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Venatrix

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Veröffentlicht am 05.10.2021

Eine Frau steht ihren Mann

Die Teehändlerin
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Die Autorin nimmt ihre Leser in das Frankfurt von 1838 mit. Dort lebt Tobias Ronnefeldt mit Ehefrau Friederike und den gemeinsamen Kindern. Er betreibt einen Teehandel und importiert feine Seidenstoffe ...

Die Autorin nimmt ihre Leser in das Frankfurt von 1838 mit. Dort lebt Tobias Ronnefeldt mit Ehefrau Friederike und den gemeinsamen Kindern. Er betreibt einen Teehandel und importiert feine Seidenstoffe aus China. Just zu jener Zeit als er nach China, zu einer Expedition aufbrechen will, entdeckt Friederike, dass sie abermals schwanger ist. Gleichzeitig hat der Prokurist der Firma einen schweren Unfall, den er nur knapp überlebt. Da die Reise nicht mit verschiebbar ist, stellt Tobias seinen wie zufällig vorbeikommenden ehemaligen Schulkameraden Julius Mertens als Prokuristen ein. Er ahnt nicht, dass er sich mit diesem Mann eine intrigante Laus in den Pelz setzt.
Julius Mertens ist auch Friederike nicht ganz unbekannt, weshalb sie ihm nicht trauen kann.

Meine Meinung:

Dieser historische Roman ist stark an die Familiengeschichte derer von Ronnefeldt angelehnt. Die Firma feiert 2023 ihr 200-jähiges Bestehen.

Dieser Roman ist aber auch die Geschichte von enttäuschten Hoffnungen. So wollte Tobias eigentlich Forscher werden und muss sich ebenso wie sein Bruder Nicolaus dem Willen des Vaters beugen, der eine Tischlerei übernimmt. Friederike wiederum ist musikalisch, intelligent und möchte mehr sein, als Hausfrau, Mutter und schmückendes Beiwerk ihres Mannes. Die Gelegenheit ihre Fähigkeiten bekommt bald. Sie kommt Mertens, einer zwielichtigen Gestalt, auf die Schliche und wirft ihn ohne Wissen ihres Mannes aus dem Geschäft.

Der Schreibstil ist leicht und angenehm zu lesen. Hin und wieder schleichen sich ein paar langatmige Passagen ein, die meiner Ansicht nach ein wenig gestrafft hätten werden können.

Gut gefällt mir, dass sich die Autorin gesellschaftspolitischer Themen widmet. Da ist zum einem die nach wie vor bestehende Abneigung und Ausgrenzung von Juden in Frankfurt. In anderen Ländern und Städten ist man da schon toleranter. Dann die 1838 leise dahin köchelnde Idee der einer Republik. Und das Thema rund um jene Frauen, die ihren Mann stehen wollen anstatt sich mit Stick- und Strickarbeiten beschäftigen zu müssen. Einzig der Tee kommt ein wenig zu kurz.

Die Autorin hat viel recherchiert und das Nachwort enthüllt, was Fakt und was Fiktion ist.

Fazit:

Ein gut gelungener historischer Roman, dem ich gerne 4 Stern gebe. Ich freue mich auf die Fortsetzung im Frühjahr 2022.

Veröffentlicht am 26.09.2021

zehn Frauen, die auszogen um ihre persönliche Freiheit zu finden

Zehn unbekümmerte Anarchistinnen
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Saint-Imier, eine Kleinstadt im Schweizer Jura, und deren Uhrenmanufakturen 19. Jahrhundert sin die Kulisse für dieses interessante Buch.

1872 arbeiten viele Menschen in den Manufakturen von Longines ...

Saint-Imier, eine Kleinstadt im Schweizer Jura, und deren Uhrenmanufakturen 19. Jahrhundert sin die Kulisse für dieses interessante Buch.

1872 arbeiten viele Menschen in den Manufakturen von Longines und Heuer - weltweit bekannte Uhrenmarken. Vor allem Frauen, die tagaus und tagein die selben Handgriffe machen müssen, um eine der Präzisionsuhren zu erschaffen, sind es leid, um ein Drittel weniger bezahlt zu bekommen sowie nebenbei den Haushalt und Kindererziehung zu schupfen, immer der Gefahr ausgesetzt, beim Schwanken der Auftragslage als erste gekündigt zu werden.

Einige, nach Unabhängigkeit von Macht und Kapital strebenden Menschen, schließen sich auch in der Schweiz, nach dem Pariser Vorbild, zu „Kommunen“ zusammen. So wird 1872 nach einem Besuch von Michail Bakunin, einem Gegenspieler von Karl Marx, die „Internationale der antiautoritären Föderation“ gegründet.
Zahlreiche Bewohner lassen sich von den Idealen anstecken. Unter anderem zehn Frauen, deren Geschichte hier in diesem Buch anhand von Dokumenten recherchiert und nacherzählt wird.

