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Veröffentlicht am 25.05.2021

Ermittlungen am Traumstrand

Tropische Gefahr
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Ermitteln, wo andere (Traum-)Urlaub machen - so könnte man die Arbeit von Josefa Horseman, Kriminalbeamter der Polizei der Fidschi-Inseln und obendrein Rugby-Held seiner Inselnation, beschreiben. Dabei ...

Ermitteln, wo andere (Traum-)Urlaub machen - so könnte man die Arbeit von Josefa Horseman, Kriminalbeamter der Polizei der Fidschi-Inseln und obendrein Rugby-Held seiner Inselnation, beschreiben. Dabei kommt er nach einem Jahr gesundheitlich bedingter Auszeit - eine Knieverletzung musste in den USA behandelt werden und erforderte lange Reha-Maßnahmen - zu Beginn von B.M. Allsopps Fidschi-Krimi "Tropische Gefahr" gerade erst wieder zurück in die Heimat.

Die weitverzweigte Verwandtschaft und insbesondere seine Mutter, die ihn eigentlich mit einem traditionellen Fest und sehr viel Leckereien begrüßen wollen, sind enttäuscht. Doch die Leiche eines Zimmermädchen, am Korallenriff vor einem Urlaubsresort gefunden, lässt ihm keine Wahl. Mit einer kleinen und unter allerhand technischen und logistischen Mängel leidenden Gruppe muss er ermitteln, und auch anfängliche Sorgen zerstreuen. Susi Singh etwa, die junge und ehrgeizige Kriminalbeamtin, fürchtet zunächst, das Sportas lasse andere arbeiten und wolle sich nur auf seinen Lorbeeren ausruhen. Als ethnische Inderin sieht sie sich nicht nur innerhalb der Polizei in einer Außenseiterrolle.

Zunächst deutet vieles darauf hin, dass das tote Zimmermädchen ertrunken ist - doch eine ausgezeichnete Schwimmerin? Erschwert werden die Ermittlungen dadurch, dass die Familie der Toten die Leiche bereits für die Beerdigung vorbereitet hat - viele Spuren sind unwiederbringlich zerstört. Die hübsche junge Frau hat offenbar gerne geflirtet und von der weiten Welt geträumt - spielte Eifersucht eine Rolle? Und warum wurde sie kurz vor ihrem Tod eine Woche krank geschrieben? Der Arzt, der das Personal des Ressorts betreut, reagiert nicht auf Anfragen der Polizei - hat er etwas zu verbergen? Oder könnte ein Konflikt zwischen Fischern und Meeresschützern eine Rolle spielen, die mit Hilfe eine örtlichen Häuptling erreichen konnten, dass am Riff nicht mehr gefischt werden darf?

Der Reiz dieses Buches liegt nicht nur in der Spannung und der exotischen Umgebung - auch wenn es natürlich eine tolle Sache ist, beim Lesen von weißem Korallensand, dem türkisblauen Wasser des Südpazifik und einer Ozeanbrise in den Kokospalmen zu träumen. Die Autorin thematisiert auch die Schattenseiten der Trauminseln - Armut und Unterentwicklung, Rückständigkeit, ein Wertesystem, das streng konservativ ist und zwischenmenschliche Beziehungen reglementiert, Rassismus. Gleichzeitig ist der Familiensinn, die Liebe zum Essen und die Freundlichkeit der Menschen sehr sympathisch. Mit eingewobenen Fidschi-Ausdrücken wird Ortskolorit geschaffen - am Ende des Buches werden die Worte noch einmal erklärt.

Insgesamt ein liebenswertes Ermittlerteam und ein wunderbares Setting. Gibt es weitere Fidschi-Fälle? Ich kann es nur hoffen.

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Veröffentlicht am 22.05.2021

Zwischen Schwarzmarkt und Wirtschaftswunder

Die im Dunkeln sieht man nicht
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wiggestrige und Vorwärtsblickende, Menschen, die die Vergangenheit verdrängen und solche, die von ihrer Last weiter geprägt sind - mit "die im Dunkeln sieht man nicht" hat Andreas Götz einen historischen ...

