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Veröffentlicht am 21.01.2022

Aufstand mit kollektiver Intelligenz

Die Flüchtigen
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In Frankreich bereits ein Bestseller, ist Alain Damasios atemberaubender und über 800 Seiten starker Roman „Die Flüchtigen“ nun in einer Meisterleistung der Übersetzung im Matthes & Seitz Verlag erschienen. ...

In Frankreich bereits ein Bestseller, ist Alain Damasios atemberaubender und über 800 Seiten starker Roman „Die Flüchtigen“ nun in einer Meisterleistung der Übersetzung im Matthes & Seitz Verlag erschienen. Der erzähl- und experimentierfreudige Autor hat eine dystopische, utopische und sehr musikalische Science-Fiction-Fantasy-Geschichte rund um sich ständig mutierende, unsichtbare und hybride Mischwesen geschaffen, die ein akustischer Meister der Tarnung in versteckten Winkeln der Umgebung sind.

Angesiedelt in Südfrankreich im Jahre 2040 schildert der überaus politische Roman keine sehr lebenswerte und durchdigitalisierte Welt in der Zukunft: Völlig überwachte Städte wie Orange gehören großen Privatunternehmen, der Kapitalismus bestimmt alles: durch Ringe am Finger, Chips in allen Gegenständen und taktilen Gehwegen wird der Konsumzwang nicht nur forciert, sondern auch gelenkt und kontrolliert. Wer sich widersetzt, wird bestraft. Tarife wie Standard, Premium oder Platin bestimmen, wie die Bewohner die Städte benutzen dürfen. So leben auch Lorca und Sahar, auch wenn sie ihre Fühler immer in Richtung Widerstand gestreckt haben. Seit dem mysteriösen Verschwinden ihrer vierjährigen Tochter Tishka liegt ihre Ehe schmerzhaft in Scherben. Lorca ist überzeugt, dass Tishka trotz fehlendem Lebenszeichen noch lebt und sich in der Welt der Flüchtigen befindet – er schließt sich einer geheimen, am Militär angesiedelten Flüchtigen-Jäger-Einheit an und lässt sich ausbilden.

Während Sahar anfangs noch skeptisch ist, mehren sich die Zeichen, dass Tishka tatsächlich unter die Flüchtigen gegangen ist. Schritt für Schritt erforschen Lorca und Sahar zusammen mit der kollektiven Intelligenz von Wissenschaftlern, Mystikern, Hackern, Philosophen, Jägern und aufständischen Besetzern das Wesen und Leben der Flüchtigen und treffen schließlich auf ihre veränderte Tochter – doch bald sind alle in Lebensgefahr, da die neue Regierung beschließt, die Flüchtigen gewaltvoll zu jagen und zu töten. Ein kriegsähnlicher Aufstand zieht auf, linksradikale Bewegungen und militante Gruppen des Landes treffen und verbinden sich, legen ihre Kompetenzen zusammen, um wieder frei leben zu können und privatisiertes Terrain zurückzugewinnen.

Überbordend, fantasiereich und einzigartig in der typografischen und polyphonen Erzählweise erschafft Damasio ins kleinste Detail verschiedene faszinierende Mikrokosmen, Sprachen und Visionen, die immer wieder überraschen. Jede Erzählstimme und Persepektive des Romans ist mit eigenen rätselhaften Satzzeichen, Akzenten und Klängen versehen – und je näher sie in Kontakt mit den Flüchtigen treten, umso veränderter wird die Sprache, die nicht nur mit Verdrehungen und Wortschöpfungen spielt, sondern auch Wert auf Klang und Reim legt. Es wird geflucht, geliebt, gekämpft und intellektuell philosophiert – neben sehr ausführlichen Action-Szenen, bei denen Damasios Leidenschaft als Videospielentwickler anzumerken ist, stehen poetische und tief bewegende Szenen einer Elternschaft in der Extremsituation. Diese warmen, atmosphärischen und eindringlichen Momente von Lorca und Sahar beim Verlieren, Suchen, Finden und Neukennenlernen ihrer Tochter dienen nicht nur als roter Faden in der ausschweifenden und von fiktiven Wissenschaften ausgeschmückten Geschichte, sondern berühren auch am tiefsten.

