:
Die Leidenschaft zum Beruf machen und den ganzen Tag von Kaffee und Kuchen umgeben Kleider umnähen und massschneidern, sowie Nähkurse veranstalten? Clara hat sich dies gemeinsam mit ihrer Tante Sonja erfüllt und ein Nähcafé eröffnet. Während Sonja vor allem für das leibliche Wohl der Kundschaft verantwortlich ist, kümmert sich die gelernte Schneiderin Clara um die Änderungswünsche, die Nähkurse und das Schneidern von Kleidung. Ein traumhaft schönes Seidenkleid, das Clara als Rarität auf einem Flohmarkt aufgestöbert hat, und ihr Exfreund Finn, dessen Familie das Kleid gehört, lassen sie sich nicht nur auf eine historische Spurensuche rund um die Herkunft des Kleides begeben, sondern wecken in ihr auch alte Gefühle.

Meine Meinung:
Schon als Kind habe ich meinen Plüschtieren und auch mir selber Kleidung genäht/gehäkelt/gestrickt und obwohl sich in den letzten Jahren nur wenige Gelegenheiten ergeben haben, um wieder einmal länger und intensiver an der Nähmaschine zu sitzen, so geniesse ich es immer wieder, wenn Säume geflickt, oder Kleider und Hosen gekürzt oder umgenäht werden müssen, was sicher ein wenig in meinen Genen liegt. Schliesslich war eine meiner Omas Schneiderin.
Ausserdem liegt mir das Thema Nachhaltigkeit sehr, sehr am Herzen und zudem geniesse ich es, wenn ich mich in ein absolutes Wohlfühlbuch fallenlassen und dabei meine Seele ein wenig streicheln lassen kann. Alle diese Elemente hat Ulrike Sosnitza in "Die Glücksschneiderin" vereinen und mich damit auf sehr vielen unterschiedlichen Ebenen ansprechen können.

Schreibstil und Figuren:
Eingekuschelt in eine Decke bei einem intensiven Gewitter oder auch mit warmer Sommersonne im Gesicht lässt sich dieses Buch besonders gut lesen. Es lädt zum Stöbern in bunten Stoffbahnen ein und macht neugierig auf die Leckereien, die sich im Nähcafé entdecken lassen. Ausserdem werden zahlreiche wichtige Themen, wie der nachhaltige Konsum und der Klimawandel, aber auch die psychische Gesundheit oder die nicht immer ganz einfache Situation von Kindern getrennt lebender Eltern thematisiert. Somit wird das Buch - aller Romantik zum Trotz, die zuckersüss aber zugleich sehr realistisch daherkommt - sofort sehr tiefgründig und wirkt mitten aus dem Leben gegriffen, was mir persönlich immer sehr gut gefällt.
Clara hat mich begeistert, sind ihre Weltanschauungen doch wirklich deckungsgleich mit meinen. Und um ihren liebevollen Blick auf alle Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Form und Aussehen beneide ich sie sogar fast ein wenig, da kann ich mir definitiv noch eine Scheibe abschneiden. Claras fürsorgliche Tante Sonja, sowie Claras Mitbewohnerin Hella und die Mitbewohner Georg und Kilian habe ich ebenfalls in mein Herz geschlossen. Einzig Sonjas Tochter Merle hat es mir anfangs ein wenig schwerer gemacht, sie zu mögen, aber auch das hat sich im Verlauf der Geschichte gelegt.

Nachhaltigkeit:
Dieses Thema Nachhaltigkeit ist absolut omnipräsent, ohne belehrend zu werden. Vielmehr lebt Clara uns vor, was wir gerade im Bereich Bekleidung alles unternehmen können, um nachhaltiger zu leben. Der Vezicht auf Fast Fashion ist dabei ein wichtiger Part, aber es geht auch darum, Dinge zu reparieren und ändern, statt sie neu zu kaufen oder zu tauschen und verschenken, statt sie einfach zu entsorgen. Dazu habe ich mir in den letzten paar Jahren auch sehr viele Gedanken gemacht und ich freue mich darauf, diese in meinem Blogtour-Beitrag vom 23.6.21 mit euch zu teilen.
Was Clara aber sehr wichtig ist und was ich ebenfalls für wirklich wichtig halte: es geht nicht darum, komplett CO2-neutral zu leben und das ist natürlich auch gar nicht möglich. Es geht vielmehr darum, dass wir alle unser möglichstes tun, uns stets informieren und offen für Ideen sind sowie mit gutem Beispiel vorangehen, statt andere zu belehren und kritisieren.

