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Veröffentlicht am 10.09.2021

Bruder

Der versperrte Weg
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Die Goldschmidts leben während der 1920er in Reinbek bei Hamburg. Die älteste Schwester ist schon fast aus dem Haus und Erich ist der kleine Herrscher des evangelisch geprägten Hauses. Bis sein kleiner ...

Die Goldschmidts leben während der 1920er in Reinbek bei Hamburg. Die älteste Schwester ist schon fast aus dem Haus und Erich ist der kleine Herrscher des evangelisch geprägten Hauses. Bis sein kleiner Bruder Jürgen-Arthur im Jahr 1928 auf die Welt kommt. Erichs Welt bricht zusammen, weil dieser Kleine ihm die Aufmerksamkeit der Eltern entzieht. Als die Nazi-Herrschaft beginnt, kommt es schlimmer. Die Familie, obwohl sie sich seit Jahren als protestantisch empfindet, zählt per Dekret plötzlich zu den deutschen Juden und verliert somit ihren bürgerlichen Status. Die Eltern sind sich der Gefahr bewusst und um wenigstens die Jungs zu retten, schicken sie diese ins Exil.

Über Italien geht es für Erich und Jürgen-Arthur in ein Internat im Osten Frankreichs. Die Brüder leiden aneinander, besonders Erich fällt es schwer, seinen empfindsamen, aber in seinen Augen oberflächlichen Bruder zu ertragen. Sobald es möglich ist schließ er sich dem Widerstand an und schlägt auch später eine militärische Laufbahn bei der Fremdenlegion ein. Eine enge Verbindung haben die beiden Brüder nicht und ihre Eltern sehen sie nie wieder.

In seinem autobiographischem Roman widmet sich Georges-Arthur Goldschmidt hauptsächlich dem Leben seines Bruders. Wie die Familie aus ihrer vermeintlich sicheren bürgerlichen Existenz gerissen wird ist wirklich tragisch, wobei zu bedenken ist, dass auch das Selbstbild zerstört wird. Plötzlich aus einer Gesellschaft ausgestoßen zu sein, zu der man sich zugehörig fühlte, lässt einen sicher halt- und orientierungslos zurück. Doch durch ihr Exil erhalten die Jungen, insbesondere Erich, einen Blick von außen auf das perfide Nazi-Regime. Und so bekommt Erich die Chance, die Nazis im Widerstand zu bekämpfen. Es ist ergreifend, wie schwierig das Leben bleibt, als Einzelkämpfer, dessen Bindungen schließlich eher bei der Fremdenlegion liegen als bei der Familie. Dieser kurze, sehr lesenswerte Roman schildert eindringlich das Hadern mit dem auferlegten Schicksal, welches nie wirklich aufhört.

Veröffentlicht am 07.09.2021

Wer es wert ist

Rache der Orphans
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Evan Smoak wird gejagt, doch er ist auch der Jäger. Sein Ziehvater Jack Jones ist auf üble Art und Weise umgekommen, aber er konnte Evan noch eine letzte Nachricht übermitteln und eine letzte Bitte. Er ...

Evan Smoak wird gejagt, doch er ist auch der Jäger. Sein Ziehvater Jack Jones ist auf üble Art und Weise umgekommen, aber er konnte Evan noch eine letzte Nachricht übermitteln und eine letzte Bitte. Er warnt Evan und bittet ihn, ein Paket abzuholen. Dieses Paket entpuppt sich als faustdicke Überraschung. Und die Warnung kommt gerade rechtzeitig. Denn Evan als ehemaliges Mitglied der Orphans wird gejagt. Er ist eine Spur, die vernichtet werden soll. Immer dichter zieht sich das Netz um ihn zusammen und Evan muss alles aufbieten, was er als Orphan gelernt hat, um eine Überlebenschance zu haben.

In diesem dritten Band um Evan Smoak, den Nowhere Man, der obwohl zum Killer ausgebildet versucht, Gutes zu tun. Menschen in Not oder Gefahr können ihn um Hilfe bitten. Doch diesmal geht es um ihn selbst. Immer mehr Mitglieder des Orphan Programms werden getötet und andere Orphans sind hinter Evan her. Warum? Nun, jedenfalls kennen die Jäger keine Gnade. Und Jene, die im Wege stehen, müssen ebenso um ihr Leben fürchten wie Evan. Seine Hoffnung auf ein relativ normales Leben, so befürchtet Evan, muss er aufgeben. Aber, er wird nicht aufgeben.

