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Veröffentlicht am 08.08.2021

Ein Mann, der hält, was er verspricht

Alles, was du mir versprichst
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Amelie ist verzweifelt – in einer überhasteten Aktion hat sie sich ihren fünfjährigen Bruder Ben geschnappt und ist auf und davon. Ihr Ziel: Weg, einfach nur weg aus München. Ihre Bekannte Linda fällt ...

Amelie ist verzweifelt – in einer überhasteten Aktion hat sie sich ihren fünfjährigen Bruder Ben geschnappt und ist auf und davon. Ihr Ziel: Weg, einfach nur weg aus München. Ihre Bekannte Linda fällt ihr ein, welche auf einer Hacienda in Andalusien lebt. Voller Hoffnung, aber ohne Plan stranden Amelie und Ben auf der „Hacienda de los Caballos Blancos“. Dort begegnen sie nicht nur Linda, sondern auch Ramón, dem mittleren der drei Álvarez-Brüdern, denen die Hacienda gehört. Der sensible Tierarzt merkt schnell, dass hinter Amelies Besuch die pure Verzweiflung steckt und sein Beschützerinstinkt ist geweckt – er möchte nicht nur Amelie, sondern auch dem kleinen Ben helfen. Die Gefühle zwischen Ramón und Amelie wachsen, doch Amelie fällt es schwer, sich Ramón gegenüber öffnen – denn sie trägt ein Geheimnis mit sich herum, dass die aufkeimende Beziehung gefährden wird…

„Alles, was du mir versprichst“ ist der dritte Band von Nora Wellings „everything for you“-Reihe, die sich um die drei Álvarez-Brüder auf deren Hacienda in Andalusien dreht. Luis und Damian kommen im Buch zwar auch regelmäßig vor, der Fokus liegt aber eindeutig auf dem mittleren Bruder Ramón. Mir hat sehr gut gefallen, dass ich ohne Probleme der Geschichte folgen konnte, ohne die vorherigen Bände zu kennen. Dass so wenige Fragen im letzten Buch einer Reihe offen bleiben ist wirklich selten. Für Leser, welche die ersten Bände kennen, war es sicherlich ein schönes Wiedersehen mit bekannten Figuren und Orten, für mich als Quereinsteiger aber dennoch eine runde Geschichte – das wurde hier wirklich sehr gut gelöst!

Am besten gefallen haben mir an dem Buch die grandios vermittelten Emotionen! Nora Welling ist es wirklich wunderbar gelungen, mich in die Story hineinzuziehen und mit ihren Protagonisten mitfühlen zu lassen. Da es sowohl Kapitel aus Amelies, als auch aus Ramóns Sicht gab, konnte ich beide gut kennen- und verstehen lernen – auch wenn ich Amelies Gedanken und Handlungen teilweise nicht gutheißen konnte und sie mich etwas genervt hat. Die Gefühle zwischen den beiden wurden aber wunderschön beschrieben, so dass ich emotional mitgefiebert habe und sehr berührt war. Insgesamt ist Nora Wellings Schreibstil sehr bildhaft, enthält passend eingebaute Lebensweisheiten und lässt sich schnell und flüssig lesen. Außerdem hat sie es innerhalb kürzester Zeit geschafft, mich komplett nach Andalusien zu entführen: Ich konnte die Hacienda, das Leben dort, das leckere Essen und die komplette Umgebung live vor mir sehen! Die authentischen Beschreibungen haben mich komplett wegträumen lassen! Dennoch wurde nichts beschönigt und auch auf die negativen Seiten des Lebens in Spanien eingegangen, was dem Buch einen glaubhaften Realismus verliehen hat.

Die Geschichte an sich startet sehr schnell, wir befinden uns sofort mit Amelie und Ben auf der Flucht und es stellen sich tausend Fragen nach dem warum. Der Spannungsbogen wird durch zahlreiche Andeutungen hoch gehalten und erst nach und nach kommen immer mehr Puzzlesteine ans Licht. Die Lösung von Amelies „großem“ Geheimnis erscheint dann aufgrund dieser Andeutungen fast etwas zu trivial, da hätte ich mir etwas mehr versprochen als das, was ich mir bereits selbst zusammengereimt hatte. Aber wichtiger war die Liebesgeschichte zwischen Ramón und Amelie, die sehr realistisch und romantisch ausgearbeitet wurde. Außerdem wurde Ben sehr passend eingebaut, in auf der Hacienda aufblühen zu sehen hat mein Herz erwärmt. Dass das Ende absehbar war, hat mich nicht gestört, vielmehr habe ich mich auf das schöne Happy End gefreut. Leider habe ich dieses als etwas übertrieben und fast schon ins Kitschige abdriftend empfunden, für meinen Geschmack wäre hier weniger mehr gewesen – aber das gute Ende für die Protagonisten, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, ist für mich das, was letztendlich zählt.