Alain Damasio fordert den Leser mit diesem außergewöhnlichen, voluminösen und größtenteils fesselnden Roman auf vielen Ebenen mit sehr vielen Details heraus – manchmal wird er dafür belohnt und manchmal zäh ermüdet: Eine Straffung der fast 850 Seiten wäre gerechtfertigt gewesen. Trotzdem ein einzigartiger und auch mit lakonischem Humor durchzogener Lesebrocken mit wichtigen Aussagen zur Offenheit gegenüber Neuem, Fremden oder alternativen Lebensformen. Und sehr kritischen Passagen über eine alles druchdringende, kontrollierende und technisierte Konsumwelt. Sehr lesenswert ist das Online-Journal der Übersetzerin Milena Adam zu ihrer fulminanten Bastel- und Übersetzungsarbeit am Roman.

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Veröffentlicht am 15.01.2022

Melancholie der Rastlosen

Der letzte Sommer in der Stadt
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Gianfranco Calligarichs atmosphärischer Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ erschien schon 1973, war recht erfolgreich und verschwand dann plötzlich aus dem Buchhandel. Doch schnell avancierte das Buch ...

Gianfranco Calligarichs atmosphärischer Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ erschien schon 1973, war recht erfolgreich und verschwand dann plötzlich aus dem Buchhandel. Doch schnell avancierte das Buch zum Kult und erscheint nun glücklicherweise erstmals auf Deutsch.

Ich-Erzähler und Protagonist des Romans ist Leo Gazzarra: Im Rom der 1970er-Jahre verkehrt der junge Journalist in der Bohème der italienischen Hauptstadt – es wird gefeiert, geraucht, getrunken, diskutiert oder am Piazza Navona getroffen. Doch bei aller Lust an der Kultur und am Feiern, durchzieht eine leise Melancholie und Selbstzerstörung den Roman, denn Leo wird bald arbeitslos und zieht ziellos im Dunst des Alkohols zwischen Hotels, Bars und den Wohnungen seiner intellektuellen Freunde umher. Als er die fragile und verführerische Arianna kennenlernt, beginnt eine stürmische Liebe zwischen zwei Rastlosen, die nicht wirklich lieben können und sich gegenseitig verletzen. Mit Leos maroden Alfa Romeo fahren sie durch die Nacht nach Ostia ans Meer und philosophieren über Literatur und das Leben. Die Ewige Stadt ist im heißen August wie leergefegt, ein Gefühl der Verlorenheit, des Unwohlseins und der Dekadenz macht sich breit – auf den Straßen und in den Seelen der Protagonisten, denen kein glückliches Ende zu drohen scheint.

Calligarich sind sehr szenische, elegante und metaphorische Beschreibungen der Ewigen Stadt gelungen, in denen sich emotional auch die ambivalenten Gefühle der Charaktere spiegeln. „Wie ein wildes Raubtier“ scheint sie die Menschen teilweise zu verschlingen und ihnen doch eine große Lebensqualität zu liefern. Orte und Szenen der Stadt sind so präzise bildhaft und poetisch hervorgehoben, als stehe man direkt daneben – eine gelungene Hommage, die auch die Schattenseiten hervorzuheben weiß. Ein kleiner Schwachpunkt des Romans ist die Tiefenschärfe der Charaktere und ihre psychologische Entwicklung, die etwas oberflächlich komponiert ist. Und trotzdem folgt man dem selbstbezogen und somnambul wirkenden Gazzarra leichtfüßig und soghaft durch Rom, die unglückliche Liebe und durch seine unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Eine erfreuliche Wiederentdeckung und zeitlos in ihrer feinsinnigen Erzählversiertheit, obwohl der Roman schon vor 50 Jahren geschrieben wurde.