Zehn Frauen, die es leid sind, von Fabrikanten, Pfarrern, Männern und den Umständen im Allgemeinen gegängelt zu werden, beschließen nach Südamerika auszuwandern und dort ein unabhängiges Leben zu führen.
Sie bereiten sich akribisch vor. Jede besorgt sich als Kriegskasse eine Longines 20A. Als Vorhut verlassen Colette und Juliette, ein Liebespaar, die Schweiz. Die beiden werden bald nach ihrer Ankunft in Puntas Arenas ermordet. Von wem bleibt im Dunklen. Spielt hier ihre Homosexualität eine Rolle oder „nur“ die Unangepasstheit oder die beiden liebevoll „Zwiebeln“ genannten Longines 20A? Diese Uhren, die durch die Hände der 10 Frauen gegangen sind, werden noch eine Rolle spielen, denn durch heimlich angebrachte Gravuren lässt sich herausfinden, wessen Uhr es ist.

Trotzdem machen sich die acht anderen Frauen auf, ihren Traum von Freiheit auszuleben. Auf der Überfahrt, auf dem Schiff sind auch zahlreiche andere verbannte Anarchisten, stirbt Emilie bei der Geburt ihres Kindes - da waren’s nur mehr sieben.

In Patagonien angekommen, gründen sie gegen alle Widerstände eine Bäckerei und eine (eh klar) Uhrmacherwerkstatt. Sie müssen sich gegen die Kolonialbeamten, einer wie der andere korrupt und gewalttätig, wehren.

Letztendlich bleibt nur die Bericht erstattende Valentine Grimm am Leben, die 1910 in Montevideo Zeugnis gibt, vom Versuch ihre persönliche Freiheit zu finden und eine bessere Welt zu gründen. Manchmal muten ihre Visionen reichlich naiv an. Doch sie beißen sich durch und müssen mehrmals einen Neuanfang wagen.

Interessant finde ich, dass Valentin, obwohl nun alleine, immer das „WIR“ benützt.

Fazit:

Eine höchst interessante Geschichte von zehn wagemutigen Frauen, die auszogen, ihre persönliche Freiheit zu finden. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 26.09.2021

Eine gelungene Fortsetzung

Tote Schwaben leben länger
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Dieser zweite Fall für Eugen Querlinger hat es in sich: Aus dem beliebten Ausflugsziel Federsee werden zwei Skelette und ein orthopädischer Schuh geborgen. Liegezeit der menschlichen Überreste mehr als ...

Dieser zweite Fall für Eugen Querlinger hat es in sich: Aus dem beliebten Ausflugsziel Federsee werden zwei Skelette und ein orthopädischer Schuh geborgen. Liegezeit der menschlichen Überreste mehr als dreißig Jahre. Wenig später beginnt eine Mordserie an Obdachlosen. Aber, als dann ein saturierter Unternehmer erschossen wird, ist die Idee vom Obdachlosen-Hasser schnell vom Tisch, denn auch dieses Mordopfer hat ein Tatoo mit einem fünfblättrigen Kleeblatt.

Eugen Querlinger und sein Team stehen vor einem Rätsel.

Meine Meinung:

Wie schon in seinem ersten Fall („Nut tote Schwaben schweigen“) geht Autor Max Abele auf die Eigenarten der Schwaben ein. So kommt deren trockener, oftmals schwarzer Humor sehr gut zur Geltung. Über das Einflechten des schwäbischen Dialekts musste ich häufig lachen. Dass hier ausgiebig geschimpft und geflucht wird, stört nicht, denn man tut es auf schwäbisch.

Ebenso darf sich Querlinger zwischendurch an deftigen Speisen laben. Die Seitenblicke in sein Privatleben und die verbalen Scharmützel mit dem Reporter sowie die nervige Familie Weißenbrugger waren mir persönlich fast ein wenig zu viel.

Gut gefällt mir die Teamarbeit, die immer wieder Platz für eigene Ermittlungsansätze der einzelnen Teammitglieder bietet. Auch hier darf geschwätzt werden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Und Zeit für den einen oder anderen philosophischen Erguss gibt es auch:

„Gegen das Fehlschlagen eines Planes gibt es keinen besseren Trost, als auf der Stelle einen neuen zu machen oder bereitzuhalten.“ (J.-P. Sartre, S. 242)

Ein paar Seiten später zitiert Querlinger erneut Jean-Paul Sartre:

„Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug.“ (S. 253)

Herrlich sind die Namen, die sofort eine Assoziationskette hervorrufen.

Fazit:

Eine gelungene Fortsetzung, der ich gerne 4 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 26.09.2021

Eine gelungene Fortsetzung

Die Kuh kennt keinen Galgen
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In diesem zweiten Krimi ist Milka Mayr wieder mitten im Geschehen. Sie wird als Treiberin zu einer Drückjagd eingeteilt, bei der es prompt einen Toten gibt. Was anfangs wie ein blöder Jagdunfall aussieht, ...