Gut ausgearbeitet fand ich des Weiteren die Protagonisten: Ramon als intelligenter, introvertierter und zuverlässiger Schwiegermuttertraum, Amelie als starke aber auch verunsicherte Persönlichkeit und der unschuldige Ben, der es trotz seiner fünf Jahre schon schwer hatte im Leben. Die Bindungen und die Liebe zwischen den Personen wurden sehr gut dargestellt und insbesondere das Prickeln zwischen Ramon und Amelie wurde spürbar. Auch die Álvarez-Familie und die große Gemeinschaft auf der Hacienda war sympathisch und einfach nur zum Wohlfühlen. Etwas unrealistisch fand ich das unproblematische Sprachen-Mischmasch, mit dem sich alle unterhalten haben – Ben konnte innerhalb kürzester Zeit Spanisch sprechen, Amelie als Krankenschwester spricht fließendes Englisch… das war mir an einigen Stellen etwas zu rund. Auch wirkte der fünfjährige Ben manchmal, als hätte er bereits das Sprachverständnis eines Erwachsenen. Elhan war sehr stereotyp gezeichnet, aber ein passender Antagonist.

Alles in allem hat mir „Alles, was du mir versprichst“ aber sehr gut gefallen. Für mich ist es ein perfekter, lockerer Roman für ein leichtes Lesevergnügen und besticht durch seine großen Emotionen und das wahnsinnig schöne andalusische Setting, dass zum Wegträumen einlädt.

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  • Erzählstil
  • Cover
  • Gefühl
Veröffentlicht am 04.07.2021

Die Rache des „Gehängten“

SCHULD! SEID! IHR!
5

Hauptkommissar Rolf Degenhardt steht vor einer seltsamen Situation: Innerhalb von wenigen Tagen ist er mit zwei Selbstmorden konfrontiert, die auf den ersten Blick weder in Zusammenhang miteinander stehen, ...

Hauptkommissar Rolf Degenhardt steht vor einer seltsamen Situation: Innerhalb von wenigen Tagen ist er mit zwei Selbstmorden konfrontiert, die auf den ersten Blick weder in Zusammenhang miteinander stehen, noch als Verbrechen deklariert werden müssen – allerdings nur auf den ersten Blick. Denn beide Männer – ein Obdachloser ehemaliger Ingenieur und ein pensionierter Polizist – starben unter größten Qualen an einer Vergiftung. Zusätzlich stellen Degenhardt und sein Team bei beiden Opfern Tarotkarten fest, die sich auf erstaunliche Weise ähneln. Zufall oder Absicht? Und sind noch mehr Menschen in Gefahr?

„SCHULD! SEID! IHR!“ ist das zweite Buch des Autors Michael Thode, der sich um das Ermittlungsteam rund um Hauptkommissar Rolf Degenhardt dreht. Zwar gibt es an einigen Stellen Anspielungen auf den ersten Band „Das stumme Kind“, liest sich jedoch unabhängig von diesem, da der Autor dem Leser alle notwendigen Informationen gibt, um die aktuelle Geschichte problemlos zu verstehen. In mir wurde dennoch die Neugier auf die vorhergehenden Ereignisse geweckt und es hinterließ mich leider etwas unzufrieden, dass diese nicht kurz erläutert wurden.

