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Veröffentlicht am 12.06.2021

Blick zurück auf eine Jugendfreundschaft

Die Geschichte von Kat und Easy
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Eine norddeutsche Kleinstadt in den 1970-er Jahren, wo der Höhepunkt der Rebellion ist, im autonomen Jugendzentrum abzuhängen und zu kiffen. Für die (fast) 16 jährigen Freundinnen Kat und Easy ist das ...

Eine norddeutsche Kleinstadt in den 1970-er Jahren, wo der Höhepunkt der Rebellion ist, im autonomen Jugendzentrum abzuhängen und zu kiffen. Für die (fast) 16 jährigen Freundinnen Kat und Easy ist das schon die kleine Revolte, die so manches Mal mit Hausarrest endet. Denn im Jugendzentrum gibt es nicht nur den netten aber nervigen Lothar, der immer freigiebig mit seinem Gras ist, da ist auch Fripp, der mit seinen 20 Jahren eigentlich schon ein alter Mann ist, aber den alle cool finden. Kat jedenfalls ist schwer verliebt und fällt aus allen Wolken, als ausgerechnet Fripp und Easy ein Paar werden. Unerwiderte Liebe tut immer weh, aber wenn ausgerechnet die beste Freundin die Auserwählte des Mannes ist, den ein Mädchen will, ist das natürlich noch mal so schlimm.

Die Jungmädchenträume in der Kleinstadt, das Träumen von Aufbruch und neuen Erfahrungen hat Susann Pasztor in "Die Geschichte von Kat und Easy" glaubwürdig und sensibel eingefangen. Beim Lesen läuft quasi ein Soundtrack der 70-er Jahre Oldies, mit Räucherstäbchen, Patchouli und Outfit aus dem Indienladen.

Auf einer weiteren Erzählebene führt der Roman in die Gegenwart. Auch Rebellen bekommen graue Haare und, im Fall von Kat, Arthritis in den Knien. Trotz ihren unter den digitalen Machern fortgeschrittenen Alters ist sie erfolgreich mit einem Lebenshilfe-Blog, gewissermaßen Sorgen- und Briefkastentante. Dann kommt ein Brief, der macht ihr klar: Hier kennt jemand die Kat hinter dem Pseudonym Mockingbird. Es geht nicht um die Sorgen und Nöte von Fremden, sondern es ist etwas Persönliches. Und das ausgerechnet zu einer Zeit, als Kat nach vielen Jahren wieder Easy trifft, in deren Ferienhaus auf Kreta.

Sie haben sich einander entfremdet, obwohl sie sich einmal so nah waren. Zwischen ihnen steht immer noch Unausgesprochenes und die gemeinsame Urlaubwoche muss zeigen, ob Nähe und Vertrautheit wieder hergestellt werden können. Denn die Briefe and"Mockingbird" gehen weiter und verlangen nach Antworten - nicht nur im Blog, sondern auch auf Kreta.

Mit leichter Hand und eher entspannt erzählt, geht es um die Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit, mit der Frage, was eigentlich mal die Freundschaft ausgemacht hat und ob man sich immer noch was zu sagen hat. Ob manche Dinge vielleicht endlich mal ausgesprochen werden. Um Schuld und Vergebung. Auch wenn es um große Fragen geht, ist die Geschichte von Kat und Easy nicht allzu tiefschürfend, eher heiter mit einem Hauch von Melancholie. Auch wenn ich mir teilweise mehr erwartet habe, ein Buch wie eine Spätsommerbrise, in der schon der Herbst zu spüren ist.

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Veröffentlicht am 30.05.2021

Liebe, Lust und Frust

Leute wie wir
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Welche Erwartungen sind an eine gemeinsame Zukunft als Paar zu stellen - wenn der erste Hormonrausch des Dauerverliebtseins verflogen ist, wenn der Alltag Einzug gehalten hat, wenn Kinder aus der Zweisamkeit ...

Welche Erwartungen sind an eine gemeinsame Zukunft als Paar zu stellen - wenn der erste Hormonrausch des Dauerverliebtseins verflogen ist, wenn der Alltag Einzug gehalten hat, wenn Kinder aus der Zweisamkeit eine Familie mit ihrer ganz speziellen Dynamik gemacht haben? In "Leute wie wir" spürt die britische Autorin der Geschichte zweier Paare nach, die mit Alltag und Beziehungsfrust zu kämpfen haben, vier Enddreißiger, denen die Träume ihrer Jugend noch in frischer Erinnerung sind und die sich fragen, ob der Zug für Träume schon abgefahren ist.

