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Veröffentlicht am 29.03.2022

Elli Gint ist wieder da!

Munteres Morden (Elli Gint und Oma Frieda ermitteln 2)
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Cover:
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Auf dem Titelbild hat man einen schönen Blick auf die Alster. Wenn man genau hinschaut, wird der idyllische Blick durch zwei alleinstehende Gummistiefel getrübt und man fragt sich ...

Cover:
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Auf dem Titelbild hat man einen schönen Blick auf die Alster. Wenn man genau hinschaut, wird der idyllische Blick durch zwei alleinstehende Gummistiefel getrübt und man fragt sich direkt, wo deren Besitzer wohl verblieben ist. Das Bild ist zwar kein Eyecatcher, aber schön anzusehen und die Neugier weckend.

Inhalt:
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Elli Gint wird beauftragt, ein Mädchen zu beschützen, dessen gewalttätiger Vater gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und es auf sie abgesehen hat. Gerade hat sie ihn aufgespürt, da wird sie Zeuge seines Mordes. Aus Angst vor der Polizei "entsorgt" sie den Mann in der Alster, nichts ahnend, dass dies zu einer Serie weiterer Tote führt, die allesamt mit einem mysteriösen Einbrecher zusammenhängen, der nur als "Geist" bezeichnet wird. Und auch der Polizist Hiob, mit dem sie vor einiger Zeit eine Affäre hatte, taucht wieder in ihrem Leben auf. Diesmal als Sonderermittler im Fall "Geist". Und plötzlich ist Elli wieder mittendrin zwischen Leichen, Ermittlungen und der Frage, wie sie ihre Beziehung zu Hiob gestalten soll. Dabei wird sie natürlich wieder kräftig durch Oma Frieda und dem Rest ihrer besonderen Familiensippe unterstützt.

Mein Eindruck:
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Da ich schwarz humorige Krimis liebe, habe ich den ersten Band "Lauter Leichen" mit Freude verschlungen und freute mich schon lange auf die Fortsetzung. Auch in diesem Band gibt es wieder jede Menge Leichen, überspitzt dargestellte Charaktere, einige Situationskomik und amüsante Dialoge. Der Fall selbst gestaltet sich bis zum Ende hin sehr spannend, die Auflösung ist so überraschend, dass wohl kaum ein Leser von alleine darauf kommt.
Auch die Art, wie sich die Beziehung zwischen Elli und Hiob weiterentwickelt, gefällt mir sehr gut. Und Ellis abgedrehte Familie, besonders Oma Frieda ist auch in diesem Band wieder genial!

Dennoch weist der zweite Band im Vergleich zum Vorgänger ein paar kleine Schwächen auf. So ist die Geschichte aus mehreren Perspektiven geschildert, zum einen von Elli aus der Ich-Perspektive, zum anderen von einem allgemeinen Erzähler, der einzelne Charaktere und deren Vergangenheit beschreibt. So lernt man die einzelnen Personen zwar sehr gut kennen, doch manche Abschnitte ziehen sich zu sehr in die Länge und wären in dieser Ausführlichkeit nicht notwendig gewesen. Dadurch leidet zuweilen die Spannung. Zudem wird die Handlung in mehreren Rückblenden erzählt und man muss sich sehr stark konzentrieren, um die unterschiedlichen Zeitebenen und vielen Charaktere einordnen zu können. Hier war es jedoch sehr hilfreich, dass am Anfang eines jeden Kapitels Zeitangaben waren. Ein Personenregister zum Nachschlagen während des Lesens wäre noch hilfreich gewesen.

Etwa in der Mitte des Buches war ich etwas zwiegespalten, denn einerseits gefiel mir die Erzählweise und der Humor sehr gut und ich wollte unbedingt wissen, wie sich die vielen Puzzleteile am Ende zusammenfügen. Andererseits waren es mir manchmal zu viele Nebenstränge, die die Handlung in die Länge zogen. Im letzten Drittel nahm die Handlung dann deutlich an Fahrt auf und das fulminante Kopfkino am Ende versöhnte mich wieder mit dem etwas langatmigen Mittelteil.