Sehr gut gefallen haben mir indes der spannende, treibende Schreibstil des Autors sowie die Idee hinter dem Gesamtkonzept, das Buch in verschiedene Akte mit Hauptdarstellern wie in einem Theaterstück aufzubauen. Das fand ich sehr kreativ und interessant. Passend dazu die sechs Striche auf dem Cover, das somit in seiner Schlichtheit einen schönen Bezug zum Inhalt schafft. Ebenfalls toll waren die kurzen Kapitel mit ständigen Perspektivwechseln zwischen Täter, Opfer und Ermittler sowie die Rückblenden in die Zeit der auslösenden Ereignisse. Diese ständigen Wechsel haben mich nicht nur permanent mitdenken lassen, sondern auch das Tempo der Handlung permanent erhöht. Durch den Einblick in die Sicht des Täters wird dem Leser dessen Motiv und Emotionen ersichtlich und man fiebert darauf hin, dass all diese Perspektiven schlussendlich aufeinandertreffen. Auch interessant fand ich die Kapitel mit sachlichen Erläuterungen zum Tarotspiel.

Das Buch beginnt mit einem rätselhaften und bereits grausamen Prolog. Sofort war mein Interesse geweckt, wie diese Geschichte aus der Vergangenheit mit den Geschehnissen in der Gegenwart zusammenhängt. Erst danach beginnen das streng durchgeplante Vorgehen des „Gehängten“ und seine Unterteilung in sechs (Rache-)Akte. Im Folgenden wechselt die Handlung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, der Perspektive des Täters, der verschiedenen Opfer und der Ermittler. Teilweise schweift die Handlung weg vom eigentlichen Fall, in anderen Passagen liegt der Fokus eindeutig auf den polizeilichen Ermittlungen des Teams rund um Rolf Degenhardt, aus dessen Privatleben der Leser ebenfalls Einblick erhält – insgesamt wurden hier sehr viele unterschiedliche Handlungsstränge geschaffen, die aber nicht alle am Ende zusammengeführt und gelöst wurden. Gerade der private Bezug Degenhardts sowie die Abteilungsinternen Querelen seines Teams werden so für das Folgebuch des Autors noch von Relevanz sein. Für meinen Geschmack hätte der Fokus auch komplett auf dem Fall bleiben können, so kamen mir an manchen Stellen die Ermittlungsarbeit sowie deren Hintergründe etwas zu kurz. Insgesamt fand ich den Spannungsbogen dennoch gelungen und auch wenn bereits zu einem ungewöhnlich frühen Zeitpunkt der Täter enttarnt war und sein Motiv offen gelegt hat habe ich die Geschehnisse noch aufgeregt weiterverfolgt um herauszufinden, ob er sein Ziel erreichen wird oder ob die Polizei schneller sein wird. Gerade diese Einblicke in seine Psyche haben mich verstärkt mitfiebern lassen. So war auch das Ende des Buches wenig überraschend und kein fulminanter Showdown, aber das hat es meiner Meinung auch nicht gebraucht – das Ende war schlüssig und stimmig und darauf kommt es mir persönlich an. Etwas unbefriedigt zurückgelassen haben mich doch noch einige offene Fragen zum Ende, die nicht mehr aufgeklärt wurden. Auch waren es für meinen Geschmack zu viele Anspielungen auf das Vorgängerbuch.

Insgesamt hat mir „SCHULD! SEID! IHR!“ gut gefallen, vor allem der strukturierte Aufbau der Handlung und die Anspielungen auf ein Theaterstück habe ich als sehr kreativ empfunden. Für mich war es eine Mischung aus Krimi und Thriller, da zunächst mehr Wert auf die Ermittlungsarbeit und gegen Ende erst auf Spannung gelegt wurde. Auch wenn ich mir am Ende einige Antworten mehr erhofft habe hatte ich dennoch tolle Lesestunden und konnte das Buch kaum aus der Hand legen.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 13.06.2021

Bezaubernder Schreibstil

Tage mit Gatsby
2

Wer kennt ihn nicht – den „großen Gatsby“ des berühmten amerikanischen Autors F. Scott Fitzgerald? Kaum ein Buch hat die Atmosphäre und das Lebensgefühl der „Roaring Twenties“ so eingefangen, wie dieses. ...

Wer kennt ihn nicht – den „großen Gatsby“ des berühmten amerikanischen Autors F. Scott Fitzgerald? Kaum ein Buch hat die Atmosphäre und das Lebensgefühl der „Roaring Twenties“ so eingefangen, wie dieses. Doch wie kam es zu dem Roman und was steckt dahinter? Dieser spannenden Frage hat sich die Autorin Joséphine Nicolas in ihrem Erstlingswerk „Tage mit Gatsby“ gewidmet. Ihren Ansatz, die Geschichte hinter der Geschichte zu erzählen finde ich wahnsinnig interessant und faszinierend - eine Art Entstehungsgeschichte mit realen Bezügen als Buch.