„ … denn Rom birgt einen besonderen Rausch in sich, der die Erinnerungen verbrennt. Mehr noch als eine Stadt ist Rom ein geheimer Teil von euch, ein verstecktes Raubtier. Mit ihm gibt es keine halben Sachen, entweder die große Liebe, oder ihr müsst da weg, denn das fordert das sanfte Raubtier.“ S. 16

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Veröffentlicht am 12.01.2022

Choreografie des Sinns

Auto
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„Manchmal ist die Zeit ein kalter Hauch.“ – Busch hat jetzt viel Zeit in seinem selbst auferlegten Stillstand, die Zeit und sich selbst sowie das Außenherum detailliert zu beobachten. Er ist aus dem Hamsterrad ...

„Manchmal ist die Zeit ein kalter Hauch.“ – Busch hat jetzt viel Zeit in seinem selbst auferlegten Stillstand, die Zeit und sich selbst sowie das Außenherum detailliert zu beobachten. Er ist aus dem Hamsterrad ausgestiegen – früher war er Vertreter für die Verlagsbranche, kilometerweit ist er mit seinem Mercedes gefahren, bis er beschlossen hat, zu entschleunigen. Erst ist er auf den Zug umgestiegen, bis er ganz ausgestiegen ist. Misstrauisch beäugt von den Nachbarn wohnt er jetzt im stillgelegten Mercedes im Hof – nur zum Essen und Duschen kommt er noch in seine Wohnung, in der seine disziplinierte Frau Susanne und sein Sohn Matti wohnen. Ansonsten ist nun der Hinterhof sein eigener Mikrokosmos geworden, in dem jede Veränderung in der Langsamkeit wahrgenommen wird.

Innerhalb der Familie wird nicht viel über seinen Ausstieg gesprochen, es scheint eine Engelsgeduld zu herrschen, doch das täuscht. Nicht nur sein Psychologe, mit dem Busch wöchentlich telefoniert, möchte ihn zurück auf die 'richtige Spur' schicken, doch er verfolgt einen ganz eigenen Stillstand-Plan mit selbst erteilten Regeln (Regel 2: Alle Eigenbewegung auf das Nötigste und Wichtigste reduzieren. Regel 8: Warten und dankbar sein. Und dankbar fürs Warten sein.) und dem präzisen Beobachten des Himmels und der Ameisenkolonie im Hof – die Tiere folgen ohne Pause oder Hinterfragen ihrer Schwarmintelligenz, jede Ameise hat ihre Aufgabe, innere Ordnung und ihren Sinn: „Ameisen funktionieren in Formation. Da schert keine aus. Und das ist stets sinnvoll und nützlich für sie. Das ist die Choreografie des Sinns schlechthin.“ S. 31

In assoziativen Rückblenden wirft die Autorin Christina Walker kleine, liebevolle Schlaglichter auf den gutmütigen Protagonisten und seine Vergangenheit im Berufs- und Eheleben – sie zeichnet kein vollständig interpretierbares Bild seiner Beweggründe und trotzdem ist ihr eine berührende und tiefgründige Parabel auf unsere Hochleistungs-Gesellschaft mit ihren festgelegten Normen gelungen. Was wird als krankhaft oder normal angesehen? Wie reagiert das unmittelbare Umfeld auf einen Übergang in einem Menschenleben, das beschließt, sich teilweise der Gesellschaft abzuwenden?

Mit subtilem Humor und einer Brise Lakonie sowie einer philosophisch angehauchten Poesie folgt der Leser berührt den teils obskuren und doch so feinsinnigen Gedankengängen von Busch, wenn er nicht nur seinen Körper und seine Befindlichkeiten, sondern auch die Tiere und Menschen aus seinem Rückzugsort Mercedes ins kleinste Detail beobachtet oder wenige abgezählte Schritte zum Supermarkt wagt. Dabei stand sein Auto mal für Schnelligkeit und Mobilität – alles Dinge, denen sich Busch nun entzieht, um vielleicht durchlässig und unsichtbar zu werden. Er betrachtet sein Leben nun aus einem anderen Blickwinkel und tariert das Da-Sein aus. Die einzigen Konstanten in seinem Tagesablauf sind der tägliche Apfel und die Wettervorsage sowie das Beobachten der Ameisen sowie der Schrullen der Nachbarn.