Neben dem Kriminalfall um den "Geist" werden jedoch auch ernste Themen wie Gewalt in der Familie, Missbrauch und Mobbing in die Handlung eingewoben. Solche Dinge werden schonungslos und doch eben mit einem gewissen Zynismus angesprochen. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, mir hat es jedoch gefallen, da Schwarzer Humor eine mögliche Form ist, ein solches Thema zu behandeln, ohne sich komplett mitreißen zu lassen. Eine gewisse innere Distanz zu einem Thema kann helfen, es leichter anzusprechen und zu verstehen. Die Gratwanderung zwischen Humor und Ernsthaftigkeit ist der Autorin m. E. gelungen.

Fazit:
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Wieder ein spannender und schwarz humoriger Fall mit Elli Gint und ihrer Oma mit nur leichten Längen

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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.06.2021

Hauke Sötjes erster Fall

Feuer in der Hafenstadt
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Cover:
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Auf dem Titelbild ist im Stil eines alten Gemäldes ein Hafen mit Schiffen abgebildet. Der Titel ist in Rot aufgedruckt und haptisch hervorgehoben. Man fühlt sich sofort in diese Zeit ...

Cover:
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Auf dem Titelbild ist im Stil eines alten Gemäldes ein Hafen mit Schiffen abgebildet. Der Titel ist in Rot aufgedruckt und haptisch hervorgehoben. Man fühlt sich sofort in diese Zeit versetz.

Inhalt:
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Glücksstadt im Jahre 1894: Nach einem schweren Schiffsunglück, dessen einziger Überlebender Kapitän Hauke Sötje ist, plagen diesen große Schuldgefühle. Doch bevor er seine Erlösung im Freitod finden kann, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse: Eine Heringsfischerei brennt ab, der Inhaber wird beschuldigt, Geld unterschlagen zu haben und schließlich passiert auch noch ein Mord, in den Hauke unfreiwillig verwickelt wird. Zusammen mit Sophie, der Tochter des Fabrikinhabers, versucht er, den Hintergründen auf die Spur zu kommen. Dabei gerät er in eine Verschwörung, die größer ist, als er zunächst ahnt und mit denen er nicht nur den Geheimnissen seiner Vergangenheit, sondern auch Sophie und ihren Geheimnissen Stück für Stück näher kommt.

Mein Eindruck:
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Das Buch hat mich von Beginn an in seinen Bann gezogen. Die Gestaltung mit dem schönen Cover ist gut gelungen und zu Beginn gibt es eine historische Karte von Glücksstadt 1894. Die Kapitel werden stets eingeleitet von historischen Zeitungsartikeln aus der "Glücksstädter Fortuna", die inhaltlich mit dem Kapitel was zu tun haben. Dies weckt zum einen die Neugier auf den weiteren Inhalt, zum anderen fühlt man sich mit der Zeit noch mehr verbunden. Informativ ist auch der Anhang mit der Klarstellung der historischen Gegebenheiten und Personen sowie ein Glossar und Literaturhinweise am Schluss. Das rundet den Roman für mich ab.
Der Stil ist sehr atmosphärisch und man taucht sofort in die damalige Zeit ein. Hauke ist mir sympathisch, weil er jemand ist, der hilfsbereit ist und anpackt, wenn es nötig ist, dafür sich mit Geschwätz eher zurückhält. Auch Sophie gefällt mir sehr mit ihrer für damalige Verhältnisse "rebellischen Art" und auf welche Weise sie den Versuchen ihres Vaters und ihrer Tante trotzt, die versuchen, eine Dame aus ihr zu machen und sie zu verheiraten.
Der Fall ist sehr gut aufgebaut. Es beginnt mit dem rätselhaften Untergang von Haukes Schiff im Prolog und beschreibt anschließend die Ereignisse ein paar Jahre später 1894 in Glücksstadt. Dadurch wird direkt ein Spannungsbogen aufgebaut, der sich über den ganzen Roman hinweg erhält. Die Autorin streut immer wieder Hinweise ein, so dass auch scheinbar alltägliche Ereignissen wie bspw. ein literarischer Abend bei einer Gräfin oder amüsante Dialoge zwischen Rübcke und dem Polizisten Hagemann, Stoff zum Rätseln bieten. Zwar hatte ich gegen Ende eine Ahnung, doch die Action am Ende und die letztendliche Auflösung des Falls waren doch teilweise überraschend.

