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Veröffentlicht am 01.08.2021

Auf der Suche nach einem neuen Leben

Die Heimkehr der Störche (Die Gutsherrin-Saga 2)
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Wie auch im Vorgängerroman, in dem das Leben der Familie Twardy in Ostpreußen vor und während des Zweiten Weltkriegs dargestellt wird, fühle ich mich fast als Teil der Handlung, so dicht und ...

Wie auch im Vorgängerroman, in dem das Leben der Familie Twardy in Ostpreußen vor und während des Zweiten Weltkriegs dargestellt wird, fühle ich mich fast als Teil der Handlung, so dicht und atmosphärisch beschreibt Autorin Theresia Graw die Geschichte von Dora Twardy und ihren Lieben, ehemaligen ostpreußischen Gutsbesitzern, die es nach dem Zweiten Weltkrieg in die Nähe von Lüneburg verschlagen hat, wo sie ganz von vorn beginnen müssen.

Dora lässt sich nicht unterkriegen und schafft es, einen Studienplatz in Tiermedizin zu ergattern: ausgerechnet an der Humboldt-Universität Berlin im Ostteil der Stadt, wohin sie mit ihrem Ziehkind Clara, der Tochter ihrer großen Liebe Curt, aufbricht.

Dort lebt Dora bei Verwandten, denn ihr jüngerer Bruder ist nach dem Krieg im Osten Berlins hängen geblieben und hat in eine Familie eingeheiratet, deren Oberhaupt voll und ganz im Dienste des neuen Regimes und damit auch Moskaus steht, wie Dora schnell klar wird. Teilweise ist das sogar hilfreich für sie und Clara und erleichtert ihnen das Einleben um einiges.

Nach einem hoffnungsfrohen Beginn wird ihr, nicht zuletzt durch die Zerschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953, an dem sie teilgenommen hat, allerdings klar, dass dort kein Bleiben für sie ist.

So findet sie sich bald wieder auf der Suche nach einem festen Platz für ihr Leben. Und nicht nur für sich, sondern auch für Clara und Curt, den sie gefunden hat - doch noch verhindert vieles ihren Start in ein gemeinsames Leben.

Wieder ist es der Autorin meisterhaft gelungen, die Atmosphäre der damaligen Zeit aufleben zu lassen, die Unterschiede zwischen Nord und West, zwischen Stadt und Land spürbar zu machen. Ich war so sehr in die Geschichte Doras und ihrer Lieben versunken, dass ich förmlich die Protestrufe der Demonstranten hörte, um nur ein Beispiel zu nennen.

Ein ganz besonderer, authentischer Roman, der mich begeistert hat!

Veröffentlicht am 09.07.2021

Ein interessantes Nachwuchstalent

Das Karlgeheimnis
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Das ist der selbsternannte Krimiautor Emil. Ein sehr junger Autor - in seinem Debüt ist nur eine Sache erfunden und zwar der Finger, der im Gebüsch gefunden wird. Deswegen passt er auch nicht zu dem Rest ...

Das ist der selbsternannte Krimiautor Emil. Ein sehr junger Autor - in seinem Debüt ist nur eine Sache erfunden und zwar der Finger, der im Gebüsch gefunden wird. Deswegen passt er auch nicht zu dem Rest der Geschichte, in der Emil selbst die Hauptfigur ist.

Naja, zusammen mit ein paar anderen, sonst wäre es ja langweilig! Emil ist noch recht frisch in diesem Viertel und der Anlass ist eigentlich ein trauriger: Er und seine Mutter mussten umziehen, weil sie sich die vorherige größere Wohnung nicht mehr leisten konnten. Weil Papa nämlich nicht mehr da ist.

Das ist eine Sache, an der sowohl Emil als auch Mama noch knabbern und das Schlimmste - sie hat sie voneinander entfernt.