Meine Empfehlung:
Sicher überrascht es euch nicht: dieses Buch hat mich wirklich begeistert und mich noch intensiver über meinen Konsum nachdenken lassen. Es hat mich mit einer Wohlfühlgeschichte und ganz viel Romantik, Freundschaft, Tiefgang und zahlreichen Einblicken in ein spannendes Geschäftskonzept, sowie kulinarischen Leckerbissen verwöhnt und ich werde sicher sehr bald wieder einmal ein Buch von Ulrike Sosnitza lesen. Von mir gibt es deshalb natürlich eine sehr herzliche Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 26.05.2021

Ein wirklich zauberhaftes Herzensbuch

Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte
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Inhalt:
Linus Baker lebt seit zahlreichen Jahren ein geordnetes und einsames Beamtenleben als Jugendsozialarbeiter der BBMM, der Behörde für die Betreuung magischer Minderjähriger. Durch seinen eintönigen ...

Inhalt:
Linus Baker lebt seit zahlreichen Jahren ein geordnetes und einsames Beamtenleben als Jugendsozialarbeiter der BBMM, der Behörde für die Betreuung magischer Minderjähriger. Durch seinen eintönigen Alltag begleitet ihn lediglich seine Katze Calliope. Ein streng geheimer Auftrag stellt sein Leben auf den Kopf. Er soll ein ganz spezielles Waisenhaus mit besonders aufseheneregenden magischen Jugendlichen und dessen Aufseher Mr. Parnassus genauestens überprüfen. Dort erwarten ihn aber nicht die schrecklichen Zustände und Wesen, auf die sein Dossier hindeuten, sondern Wärme, Freundschaft und ein riesiger Garten. Linus Baker beginnt nach und nach, die Welt mit anderen, offeneren Augen zu sehen.

Meine Meinung:
Gemeinsam mit der lieben Jamie vom Blog Librovore habe ich mich mit diesem Buch befasst und unser Austausch war sehr emotional und rege. Empfohlen hat mir diese Geschichte Aleshanee mit dieser begeisterten REZENSION.
Was soll ich sagen... Von der ersten Seite an hat mich "Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte" für sich eingenommen. Weil es so liebevoll und zärtlich erzählt ist, weil es mit Humor und vielen kleinen und grossen Weisheiten gespickt ist und weil es - neben der beeindruckend fantasievollen Handlung - inklusiv ist, antidiskriminierend wirkt und eine queere Liebesgeschichte ohne Label erzählt.

"Zuhause ist der Ort, wo man ganz man selbst ist."
(S.127)


Linus Baker:
Linus Baker verkörpert wohl alles, was man einem Beamten gemeinhin unterstellt. Er kennt seine Vorgaben in und auswendig, arbeitet pedantisch und hat kein Privatleben. Ausserdem ist er durch seine Körpergrösse und sein Übergewicht zusätzlich ein wenig gehemmt. Er ist dafür zuständig, magische Waisenhäuser zu überprüfen und dabei zu kontrollieren, ob die dort untergebrachten magisch begabten Kinder und Jugendlichen mit der nötigen Fürsorge behandelt und den Vorgaben entsprechend unterrichtet werden. Dabei hat er zwar stets die Kinder und ihr Wohlbefinden im Blick, arbeitet aber immer mit den von der BBMM (die nur aus Nichtmagischen besteht) erstellten Vorgaben und sieht selber aus seiner nichtmagischen Perspektive auf die Welt. In dieser Welt müssen magische Wesen registriert und werden und erleben zahlreiche stark einschränkende Diskriminierungen durch die nichtmagische Bevölkerung, welche nach dem Grundsatz "sehen-merken-melden", der sich auf zahlreichen Plakaten und Werbeflächen finden lässt, gegen die magische Bevölkerung vorgeht. Parallelen zur Apartheid (getrennte Bereiche/Schulen/Behörden) und dem Nationalsozialismus (Passagierscheine/Pässe, damit man sich frei bewegen kann) sind augenscheinlich und verursachten mir beim Lesen immer wieder Bauchkrämpfe.
Aber Linus hat - was von Anfang an ersichtlich ist - ein riesiges Herz und dieses wird auf der kleinen Insel, auf der sich das Waisenhaus von Mr. Parnassus befindet, noch grösser. Dort nämlich bemerkt Linus, dass die Vorgaben, an die er sich seit Jahrzehnten akribisch hält, beschränkt sind und sich nicht nach Schema F auf alle Kinder und Jugendlichen anwenden lassen. Er erkennt, wie die Angst und der Hass der Bevölkerung aus Unwissenheit und von der Behörde geschürten Vorurteilen entstehen und beginnt, sich selber und seine Arbeit so zu hinterfragen, dass plötzlich zahlreiche Dinge ins Rollen geraten.