Dies ist der erste Band der Hauke-Sötje-Reihe. Es erschien ursprünglich in einem anderen Verlag unter dem Titel "Fortuna Schatten". Wer die anderen Bände kennt, weiß, dass Sophie und Hauke zueinander finden. Für mich war dieser Part leider nicht überzeugend. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich eine Romanze zwischen beiden anbahnt. Schon vom Altersunterschied her könnten die beiden Vater und Tochter sein. Für mich wäre eine freundschaftliche Beziehung der beiden eher denkbar gewesen, eine Liebesbeziehung wirkte für mich wenig authentisch. Dennoch sind die beiden ein gutes Ermittlerpaar, das sich gut ergänzt.
Es empfiehlt sich, den Krimi aufmerksam zu lesen, denn obwohl scheinbare Längen vorhanden sind, so ist letztendlich jeder Szene Beachtung zu schenken, da man Hinweise zur Lösung des Falles erwarten kann.
Zusammenfassend ist es der Autorin im ersten Fall von Hauke Sötje sehr gut gelungen, historische Ereignisse und ihr Ambiente, sympathische Ermittler sowie eine gute Prise Humor zu einem spannenden und auch lehrreichen Kriminalroman zu verarbeiten.

Fazit:
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Spannender und lehrreicher historischer Krimi mit sympathischen Ermittlern und einer guten Prise Humor

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Veröffentlicht am 11.06.2021

Die Paulus-Briefe im historischen Kontext interpretiert

Paulus in Ephesus
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Cover:
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Das Titelbild zeigt die Ruinen des alten Ephesus, in dem Paulus einst für eine bestimmte Zeit lebte und wirkte und stimmt damit optimal auf den Inhalt ein. Es wirkt wie der Eingang in ...

Cover:
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Das Titelbild zeigt die Ruinen des alten Ephesus, in dem Paulus einst für eine bestimmte Zeit lebte und wirkte und stimmt damit optimal auf den Inhalt ein. Es wirkt wie der Eingang in die alte Welt und sehr ansprechend.

Inhalt:
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Es gibt viele religiöse Untersuchungen, wie man die Texte der Paulus-Briefe im Neuen Testament deuten und einordnen kann. Der Autor dieses Buches wählt einen anderen Ansatz. Er versucht aus der Geschichte und damaligen Kultur heraus Paulus' Motivation und die seiner Anhänger, der ersten Messiasleute, zu interpretieren. Dabei bedient er sich einer Entdeckungstour durch die antike Stadt Ephesus.


Mein Eindruck:
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In der Einleitung steht: "Lange Zeit konzentrierte sich die Auslegung der Paulusbriefe auf die zentralen Glaubensaussagen in den Texten. Sie wurden isoliert für sich betrachtet. Die konkreten Lebensbedingungen der Menschen in den antiken Städten, die diese Briefe geschrieben und gelesen haben, waren nicht im Fokus der Auslegung. Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen des römischen Reichs sah man für die Interpretation der Bibeltexte als völlige Nebensächlichkeit an."

Im Kern steht dabei die Frage: "Wie lassen sich diese Texte lesen und verstehen, wenn man sie in eine antike Großstadt wie Ephesus hineinstellt?"

Dies ist m. E. dem Autor hier sehr gut gelungen. Er untersucht hierbei verschiedene Bereiche des kulturellen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens. Obwohl ich mich mit der Antike bereits befasst habe, habe ich in diesem Buch auch viele neue Aspekte erfahren und bekam neue Erkenntnisse über das Leben in dieser Zeit. Noch wichtiger aber waren mir hier die Rückschlüsse, die man im Bezug auf den christlichen Glauben und das Ausleben des Glaubens hieraus ziehen konnte. Schon in der Vergangenheit hatte ich mich öfter gefragt, wie bestimmte Glaubens-Aspekte mit der damaligen Kultur in Einklang zu bringen sind, wie sich "die ersten Christen" gefühlt haben mögen und welchen Gefahren sie dabei möglicherweise ausgesetzt waren.