Diese Reihe verlangt einem einiges ab, was Schilderungen von brutalen Szenen und Beschreibungen von Waffen oder Waffensystemen angeht. Dennoch ist der Charakter des Evan Smoak wesentlich vielschichtiger als man es von einem erzogenen Staatskiller erwarten könnte. Schließlich ist es Evan gelungen, sich aus der Organisation zu lösen und seine Fähigkeiten so positiv wie möglich zu nutzen. Seine Weiterentwicklung ist in diesem Band in eine sehr spannende Handlung gekleidet, die einem den Atem raubt. Gleichzeitig gibt es gefühlvolle Momente, was man bei einem Mann wie Evan nicht erwarten würde. Die Story bleibt so rasant, dass man bei dem von Stephan Lehnen eindringlich vorgetragenen Hörbuch, sogar manchmal bei dem, was man neben dem Hören so macht, innehält und sich ganz auf die Geschichte konzentriert.

Veröffentlicht am 06.09.2021

Ewiges Rom

Im ersten Licht des Morgens
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Im Jahr 1943 als junge Frau muss Chiara Ravello miterleben wie Juden von den Nazis aus dem Ghetto entführt und deportiert werden. Geistesgegenwärtig behauptet die Mutter des kleinen Daniele, er gehöre ...

Im Jahr 1943 als junge Frau muss Chiara Ravello miterleben wie Juden von den Nazis aus dem Ghetto entführt und deportiert werden. Geistesgegenwärtig behauptet die Mutter des kleinen Daniele, er gehöre zu Chiara. Diese übernimmt das Kind etwas überrumpelt, wohl wissend, dass sie ihm das Leben rettet. Daniele bleibt in den folgenden Jahren bei seiner Ziehmutter, doch er ist von den entsetzlichen Ereignissen geprägt. In den 1970ern meldet sich die junge Maria aus Wales bei Chiara, sie hat erfahren, dass die Danieles Tochter ist. Wieder sagt Chiara nicht nein, die junge Frau darf sie den Sommer über in Rom besuchen.

Welch grausamen Schicksale hat der Krieg, haben die Nazis verursacht. Hier muss ein kleiner Junge seine Familie hergeben, um zu überleben. Dieses Überleben fällt ihm alles andere als leicht. Er leidet daran und er kann Chiaras Hilfe nicht dankbar annehmen. Er ist nicht dankbar, er hat seine Familie verloren. Trotzdem unternimmt Chiara alles, um den Jungen zu beschützen. Beis sie ihn nicht mehr beschützen kann. All dies kommt wieder hoch als Maria nach Rom kommt. Sie will von ihrem Vater erfahren, alles, was Chiara eigentlich nicht erzählen möchte. Aber hat das junge Mädchen nicht ein Recht auf Wissen?

Dieser auf zwei Zeitebenen angesiedelte Roman beginnt mit der dramatischen ersten Begegnung von Chiara und Daniele. Danach wird die Erzählweise etwas beschreibend, vielleicht um dem Leser Zeit zum Nachdenken zu geben. Es gibt einiges an Dunkelheit in diesem Roman, was ihn wahrscheinlich umso realistischer werden lässt. Vielleicht wäre es schön gewesen, den Protagonisten wären einige helle Momente mehr vergönnt gewesen. Dennoch bleibt die Verquickung der Erzählungen von Chiara und Maria fesselnd und teilweise aufwühlend. Es bleibt die sich immer wieder verfestigende Erkenntnis, dass es nichts taugt, wenn sich Menschen über andere Menschen erheben. Und es bleibt die Hoffnung, dass es einige wenige gibt, die ihr Bestes geben, um ein wenig Licht zu bringen.

Veröffentlicht am 04.09.2021

Winter in Leipzig

Eisige Tage
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Der Anwalt Michail Malinowski wird tot in seinem Auto aufgefunden. Trotz der Eiseskälte bietet die Leiche mit der Schusswunde keinen schönen Anblick. Die Kommissare Hanna Seiler und Milo Novic haben zunächst ...

Der Anwalt Michail Malinowski wird tot in seinem Auto aufgefunden. Trotz der Eiseskälte bietet die Leiche mit der Schusswunde keinen schönen Anblick. Die Kommissare Hanna Seiler und Milo Novic haben zunächst nicht viele Anhaltspunkte. Offensichtlich hat der Tote wohl Verbindungen zum organisierten Verbrechen gehabt. Eine Befragung des örtlichen Paten bringt jedoch nichts, er behauptet, er habe die Dienste des Anwalts schon seit Jahren nicht mehr in Anspruch genommen. Wer sollte also Interesse am Tod Malinowskis gehabt haben? Die Lebensumstände erweisen sich als ungewöhnlich. Er lebte fast verwahrlost, hatte aber dennoch wertige Besitztümer. Aus seiner Tätigkeit als Anwalt kann er das nicht finanziert haben.

