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Veröffentlicht am 21.05.2017

Unsterblicher Shakespeare

Hexensaat
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Das Hogarth Shakespeare Projekt wurde im Jahr 2016 anlässlich des 400sten Todestages des großen Dichters ins Leben gerufen und gibt namhaften Autoren die Möglichkeit, unterschiedliche Shakespeare-Stücke, ...


Das Hogarth Shakespeare Projekt wurde im Jahr 2016 anlässlich des 400sten Todestages des großen Dichters ins Leben gerufen und gibt namhaften Autoren die Möglichkeit, unterschiedliche Shakespeare-Stücke, die jeder frei wählen kann, neu zu interpretieren.

Die kanadische Autorin Margaret Atwood, der man schon lange den Literatur Nobelpreis wünscht, nimmt sich des Alterswerk des Barden "Der Sturm" an und bringt es dem Leser von heute auf ihre einzigartige, unnachahmliche Art nahe!

Wir begegnen Felix, einem ebenso leidenschaftlichen und begnadeten wie exzentrischen Theaterregisseur, der kurz vor der Aufführung des Stückes "Der Sturm" steht. Fulminant soll es werden, unvergesslich, etwas Nie-Dagewesenes, mit dem er seinen Ruhm festigen und in die Nachwelt eingehen möchte.
Doch es kommt nicht dazu! Felix fällt einer Intrige zum Opfer, verliert seinen Posten beim örtlichen Festival und geht, wie weiland Shakespeares Held Prospero, geschlagen und ohne Hoffnung in die Verbannung.
Alleine mit sich und seinen Geistern wartet er, - Tag für Tag, Jahr für Jahr. Worauf? Auf Vergeltung, auf Rache - auch hier bleibt Margaret Atwood auf Prosperos Spuren.
Gleichzeitig kämpft Felix darum, in der selbstgewählten Abgeschiedenheit nicht den Verstand zu verlieren; er folgt einem sich auferlegten strukturierten Tagesablauf und bleibt seinen Widersachern, die inzwischen dank des Verrats, den sie an ihm geübt hatten, Karriere gemacht haben, mit Hilfe des Computers, den er sich zulegt, auf den Fersen.
Schließlich bekommt er die Möglichkeit, die Stelle des Lehrers im Rahmen des Programms Bildung-durch-Literatur an einer nahegelegenen Justizvollzugsanstalt anzutreten. Er tut in dieser Funktion das, was er am besten kann: er versucht, den Häftlingen Shakespeare nahezubringen und mit ihnen einige seiner Stücke einzuüben und schließlich aufzuführen. Sehr zur Begeisterung der "Schauspieler"!
Er bleibt in Übung, könnte man fast sagen.

Und tatsächlich, nach zwölf langen Jahren, ergibt sich dank seiner Arbeit im Gefängnis - auch hier an Shakespeares Prospero angelehnt - die langersehnte Gelegenheit, seinen Feinden gegenüberzutreten und endlich seine Rache zu nehmen.
Als Mittel zum Zweck dient ihm SEIN Stück, "Der Sturm", das er damals nicht zur Aufführung bringen durfte! Und er selbst ist Prospero, der große Zauberer, der Fadenzieher im Hintergrund! Er wird seinen großen Auftritt haben! Wird sein klug ausgeklügelter Plan gelingen?

Die Handlung, die Margaret Atwood konzipiert, um ihre eigene Auffassung des Shakespeare-Stückes dem Leser zu vermitteln, fesselt diesen von Beginn an!
Atwood erweist sich einmal mehr als die großartige Erzählerin und Meisterin der Sprache als die sie bekannt ist und zu Recht gepriesen wird.
Ihrem Einfallsreichtum und ihrer Fabulierkunst sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.
Und obwohl sie ein mehr als 400 Jahre altes Stück in die heutige Zeit transferiert, nimmt sie ihm nichts von seinem Zauber, nichts von seiner Faszination und Spannung. Im Gegenteil, möchte man fast sagen!
Denn es gelingt ihr, den "Sturm" für den Leser von heute an Reiz gewinnen, ihn mit Staunen feststellen zu lassen, wie aktuell das Geschehen um Prospero in seinem Exil auf der Insel, in dem vielfach das griechische Korfu vermutet wird, doch immer noch ist!