Michael etwa, der langjährige Freund der Modejournalistin Melissa, sehnt sich nach der Ungebundenheit der frühen Jahre. Flirten, keine Verpflichtungen haben, die Leichtigkeit, die es einst in der Beziehung gab. Melissa dagegen, seit der Geburt des zweiten Kindes zu Hause und nur noch dann arbeitend, wenn das Baby schläft, ist frustriert mit ihrem Leben und fühlt sich von Michael nicht ausreichend gestärkt. Hinzu kommt, dass das Haus, in das die Familie vor kurzem gezogen ist, ihr immer unheimlicher wird. Geht hier ein Nachtwesen um, das von ihr und ihren Kindern Besitz ergreifen will? Ihre nigerianische Mutter empfiehlt traditionelle Methoden, mit Geisterwesen umzugehen, die für Michael, der jamaicanische Wurzeln hat, nichts als irrationaler Aberglauben sind. Melissas Bitte, das Haus aufzugeben und außerhalb Londons aufs Land zu ziehen, lehnt er aber auch ab: Er will, dass seine Kinder in einer Gegend leben, in der schwarze Gesichter nicht die seltene Ausnahme sind.

Die Frage schwarzer Identität ist ein Nebenthema, nicht aber das Leitmotiv des Buches, auch wenn die Überlegungen zu Geisterwesen an die nigerianisch-amerikanische Autorin Akwaeke Emezi erinnern. Mehr noch symbolisiert das unheimliche Haus den Kollaps der Beziehung und der einstigen großen Liebe, gelten Melissa und Michael doch in ihrem Freundeskreis als das absolute Traumpaar.

Von der Romantik, die noch vor gar nicht langer Zeit "M&M" in den Augen ihrer Freunde umgab, sind Shirley und Damian weit entfernt. Shirley sieht sich als Vollzeit-Mutter, der Mann als Teil der Familie ist in ihren Augen eher das unvermeidliche Übel. Damian, der immer von einem Erfolg als Schriftsteller träumte, hatte schon immer eine Schwäche für Melissa.

"Leute wie wir" ist eine unspektakuläre Alltagsgeschichte, eingewoben in die Dynamik des modernen Londons mit seinen vielen Facetten. Die vier Protagonisten stehen dabei für unterschiedliche Wünsche, Visionen und Entscheidungen, Möglichkeiten oder eben auch der Mangel an Möglichkeiten. So wie der Geisterzug zum Crystal Palace im Tunnel steckengeblieben ist, sind auch Beziehungen nicht immer auf richtige Gleis zu bringen. Wer viel Leidenschaft und Drama erwartet, dürfte enttäuscht werden. Doch die unprätentiöse und unaufgeregte Erzählweise hat auch ihren Reiz. Mehr arthouse als romantic comedy.

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Veröffentlicht am 16.05.2021

Roadtrip a la Harold und Maude

Reise mit zwei Unbekannten
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Ein wenig erinnert Zoe Brisbys Roman "Reise mit zwei Unbekannten" an den Kultfilm "Harold und Maude" über eine generationsübergreifende Freundschaft. Auch in diesem Roadtriproman fürs Herz lebt die Handlung ...

Ein wenig erinnert Zoe Brisbys Roman "Reise mit zwei Unbekannten" an den Kultfilm "Harold und Maude" über eine generationsübergreifende Freundschaft. Auch in diesem Roadtriproman fürs Herz lebt die Handlung vom Gegensatz der Hauptfiguren: Alex ist ein unter Depressionen leidender Student mit Liebeskummer und null Selbstbewusstsein, Maxine eine 96-jährige Seniorin voller Charme, Selbstbewusstsein und Vitalität. Die beiden lernen sich dank einer Mitfahrvermittlung im Internet kennen: Alex will für seine Fahrt nach Brüssel einen Mitfahrer, Maxine ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr Auto gefahren und hofft auf eine angenehme Reisebegleitung.

Nach einigen Missverständnissen und Irritationen rauft sich das ungleiche Paar zusammen. Maxine versucht, Alex zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen und ihn dazu zu bringen, einfach mal spontan das Leben zu genießen. Der wiederum erkennt, dass die scheinbar so lebenslustige Maxine ein Geheimnis hat und der Grund für ihre Reise nach Brüssel sehr ernst ist.

