Profilbild von stefan182

stefan182

Lesejury Star
offline

stefan182 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit stefan182 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.12.2021

Eine schön winterliche Gedichtsammlung

Wintergedichte
0

„Wintergedichte“, ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell, versammelt 52 verschiedene Gedichte, die sich inhaltlich mit der winterlichen Jahreszeit beschäftigen und lyrisch beschreiben, ...

„Wintergedichte“, ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell, versammelt 52 verschiedene Gedichte, die sich inhaltlich mit der winterlichen Jahreszeit beschäftigen und lyrisch beschreiben, wie diese durch Schnee, Frost und Kälte die Landschaft verändert. Der Winter wird in den verschiedenen Gedichten aus unterschiedlichen Warten betrachtet. So tritt er einerseits als rauer Geselle auf, der klirrende Kälte und beißenden Wind mit sich bringt; der die Natur unter sich begräbt und sie bis zum Frühling absterben lässt (z.B. G. Keller: „Erster Schnee“ oder A. v. Chamisso: „Der erste Schnee“). In einzelnen Gedichten führt diese winterliche Tristesse zu Melancholie (H. Hesse: „Grauer Wintertag“) und die Hoffnung auf einen baldigen Frühling (J. v. Eichendorff: „Winternacht“), in anderen zu einem Rückzug in die wohlige Wärme des Hauses (G. Trakl: „Ein Winterabend“; T. Kramer: „Das Nüsseklopfen“). Andere Gedichte thematisieren stärker die freudigen Aspekte des Winters. Hier ist der Winter nicht rau, sondern erschafft pudrige Wunderländer, in denen man Schneemänner bauen (A. H. Hoffmann v. Fallersleben: „Der Schneemann“), Schlitten fahren (C. Morgenstern: „Winter-Idyll“) oder eislaufen kann (G. Hauptmann: „Eislauf“). Die Wortwahl der Gedichte ist meist gehoben, die Auswahl beschränkt sich aber nicht nur auf altbekannte Klassiker. Epochentechnisch stammen die Gedichte v.a. aus der Romantik, dem Realismus und dem Expressionismus. Stellenweise finden sich in der Sammlung auch experimentelle Gedichte (E. Jandl: „vor winterbeginn“ oder N. C. Kaser: „bittrer winter“). Insgesamt ist „Wintergedichte“ eine schöne Gedichtsammlung, die verschiedene Seiten des Winters und die damit einhergehenden Gefühle bzw. Stimmungslagen behandelt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.12.2021

Ein spannender und atmosphärisch dichter Mystery-Horrorroman

DAS EULENTOR
0

Inhalt: 1911. Der Archipel Spitzbergen ist einer der letzten weißen Flecken auf der Weltkarte. Diesen Fleck – oder zumindest seine Küsten – möchten der Wiener Arzt Alexander Berger und der Kartograph Hansen ...

Inhalt: 1911. Der Archipel Spitzbergen ist einer der letzten weißen Flecken auf der Weltkarte. Diesen Fleck – oder zumindest seine Küsten – möchten der Wiener Arzt Alexander Berger und der Kartograph Hansen nun füllen, weshalb sie sich zu einer Expedition in die eisigen Weiten Spitzbergens aufmachen. Ihre Erkundung steht allerdings unter keinem guten Stern: Nach und nach verlieren sie Teammitglieder, Proviant und Schlittenhunde, sodass sie sich für den Abbruch der Expedition entscheiden. Doch gerade, als sie am Ende ihrer Kräfte sind, entdecken sie einen senkrechten, scheinbar bodenlose Schacht, der sie nicht mehr loslassen wird…