Grandios, wie die Kanadierin uns Shakespeare durch ihren Regisseur Felix und seine Schauspieltruppe in der Haftanstalt erklärt! Er gibt ihnen, im Hintergrund lenkend, die Möglichkeit, das Stück auf ihre eigene, erfrischende und immer originelle Art zu verstehen und auf der "Bühne" umzusetzen, wobei sie alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel und Ausdrucksformen nutzen, Talente entfalten und so an Selbstvertrauen gewinnen können.
Ein genialer Pädagoge und genauer Kenner der menschlichen Natur ist Felix fürwahr!

Selbst standhaft traditionelle Shakespeareanhänger und Kenner mögen das eine oder andere Mal verblüfft sein über die profunden, komplexen Gedanken, die sich die Schauspieler auf ihre unkonventionelle, ab und an sogar etwas naive Herangehensweise über das Stück an sich und seine Charaktere machen!
Für diejenigen unter den Lesern, die mit Shakespeare gar nicht oder kaum vertraut sind, mag "Hexensaat" ein Interesse an dem Barden aus Stratford-upon-Avon und seinen zeitlosen Stücken voller Tiefe und Weisheit wecken, das sie ihre Scheu vor dem großen Dramatiker verlieren lässt und ihnen vielleicht sogar Lust darauf macht, das eine oder andere Stück auf ihre Leseliste zu setzen.

Ich selbst habe den "Sturm" vor dem Beginn der Lektüre des vorliegenden Romans wieder-gelesen. Eine gute Entscheidung, wie ich schon bald feststellte, denn ich bin mir sicher, dass Margaret Atwoods "Hexensaat", eine Adaption eben dieses Stückes, um einiges besser verstanden und gewürdigt werden kann, wenn man das Original vor seinem geistigen Auge hat.
Man findet die wichtigsten Personen um Prospero im Roman wieder, ja, man erkennt sie nicht nur, sondern sieht sie gleichzeitig aus einem neuen, ungewohnten, höchst originellen Blickwinkel, was das Lesevergnügen steigert.
Als lebenslange Anhängerin des Barden empfand ich dennoch, oder gerade deswegen, die Lektüre von "Hexensaat" als enorme Bereicherung - und mehr als einmal wünschte ich mir dabei, dass Margaret Atwood sich weiterer Shakespeare-Stücke annehmen möge, um sie für den Leser des 21. Jahrhundert ebenso gekonnt aufzubereiten wie sie es mit dem "Sturm" bravourös unter Beweis gestellt hat!



Veröffentlicht am 20.05.2017

Ferien für die Kommissarinnen

Stille Angst
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Wie sieht das wohl aus, wenn drei ostfriesische Ermittlerinnen, die sich kaum kennen, miteinander einen kurzen Urlaub verbringen?
Können Sie abschalten, kommen sie überhaupt miteinander zurecht?

Das waren ...

Wie sieht das wohl aus, wenn drei ostfriesische Ermittlerinnen, die sich kaum kennen, miteinander einen kurzen Urlaub verbringen?
Können Sie abschalten, kommen sie überhaupt miteinander zurecht?

Das waren die Fragen, die ich mir zu Beginn des Romans stellte, der im Gegensatz zu Moa Gravens sonstigen Krimis ein "Crossover" ist!
Alle ihre Polizistinnen auf einen Streich!
Und es dauert auch gar nicht lange, da schließen sich ihnen ihre jeweiligen Partner an, - denn am Strand von Borkum, ihrem Feriendomizil, wird ein Toter gefunden, der, so stellt sich bald heraus, nicht auf natürliche Weise aus dem Leben geschieden ist. Und der noch dazu in einer zunächst rätselhaften Verbindung steht zu jeder einzelnen der drei Frauen, die allesamt Geheimnisse hüten, die zuvor im Laufe eines feucht-fröhlichen Abends ans Licht gekommen sind...