Mit knappen, präzisen und wohlkomponierten Sätzen entwirft Christina Walker eine tragikomische, bewegende und mehrdeutige Geschichte über das Aussteigen und einer Sinnkrise, die zum Nachdenken und Reflektieren einlädt. Und der ruhige Roman sollte entschleunigt gelesen werden, da es so viele subtil-zarte Beobachtungen und lebenskluge Metaphern zu entdecken gibt. Ein feines, weises und lesenswertes Debüt, das sich auf verschiedene Arten interpretieren lässt und so schnell gedanklich nicht loslässt.

„Und er glaubt an die Liebe und daran, dass sie einem Bahnhof gleicht. Hin und her, empfänglich für Zugluft und Hoffnung gleichermaßen. Und manchmal so unsterblich wie ein Ameisenvolk.“ S. 155

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Veröffentlicht am 10.11.2021

Zwischen Licht und Schatten

OMBRA
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Der erfolgreiche und renommierte Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist es gewohnt, mehrere Romane im Jahr zu schreiben und nebenher noch als Professor für Kreatives Schreiben an der Universität zu dozieren ...

Der erfolgreiche und renommierte Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist es gewohnt, mehrere Romane im Jahr zu schreiben und nebenher noch als Professor für Kreatives Schreiben an der Universität zu dozieren – bis ihn eine schwere Herzerkrankung, eine folgende Operation und ein Koma nur noch zum Schatten seines bisherigen Lebens und Schaffens machen. Alles muss danach neu erlernt und zusammengesetzt werden – auch das Schreiben und bisherige Leben, was für Ortheil untrennbar zusammenhängt.

Detailliert, scharfsinnig und mit einer Brise Lakonie berichtet Ortheil in seinem persönlichen Werk „Ombra“ von seinem langsamen Zurückfinden ins Leben, nachdem ihm die Krankheit und der Körper seinen Rhythmus diktieren. Körper- und Psychotherapien in der Reha-Klinik bestimmen seinen Tagesablauf, Begegnungen dort (er wird schnell als der Schriftsteller Ortheil erkannt und in zahlreiche Gespräche über die Literatur verwickelt) und auf den zaghaften Schritten zurück nach Draußen und zu seiner Literatur. Nach Köln-Nippes, den Bezirk seiner Kindheit, zum Wohnhaus der längst verstorbenen Eltern, die ihn in Gedanken stets begleiten – oft blickt Ortheil zurück zu den Eltern, spricht mit ihnen gedanklich, geht seinen Erinnerungen Stück für Stück nach und plant eine Ausstellung und Lesung mit zahlreichen alten, persönlichen Fotografien im Westerwald.

In der Psychotherapie geht Ortheil mit großer Neugier der Krankheitsgeschichte und dem Cut zwischen Davor und Danach intensiv nach, evaluiert, ob vielleicht sein letzter herzkranker Romanprotagonist mit Schuld trägt. Doch der Autor schildert auch offen, berührend und authentisch seine tiefe Verunsicherung sowie Ängste seit dem Koma und dem schnell schlagenden Herzen, das keine allzu starke Aufregung oder Alkohol verträgt und die Panik vor seiner bevorstehenden Lesung. Eine starke Freundschaft steht ihm zur Seite, aber auch seine Trias, seine Lebensretter und –begleiter. Auch die Nahtodeserfahrung, den Todestanz, verarbeitet er in der Therapie.