Beim Lesen wird deutlich spürbar, wie viel Herzblut und Recherche in diesem Buch steckt: Joséphine Nicolas hat sich intensiv mit dem Leben Zelda Fitzgeralds und der damaligen Zeit auseinandergesetzt und besitzt hier eine große Kompetenz. Unter anderem hat sie sogar sämtliche Orte, an denen das Buch spielt, bereist und sich stark an der damaligen Korrespondenz der Fitzgeralds orientiert. Teilweise konnte ich allerdings nur schwer einordnen, was auf wahren Begebenheiten beruht und was im kreativen Schaffungsprozess fiktiv ausgeschmückt wurde. Insgesamt hat das Buch mich aber sehr neugierig auf das Leben des Glamour-Paares Fitzgerald gemacht, so dass ich sehr motiviert war, im Anschluss selbst über das Leben der echten Zelda nachzuforschen. Erleichtert wurde dies durch die umfassende Literaturauflistung am Ende des Buches.

Besonders hervorheben möchte ich jedoch die Sprache des Buches: Joséphine Nicolas hat es geschafft, mich mit ihrem wunderschönen Schreibstil absolut zu verzaubern! Selten habe ich so einen mitreißenden Umgang mit Sprache erlebt, der mich absolut in seinen Bann gezogen hat. Davon abgesehen, dass er sehr zeitgemäß für die zwanziger Jahre ist empfand ich ihn als sehr durchdacht, filigran und künstlerisch, beinahe schon poetisch. Es wird aus Zeldas Perspektive erzählt, so dass der Leser tiefe Einblicke in ihre fragile Persönlichkeit und manchmal etwas weltfremde Wahrnehmung erhalten. Die Dialoge im Stil der damaligen Zeit sind ebenfalls gelungen und gespickt mit wunderschönen Zitaten. Auch durch ihre anschaulichen und bisweilen schillernden Beschreibungen der Lebensumstände der Fitzgeralds, wie z.B. deren Partys und Shoppingtouren, aber auch von Landschaften und Räumlichkeiten hat mich die Autorin in die zwanziger Jahre zurückgebeamt. Lediglich das Cover hätte ich nicht auf Anhieb dorthin verortet. Es passt zwar optisch gut zum Kapitel in Südfrankreich, ist aber ehrlich gesagt nicht mein Stil und ich hätte wohl auch nicht zugegriffen, wenn ich es in einer Buchhandlung ausliegen gesehen hätte. Beim weiteren Fortschreiten des Buches wird die tiefe Melancholie Zeldas immer deutlicher, die Gesamtstimmung wird beklemmend, so dass der Leser das Unglück zum Ende deutlich heranziehen spürt, ohne dass dies explizit benannt wird. Besonders hervorzuheben ist hier der Epilog, der das Schicksal der wahren Zelda auf kunstvoll-tragische, aber auch wieder nur auf implizit-sensible Weise darlegt.

Was für meinen Geschmack aber leider zu kurz kam war der eigentliche Inhalt: Für ein Buch von 400 Seiten ist irgendwie doch recht wenig wirklich passiert, Zeldas Leben dreht sich irgendwie im Kreis und erfährt viele Redundanzen. Wo ich die Beschreibungen ihrer Beziehung zu Scott, Festivitäten und Gedanken anfangs noch faszinierend fand, wurden deren Wiederholungen gegen Ende hin eher ermüdend. Viele Szenen und Begebungen ähneln sich stark. Auch die ständigen Dispute des Paares waren auf Dauer etwas langatmig. Insgesamt hätte für meinen persönlichen Geschmack das Erzähltempo schneller sein könnten, so wirkte sie eher handlungsarm. Zeldas affektiert-naive Art und Scotts Arroganz empfand ich auf Dauer als störend, beide wurden mir im Verlauf des Buches immer unsympathischer – ich konnte leider keinen richtigen Zugang zu den Protagonisten entwickeln. Weitere Personen sind eher blasse Randfiguren geblieben, ich konnte relativ wenig mit den meist kurzen Begegnungen anfangen.