Und binnen kurzem sind sie also alle auf Borkum versammelt:
Eva und Freund Jürgen aus Langeoog, Lisa und Profiler Jan aus Aurich und Katrin und ihr bärbeißiger Kollege Jochen aus Leer! Und mischen sich in die Ermittlungen ein, sehr zum Missfallen des nicht eben einnehmenden Inselpolizisten Johann, in dessen ureigenen Zuständigkeitsbereich der Todesfall gehört.
Doch mit vereinten Kräften gelingt es allen Beteiligten, die Hintergründe des Verbrechens und gleichzeitig der "stillen Ängste" der drei Kommissarinnen aufzudecken.
Wobei sich, wie man das von der Autorin gewohnt ist, menschliche Abgründe auftun, die den Leser verstört zurücklassen!

Ja, dieser Krimi ist schon ein wenig anders als die bisherigen Romane der Moa Graven - und vielleicht gerade deshalb so reizvoll!
Kennt man ihre Ermittlerduos, so liest man gespannt und interessiert über ihr Zusammentreffen, ihre Interaktionen, fragt sich, wie die so unterschiedlichen Charaktere mit ihren jeweils unterschiedlichen Ermittlungsmethoden aufeinander reagieren und ob sie überhaupt zu einer echten Zusammenarbeit fähig sind.
Und die Art, wie Moa Graven sie sich einander annähern lässt, ist, trotz des ernsten Themas, sehr humorvoll geschildert!
Denn auch das Lese-Vergnügen kommt bei ihr nie zu kurz.
Mühelos gelingt es, die Figuren nicht nur zu verstehen sondern auch zu mögen. Sie sind realistisch geschildert und Menschen, wie man sie aus dem eigenen Umfeld kennt. Sie haben ihre Zweifel, ihre Unsicherheiten, ihre Schwächen und Stärken. Man kann sich mit ihnen identifizieren!
Ein weiteres Plus ist Moa Gravens eingängige Sprache: klar, kurz und knapp, niemals ausschweifend, niemals blumig oder sentimental, immer auf den Punkt gebracht.
Die Sprache passt zu den Charakteren - und vielleicht auch zu Ostfriesland, Moas Heimat.
Es gibt kein Rätselraten aufgrund von zu komplizierten, unverständlichen Formulierungen, - bei der Autorin weiß man stets, woran man ist.
Darüberhinaus haben ihre Krimis immer auch eine sehr überschaubare Länge - und dennoch hat man als Leser niemals das Gefühl, dass etwas wirklich unerwähnt geblieben wäre, was man sich nicht selbst ohne Schwierigkeiten vorstellen könnte.
Fazit: ein weiterer spannender und gleichzeitig sehr unterhaltsamer Kriminalroman aus Moa Gravens Feder, der nicht nur ihre Fangemeinde sondern auch diejenigen, die der Autorin hier zum ersten Mal begegnen, auf viele, viele Nachfolgebände mit den sympathischen Ermittlern hoffen lässt!

Veröffentlicht am 09.05.2017

Kulinarischer Reiseführer und Kriminalroman

El Gustario de Mallorca und das tödliche Elixier
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Sven hat den Auftrag, einen kulinarischen Reiseführer über Mallorca zu schreiben!
Für ihn, den passionierten Feinschmecker und Mallorcaliebhaber, geht damit ein Traum in Erfüllung. Nicht nur hat er die ...