Der Roman besteht neben den vielen scharf-ironischen Beobachtungen aus der Reha-Klinik und den intimen Aufnahmen in sein Diktiergerät (das Schreiben fällt ihm noch schwer) aus vielen facettenreichen Reflexionen über Werke, Kindheit, Sigmund Freud und dem langsamen Zurückfinden in den Alltag, das mehr Ruhepausen für einen schnellen Geist fordert – ein lesenswerter, bewegender und unterhaltsamer Rekonvaleszenz-Roman und zart-berührende Gedanken darüber, wie verletzlich das Leben ist. Und da Ombra auf Italienisch neben Schatten auch das Gläschen Wein als Aperitif am Mittag sein kann, so changiert auch der ehemals rastlose Ortheil in „Ombra“ bei seinem Genesungsprozess zwischen Humor, Ernsthaftigkeit und den vielen Grautönen dazwischen.

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Veröffentlicht am 08.11.2021

Bote des Volkes

Der Flug des Raben
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Mit „Der Flug des Raben“ erscheint das Erstlingswerk des bedeutenden und vielfach ausgezeichneten Schriftstellers und wichtigen Stimme des indigenen kanadischen Volkes Richard Wagamese – und es ist auch ...

Mit „Der Flug des Raben“ erscheint das Erstlingswerk des bedeutenden und vielfach ausgezeichneten Schriftstellers und wichtigen Stimme des indigenen kanadischen Volkes Richard Wagamese – und es ist auch seine eigene berührende Geschichte. Seinen Wurzeln und seinem Reservat entrissen, wuchs er in Heimen und Pflegefamilien auf, bevor er mit 23 wieder seine Familie mit ihren Traditionen trifft. Doch wie mit dieser Entfremdung, mit der eigenen Herkunft und Identität umgehen, was sind die eigenen Wurzeln? Der Protagonist und Ich-Erzähler Garnet Raven ‚Rabe’ schildert genau diese Lebensgeschichte ergreifend, packend und mit authentischer Stimme eines jungen, zerrissenen Mannes auf der Suche. Nachdem er aus dem Ojibwe-Reservat im Norden Ontarios in ein Heim und in weitere gegeben wurde, geriet er später durch Drogenverkäufe auf die schiefe Bahn. In Schlaghose und Afro kehrt er zurück zu den Anishinabek, den ‚guten Menschen’, hadert aber mit der fremden, abgeschiedenen Lebensweise – bis ihn der erfahrene, spirituelle und weise Keeper an die Hand nimmt. Durch ihn bekommt er mehr und mehr Zugang zu seinem Herz, seinen Wurzeln und zu einem Wort, das sich ‚Zuhause’ nennt. Aber auch Raven gibt umgedreht Keeper die Kraft, seine Alkoholsucht durchzustehen.

Wagamese schreibt direkt und knapp mit dichten, feinfühligen Beobachtungen und teils umgangssprachlichen Schilderungen des jungen Ich-Erzählers – durch seine bewegende Suche und persönliche Geschichte erfährt der Leser vielschichtige Fakten zu den indigenen kanadischen Völkern, aber auch über die Tiefe in Ravens Gefühlswelt und seine traumatischen Erlebnisse in der Kindheit. Mit klugem Humor und vielen Anekdoten schildert Wagamese atmosphärisch die Traditionen, kulturellen Lebensweisen und Riten in einem Reservat, aber auch eindringlich die Entfremdung, Gräueltaten und den herrschenden Rassismus.

Der Rabe ist bei den Ojibwe ein Bote des Volkes in der Tierwelt – und so richtet sich durch Wagameses ergreifende und wunderschöne Literatur sowie durch seinen präzisen Erzähler Raven die Aufmerksamkeit zurecht auf das verstörende Schicksal der kanadischen indigenen Kinder durch das brutale System der Residential Schools und auf das unsterbliche, kulturelle Erbe der Ojibwe. Lesenswert, berührend, unterhaltsam – und so wichtige Literatur!

„Am Morgen würde ich nach Hause aufbrechen, und genau dort, genau in dem Augenblick fing das Wort ‚Zuhause’ an, mir mehr zu bedeuten als bloß vier Wände und eine Tür. Es bedeutete alles um mich herum und in mir drin. Etwas, was ich überallhin mitnehmen konnte, wie die Adlerfeder, die ich an meine Brust drückte, während ich wieder ins Land der Träume glitt.“ S. 254

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