Insgesamt bleibt mir „Tage mit Gatsby“ aber schon als interessanter Roman im Gedächtnis, der mir das wilde Leben von Zelda und Scott Fitzgerald in den zwanziger Jahren nahe gebracht und mir Lust darauf gemacht hat, mich näher mit dieser Zeit zu befassen. Die Entstehungsgeschichte des „großen Gatsby“ aus andere Sicht zu betrachten war spannend und ich möchte das Buch nun unbedingt noch einmal mit diesen neuen Eindrücken im Hinterkopf lesen. Das eigentlich Herausragende ist aber der wunderschöne Schreibstil, der die überschaubare Handlung absolut wieder wettmacht. Das Lebensgefühl der „Roaring Twenties“ wurde perfekt transportiert und ich habe die bildhaften Beschreibungen und den außergewöhnlichen Umgang mit Sprache der Autorin sehr genossen.

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  • Geschichte
Veröffentlicht am 02.05.2021

Eine mutige alte Frau geht ihren Weg

Als wir uns die Welt versprachen
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Edna ist eine fast 90jährige rüstige alte Dame, die mit Papagei Emil zurückgezogen in einem kleinen Dorf in Südtirol lebt. Keiner der Dorfbewohner ahnt, dass Edna in ihrer Kindheit schreckliches erleben ...

Edna ist eine fast 90jährige rüstige alte Dame, die mit Papagei Emil zurückgezogen in einem kleinen Dorf in Südtirol lebt. Keiner der Dorfbewohner ahnt, dass Edna in ihrer Kindheit schreckliches erleben musste, da sie von ihrer Familie als sogenanntes „Schwabenkind“ über die Alpen nach Deutschland verkauft wurde, um bereits als 10jährige Schwerstarbeit auf einem schwäbischen Bauernhof zu leisten. In diesen harten Monaten hat sich eine enge Freundschaft mit Jacob aufgebaut, einem Jungen, der sich um sie gekümmert und sie so gut es geht beschützt hat. Damals haben sich die geschworen, zusammen fliehen – gelungen ist es nur Edna. Als die alte Dame Edna nun Jacobs Foto in einer Zeitung sieht, fühlt sie sich an das alte Versprechen gebunden und rüstet sich zum Aufbruch: Sie möchte Emil Jacob zurückbringen und dafür ist ihr kein Weg zu weit oder zu steinig – selbst der der Schwabenkinder über die Berge nicht.

„Als wir uns die Welt versprachen“ von Romina Casagrande ist ein berührender Roman, der zwei Geschichten in einer vereint: Die der jungen Edna aus der Zeit als Schwabenkind und die der alten Edna auf ihrer Reise zurück nach Ravensburg. Der Wechsel von Vergangenheit und Gegenwart liest sich angenehm, auch wenn zu Beginn eines neuen Kapitels zunächst nicht eindeutig klar ist, in welcher Zeit wir uns gerade befinden. Das in Sepia gehaltene Bild des kleinen Mädchens passt sehr gut dazu, man kann sich gut vorstellen, dass es sich dabei um das Foto aus dem Buch handelt. Auch gut gefällt mir die abgedruckte Karte, die ebenfalls eine große Rolle in der Geschichte spielt. Ich hatte viel Freude dabei, anhand dieser Ednas Weg nachzuvollziehen.

Der Schreibstil der Autorin ist zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftig und ich habe dadurch etwas gebraucht, bis ich wirklich in die Geschichte eintauchen konnte. Vieles wird nur angedeutet und die vielen zusätzlichen Einschübe in Klammern waren so zahlreich, dass sie den Lesefluss etwas beeinträchtigt haben. Auch wirkt das Erzähltempo aufgrund des Schreibstils mit vielen Detailbeschreibungen irgendwie sehr langsam. Dies passt zwar zur Sichtweise der alten Dame, für meinen Geschmack hätte die Story aber an einigen Stellen schneller voranschreiten dürfen. Mit der Zeit habe ich mich aber an den etwas anderen Schreibstil gewohnt und mich nicht mehr daran gestört.

Der Erzählstrang aus der Vergangenheit ist der Autorin sehr gut gelungen. Das Mädchen Edna berichtet in ihrer naiven Art von den schlimmen Geschehnissen auf dem Hof, durch ihre kindliche Erzählweise wirken trotz ihres Schreckens beinahe alltäglich. Die Szenen auf dem Hof haben mich tief erschüttert, vor allem weil sie auf der wahren Geschichte der „Schwabenkinder“ beruhen, über die es meiner Meinung nach viel zu wenig Aufklärung gibt. Ihr Schicksal hat mich unheimlich erschüttert und traurig gemacht.