Sven hat den Auftrag, einen kulinarischen Reiseführer über Mallorca zu schreiben!
Für ihn, den passionierten Feinschmecker und Mallorcaliebhaber, geht damit ein Traum in Erfüllung. Nicht nur hat er die einmalige Chance, einige Monate auf seiner Lieblingsinsel zu verbringen, sondern er kann sich auch nach Herzenslust all den gastronomischen Genüssen hingeben, die die schöne Insel in überreichem Maße zu bieten hat.
Dass er dabei in ein kriminalistisches Abenteuer gerät, bei dem anstatt seines feinen Gaumens seine ermittlerischen Fähigkeiten, über die er als Journalist natürlich auch verfügt, gefragt sind, kann er, als er den Auftrag annimmt, freilich noch nicht ahnen!
Durch Zufall erfährt er von der Suche zweier Privatdetektive nach einem uralten Fläschchen mit einem Elixier, dem wunderbare Heilkräfte zugeschrieben werden und für das im Jahre 1441 sogar ein Mord begangen wurde.
Svens Neugierde ist geweckt und er beschließt, auf eigene Faust und dann mit der Hilfe neugewonnener mallorquinischer Freunde dem Geheimnis auf den Grund zu gehen und nach dem Verbleib des Fläschchens zu forschen.
Und so gerät er unversehens in ein gefährliches Abenteuer...

Allen, die einen actionreichen Kriminalroman oder gar Thriller vor der wunderschönen Kulisse der Urlauberinsel Mallorca erwarten, sei gesagt, dass es sich bei vorliegendem Roman nicht unbedingt um einen solchen handelt!
"El Gustario de Mallorca..." ist am treffendsten als Reiseführer durch die vielen ausgezeichneten Restaurants und Bars der Insel mit Krimielementen zu bezeichnen, - und wenn man das Buch unter genau dieser Prämisse liest, ist es ganz gewiss ein außergewöhnliches, informatives, gut geschriebenes Werk, das jedem geschichtlich und kulinarisch interessierten Leser, der sich zudem noch zu der schönen Insel im Mittelmeer hingezogen fühlt, zu empfehlen ist!

Die Autorin beschreibt mit großer Liebe zum Detail zum einen eine ganze Reihe von Orten und touristisch abseits gelegenen Plätzen auf Mallorca, die gleichzeitig auch in Beziehung zu den Nachforschungen des Protagonisten stehen. Sie tut das auf eine Weise, die durchaus bei dem einen oder anderen Leser Fernweh hervorrufen mag.
Alle diese Orte stehen zum anderen natürlich auch in Beziehung zu Svens Auftrag, da sie Spezialitäten anzubieten haben, die Sven dahinschmelzen lassen.
Auch hier wird die Autorin sehr detailliert und lässt den Leser auch einiges über die rechte Zubereitung der Gaumenfreuden wissen!
An dieser Stelle vielleicht eine Information für Vegetarier:
Sie werden weniger auf Ihre Kosten kommen! Was auch der typischen spanischen Küche geschuldet ist, die noch immer stark fleisch- und fischlastig ist...

Der Kriminalteil des Romans ist eingebettet in ein Ereignis aus der fernen Geschichte der Insel - und diese wurde ganz offensichtlich sehr genau von Brigitte Lamberts recherchiert! Sie nimmt den Leser mit in eine Zeit, die ihm, wie den meisten, die weder Mallorquiner noch Historiker oder Geschichtslehrer sind, unbekannt sein dürfte.
Und die einen differenzierten Blick auf die Baleareninsel ermöglicht, die - und das wird jedem am Ende des Romans klar - weit mehr zu bieten hat als Sonne, Strand und Sangria....

Veröffentlicht am 08.05.2017

Richard muss weg!

Ein Dorf zum Verlieben
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Wanda ist Yogalehrerin. Sie lebt immer noch in dem fiktiven kleinen Ort Osterbüren im Münsterland, in dem sie aufwuchs, ist dort äußerst beliebt bei Jung und Alt und hilft, gute Seele, die sie ist, wo ...