Zur Einstimmung dienen zwei Karten auf den ersten Seiten, die Ephesus' Ruinen als Lageplan und eine Karte des heutigen Ephesus zeigen. Der Autor begleitet dann Paulus und seine Anhänger in Gedanken beim Verweilen bestimmter Orte innerhalb der Stadt und verknüpft dabei in jedem Kapitel einen bestimmten Aspekt des antiken Lebens mit bestimmten Botschaften aus den Paulus-Briefen. So erfährt der Leser unter anderem, wie schwer es war, neben dem gesellschaftlich fast schon überlebensnotwendigen Kult um die Göttin Artemis, den Glauben und die Anbetung eines Gottes auszuleben. Oder warum die christlich angestrebte Geschwisterliebe im Kontrast zum griechischen und römischen Hierarchiedenken stand. Diese Aspekte fand ich sehr spannend, denn sie verdeutlichen, wie revolutionär und schwierig es damals für Paulus und die Messiasleute war. Und dennoch konnte sich diese Bewegung bis in die heutige Zeit durchsetzen und etablieren. Herr Jochum-Bortfeld versteht es, Geschichte lebendig werden zu lassen und einzelne Aspekte des christlichen Glaubens von einer anderen Seite zu beleuchten und mit entsprechenden Quellen zu untermauern. Durch einige Bilder der Ruinen in jedem Kapitel wird das Geschilderte für dem Leser noch anschaulicher. Abgesehen von einigen Wiederholungen sowie Ausschweifungen, bei denen ich zwischenzeitlich den roten Faden verlor, ist das Buch sehr gut verständlich und eindrucksvoll geschrieben. Auch für nicht religiöse Menschen zu empfehlen, die mehr über den Alltag in der Antike erfahren möchten.

Fazit:
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Eine interessante Reise durch das antike Alltagsleben und seine Auswirkung auf Paulus' Botschaft und das Leben der ersten Messiasleute

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Veröffentlicht am 01.03.2026

Rätseln über einen Suizid

Der unsichtbare Elefant
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Gestaltung:
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Das Cover wirkt nüchtern, abgebildet ist die Silhouette eines fallenden Mannes. Die senkrechten Linien kann man in mehrfacher Hinsicht deuten. Gerade diese Schlichtheit hat mich ...

Gestaltung:
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Das Cover wirkt nüchtern, abgebildet ist die Silhouette eines fallenden Mannes. Die senkrechten Linien kann man in mehrfacher Hinsicht deuten. Gerade diese Schlichtheit hat mich neugierig werden lassen. Mir gefiel es sehr gut.

Inhalt:
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"Thomas Siebenmorgen starrt auf den Bildschirm. Die Buchstaben haben wieder ihren Tanz begonnen. Ein apokalyptischer Reigen. Der Rechtsanwalt hört Stimmen. Stimmen, die rufen. Stimmen, die schreien. Stimmen, die klingen, als kämen sie aus den uralten Tiefen der Vergangenheit. Er steht auf. Er knipst das Licht aus und tritt auf die ovale Galerie. Er betrachtet die gläserne Brüstung, die ihn von einem Abgrund trennt, in den er schon oft geblickt hat. Die Stimmen sind lauter geworden. Er kann den Sinn ihrer Worte nicht verstehen. Er kann nichts mehr fühlen. Keine Zeit. Nichts mehr empfinden. Keinen Raum. Nur den Wunsch, die Stimmen gäben Ruhe. Er klettert über die Brüstung. Er blickt in die Tiefe. Von unten streift ihn ein leichter Luftzug, den er kaum spürt. Da ist erst ein dumpfes Rauschen. Trompeten. Einen Augenblick scheint es ihm, als hielte die Welt inne. Dann begreift er, dass er nicht stillsteht, sondern mitsamt der Erde in unvorstellbarer Geschwindigkeit durchs Universum rast. Er ist bereit, sich ihm wieder anzuvertrauen. Er schließt die Augen, holt tief Luft und hält den Atem an." (S. 8)

Der Anwalt Thomas Siebenmorgen springt aus seinem Bürofenster direkt auf ein teures Kunstwerk und stirbt. Seine Kollegin María ist Zeugin. Viktor Kemper vom Kriseninterventionsteam (KIT) betreut sie. Obwohl es wie ein Suizid aussieht, fragen sich beide, welches Motiv der Anwalt hatte und warum er sich ausgerechnet auf der Arbeit in den Tod stürzte. Auch der junge Anwalt Simon wird seitens der Kanzlei auf Hintergrundrecherche angesetzt. So beginnen alle zu ermitteln und geraten dabei in ein Gemenge aus Kanzleigeheimnissen und persönlichen Abgründen, die bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hineinreichen.

