Aufstand mit kollektiver Intelligenz
Die FlüchtigenIn Frankreich bereits ein Bestseller, ist Alain Damasios atemberaubender und über 800 Seiten starker Roman „Die Flüchtigen“ nun in einer Meisterleistung der Übersetzung im Matthes & Seitz Verlag erschienen. ...
In Frankreich bereits ein Bestseller, ist Alain Damasios atemberaubender und über 800 Seiten starker Roman „Die Flüchtigen“ nun in einer Meisterleistung der Übersetzung im Matthes & Seitz Verlag erschienen. Der erzähl- und experimentierfreudige Autor hat eine dystopische, utopische und sehr musikalische Science-Fiction-Fantasy-Geschichte rund um sich ständig mutierende, unsichtbare und hybride Mischwesen geschaffen, die ein akustischer Meister der Tarnung in versteckten Winkeln der Umgebung sind.
Angesiedelt in Südfrankreich im Jahre 2040 schildert der überaus politische Roman keine sehr lebenswerte und durchdigitalisierte Welt in der Zukunft: Völlig überwachte Städte wie Orange gehören großen Privatunternehmen, der Kapitalismus bestimmt alles: durch Ringe am Finger, Chips in allen Gegenständen und taktilen Gehwegen wird der Konsumzwang nicht nur forciert, sondern auch gelenkt und kontrolliert. Wer sich widersetzt, wird bestraft. Tarife wie Standard, Premium oder Platin bestimmen, wie die Bewohner die Städte benutzen dürfen. So leben auch Lorca und Sahar, auch wenn sie ihre Fühler immer in Richtung Widerstand gestreckt haben. Seit dem mysteriösen Verschwinden ihrer vierjährigen Tochter Tishka liegt ihre Ehe schmerzhaft in Scherben. Lorca ist überzeugt, dass Tishka trotz fehlendem Lebenszeichen noch lebt und sich in der Welt der Flüchtigen befindet – er schließt sich einer geheimen, am Militär angesiedelten Flüchtigen-Jäger-Einheit an und lässt sich ausbilden.
Während Sahar anfangs noch skeptisch ist, mehren sich die Zeichen, dass Tishka tatsächlich unter die Flüchtigen gegangen ist. Schritt für Schritt erforschen Lorca und Sahar zusammen mit der kollektiven Intelligenz von Wissenschaftlern, Mystikern, Hackern, Philosophen, Jägern und aufständischen Besetzern das Wesen und Leben der Flüchtigen und treffen schließlich auf ihre veränderte Tochter – doch bald sind alle in Lebensgefahr, da die neue Regierung beschließt, die Flüchtigen gewaltvoll zu jagen und zu töten. Ein kriegsähnlicher Aufstand zieht auf, linksradikale Bewegungen und militante Gruppen des Landes treffen und verbinden sich, legen ihre Kompetenzen zusammen, um wieder frei leben zu können und privatisiertes Terrain zurückzugewinnen.
Überbordend, fantasiereich und einzigartig in der typografischen und polyphonen Erzählweise erschafft Damasio ins kleinste Detail verschiedene faszinierende Mikrokosmen, Sprachen und Visionen, die immer wieder überraschen. Jede Erzählstimme und Persepektive des Romans ist mit eigenen rätselhaften Satzzeichen, Akzenten und Klängen versehen – und je näher sie in Kontakt mit den Flüchtigen treten, umso veränderter wird die Sprache, die nicht nur mit Verdrehungen und Wortschöpfungen spielt, sondern auch Wert auf Klang und Reim legt. Es wird geflucht, geliebt, gekämpft und intellektuell philosophiert – neben sehr ausführlichen Action-Szenen, bei denen Damasios Leidenschaft als Videospielentwickler anzumerken ist, stehen poetische und tief bewegende Szenen einer Elternschaft in der Extremsituation. Diese warmen, atmosphärischen und eindringlichen Momente von Lorca und Sahar beim Verlieren, Suchen, Finden und Neukennenlernen ihrer Tochter dienen nicht nur als roter Faden in der ausschweifenden und von fiktiven Wissenschaften ausgeschmückten Geschichte, sondern berühren auch am tiefsten.
Alain Damasio fordert den Leser mit diesem außergewöhnlichen, voluminösen und größtenteils fesselnden Roman auf vielen Ebenen mit sehr vielen Details heraus – manchmal wird er dafür belohnt und manchmal zäh ermüdet: Eine Straffung der fast 850 Seiten wäre gerechtfertigt gewesen. Trotzdem ein einzigartiger und auch mit lakonischem Humor durchzogener Lesebrocken mit wichtigen Aussagen zur Offenheit gegenüber Neuem, Fremden oder alternativen Lebensformen. Und sehr kritischen Passagen über eine alles druchdringende, kontrollierende und technisierte Konsumwelt. Sehr lesenswert ist das Online-Journal der Übersetzerin Milena Adam zu ihrer fulminanten Bastel- und Übersetzungsarbeit am Roman.