Aber es gibt auch Spannendes in Emils Leben, vor allem das Büdchen gleich vor dem Haus, das von Karl, der schon ziemlich alt ist, betrieben wird. Dort sammeln sich so einige Leute und so lernt Emil auch Finja kennen, die eine richtige Detektivin ist. Und zusammen schlittern sie in einen richtigen Kriminalfall, den Emil gleich hier, in seinem ersten Band, beschreibt.

Ich will nicht zu viel verraten, aber soviel sei gesagt: Das Büdchen - manche sagen auch Kiosk oder Trinkhalle - spielt eine nicht unerhebliche Rolle darin. Es ist sozusagen der Tatort.

Aber jetzt hülle ich mich in Schweigen. Den Rest sollt Ihr nämlich selbst lesen und er ist echt total spannend. Und überraschend! Ein wirklich tolles Buch, das Ihr Euch nicht durch die Lappen gehen lassen solltet!

Veröffentlicht am 04.07.2021

Wieder in die Spur kommen

Heute beißen die Fische nicht
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Das will Emma, die als Fotojournalistin viele, viele Tage, ja Wochen und Monate im Jahr unterwegs ist - vor allem in den Krisengebieten der Welt. Das zehrt an ihr, körperlich und vor allem seelisch.

Nun ...

Das will Emma, die als Fotojournalistin viele, viele Tage, ja Wochen und Monate im Jahr unterwegs ist - vor allem in den Krisengebieten der Welt. Das zehrt an ihr, körperlich und vor allem seelisch.

Nun verbringt sie den Sommerurlaub gemeinsam mit ihrem Mann Joel und Tochter Fanni sowie dem Schwiegervater auf einer winzig kleinen Insel, die Joels Familie gehört. Hier hofft sie, zur Ruhe kommen, muss aber auch mit Joels Vorwürfen zurecht kommen, der sich von ihr allein gelassen fühlt. Sie fühlt sich umgekehrt von ihm bedrängt.

Und sie beobachtet ihre Tochter Fanni - vielmehr beobachtet sie das Verhalten, das die Umwelt Fanni entgegen bringt. Denn Fanni ist schwarz. Richtig, richtig dunkel. Emma und Joel haben das Waisenkind adoptiert und Emma leidet an der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit, dem Rassismus, der auch in Finnland wahrzunehmen ist. Sie leidet sozusagen an Fannis Stelle.

Ihre Reflexionen über ihr Leben und das ihrer Familie vermengen sich mit Visionen. Ich war während der Lektüre ganz nahe bei Emma, konnte ihre Empfindungen, ja, ihr Leid, nur zu gut nachvollziehen. Ein eindringliches Buch, das trotz Emmas Leid, ihrer zeitweilig vorherrschenden und sich steigernden Ausweglosigkeit nicht nur trübsinnig und trist ist. Auch die Natur ist ein Teil des Romans, der seinen Teil dazu beiträgt. Und der - gerade die finnische Schärenlandschaft - strahlt eine ganz eigene Kraft aus.

Veröffentlicht am 29.06.2021

Eine Frau von Format

Dora Maar und die zwei Gesichter der Liebe
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Dora Maar wurde ihr Erfolg bzw. ihre spätere Entwicklung nicht in die Wiege gelegt: als Tochter aus besserem Hause in Argentinien geboren, kam sie erst als Teenager nach Frankreich, in die Heimat ihrer ...

Dora Maar wurde ihr Erfolg bzw. ihre spätere Entwicklung nicht in die Wiege gelegt: als Tochter aus besserem Hause in Argentinien geboren, kam sie erst als Teenager nach Frankreich, in die Heimat ihrer Mutter, fasste in Paris, das damals die Heimat vieler Künstler unterschiedlicher Sparten war, schnell Fuß, zumal sie selbst ihre Begabung als Malerin, vor allem jedoch als Fotografin, entdeckt hatte und weiter entwickeln wollte.