"Hass ist immer laut, aber bestimmt wirst du irgendwann erkennen, dass dem nur so ist, weil da wenige Menschen brüllen, die verzweifelt nach Aufmerksamkeit suchen. Du kannst ihre Ansichten vielleicht nicht ändern, aber solange dir bewusst ist, dass du nicht allein bist, wirst du es überstehen."
(S. 328)


Schreibstil:
Unendlich liebevoll erzählt TJ Klune diese Geschichte, die von Angst und Vorurteilen, von Hass und Diskriminierung, aber auch von Freundschaft, Zusammenhalt und Liebe erzählt. Eine Geschichte, die von Seite zu Seite bunter und diverser wird und somit perfekt zum farbenfrohen Cover passt. Sehr einfühlsam und differenziert werden die Schicksale der misshandelten und diskriminierten Jugendlichen erzählt. Die herzensguten magischen Geschöpfe, die nicht nur äusserst fantasievoll beschrieben sind, sondern auch spannende Stammbäume und Persönlichkeiten haben, eroberten mich im Sturm und ich hätte am liebsten noch viele weitere Lesestunden mit ihnen verbracht.
Dies gelingt TJ Klune, indem er unzählige Lebensweisheiten, detaillierte, farbenfrohe Beschreibungen und ganz viele Emotionen in seine Geschichte packt und dabei auch vor unangenehmen Themen nicht zurückschreckt. Damit wird das Buch nur noch lebensechter und tiefgründiger und hat es geschafft, mich ohne Wenn und Aber für sich einzunehmen.

Meine Empfehlung:
"Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte" hat mich mit einer magischen, spannenden, berührenden, romantischen, queeren und beeindruckend erzählten Geschichte komplett verzaubert und für sich eingenommen. Linus Baker sowie Arthur Parnassus und seine Schützlinge sind mir innerhalb von kürzester Zeit ans Herz gewachsen und ich würde sehr gerne sofort wieder zu ihnen reisen. Lest dieses Buch unbedingt, es ist ein wahrer Schatz!

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Veröffentlicht am 20.05.2021

Überwältiges Ende der Trilogie

Die Tribute von Panem 3. Flammender Zorn
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Meine Meinung:
In Worte zu fassen, was die Panem-Trilogie in mir bewegt hat, fällt mir wirklich nicht leicht. Noch selten war ich so berührt, gut unterhalten und von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. ...

Meine Meinung:
In Worte zu fassen, was die Panem-Trilogie in mir bewegt hat, fällt mir wirklich nicht leicht. Noch selten war ich so berührt, gut unterhalten und von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Die Geschichte von Katniss, ihrer Familie, ihres Distrikts und ihres aussichtslosen Kampfes gegen ein allmächtiges Kapitol beinhaltet sehr viel mehr als eine absehbare, einfach gestrickte Handlung. Ganz im Gegenteil: Politik, Gesellschaft, ganz grosse Gefühle, Witz, Spannung, Action und einfach nur absolut grossartige Unterhaltung sind Teil dieser Geschichte, machen diese Geschichte zu etwas ganz Besonderem. Jedes noch so tiefe Gefühl wird nicht einfach einmal gestreift, dass man als Leser verwirrt wird oder einfach nur "von allem etwas" hat. Jede Szene hat ihre eigene Stimmung, jede Szene hat eine Aussage und einen ganz wichtigen Platz innerhalb der Handlung. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, ein Buch zu lesen, welches von der Autorin bis zum letzten Wort durchgeplant war. Es scheint, als hätte Suzanne Collins die drei Teile vollständig im Kopf geplant und diese dann der Reihe nach und ohne sich von Aussen beeinflussen zu lassen "nieder geschrieben". Das bewundere ich an ihrem Stil.
Auch wenn immer wieder kritisiert wird, dass in den Büchern gewisse Szenen äusserst brutal geschildert werden, so habe ich diese Brutalität nie als störend oder gar fehl am Platz empfunden. Um aufzuzeigen, wie sinnlos das System ist, in dem Katniss lebt und welches leider auch in ähnlicher Form in gewissen Teilen dieser Welt existiert, so muss man Brutalität und Vernichtung aufzeigen und Sinnlosigkeit überspitzen. Wenn man dem, was man schreibt, einen Sinn gibt - und dies macht Suzanne Collins ohne Zweifel - so gibt es für alle Szenen und Beschreibungen einen Platz in der Geschichte.