wiggestrige und Vorwärtsblickende, Menschen, die die Vergangenheit verdrängen und solche, die von ihrer Last weiter geprägt sind - mit "die im Dunkeln sieht man nicht" hat Andreas Götz einen historischen Kriminalroman geschrieben, der im München des Jahres 1950 spielt und damit in einer Zeit voller Schnittpunkte: Die Bundesrepublik ist noch ganz jung, die Nachkriegszeit neigt sich dem Ende entgegen und werden nicht nur vom absehbaren Wirtschaftswunder, sondern auch vom kalten Krieg abgelöst. Noch gibt es den Schwarzmarkt, doch außer den Trümmern gibt es Neubauten, Moderne, Aufbruch,

Die einen wollen alles vergessen, die anderen können es nicht - so wie Karl Wieners, der im Krieg Frau und Kinder verloren hat und aus Berlin in seine Heimatstadt München zurückkehrt. Ein alter Schulfreund will ihn für eine neue Zeitschrift rekrutieren und hat auch gleich einen Reportageauftrag: Karl soll einen Kunstdiebstahl aus den letzten Tagen recherchieren, damals verschwand aus dem Münchner Führerbunker jede Menge zuvor von den Nationalsozialisten gestohlene Raubkunst.

In München leben nicht nur Karls Mutter und jüngerer Bruder, zu denen er ein eher entfremdetes Verhältnis hat, sondern auch Nichte Magda, die Tochter seines ältesten Bruders, die ihn als Kind regelrecht angeschwärmt hat. Mittlerweile ist sie eine attraktive und selbstbewusste junge Frau, die mehr als nur das Interesse der kleinen Nichte an ihm zeigt und ihm auf eine Art gefällt, die Karl selbst erschreckt. Magda ist die vielleicht interessanteste Figur des Romans, eine Frau, die sich geradezu aggressiv nimmt, was sie will, die gelernt hat, mit Schwarzmarktgeschäften zu überleben, die so gar nicht dem Frauenbild der 50-er Jahre entspricht, knallhart sein kann und ihren Sex-Appeal überall einsetzt, wo sie darin einen Vorteil sieht.

Um gestohlene Kunst geht es auch Karls Schulfreund Ludwig, der bei der Münchner Kriminalpolizei ist und einen Mordfall untersucht. Ein Beamter aus dem Raubdezernat soll die Ermittlungen unterstützen. Da dieser Ermittler im Wirtshaus von Karls Familie lebt, könnte auch er eine Informationsquelle für die Recherchen sein, zeigt aber vor allem Interesse an Magda.

Persönliches und Dienstliches vermischen sich bei Recherchen und Ermittlungen und angesichts des Personenkarussels dieses Romans muss der Leser erst einmal sortieren - wer ist wichtig, wer ist eine Randfigur, wer dient nur dazu, den Plot voranzubringen? Das erotische Knistern ausgerechnet zwischen Onkel und Nichte ist nicht nur für Karl eher verstörend. Die Atmosphäre der Zeit ist allemal interessant und der Wendepunkt zwischen reinem Überleben und Aufbruch in eine bessere Zeit gut gezeichnet, etwa in der Figur des Großschiebers Blohm, der von der Schwarzmarkgröße zum Wirtschaftskapitän umsatteln will.

Spätestens seit dem Fall Gurlitt dürfte das Thema Raubkunst auch bei historisch weniger beschlagenen Lesern angekommen sein. Die Gier nach dem schnellen Geld, vergangenes Unrecht, aber auch Verdrängung und Rache spielen in "Die im Dunkeln sieht man nicht" eine Rolle. Spannendes Setting - und da im Nachwort eine Fortsetzung in Aussicht gestellt wird, kann man gespannt sein, wie die weitere Entwicklung aussieht.

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Veröffentlicht am 18.05.2021

Skandal in der Frauenklinik?

Fräulein Gold: Der Himmel über der Stadt
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Selbst wenn ich für historische Romane nichts übrig hätte - die Hörbücher der Hulda-Gold-Reihe über eine junge Hebamme im Berlin der 1920-er Jahre wären für mich auf jeden Fall ein Muss. Das liegt nicht ...

Selbst wenn ich für historische Romane nichts übrig hätte - die Hörbücher der Hulda-Gold-Reihe über eine junge Hebamme im Berlin der 1920-er Jahre wären für mich auf jeden Fall ein Muss. Das liegt nicht zuletzt an der Sprecherin, Anna Thalbach. Die ist für mich eine großartige Schauspielerin und auch wenn sie "nur" ihre Stimme zur Verfügung hat, schafft sie es, den Figuren des Romans ein Gesicht zu geben, mal als Berliner Göre, mal im Hamburger Platt, mit Nuancen und Akzentuierungen, die die Figuren in soziale Milieus einordnen und Kopfkino entstehen lassen. Ein echter Hörgenuss also.