Wo der Vergangenheitsstrang durch seine grausame Authentizität überzeugt, desto unglaubwürdiger wirkt der aus der Gegenwart. Auch wenn es amüsant zu lesen war, so halte ich es doch für überzogen, dass eine fast 90jährige alleine mit einem Papagei den Weg über die Alpen geht, ohne dabei aufzufallen oder zusammenzubrechen. Natürlich erhält sie Hilfe von verschiedensten Leuten, überwindet eigene Vorurteile und lernt dabei viele Lebensweisheiten, aber an vielen Stellen wirkte die Wanderung dann doch zu konstruiert, um noch realistisch zu sein. Trotzdem sind der Trip und ihre Begegnungen sehr unterhaltsam. Das Ende hingegen hat mich traurig hinterlassen. Es ist emotional, irgendwie aber auch stimmig. Vieles bleibt ungesagt, aber Edna schließt ihren Frieden mit ihrem Schicksal. Dieses Ende hat mich sehr berührt, auch aufgrund seiner gnadenlosen Ehrlichkeit – der Kreis hat sich geschlossen.

Der alten Dame Edna stand ich bis zum Ende hin etwas zwiespältig gegenüber. Einerseits hatte ich das Gefühl, dass sie nicht mehr vollkommen klar denken kann, stark in der Vergangenheit lebt und darüber hinaus ihre körperlichen wie geistigen Fähigkeiten überschätzt. Andererseits bewundere ich sie für ihren Mut, ihre Hartnäckigkeit und Entschlossenheit, das Versprechen Jacob gegenüber einzuhalten. Auch ist sie sehr tolerant, wundert sich zwar über die seltsamen Menschen, die ihr auf ihrer Reise begegnen, gibt aber jedem eine Chance und sieht das Gute in ihnen. Dadurch werden beiderseits Vorurteile abgebaut und generationsübergreifende Lebensweisheiten ausgetauscht.

Insgesamt hat mir das Buch trotz einiger unrealistischer Begebenheiten gut gefallen, gerade die Botschaften hinter den Worten waren so wahr und wichtig. Die alte Edna macht Mut, seinen Weg zu gehen und anderen Menschen offen zu begegnen und ihnen zuzuhören. Insbesondere hat mich aber die Thematik der Schwabenkinder nachhaltig beschäftigt. Meiner Meinung nach ist die Zeit der Schwabenkinder ein sehr dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, von deren Schicksal jeder gehört haben sollte. Super, dass in „Als wir uns die Welt versprachen“ mithilfe eines fiktiven Romans gleichzeitig geschichtliche Aufklärung stattfindet.

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Veröffentlicht am 07.04.2021

Kurzweilige Geschichte über eine verrückte Vater-Tochter-Hunde-WG

Die Liebe ist ein dicker Hund
1

Franzi versteht die Welt nicht mehr! Da ist sie endlich mit ihrem Mann Manolito in ihr Traumhaus gezogen und steckt mitten in der liebevollen Renovierung der Immobilie, schon kommt die Hiobsbotschaft: ...

Franzi versteht die Welt nicht mehr! Da ist sie endlich mit ihrem Mann Manolito in ihr Traumhaus gezogen und steckt mitten in der liebevollen Renovierung der Immobilie, schon kommt die Hiobsbotschaft: Manolito steckt in einer Lebenskrise, von der Franzi nichts mitbekommen hat, und flüchtet in einer Nacht-und-Nebel-Aktion für mehrere Monate in ein Kloster nach Nepal, um sich selbst zu finden! Neben einem großen Berg Schulden für das Haus, einem leergefegten Bankkonto und einem großen Schock bei Franzi lässt er auch seine Leonberger Hündin Andromeda, die er gegen Franzis Willen unbedingt anschaffen wollte, zurück. Eigentlich macht sich Franzi nichts aus Hunden, aber als Leidensgenossen halten sie und Andromeda/Andi zusammen und bilden schon bald ein tolles Team. Denn Franzi hat sich fest vorgenommen, ihr Traumhaus zu behalten! Doch dazu muss Geld her – und ihr Vater stellt sich als vorübergehende Lösung heraus. Denn dieser zieht nach einem Streit mit Franzis Mutter bei ihr ein – das lustige Chaos in dieser ungleichen Vater-Tochter-Hund-WG ist also vorprogrammiert. Und dann gibt es ja auch noch den attraktiven neuen Nachbarn Mick und seinen eleganten Dalmatiner-Rüden Pongo, die den beiden Damen der WG nicht mehr aus den Köpfen gehen…