Fazit:
Diese Rezension fällt kurz aus, weil es nicht mehr zu schreiben gibt als: Lest bitte unbedingt diese Bücher. Nun bin ich mir definitiv sicher, dass sie in die Literaturgeschichte eingehen werden und dass sie einen Platz in jedem Bücherregal verdient haben.

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Veröffentlicht am 20.05.2021

Grandioser Reihenauftakt

Die Tribute von Panem 1. Tödliche Spiele
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Inhalt:
Zwölf Distrikte, ein zentrales Kapitol und rundum Wildniss. So sieht Panem aus. Eine andere Welt, andere Länder scheint es nicht mehr zu geben, wir sind in einer Zeit weit in der Zukunft gelandet ...

Inhalt:
Zwölf Distrikte, ein zentrales Kapitol und rundum Wildniss. So sieht Panem aus. Eine andere Welt, andere Länder scheint es nicht mehr zu geben, wir sind in einer Zeit weit in der Zukunft gelandet in der Nordamerika nicht mehr existiert weil Kriege und Naturkatastrophen das ganze Gebiet dem Erdboden gleich gemacht haben. Aber die Menschheit existiert weiter und hat aus den Trümmern Nordamerikas Panem geformt. Einen diktatorisch geführten Staat, der grausam über seine zwölf Distrikte herrscht und in Panem finden gerade wieder die alljährlichen Hungerspiele statt. Diese Hungerspiele enden traditionell mit einem einzigen Sieger. Verlierer gibt es keine, weil es bei diesem Spiel um Leben und Tod geht und weil darum nur einer der Tribute überleben kann. Alle Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und siebzehn Jahren kommen mit mehr oder weniger Losen in den Lostopf und als ausgerechnet Prim, Katniss kleine und erst zwölfjährige Schwester ausgewählt wird, stürzt sie sich an deren Stelle freiwillig nach vorne, um statt ihrer Schwester zu kämpfen und zu sterben. Zusammen mit dem zweiten Tribut aus ihrem Distrikt, Peeta, verbringt sie von da an eine intensive Vorbereitungs- und Trainingszeit im Ausbildungslager der Tribute. Der Tag der Hungerspiele, der Tag an dem Katniss in der Arena kämpfen und töten muss, rückt dabei immer näher.

Meine Meinung:
Die ganze Panem-Trilogie in der schönen Box habe ich letztes Jahr von meinem wunderbaren Liebsten ganz überraschend zu Weihnachten bekommen und mich darüber riesig gefreut. Weil ich aber meine Bücher meistens in dieser Reihenfolge lese, in der ich sie bekommen oder gekauft habe (Ausnahmen sind Rezensionsexemplare, Bücher für Leserunden und Bücher, die ich unbedingt für eine Challenge benötige), hat es bis im November gedauert, bis ich mit der Trilogie beginnen konnte. Meine Erwartungen waren riesig, zu viel hatte ich schon gelesen und gehört und ich sehnte den Tag herbei, an dem ich mich ins Getümmel der Hungerspiele stürzen konnte.
Von der ersten Seite an war ich total begeistert. Ich liebte diese dichte Spannung, die emotionale Tiefe, den starken Charakter von Katniss, die detaillierten Beschreibungen der Figuren und Schauplätze und das komplex gewobene Handlungsnetz. Gesellschaftskritik, Politik und Anspruch an den Leser, der genau und zwischen den Zeilen lesen will, machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem. Die atemberaubende Welt von Panem in ihren schillernden und auch düsteren Farben erinnern ein wenig an gewisse Passagen der unendlichen Geschichte, haben aber sonst nichts mit anderen aktuellen Jugendbüchern gemeinsam. Fast wie ein Traum wirkten die Kostüme und Figuren auf mich.
Interessanterweise fühlte ich mich aber während der Lektüre trotz dem technologischen Fortschritt und der Zerstörung der restlichen Welt nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit versetzt. Ist auch dies eine Andeutung der Autorin, dass der "Fortschritt" uns letztendlich zurück wirft? Oder ging es nur mir bei der Lektüre so?
Ich habe natürlich eine Übersetzung gelesen, bin aber trotzdem absolut begeistert von der Sprache. Genauigkeit und Weite vereinen sich in einzelnen Wörtern und Passagen zu einem fortlaufenden Ganzen und die beschriebene Brutalität und Ausweglosigkeit der Geschichte und des Systems rief in mir nicht wenige Male eine Beklemmung und Kälte hervor, wie ich sie in anderen - eigentlich auch dramatischen Büchern - nicht selten vermisst habe.
Die Prognose ist gewagt und ich bin sonst wirklich vorsichtig mit solchen Aussagen. Aber diese Trilogie wird in die Literaturgeschichte eingehen.