Mein Eindruck:
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"Jetzt konnte Viktor ihn förmlich wieder riechen, den Mief aus Selbstgerechtigkeit, geplatzten Träumen und verflossener Großmannssucht, der in der großelterlichen Wohnung umhergewabert war und in dem er damals inmitten von groß gemusterten Blumentapeten, goldkantigen Chiffongardinen und schweren Perserteppichen fast erstickt wäre. Der abgestandene Geruch des ausgebliebenen Endsiegs. Dieser unsichtbare Elefant aus unterdrückter Scham, verdrängtem Schmerz und unerträglicher Selbstgerechtigkeit mitten im Wohnzimmer. Dieses Ungetüm, das sich von der Unfähigkeit zu trauern ernährte. Das allgegenwärtig und doch nie zu greifen war." (S. 286)

Der Beginn des Romans war sehr spannend. Man wird Zeuge des Suizids und rätselt über die Hintergründe. Die Handlung wird von mehreren Schauplätzen durchleuchtet, man begleitet dabei abwechselnd Viktor, María und den jungen Anwalt Simon bei ihren Recherchen. Bis zur Hälfte des Romans verfolgt die Erzählung vorwiegend die Frage nach dem Motiv des Sprungs und deckt dabei einige Ungereimtheiten in der Kanzlei auf. Doch zu einer abschließend befriedigenden Antwort kommen die recherchierenden Personen dadurch nicht. Im weiteren Verlauf verliert sich der Roman m. E. in zu vielen Nebensträngen. Es werden Probleme der sogenannten Kriegsenkel durchleuchtet, aber auch Schuld im Krieg, persönliche Bereicherung zuungunsten anderer und inwieweit man sich von seinen Wurzeln und seiner Erziehung emanzipieren kann. Der Schluss wirkte für mich steif und so stark konstruiert, dass er mich nicht überzeugen konnte. Der Roman hatte ein großes Potenzial, die Sprache und die abwechselnden Perspektiven motivierten zum permanenten Weiterlesen, doch am Ende wollte der Autor zu viel auf einmal. Es werden zu viele Themen aufgegriffen, aber die einzelnen Stränge konnten am Ende nicht zusammengeführt werden.
Ja, der Roman regt zum Nachdenken an: Über das Leben, die Vergangenheit und ihren Einfluss auf uns sowie das Thema, was Glück wirklich bedeutet und wie viel Risiko man bereit ist, für sein Lebensglück auf sich zu nehmen. Das ist das, was ich für mich mitnehme. Die Geschichte selbst war für mich letztendlich jedoch zu unausgegoren, was ich sehr schade finde, denn der Beginn war vielversprechend.
Interessant war noch der Anhang mit weiterführenden Informationen zu den behandelten Themen.

Fazit:
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Vielversprechender Beginn, doch der Autor wollte zu viel auf einmal und das Ende konnte nicht überzeugen

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Veröffentlicht am 05.12.2025

Annemies Geheimnis

Das Flüstern der Marsch
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Gestaltung:
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Die Abbildung des Marschlandes mit einem Zugvogel im Vordergrund passt sehr gut zu diesem leisen, stillen und eindrücklichen Roman. Man gerät sofort ins Träumen und wird ...

Gestaltung:
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Die Abbildung des Marschlandes mit einem Zugvogel im Vordergrund passt sehr gut zu diesem leisen, stillen und eindrücklichen Roman. Man gerät sofort ins Träumen und wird neugierig.

Mein Eindruck:
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"Genau wie neulich mit Jon fragte ich mich, ob ich meinen Erinnerungen trauen konnte. Irgendwie ordneten sie alles nach komischen Kriterien, hatten einen ganz eigenen Algorithmus. Ich dachte, ich hätte uneingeschränkten Zugriff, könnte einzelne Szenen nach Bedarf heranzoomen. Ein Trugschluss. Mein Blick in die Vergangenheit schien auf einmal unzuverlässig, als wäre ich damals gar nicht selbst dabei gewesen und würde nur wiedergeben, was jemand anderes mir eingeflüstert hatte."
(Mona, S. 112)