Wanda ist Yogalehrerin. Sie lebt immer noch in dem fiktiven kleinen Ort Osterbüren im Münsterland, in dem sie aufwuchs, ist dort äußerst beliebt bei Jung und Alt und hilft, gute Seele, die sie ist, wo immer sie kann.
Aber ein geheimer Kummer nagt an ihr - und das schon seit vierzehn langen Jahren!
Der Kummer heißt Richard, ist ihre Jugendliebe, oder besser: die Liebe ihres Lebens, und eine Verkettung unglücklicher Ereignisse, die dem Leser bis zum Schluss unbekannt sind, hat sie vor all den Jahren von ihm getrennt. Das hat sie nie verwunden - und das ganze Dorf weiß nicht nur darüber Bescheid, sondern nimmt auch regen Anteil daran!
So ist es nicht verwunderlich, dass, als Richard, inzwischen Mediziner, eines Tages nach Osterbüren zurückkommt, um den örtlichen Hausarzt zu vertreten, ein aberwitziges Komplott geschmiedet wird, das darauf zielt, ihn zunächst einmal von Wanda fernzuhalten und ihn dann mit allen Mitteln aus dem Dorf zu vertreiben.

Dieses Komplott zieht sich durch den größten Teil des munteren Romans, der mit einer Anzahl schrulliger und zu allem entschlossenen Charaktere aufwartet, allen voran Wandas beiden Großmüttern, die unterschiedlicher nicht sein können. Sie sind in der Tat die Anführerinnen und schrecken vor nichts zurück, um ihre geliebte Enkelin vor dem vermeintlich treulosen "Bösewicht" Richard zu schützen. Dabei schießen sie nicht nur einmal gewaltig übers Ziel hinaus - sehr zum Amüsement der Leserschaft....

Der Roman ist spritzig und voll mit skurrilen Einfällen, wobei das Happy End natürlich vorprogrammiert ist!
Natürlich sind die Charaktere und ihre Aktionen überspitzt dargestellt, aber das macht auch ihren Reiz aus!
Und ganz nebenbei bekommt man einen nicht unrealistischen Einblick in die Strukturen des Dorflebens, die auch darauf basieren, dass lebhaft Anteil genommen wird an den Mitbürgern, was bis zur unwillkommenen Einmischung reichen kann - wie hier im Falle der Roman-Wanda.
Und wenn man sich von Anfang an darüber im Klaren ist, dass man mit Dorothea Böhmes Buch einen leichten, unbeschwerten Unterhaltungsroman vor sich hat ohne intellektuellen Anspruch, steht dem entspannten, heiteren Lesevergnügen nichts mehr im Wege!

Ich habe den Roman bis zum Ende genossen, wie man einen schönen, unbeschwerten Sommertag genießt - und gelegentlich laut gelacht!
Eine erfreuliche Abwechslung vom Alltag - und für alle zu empfehlen, die einfach mal abschalten und nicht in jeder Geschichte einen tieferen Sinn finden wollen!

Veröffentlicht am 01.05.2017

Spannende Reise im gnadenlosen Universum

Feuer der Leere
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Zugegeben - unerfahren auf dem Gebiet der Science-Fiction Literatur, hatte ich erhebliche Schwierigkeiten, mit dem Roman vertraut zu werden! Wobei das Genre an sich nicht die Hauptschwierigkeit darstellte, ...

Zugegeben - unerfahren auf dem Gebiet der Science-Fiction Literatur, hatte ich erhebliche Schwierigkeiten, mit dem Roman vertraut zu werden! Wobei das Genre an sich nicht die Hauptschwierigkeit darstellte, sondern vielmehr die durchweg sehr detaillierten technischen und naturwissenschaftlichen Ausführungen.
Und ist man auf diesen Gebieten nicht ausreichend versiert, betrachte ich "Feuer der Leere" nicht unbedingt als ideales Einstiegswerk für Neulinge.