Als hätte die Dynamik zwischen Alex und Maxine nicht schon genügend Stoff für eine Berg- und Talfahrt, stellt sich heraus, dass Maxine aus dem Altenheim ausgerissen ist, wo man nun an eine Entführung glaubt. Dank der Videokameras is Alex als mutmaßlicher Entführer identifiziert. Er wird nun mit Hilfe einer reißerischen Medienberichterstattung gesucht als vermutlich instabiler und psychisch angeschlagener Täter.

Spätestens hier gerät der Roadtrip häufig ins Slapstickartige und völlig Überzogene. Alex, der Aufregungen aller Art stets vermieden hat, schliddert von einer Extremsituation in die nächste und Maxine sieht es als ihre vielleicht letzte Lebensaufgabe, diesem jungen Mann etwas von ihrem Optimismus zu vermitteln.

"Reise mit zwei Unbekannten" ist ein Wohlfühlroman voller rasanter und überdrehter Episoden, bei dem man weder über literarischen Anspruch noch über allzu viel Logik und Plausibilität nachdenken sollte. Die Komik wird manchmal arg auf die Spitze getrieben, doch es gibt bei allem Humor durchaus ernste Töne. Da ist die Einsamkeit und Lieblosigkeit, von der sich Alex umgeben fühlt, die Bevormundung und Isolation, der sich Maxine ausgesetzt sieht. Hinzu kommt das Problem vieler hochbetagter Menschen: Die meisten Freunde und Weggefährten sind schon lange tot und es bleiben nur die Erinnerungen. Unterhaltsam und kurzweilig ist diese Reise allemal.

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Veröffentlicht am 03.05.2021

Olga und ihre Männer

Laudatio auf eine kaukasische Kuh
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Olga hat ein klares Ziel: Medizinstudium abschließen, den aus einer alteingesessenen Arztfamilie stammenden Studienkollegen Felix van Saan heiraten und somit auf den Höhen der gesellschaftlichen Akzeptanz ...

Olga hat ein klares Ziel: Medizinstudium abschließen, den aus einer alteingesessenen Arztfamilie stammenden Studienkollegen Felix van Saan heiraten und somit auf den Höhen der gesellschaftlichen Akzeptanz angekommen, den Bruch mit ihrer Migrationsbiographie vollziehen. Dass Felix für seinen Promotionsabschluss ausgerechnet nach München geht, wo ihre Familie lebt, ist dabei allerdings ein wenig ärgerlich. Denn Olga hat vornehm verschwiegen, dass ihre soziale Herkunft sich vom großbürgerlichen Milieus der van Saans denn doch ein wenig unterscheidet.

Nicht nur, dass ihr Vater, der in der georgischen Heimat als Bergbauingenieur arbeitete, nun mangels Anerkennung seiner Abschlüsse nur als Hilfsarbeiter arbeiten kann, der Umgang ihrer Eltern mit der deutschen Sprache ist eher kreativ als korrekt. Olga ist das peinlich. Sie selbst ist nicht nur integriert, sie ist superintegriert, hat den bayrischen Vorlesewettbewerb gewonnen, sieht sich als "deutscher als ein Bamberger Hörnchen".

In den ersten Kapiteln von Angelika Jodls"Laudatio auf eine kaukasische Kuh" kann Olga noch nicht ahnen, dass ihre Pläne nicht etwa durch den Realitätssschock einer Begegnung zwischen Felix und ihrer Familie durchkreuzt werden, sondern durch Jack, der als Hansdampf sämtlicher akademischer Gassen als Ghostwriter Examensarbeiten schreibt und sich bei einer zufälligen Begegnung am Bahnhof Hals über Kopf in Olga verliebt.

Obwohl Jack Methoden anwendet, die sich nur als Stalking bezeichnen lassen, reagiert Olga gegen ihren Willen zunehmend mit Schmetterlingen im Bauch auf den hartnäckigen Verehrer, der ihr selbst bis in den Kaukasus nachreist.

Ihre weiblichen Verwandten, allen voran die Mutter und die Großmutter, sind weitaus weniger beeindruckt von Olgas Chancen auf den sozialen Aufstieg. Schließlich geht sie auf die 30 zu und ist noch immer unverheiratet - aus kaukasischer Sicht ein spätes Mädchen mit zunehmend schrumpfenden Aussichten auf einen Ehemann, der am besten einer der ihren sein sollte - ein Mitglied der griechischen Minderheit Georgiens.