In diesem zweiten Krimi ist Milka Mayr wieder mitten im Geschehen. Sie wird als Treiberin zu einer Drückjagd eingeteilt, bei der es prompt einen Toten gibt. Was anfangs wie ein blöder Jagdunfall aussieht, wird schnell als Mord erkannt. Ausgerechnet mit Sebastian Wilds Waffe ist der Mann erschossen worden. Dabei ist Sebastian der Onkel von KHK Paul Eichert und ein Freund von Milka. Während Paul eigentlich der Fall entzogen werden müsste, setzt Milka ihren kriminalistischen Spürsinn ein, um den Mord aufzuklären.

Bei der Sondierung des Umfelds des Toten stellt sich heraus, dass der kein wirklich liebenswerter Zeitgenosse war und mit seinem Bruder eine Firma geleitet hat. Die Frage nach dem „Cui bono?“ wird umso spannender, als eben jener Bruder ebenfalls ermordet wird. Die Auswahl an Verdächtigen ist recht groß: die Ehefrau, die aktuelle oder die abgelegte Geliebte oder doch die Konkurrenz, gibt es doch Streit um eine Erfindung?

Meine Meinung:

Milka Mayr ist ein echter Tausendsassa: zum einem managt sie zusammen mit ihrem Bruder den großen elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb. Zusätzlich hat sie ein Gespür für den Markt und setzt neue Impulse, wie der erfolgreiche Hofverkauf beweist. Zum anderen hat sie aber den richtigen Riecher, was die Kriminalfälle ihres Freundes Paul betrifft.

Milka muss sich innerhalb der Familie behaupten, denn Georg Mayr, der Vater, hält nicht viel von den neumodischen Ideen seiner Kinder. Er würde Landwirtschaft lieber so betreiben wie die Vorväter.

Gut gefällt mir, wie der Autor regionale Geschichte in den Krimi einfließen lässt. Dazu hat er sich die Figur des Professor Ebert ausgedacht, der gerne und weitschweifig über die historischen Ereignisse der Umgebung doziert. Hier darf er sogar zur Aufklärung des Falles beitragen.

Die (Liebes)Beziehung zwischen Paul und Milka ist irgendwie nur angedeutet. Zwar sucht Paul eine neue Wohnung, aber über gemeinsam verbrachte Nächte liest man nicht viel. Hier und da ein scheues Küsschen - da könnte ein bisschen mehr sein. Die Beschreibung von Milkas Klamotten muss nicht so ausführlich sein. Die Farbe der Chinos tragen wenig zum Geschehen bei, und ob der Pulli in der Farbe dazu harmoniert, ist nicht unbedingt relevant.

Der Plot ist gut durchdacht. Wir Leser sind den Ermittlern ein wenig voraus, denn wir dürfen an den Gedanken des Täters, die in der Ich-Form präsentiert werden, teilhaben.

Fazit:

Eine gelungene Fortsetzung, deren Ende zwar überraschend, aber trotzdem schlüssig ist. Gerne gebe ich 4 Sterne.

Veröffentlicht am 19.09.2021

Regt zum Nachdenken an

Zeit des Zweifels
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Der Terroranschlag vom 11. September 2001 jährt sich zum 20. Mal. Anlass genug der beiden österreichischen Journalisten, die damals in unmittelbarer Nähe waren, darüber und die nachfolgenden Ereignisse ...

Der Terroranschlag vom 11. September 2001 jährt sich zum 20. Mal. Anlass genug der beiden österreichischen Journalisten, die damals in unmittelbarer Nähe waren, darüber und die nachfolgenden Ereignisse Bilanz zu ziehen.

In folgenden Kapiteln machen sich Peter Fritz und Hannelore Veit Gedanken darüber, wie sich Europa und die USA verändert haben.

Die Stunde der Gewalt - Terror als Instrument der Politik
Die USA, ein zerrissenes Land
Transatlantische Verhältnisse
China, die aufstrebende Supermacht
Herausforderungen der Zukunft
Wie weiter?

Natürlich kann hier keine Lösung angeboten werden, dennoch ist die sachliche Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln interessant zu lesen.

Die Terroranschläge sind so etwas wie eine Zäsur. Noch bleibt ein wenig Zeit zur Abkehr von Gewalt und Gegengewalt, bevor sich die Menschheit mit ihren Massenvernichtungswaffen und ihrem Raubbau an der Umwelt selbst vernichtet. Doch wer soll damit beginnen? Die einzelnen Länder/Mächte sind längst nicht mehr einig, sich den Herausforderungen zu stellen, wie z.B. nach dem Zweiten Weltkrieg, als es um den Wiederaufbau im zerstörten Europa ging. Es scheint, als würde derzeit eher das Trennende als das Gemeinsame den Ton angeben.

Fazit:

Diesem Buch, das die Zweifel an der Richtigkeit mancher Aktion nährt, gebe ich gerne 4 Sterne.