Außerdem hat Autorin Anne Stern mit dem Berlin der Weimarer Republik ein faszinierendes Setting geschaffen. Wie bereits in den beiden vorangegangenen Büchern steht die Handlung von "Der Himmel über der Stadt" im Gesamtzusammenhang einer quirligen, zugleich aber tiefst fragiler Zeit voller sozialer und politischer Spannungen. Der Erste Weltkrieg und die globale Wirtschaftskriege stehen den Menschen noch als Schrecken in Erinnerung, die junge Republik muss ihren eigenen Weg finden, doch trotz allem Freigeist des damaligen Berlins kündigt sich die zunehmende Bedeutung der Nationalsozialisten an, die ein ganz anderes Deutschland wollen.

Für Hulda als Tochter eines jüdischen Vaters ist das auch eine ganz persönliche Bedrohung. Ihr Freund, der Kioskbesitzer Bert, schwankt als Homosexueller zwischen dem Wunsch, in der Szene der Stadt seine "falsche Liebe" doch ausleben zu können und der Angst vor der Härte des Schwulenparagrafen im Strafrecht. Als Hebamme in der Frauenklinik erlebt Hulda ganz unmittelbar die Sorgen, die die angeblich wilden 20-er Jahre für junge Frauen bedeuten: Die Angst, schwanger zu werden und nicht wirklich zuverlässig verhüten zu können, ganz abgesehen davon, dass die sexuelle Aufklärung sehr zu wünschen übrig lässt.

Doch in der Klinik treiben sie in dem Buch weniger die ungewollt schwangeren Frauen um, sondern gleich mehrere Frauen, die nach zahlreichen Fehlgeburten nun endlich schwanger sind und als stationäre Patientinnen bis zur Geburt überwacht werden. Hulda ist neu in der Klinik, nach Jahren als freiberufliche Hebamme und muss sich daran gewöhnen, dass in der Klinik die Ärzte den Ton angeben und die erfahrenen Hebammen beiseite stehen müssen - ein Problem für die selbstbewusste junge Frau, die ihren Beruf mit Leidenschaft ausübt. Stutzig macht es sie, dass es gleich mehrfach bei Kaiserschnittgeburten zu Komplikationen gekommen ist, mehrere Frauen starben. Spielt der Ehrgeiz der beiden Oberärzte, die um eine Berufung an die Universität konkurrieren, eine Rolle?

Hulda, die sich schon in den Vorgängerbänden durch ihre Neugier angestachelt als Hobbydetektivin unterwegs war, bemüht sich auch hier um Aufklärung. Privat ist sie gleich doppelt abgelenkt: Ihr Freund, der Kriminalbeamte Karl, verliert zunehmend den Halt und den Kampf gegen seine Alkoholprobleme. Und ein junger Arzt an der Frauenklinik zeigt deutliches Interesse an Hulda, das ihr keineswegs unangenehm ist...

Als Krimi ist "Der Himmel über der Stadt" deutlich mehr "Cozy" als die historischen Polizeiromane von Volker Kutscher oder Philip Kerr. Reichlich Zeitgeist gibt es dennoch und mit Anna Thalbach eine Stimme für die Atmosphäre der mit so vielen Spannungen aufgeladenen Stadt.

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Veröffentlicht am 11.05.2021

Döner jetzt auch vegan!

Orient trifft vegan - Köstlichkeiten der orientalischen Küche (Veganes Kochbuch)
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Für überzeugte Carnivoren bricht bei der Vorstellung wohl eine der letzten Bastionen: Döner jetzt auch vegan? Zusammen mit veganer Currywurst ist das für sie dann wohl der endgültige Zusammenbruch der ...

Für überzeugte Carnivoren bricht bei der Vorstellung wohl eine der letzten Bastionen: Döner jetzt auch vegan? Zusammen mit veganer Currywurst ist das für sie dann wohl der endgültige Zusammenbruch der Fast-Food-Kultur. Mit ihrem Buch "Orient trifft vegan" zeigt die Foodbloggerin und Autorin Serayi vegane Alternativen zur Küche des nahen Ostens und des östlichen Mittelmeerraums, wobei sie keine Grenzen zwischen libanesisch, türkisch, israelisch-palästinensisch, persisch usw zieht.