Ich liebe Hunde und dementsprechend hat mich das Cover direkt gecatcht. Der gestreifte Hintergrund lässt zudem auf eine humorvolle Geschichte schließen, auch wenn er mir persönlich etwas zu kindisch erscheint. Auch hätte mich der Titel so nicht wirklich angesprochen.

Lustig finde ich die verschiedenen Zwischenüberschriften der einzelnen Kapitel. Diese sind noch dazu kurz gehalten und somit angenehm zu lesen. Der Schreibstil der Autorin ist ebenfalls sehr ansprechend, sie schreibt sehr realistisch und vor allem unglaublich humorvoll. Es gab sehr viel Situationskomik und Stellen, bei deren leicht überzogener Beschreibung ich laut auflachen musste. An einigen Stellen bin ich allerdings leider etwas über die unklare Darstellung zeitlicher Abläufe gestolpert, manche Zeitsprünge waren auf den ersten Blick nicht sofort als solche erkennbar, was zu Verwirrung geführt hat.

Die Geschichte an sich ist relativ kurz, aber auf das Wesentliche beschränkt. Der Leser hat einen umfassenden Ausschnitt aus dem Leben einer jungen Frau bekommen, die sich gerade in einer maximal schwierigen Phase befindet. Mir hat gut gefallen, dass der Fokus weniger auf der Liebesgeschichte zwischen Franzi und ihrem Nachbarn lag, sondern darauf, dass sie ihr chaotisches Leben neu ordnet und in den Griff bekommt. Natürlich haben dazu (etwas zu) viele Zufälle beigetragen und es war vorhersehbar wie sich alles perfekt gefügt hat, aber angesichts der locker-leichten Grundstimmung des Buches konnte ich darüber hinwegsehen. Besonders gut gefallen hat mir, wie die Hunde in die Geschichte eingebunden wurden und diese mitgestaltet haben. Auch gab es einige rührende Szenen der liebevollen Vater-Tochter-Beziehung, die ich als sehr authentisch und einfach nur schön empfunden habe.

Sowieso hat mir die Figurenzeichnung ausgesprochen gut gefallen: Die verschiedenen Charaktere sind so facettenreich und glaubwürdig ausgearbeitet, dass der Leser sie sofort ins Herz schließt. Die einzige Ausnahme dabei ist Antagonist Manolito, der mir persönlich zu egoistisch und selbstbezogen dargestellt wurde, um noch glaubwürdig zu sein.
Franzi hat mir in der Seele leidgetan und auch wenn ich ihre besonnene, ruhige Reaktion auf die Geschehnisse nicht nachvollziehen konnte passen diese gut zum Charakter, als der sie im Folgenden beschrieben wird. So ganz konnte ich nicht verstehen, warum sie Manolito überhaupt geheiratet hat, da ich keinen Moment auch nur irgendeine Verbundenheit zwischen den beiden gespürt habe. Insgesamt hat sie manchmal zu viel Verständnis gezeigt und sich klein gemacht, war in anderen Situationen dann aber wieder taff. Wunderbar fand ich aber die Annäherung an Andi/Andromeda und wie rührend sie sich um den Hund gekümmert hat. Sie und ihre kleine Familie konnte man nur ins Herz schließen! Mein absoluter Lieblingscharakter war aber Papa Gerhard! Diese "spezielle", aber sehr liebenswerte Figur mit dem Herz am rechten Fleck war einfach wahnsinnig gut beschrieben. Mit seiner manchmal etwas unbeholfen, trotteligen Art war er sehr lebensnah dargestellt und einfach nur zum kaputt lachen!

Ich hatte eine sehr kurzweilige Lesezeit mit „Die Liebe ist ein dicker Hund“ und fand die Idee zur Story kreativ und vor allem sehr humorvoll umgesetzt! Es war für mich eine locker-leichte Lektüre zum Entspannen und Abschalten.

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