Doch hat es sich für mich gelohnt, mich, wenn auch mühsam, in die Materie und somit in den Roman hineinzudenken, was nicht zuletzt der hervorragenden Erzähltechnik eines Autors zu verdanken ist, dessen bildgewaltige Vorstellungskraft, überbordende Phantasie und fundierteste Sachkenntnisse mir das Lesen letztendlich zu einem fesselnden Abenteuer gemacht haben.
Ein Abenteuer auch deswegen, weil abgesehen von Technik und Naturwissenschaft die Protagonisten und ihre Interaktionen beim Leser zwangsläufig ein Nachdenken über grundlegende Fragen der Menschheit provozieren, das weit über die eigentliche Handlung hinausgeht und bei dem einen oder anderen nachhaltige, vielleicht sogar beunruhigende Wirkungen hat.

Die Handlung des Romans ist auf einige Monate begrenzt und konzentriert sich weitgehend auf eine Handvoll Protagonisten, die in dieser Zeitspanne allesamt einschneidende Erfahrungen machen, die ihr Leben grundlegend verändern werden. Am Ende des Buches haben sie nur noch wenig gemein mit denen, die sie zu Beginn der Reise durch die unermesslichen Weiten des gnadenlosen Weltraums waren, in den Robert Corvus den Leser bereits auf der ersten Seite seines beinahe 500 Seiten umfassenden Romans hineinwirft.
Er entwirft eine Welt, in der die Erde nicht mehr existiert und in der die, an der heutigen Bevölkerungszahl gemessen, wenigen überlebenden Menschen auf Großraumschiffen im Flottenverband durch die Unendlichkeit reisen, - auf der Suche nach Nahrung einerseits und auf der Flucht vor übermächtigen Feinden andererseits, die, wahre Tötungsmaschinen, die Menschen erbarmungslos jagen und die im Roman zwar zumeist unsichtbar, aber dennoch allgegenwärtig sind. Ein trostloses Leben, so mag es einem erscheinen, ein Leben, in dem es einzig ums Überleben geht, in der die Furcht vor dem Morgen ein ständiger Begleiter ist.

MARLIN, SQUID, ESOX - auf diese drei Großraumschiffe konzentriert sich die Haupthandlung; eine Nebenhandlung findet auf dem Planeten Cochada statt, der eine Atmosphäre besitzt und auf dem erdverwandte Lebensbedingungen herrschen. Auf dem aber auch seltsame Lebensformen, deren Herkunft vorerst im Dunkeln bleibt, ihr ebenso seltsames Leben fristen...
Sowohl auf dem Planeten als auch auf den Raumschiffen wird der Leser mit einer Art von Leben, vielleicht besser Existieren konfrontiert, das seine Vorstellungskraft übersteigt, das ihn verblüfft, erschreckt, in Erstaunen versetzt ob der technischen, heute - noch - undenkbaren Entwicklung oder in Entsetzen ob der Fremdartigkeit, angesichts derer er sich die Frage stellen mag, ob man hier überhaupt noch von Menschen sprechen kann. In besonderem Maße trifft dies auf das ungewöhnlichste der Raumschiffe, den lebenden Organismus SQUID zu, deren Bewohner körperliche Merkmale des Schiffes angenommen haben, das sie beherbergt...

Wie funktioniert ein Zusammenleben in der Zukunft, im Weltraum? Ist eine Koexistenz möglich mit all den Wesen, die das All bevölkern? Welche Wertvorstellungen sind unter so krassen Lebensbedingungen, in der Schwerelosigkeit, der Koexistenz und dem Überleben förderlich? Wie sieht das mit der emotionalen Ebene aus?
Immer wieder werden wir vor diese Fragen gestellt... Und es gibt keine einfachen Antworten...
So haben wir hier einen sehr komplexen Roman vor uns, der es dem Leser niemals leicht macht, der ihn aber auch bis zur letzten Seite nicht loslassen wird!