Bald schon reüssierte sie als Fotografin, anerkannt von den Koryphäen ihrer Zeit, allen voran Man Ray. So fand sie schnell Eingang in die "angesagten Kreise" der damaligen Zeit, über die sie auch Picasso kennenlernte, dessen Werben sie rasch nachgab.

Es folgten produktive gemeinsame Jahre, in denen der große Künstler die sachkundige Frau an seiner Seite zu schätzen wusste. Diesem Roman zufolge war ihr Beitrag bspw. zum Riesengemälde "Guernica", das Kunstwerk und politische Stellungnahme zugleich war, ein beträchtlicher.

Doch beide waren starke Charaktere und standen einander immer wieder im Weg. Zudem war es auf die Dauer wohl egal, wie einzigartig Dora war - Picasso war immer wieder seiner Frauen überdrüssig geworden, der sich nach etlichen gemeinsamen Jahren der blutjungen Francoise Gilot zuwandte.

Ein ergreifendes, zugleich informatives und sehr kraftvolles Buch, das von der ersten Seite an eine starke Sogwirkung auf mich ausübte. Bettina Storks ist nicht nur eine großartige Autorin, auch ihr historisches Gespür ist unglaublich. Eine packende Romanbiografie, die ich von ganzem Herzen weiterempfehlen kann!

Veröffentlicht am 18.06.2021

Um einiges intensiver

Das Leben ist ein Fest
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als andere Menschen: so lebt Frida Kahlo. Dazu so impulsiv und eigen wie es nur ihr zu Gesicht steht:

Die Malerin und hingebungsvolle Liebende, die Mexiko ein neues Selbstverständnis sowohl in der Selbstwahrnehmung ...

als andere Menschen: so lebt Frida Kahlo. Dazu so impulsiv und eigen wie es nur ihr zu Gesicht steht:

Die Malerin und hingebungsvolle Liebende, die Mexiko ein neues Selbstverständnis sowohl in der Selbstwahrnehmung wie auch im internationalen Miteinander schenkte, zelebrierte jedes Ereignis in ihrem Leben, sowohl Freud wie auch Leid, wobei sie gerade von Letzterem bereits in frühen Jahren eine ganze Wagenladung abbekommen hatte.

Unterkriegen ließ sie sich davon nicht: im Gegenteil, sie kreierte ihren eigenen, vorher in dieser Form nie dagewesenen Stil in der Malerei wie auch im Design ihrer Kleidung und ihrer Wohnräume.

Frida war eine Frau, die gewissermaßen außerhalb der Zeit lebte, sie fuhr immer ihren ganz eigenen Stiefel und wurde somit auch nie unmodern. Bis heute nicht.

Ihre Achillesferse war Diego Rivera, der große, schwere Mann, der ihr in Begabung und Leidenschaft in nichts nachstand und ihr nur deswegen in einigem voraus war, weil er deutlich früher als sie geboren wurde - wegen ihm genoss und litt sie. Auch hier vermutlich war Leid häufiger angesagt als Freud.

Doch Frida ließ nicht locker, trotz allem blieb sie eines: sie selbst, die einzigartige Frida Kahlo.

Autorin Claire Berest vermag es, die Kraft, Intesität, Impulsivität und Emotionalität dieser ganz besonderen Frau in jeder Hinsicht so wiederzugeben, dass man meint, man sähe einen Film. Ihr Roman ist ebenso prall und farbig wie die Person Frida Kahlo selbst es war. Allerdings nicht von der Figur her, die zart und klein war und blieb. Nein, es war ihr Charakter, der wieder und wieder Überhand nahm und ihr Leben zu einem unbequemen werden ließ. Aber ich bin mir fast sicher, dass Frida nichts bereut hat.

Wenn auch Sie nicht bereuen wollen, rate ich Ihnen, zu diesem Roman zu greifen, mit dem Sie außerordentlich intensive Stunden verleben werden.