Die Autorin hat nach eigenen Angaben den Schritt zum veganen Leben vollzogen und seitdem fleißig experimentiert, um Geschmack auch ohne totes Tier zu ermöglichen. Nun ist der Vorteil der orientalischen Küche ja, dass es gerade im Bereich Mezze viele leckere Gerichte gibt, für die kein Tier sein Leben lassen musste. Statt dessen: Gemüse, Linsen, Kichererbsen - beste Voraussetzungen für Veganer. Beim veganen Döner, Börek oder Lahmacun natürlich gelten andere Herausforderungen.... Immerhin, mit Lahmacun mit Lauchpaste, Börek mit Linsen und Köfte auf Bulgurbasis gibt es eine Reihe von Alternativen, die auf dem Foto lecker und "original" aussehen. Im übrigen gilt bei der orientalichen Küche ja die Macht der Gewürze!

Klar, dass Falafel und Hummus in einem orientalischen Kochbuch nicht fehlen dürfen und auch ein buntes Couscous-Rezept in der Sammlung enthalten ist. Die Optik macht Lust aufs Ausprobieren, die Bilder der hennaverzierten Autorin in dekorativer Pose sind wohl der Tatsache geschuldet, dass sie auf Instagram startete, ehe sie unter die Kochbuchautorinnen ging.

Nachtisch, nun ja - der ist mir in der orientalischen Küche fast immer zu süß. Begeistert bin ich allerdings über das Rezept der Elmali pastane kurabiyesi, gefüllter Apfelhörnchen. Zwar warnt die Beschreibung, sie seien "schwer", aber aus der türkischen Bäckerei meines Vertrauens kenne ich die Apel-Nuss-Füllung innerhalb einer Teigkugel - das ist dann vielleicht einfacher als in Hörnchenform.

Da ich selbst zwar überwiegend vegetarisch lebe, Käse und Eier in meiner Küche aber nicht missen möchte, bin ich angesichts von "Schafskäse" auf Tofubasis naturgemäß ein bißchen skeptisch. Macht ja auch nichts - im Alltag werde ich sicherlich weiterhin an Schafskäse festhalten. Aber ich finde es toll, meiner veganen Kollegin nun auch die volle vegane Version anbieten zu können. Dieses Kochbuch wird bestimmt reichlich Anwendung finden!

Veröffentlicht am 08.05.2021

Familiengeschichte vor dem Nahostkonflikt

Jaffa Road
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Es liegt sicher auch am Thema, dass Daniel Specks Familienroman "Jaffa Road" nahezu 700 Seiten lang geworden ist (das Lesen hat denn auch ein Weilchen gedauert, habe schließlich noch einen Fulltime-Job): ...

Es liegt sicher auch am Thema, dass Daniel Specks Familienroman "Jaffa Road" nahezu 700 Seiten lang geworden ist (das Lesen hat denn auch ein Weilchen gedauert, habe schließlich noch einen Fulltime-Job): Nicht nur eine generationsübergreifende Familiengeschichte, sondern auch ein an persönlichen Schicksalen erzählter Abriss des Nahostkonflikts und seiner historischen Verflechtungen. Da die Hauptfiguren deutsch, israelisch und palästinensisch sind, ist schon vorprogrammiert, dass sie sich auf zerbrechlichen Boden bewegen - umso mehr, als hier auch noch eine fremde und entfremdete Familie zusammenfinden muss. Da kommt schon mal ein epischer Roman zusammen - allerdings lesbar und auch für den fachfremden Lesern einfach zugänglich.

Teilweise knüpft "Jaffa Road" an Daniel Specks Roman "Piccola Sicilia" an, den ich allerdings nicht gelesen habe. Möglicherweise wissen die Leser des ersten Buchs mehr über die Figuren und ihre Geschichte, es ist aber kein Problem, als "Neuling" in die Handlung hineinzufinden.

Sie haben einen völlig unterschiedlichen Hintergrund, und dennoch werden sie durch einen Todesfall zusammengeführt: Nina, die deutsche Archäologin, Joelle, die französisch-israelische Sängerin und Elias, der palästinensische Arzt. Nina und Joelle wurden von einem Anwalt nach Palermo gebeten: Maurice, ein alter Mann in Palermo, hat sich in seiner Villa das Leben genommen. Für Nina war er nur unter dem Namen Moritz ein Begriff, gesehen hat sie ihn nie. Er war der stets abwesende Großvater, der Vater, nach dem sich ihre Mutter immer gesehnt hatte und der als Wehrmachtsfotograf in den 1940-er Jahren aus dem Leben seiner - wie er da noch nicht wissen konnte - schwangereren Verlobten verschwand.