In ihrem ersten Fall haben Seiner und Novic es gleich mal nicht leicht. Wie nicht anders zu erwarten, sind die Zeugen nicht gerade auskunftsfreudig. Aus kleinen Indizien müssen sie versuchen, etwas herauszulesen. Eine erste Spur ergibt sich aus den Akten des Anwalts. Hier entdecken die Ermittler Fotos von offenbar noch minderjährigen Mädchen. Wie ist Malinowski an die Bilder gekommen? Und zu welchem Zweck wurden sie aufgenommen? So langsam wird es Hanna Seiler und Milo Novic unheimlich. Was für einer Sache sind sie da auf die Spur gekommen?

Dieser Kriminalroman ist wirklich eine kleine Entdeckung. Vom sympathischen Ermittlerteam bis zu dem spannenden Fall. Seiler und Novic sind sehr unterschiedliche Charaktere, ergänzen sich in ihrer Arbeit aber gerade deshalb sehr gut. Was sie in ihrem bisherigen Leben mitgemacht haben, wird angedeutet und von ihrem Privatleben wird mit angenehmer Zurückhaltung berichtet. Intensiver geht es da schon um den Mord, der zunächst viele Rätsel aufgibt. Der Gedanke, dass er sich nicht im Russen-Milieu abgespielt haben soll, erscheint etwas abwegig. Umso geschickter ist dem Autor hier eine Art Quadratur des Kreises gelungen, die zu einigen überraschenden Wendungen führt. Es wird von einer Wirklichkeit berichtet, die hoffentlich in großen Teilen der Phantasie entsprungen ist. Jedenfalls ist man von Beginn an gepackt und man hechelt durch das Buch, weil man einfach schnell die Zusammenhänge erkennen möchte.

Veröffentlicht am 03.09.2021

Gemäldegewirr

Im großen Stil
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In Berlin wird in seinem Haus ein toter Kunstsammler gefunden. Kommissar Thomas Bernhardt staunt nicht schlecht als er die opulente Gemäldesammlung an den Wänden sieht. Es sind einige alte Meister dabei, ...

In Berlin wird in seinem Haus ein toter Kunstsammler gefunden. Kommissar Thomas Bernhardt staunt nicht schlecht als er die opulente Gemäldesammlung an den Wänden sieht. Es sind einige alte Meister dabei, die können eigentlich nur gefälscht sein. Bei seiner Heimkehr nach Wien findet Christian Wiedering seinen Lebensgefährten, einen bekannten Kunstgutachter, tot in der Badewanne. Inspektorin Anna Habel ist mit ihrem Team zur Stelle, denn an dem Tod ist etwas eigenartig. Ihre Vermutung, dass ein Verbrechen vorliegen könnte, bestätigt sich bald. Und unter dem Email-Kontakten des Toten befindet sich die Adresse eines Sammlers in Berlin.

Zum vierten Mal ermitteln Berlin und Wien gemeinsam. Die forsche Anna Habel, die immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat, und der brummige Thomas Bernhardt, dem sein Heuschnupfen arg zu schaffen macht, was seine Laune nicht eben verbessert. Sowohl getrennt als auch im Austausch gehen sie den Hinweisen nach. Kurios wird es, als einer der alten Meister aus dem Haus des Kunstsammlers gleichzeitig in einem Museum in Wien ausgestellt wird. Eigentlich sollte es das Bild nur einmal geben und nun drängt sich die Frage auf, welches die Fälschung ist. Da die Kunstszene doch als einigermaßen elitär gilt, erweisen sich die Ermittlungen als nicht so einfach.

Obwohl es sich wie erwähnt um den vierten Teil einer Reihe handelt, muss man zum Verständnis die Vorbände nicht kennen. Gleichwohl könnten einen die sympathischen Ermittler durchaus veranlassen, sich auch den anderen Bänden zuzuwenden. Nur in zwei kleinen Punkten wirkt der Krimi nicht ganz realistisch, als sich Bernhardt unnötig daneben benimmt und als Habel einer gewissen Fehleinschätzung unterliegt. Davon abgesehen decken sie ein spannendes Komplott in der Kunstszene auf, wobei die beiden Schauplätze sehr geschickt verwoben werden und die vermeintlichen Täter mit Dreistigkeit und Intelligenz agieren, sie somit alles andere als leicht zu entlarven sind. Ein schönes Krimiprojekt zwischen den Polen Wien und Berlin.