Fazit:
Diese Trilogie gehört in jedes Bücherregal und ich werde sie sicher ein zweites und drittes Mal lesen. Zu beachten ist aber, dass die Bücher aufgrund der Brutalität erst von Jugendlichen ab ca. 14 - 16 Jahren gelesen werden sollten.

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Veröffentlicht am 19.05.2021

Lest dieses Buch

Wie die Gorillas
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Inhalt:
Die unbenannte Ich-Erzählerin und ihre beiden besten Freundinnen Olga und Svenja wachsen gemeinsam zu jungen Frauen heran und kämpfen dabei nicht nur gegen die Unsichtbarkeit innerhalb der eigenen ...

Inhalt:
Die unbenannte Ich-Erzählerin und ihre beiden besten Freundinnen Olga und Svenja wachsen gemeinsam zu jungen Frauen heran und kämpfen dabei nicht nur gegen die Unsichtbarkeit innerhalb der eigenen Familie, sondern auch den jahrhundertealten Kampf gegen sexistische Windmühlen und eine Gesellschaft, in der Mädchen immer noch komplett anders erzogen und behandelt werden, als Jungs. In der ihnen von Anfang an gewisse Privilegien verwehrt bleiben und in der ihr Äusseres wichtiger ist, als alles, was sie charakterlich zu bieten haben.

Meine Meinung:
Ohne den Klappentext oder auch nur eine einzige Rezension komplett gelesen zu haben, habe ich mich in dieses Buch gestürzt und es heute im ÖV in einem Atemzug verschlungen. Ich will mehr, 160 Seiten sind viel zu kurz. Esther Beckers Debüt lässt tief in eine Welt von Sein und Schein blicken, eine Welt, in der sich immer noch die meisten Mädchen und Frauen wiederfinden, sobald sie ein wenig älter werden, ihre Körper sich zu verändern beginnen und ihr Äusseres nicht mehr mit den Abbildungen in Hochglanzmagazinen übereinstimmt. Es ist eine ganz eigene Wirklichkeit, in der gefühlt jede Person (Frau) über einen Scanner für ihre Umwelt verfügt und die Körper ihrer Mitmenschinnen mit einem Damoklesschwert in Kategorien einteilt und sich selbst gegenüber die kritischste von allen ist.
Ausserdem erzählt Becker von sich verschiebenden Familiengefüge, in denen Töchter plötzlich nicht mehr mit ihren Eltern sprechen können, sich verloren fühlen und dadurch auch wirklich nach und nach verlorengehen. Da wird Wodka geschmuggelt, heimlich gepierct und von der ersten Pille danach darf auch niemand etwas erfahren. In einer Welt, in der gefühlt alle Türen offenstehen, wird frau dann am Ende trotzdem wieder auf ihr Aussehen reduziert und steht alleine, verloren und sich hässlich fühlend vor einem Spiegel in einer Umkleidekabine, mit einem blutenden Schnitt an Fussgelenk, der vom verbotenen Rasieren im Schwimmbad stammt und einem mindestens so blutenden Herzen, das eigentlich nur nach Liebe lechzt.

Was machst du, wenn deine Kinder Frauen werden?
Wenn deine Kinder Töchter sind und Frauen werden, was machst du dann?
(S. 15)


Schreibstil:
Packend, prägnant und äusserst pointiert erzählt Becker vom Aufwachsen in einer Gesellschaft, in der Mädchen und Frauen nachts nicht mehr joggen gehen und sich manchmal nur mit abgebundenen Brüsten und als Jungs verkleidet unsichtbar und mächtig durch die Gegend bewegen können. Schmerzlich real und drastisch erscheinen die einzelnen Szenen in denen es Selbstbestimmung geht, um Stolz, Körperwahrnehmung und dem offenen Sexismus, dem die Protagonistinnen täglich begegnen. Diese steigen all den Erfahrungen aber nicht wie die Phönixe aus der Asche, sondern kriechen auf der Suche nach Anerkennung im Staub ihrer Geschlechterrolle durch dieses Buch.

Meine Empfehlung:
Lest dieses Buch unbedingt, es hat mich heute berührt und erschüttert und mit seinem eigenen überspitzten Humor unterhalten. Es hat mir Szenen gezeigt, die mir bekannter sind, als sie vielleicht sein sollten und frustrierende Gespräche abgebildet, die ich genau so mit mir und anderen geführt habe. Trotzdem und genau deswegen ist dieses Buch so lesenswert, weil es die Absurdität unserer festgefahrenen Situation aufzeigt und Fragen aufwirft, die zum Nachdenken und Verändern anregen.