Jodl geht auf unterhaltsam-humoristische Weise auf den Zwiespalt von Migranten der zweiten Generation ein, die zwischen den Kulturen gefangen sein können, dem Druck der Herkunfts- wie der neuen Gesellschaft gleichermaßen ausgesetzt sind. Diese Leichtigkeit ist angesichts der mitunter verbissen-dogmatischen Betrachtungen des Themas in eher als Kampfmittel betrachteter Literatur eine nette Abwechslung. Andererseits übernimmt Jodl zahlreiche Klischees der heißblütigen, irgendwie ziemlich archaischen Kaukasusbewohner, die im heutigen Russland noch immer aus sowjetischen Zeiten florieren. Der Gefühlswirrwarr Olgas zwischen Felix und Jack ist nicht immer nachvollziehbar, die Entwicklung aber dennoch vorhersehbar.

Trotz einiger Längen und Stereotypen eine unterhaltsame, augenzwinkernde Lektüre - und besonders hervorzuheben ist die kreative Cover-Gestaltung. Wie es zum Buchtitel kam, wird dann während des Besuchs im Kaukasus übrigens auch noch geklärt.


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Veröffentlicht am 02.05.2021

Ermittlung zwischen Fischbrötchen und Nordseebad

Dunkelmeer
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Der Buchtitel "Dunkelmeer" klingt düster, doch trotz mehrerer Leichen liest sich der Föhr-Krimi von Stefanie Rogge, dass der Fremdenverkehrsverband der Insel recht erfreut sein dürfte. Schließlich darf ...

Der Buchtitel "Dunkelmeer" klingt düster, doch trotz mehrerer Leichen liest sich der Föhr-Krimi von Stefanie Rogge, dass der Fremdenverkehrsverband der Insel recht erfreut sein dürfte. Schließlich darf die Insel im sommerlichen Nordseelicht glänzen mit viel Lokalkolorit - mit Friesenhecken und Fischmarkt, erfrischendem Bad in der Nordsee und dem wunderbaren Gefühl, barfuß durchs Watt zu laufen. Die Insulaner sind überwiegend nett oder kauzig, und das Ermittlerteam sympathisch. Sogar ein bißchen Romantik liegt in der Luft, und ob sie den Sommer überdauert, werden wohl Nachfolgebände verraten.

Kerrin Iwersen, junge Kriminalkommissarin aus Flensburg, leitet erstmals allein Ermittlungen, und das ausgerechnet auf ihrer Heimatinsel Föhr. Der leitende Ortpolizist Hark Hansen könnte altersmäßig ihr Vater sein, hat aber keine Probleme mit einer jungen Frau als Ermittlungschefin - die beiden finden sofort einen Draht zueinander und ergänzen sich bestens. Fast bedauert Kerrin, dass sie wohl schon bald wieder zurück aus Festland muss, denn der Tod einer älteren Frau wirkt nicht übermäßig verdächtig: Die Tote war über viele Jahre hinweg schwere Alkoholikerin, nun scheint sie einen Rückfall erlitten zu haben, obwohl sie in den letzten Jahren nüchtern lebte und ausgerechnet in einem Suchtarzt einen neuen Lebenspartner fand. Nur dass keinerlei Flaschen bei der Frau gefunden wurden und kein Alkohol in ihrem Haus ist, macht die Ermittler stutzig,

Sehr schnell aber sorgt ein anderer Todesfall für Rätsel: Ein nunmehr auf dem Festland lebender Familienvater wird beim Jogging erschossen. Der Täter muss Hass auf sein Oper empfunden haben, wollte ihm Qualen bereiten. Kerrin kannte den Toten aus ihrer Jugend, er gehörte eine Clique von vier Jungen im Jahrgang über ihr an. Die jungen Männer waren seinerzeit die "Bullies" ihres Jahrgangs, die Schwächere und Außenseiter mobbten. Als ein zweites Mitglied der früheren Clique, deren Freundschaft die Schulzeit überdauert hat, erschossen aufgefunden wird, fürchten Kerrin und Hark, dass der unbekannte Täter weitermorden wird. Wer könnte die jungen Männer so hassen? Die Ermittler stoßen bei den überlebenden Freunden auf Schweigen.

Ganz im Sinne eines klassischen Whodunnit streut die Autorin eine Reihe von Hinweisen, Spuren und Verdächtigen, verbindet Privates und Berufliches für das Ermittlerteam. Mir war schon relativ früh klar, wer wohl der Täter ist, nur das Motiv musste bis zum Schluss rätselhaft bleiben, insofern waren die "red herrings" ein bißchen unbefriedigend. Das Inselflair des Romans macht dagegen Lust auf den nächsten Nordseeurlaub. Als Strandkorblektüre oder Einstimmung auf den nächsten Küstenbesuch, der irgendwann mal wieder möglich ist, also ein geeigneter Zeitvertreib.

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