Für Joelle hingegen war er der geliebte Vater Maurice Sarfati, der den Familiennamen ihrer Mutter angenommen hatte, als er zum Judentum konvertierte, der bei ihren Großeltern in Tunesien Aufnahme fand, als er vor Kriegsende desertierte. Mit der neuen Identität und Joelles Mutter Yasmina sucht er einen neuen Anfang in Palästina, wo Holocaust-Überlebende und Zionisten gleichermaßen die Gründung eines jüdischen Staates anstrebten.

Elias, so stellt sich heraus, war nicht nur der Arzt des Toten, sondern auch dessen Ziehsohn. Und er hat einen komplett anderen Hintergrund als Joelle, seine Stiefschwester: Denn als sich für die Sarfatis und tausende jüdischer Einwanderer eine große Hoffnung erfüllte, schlug für die Palästinenser die Stunde der Katastrophe. Elias´s Mutter, kaum älter als Joelle, hatte sich als junge Frau der Sache der PLO entschieden. Elias, der in den Flüchtlingslagern des Südlibanon aufwuchs, reagiert zutiefst verbittert und ablehnend auf alles, was mit Israel zu tun hat.

Für alle drei ist es bei allen Unterschieden ein Schock, dass Maurice drei derart unterschiedliche Leben führte, dass er drei Familien hatte und ihre Existenzen unberührt voneinander ließ. Wer war er wirklich? Es ist Nina, die Archäologin, die nicht nur eine Generation weiter von Maurice aufgewachsen ist und schon mangels persönlichen Kontakts viel distanzierter mit dieser Familiengeschichte umgehen kann. Die Vergangenheit aufdecken, das hat auch mit ihrem beruflichen Ethos zu tun: "Dinge verschwinden nicht, weil niemand sie sehen will. Im Gegenteil, sie mutieren und folgen uns wie Schatten." Die Neugier treibt sie auch im Beruf an: "Schicht um Schicht in der Zeit zurückgehen. Tausende Scherben sortieren. So lange über einem Rätsel sitzen, bis die Toten zu flüstern beginnen."

Als wäre es nicht schon schwer genug, eine Verbindung oder gar Vertrauen gerade zwischen Joelle und Elias zu finden, steht plötzlich ein Verdacht im Raum: Hat Elias Maurice getötet, weil er hinter dessen Geheimnis gekommen ist? Die Familiengeschichte und der Konflikt um das Land, das von zwei Völkern beansprucht wurde, ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Wenn nicht einmal zwei Geschwister es schaffen, miteinander zu sprechen - welche Chance besteht dann für ihre Völker? Nina findet ihre Rolle - sie muss diese Sprachlosigkeit durchbrechen: "In jeder Familie gibt es ein Tabu und jemanden, der den Finger in die Wunde legt."

"Jaffa Road" wechselt Orte und Zeiten - das Palermo der Gegenwart und die Vergangenheit von Maurice/Moritz, seiner Frauen und Kinder in Berlin, Tunis, Haifa, Tel Aviv und anderen Orten. Das große, historische Umfeld wird im kleinen und in den persönlichen Geschichten behandelt. Erst langsam tritt Maurice´s Geheimnis zutage. "Jaffa Road" ist keine historisch-politische Analyse, aber es ist auch mehr als ein reiner Familienroman, selbst wenn manche Einsichten und Reflektionen stark vereinfachend klingen können, wie etwa das Nachdenken darüber, was Identität eigentlich ausmacht: "Die Opfer unserer Großeltern, die Sünden unserer Eltern und das Schweigen darüber am Tisch, um den alle Versammelt waren, die Anwesenden und die Abwesenden ... und irgendwann ist es Zeit, erwachsen zu werden. Herkunft kann man sich nicht aussuchen, Zugehörigkeit schon."

Dabei schafft es der Autor, die verschiedenen Sichtweisen nachvollziehbar und ohne Parteilichkeit zu schildern. Denn das ist ja die Tragik des seit Jahrzehnten dauernden Konflikts - jede Seite hat ihre Logik und ihre nachvollziehbaren Argumente. Doch solange sie nicht die Bereitschaft haben, einander offen zuzuhören und zu begegnen, scheint eine Lösung, die allen gerecht wird, in weiter Ferne. In "Jaffa Road" immerhin schaffen Joelle und Elias, die ersten Schritte aufeinander zu zu gehen.

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