Mona trifft kurz vor dessen 80. Geburtstag bei ihrem Großvater ein und erfährt, dass ihre Großmutter Annemie verschwunden ist. Niemand weiß, wo sie hingegangen ist, und ihren Opa scheint dies auch nichts auszumachen. Auch der Rest der Familie hält sich eher zurück. Durch einen Zufall begegnet sie ihrem Jugendfreund Jon wieder, der sie bei ihrer Recherche nach ihrer Oma und deren Geheimnissen unterstützt. Dabei hat Mona derzeit auch andere Probleme.
Während Mona in der Gegenwart recherchiert, erhält der Leser abwechselnd Einblicke in Annemies Leben in der Vergangenheit sowie in weitere Biografien von Frauen, die mit Annemie und ihrem Schicksal auf teilweise unbekannte Weise verbunden sind:
Monas Schwägerin Janne: Sie hat mit drei kleinen Kindern und einem Ehemann, der sie mäßig unterstützt, genug zu tun und dennoch hat sie die Vorbereitungen für das Geburtstagsfest ihres Schwiegervaters mehr oder weniger an sich gerissen und wirkt damit zunehmend überfordert. Im Laufe der Geschichte zeigt sich, dass ihr Perfektionsanspruch durch ihre Schwiegermutter stark geprägt wurde.
Frejas Mutter ist früh gestorben, auch ihren Bruder hat sie auf tragische Weise verloren. Bei dessen Beerdigung wirft ihr Vater einen geheimnisvollen Zettel ins Grab, der Freja auf die Spur eines Geheimnisses ihrer Eltern bringt.

"Die Vergangenheit hatte dieses Fleckchen Erde fest im Griff. All das Leid, die Trauer, das Schweigen, die Geheimnisse. Ihr Vater tat so, als verschwänden Ereignisse, wenn man nicht über sie redete. Aber nur weil sie nie über den Krebstod ihrer Mutter sprachen, verringerte sich die Trauer nicht, [...]. Das Ergebnis blieb gleich. Aber genauso wie früher im Matheunterricht spielte es eine Rolle, ob man das Resultat herleiten konnte oder nicht. Es half, die zugrunde liegende Formel zu kennen. Nur so konnte man Alternativen entwickeln, es war die einzige Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Man musste die Dinge verstehen, um sie nachträglich einordnen zu können und dafür zu sorgen, dass sie sich nicht wiederholten." (Freja, S. 89)

Die Beschreibung des Romans klang sehr vielversprechend. Die Umsetzung gestaltete sich jedoch schleppend. Generell ist die Idee gut, die unterschiedlichen Frauen über verschiedene Generationen hinweg einzubeziehen. Ich habe das Buch auch immer weiter lesen wollen, weil ich wissen wollte, welche Geheimnisse diese Familie birgt, ob Annemie am Ende gefunden wird und in welcher Beziehung Freja zu Annemie steht. Leider waren die einzelnen Passagen mir viel zu detailliert geschildert, und durch die ständigen Sprünge zwischen den Zeitebenen und Personen musste man sich stark konzentrieren, um den Faden nicht zu verlieren. Ab dem letzten Drittel wurde es dann zunehmend spannender und das Ende hat mich überzeugt.

Dieser Roman zeigt, wie lang anhaltend und schwerwiegend Auswirkungen von nicht ausgesprochenen Tatsachen und Gefühlen sich auf eine Familie auswirken können.
Besonders in der Nachkriegsgeneration gab es viele Probleme, die generationenübergreifend nachhallen. Vor allem Frauen hatten darunter zu leiden, aber indirekt waren natürlich auch die Männer betroffen. Mona war mir am sympathischsten, sie versucht, die Vorbelastung im positiven Sinne zu nutzen. Es besser zu machen als die Frauen vor ihr.
Die Geschichte mit Janne fand ich etwas überzogen und teilweise verstörend. Mir war nicht ganz klar, welche Rolle sie in dem Ganzen spielt und wieso ihr Part so ausführlich geschildert wurde. Für mich war sie nur eine Randfigur und für das Geheimnis nicht wirklich relevant.

Außer dass sich die Erzählung aufgrund der Detailreiche teilweise zu sehr in die Länge gezogen hat, hat mir der Roman gut gefallen.

Fazit:
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Verbotene Liebe, ungewollte Schwangerschaften, Ansprüche an die Mutterschaft sowie ein Schweigen, das generationenübergreifend belastet.

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