Von der Illusion zum Tikkun
SchicksalIn Zeruya Shalevs neuem Roman „Schicksal“ hadern zwei Frauen mit ihrem Schicksal – und kommen sich durch eine Bedeutung aus der Vergangenheit näher. Aus jeweils wechselnder Perspektive erfährt der Leser ...
In Zeruya Shalevs neuem Roman „Schicksal“ hadern zwei Frauen mit ihrem Schicksal – und kommen sich durch eine Bedeutung aus der Vergangenheit näher. Aus jeweils wechselnder Perspektive erfährt der Leser Stück für Stück mehr aus dem dramatischen Leben der Frauen – dabei verwebt Shalev im Hintergrund die Geschichte des Israels der 1940er und der Gegenwart, sowie Politisches mit Beziehungsproblemen. Denn so zerrissen das Land ist, so verletzt sind teilweise auch die Menschen darin.
„So hatte es das Schicksal gewollt. Es hatte um diese Zeit keinen anderen Weg gegeben, nicht ins eingeschlossene Jerusalem und nicht zu Menos verschlossenem Herzen.“ S. 13
Die knapp 50jährige Mutter und Ehefrau Atara wird am Sterbebett ihres Vaters von ihm Rachel genannt – verstutzt hält sie inne, erinnert sich an ein Familiengeheimnis, an eine erste Ehe des Vaters, über die nie geredet werden durfte. Sie lässt die mittlerweile 90jährige Rachel ausfindig machen und bittet um ein Treffen. Während die ersten Begegnungen holprig verlaufen und Atara sich immer mehr in der Vergangenheit befindet, übersieht sie die Zeichen der Gegenwart – und muss einen schweren Schicksalsschlag in der Familie hinnehmen. Sie gerät in ein Gefühlschaos, hinterfragt ihre Beziehung zum Ehemann, zu ihren Kindern und zu ihrem gestorbenen gewalttätigen Vater Meno. Dieser ist die Verbindung zu Rachel, die auch mit Dämonen aus der Vergangenheit zu kämpfen hat: Mit ihrem ersten Mann Meno war sie in einer jüdischen Widerstandsorganisation gegen die britische Mandatsherrschaft in Palästina. Von dieser Lechi ist sie bis heute überzeugt, verehrt ihre Kameraden als Helden, bedauert die unterlassene hohe Ehrung von außen und erzählt ihren zwei Söhnen immer wieder davon. Doch auch hier hat ein Schicksalsschlag die Liebe entzweit und Meno hat sich von ihr abgewandt.
„Welchen Sinn hat es, eine alte Kränkung wiederzubeleben? Dieses Kapitel war aus dem Buch ihres Lebens herausgefallen. Wenn sie sich bücken würde, um es aufzuheben, könnte ihr Rücken daran zerbrechen.“ S. 48
Auf über 400 schmerzensreichen Seiten seziert Zeruya Shalev das verletzte Seelenleben ihrer zwei Protagonistinnen aufs Genaueste, blickt tief in alte und neue Wunden, in extreme Gefühle und Zerrissenheiten sowie in mögliche Fehlentscheidungen. Schuld spielt in allen Erzählsträngen eine große Rolle und die mögliche Annäherung an eine Reparatur, eine Festigung – dem Tikkun. Auf langen Autofahrten, die die auf Denkmalschutz spezialisierte Architektin Atara zu Rachel unternimmt, werden lange und sich auch wiederholende Gedankengänge eingeflochten. Atara reflektiert über ihr Mutter- und Ehefrau-Sein, aber auch über architektonische Feinheiten draußen – beides muss freigelegt, verstanden und rekonstruiert werden. Rachel dagegen hinterfragt neben Menos Verhalten vor Jahrzehnten ihre aktuelle distanzierte Beziehung zu ihren Söhnen – Jair hat sich ihr abgewandt, Amichai ist streng gläubig bei den Bratzlawer Chassiden. Und immer wieder blickt sie zurück in ihre Lechi-Zeit. Anhand dieser Konstellation und Begegnungen konstruiert Shalev ein feinfühliges, teils suggestives Bild des früheren und heutigen Israels, auch wenn die Konflikte in diesem Land eher die Hintergrundkulisse bilden.
„Will ihr abstruses Vorhaben zu Ende bringen, will eine Dokumentationsmappe zu ihrem toten Vater anlegen, will das ideale Gebäude freilegen, das, angefressen vom Zahn der Zeit, hinter allerlei Anbauten immer mehr verloren ging; sie versucht, zu seiner ästhetischen Wahrheit vorzudringen.“ S. 120/121
Lügen, Geheimnisse, Gewalt, Distanziertheit in Familie und Ehe, Trauerarbeit – in Ataras mystischem Haus in der Nähe eines Wadi wird alles episch und pathetisch auseinandergenommen und versucht, wieder zusammenzusetzen, während draußen am Wadi Schakale heulen und Krähen schnattern. An manchen Stellen ist der intensive, vielschichtige und etwas beklemmende Roman schwer zu händeln, trifft aber die Verzweiflung einer trauernden und sich suchenden Frau sehr präzise und eindringlich. Es braucht Zeit zum Entdecken beim Lesen, für die sehr klugen Verweise in alle Richtungen, die berührenden Reflektionen über Schicksal, Tod, Glaube und Beziehungen sowie die historischen und religiösen Einflechtungen. Ein spiritueller, emotional gnadenloser, zum Ende versöhnlicher Roman über den Zyklus von Schicksal, der trotz kleineren Schwachstellen einen unheimlichen Lesesog erzeugt.
(...) und lass nicht den Zufall dein Schicksal wenden, denn unberechenbar und willkürlich ist unser Leben, es spottet jeder Deutung, es bringt jede Ordnung durcheinander, und gerade deshalb ist es so viel gewaltiger als jeder Verlust." S. 384