Persönliche Meinung: „Das Eulentor“ ist ein Mystery-Horrorroman von Andreas Gruber. Er erschien zuerst 2008 in limitierter Auflage im Blitz Verlag. Die Neuauflage des Luzifer Verlags ist von Andreas Gruber stilistisch überarbeitet und um eine ca. 80 Seiten starke Rahmenhandlung ergänzt worden. Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen. Die Rahmenhandlung ist in der Gegenwart (November 2021) angesiedelt und wird aus der personalen Erzählperspektive von Neele Tujunen erzählt, die sich auf den Weg nach Spitzbergen macht, um ein Familiengeheimnis zu lösen. Die Binnenerzählung, also die Haupthandlung, findet im frühen 20. Jahrhundert statt (1911 und die Folgejahre). Erzählt wird dieser Handlungsstrang aus der Ich-Perspektive von Alexander Berger. In einem tagebuchartigen Stil berichtet er zunächst über seine kartographische Expedition, später erzählt er von den Versuchen, dem mysteriösen, scheinbar endlosen Schacht seine Geheimnisse zu entlocken. Daher besitzt der Beginn der Haupthandlung auch Elemente eines historischen Romans und erinnert an die großen Polarexpeditionen um 1900. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto stärker treten Mystery, Horror und phantastische Elemente in den Fokus. Die Rahmenhandlung ist etwas anders gelagert: Hier tritt der Horror bereits früh in die Handlung. Rahmenhandlung und Binnenhandlung sind außerdem – durch Figuren, Motive und Gegenstände – schön verflochten. Auch der Schreibstil von Andreas Gruber hat mir sehr gut gefallen. Das eisige Spitzbergen mit seiner rauen, frostigen Landschaft, die von Blizzards geplagt wird, ist ebenso atmosphärisch dicht beschrieben wie die Untiefen des Schachts, der auf die Figuren einen bleibenden Eindruck hinterlässt und sie schrittweise verändert. Die Auflösung des Romans ist schlüssig und stimmig. Zudem taucht in „Das Eulentor“ ein interessantes Monster auf. Ohne zu verraten zu wollen: Es funktioniert nicht nach den gewohnten Horror-Handlungsmustern. Insgesamt ist „Das Eulentor“ ein spannender, atmosphärisch dichter Mystery-Horrorroman mit einem interessanten Monster und einer schön verflochtenen Erzählstruktur.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.11.2021

Eindrücklich, realistisch und emotional

Ich werde dich nie vergessen
0


Triggerwarnung: „Ich werde dich nie vergessen“ thematisiert sexuelle Gewalt und deren psychische Folgen.

Inhalt: Maik lebt ein geordnetes Leben. Gemeinsam mit seiner Frau Anastasia wohnt er in einer ...


Triggerwarnung: „Ich werde dich nie vergessen“ thematisiert sexuelle Gewalt und deren psychische Folgen.

Inhalt: Maik lebt ein geordnetes Leben. Gemeinsam mit seiner Frau Anastasia wohnt er in einer schönen Wohnung in Berlin; sein kleines Modedesignunternehmen ist erfolgreich. An seine Vergangenheit denkt er kaum. Doch das ändert sich, als ihn ein Brief erreicht, in dem er Fotos findet. Fotos, die seinen unentschuldbaren Übergriff zeigen.

Persönliche Meinung: „Ich werde dich nie vergessen“ ist eine Kurzgeschichtensammlung von Ana Juna. Das Buch versammelt vier aufeinander aufbauende Kurzgeschichten, die sich inhaltlich mit sexueller Gewalt und deren Auswirkungen beschäftigen. Erzählt werden die vier Kurzgeschichten aus mehreren unterschiedlichen Perspektiven. Neben Sterni, der sexuelle Gewalt angetan wurde, und Maik, dem Täter, werden nach und nach wechselweise die Perspektiven von Personen aus dem näheren Umfeld beider eingenommen: Anastasia, die Ehefrau von Maik, die – nachdem sie von der Vergangenheit Maiks erfährt – ihre Beziehung zu ihm hinterfragt, Vivi, eine Freundin von Sterni, die Sterni (zunächst) nicht glaubte, und Ratte, ein früherer Freund von Sterni und Maik. Das Leben dieser Figuren wird – in unterschiedlicher Form – durch den sexuellen Übergriff Maiks beeinflusst und verändert, sodass jede Figur eine Entwicklung durchmacht. Für einzelne Figuren gibt es dabei kein Zurück mehr; andere versuchen, ihr Leben neu aufzubauen. Die unterschiedlichen Entwicklungen werden durch die verschiedenen Perspektiveinnahmen anschaulich deutlich. Die Kurzgeschichten sind durchweg ungeschönt, realistisch und ehrlich (daher sollte man vor dem Lesen auch die im Buch befindlichen Triggerwarnungen beachten); zugleich findet sich in ihnen aber auch ein Funke Hoffnung. Der Schreibstil von Ana Juna ist sehr eingängig und die Geschichten lassen sich flüssig lesen. Insgesamt ist „Ich werde dich nie vergessen“ eine eindrückliche, realistische und gleichzeitig emotionale Kurzgeschichtensammlung, die sich mit wichtigen Themen auseinandersetzt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.11.2021

Ein rasanter Thriller mit einschneidenden Wendungen

Todesschmerz
0

Inhalt: Maarten S. Sneijder und sein Team sind einem Maulwurf in den eigenen Reihen auf der Spur. Doch gerade, als sie Fortschritte vermelden können, werden sie nach Norwegen geschickt: Die dort ansässige ...

Inhalt: Maarten S. Sneijder und sein Team sind einem Maulwurf in den eigenen Reihen auf der Spur. Doch gerade, als sie Fortschritte vermelden können, werden sie nach Norwegen geschickt: Die dort ansässige deutsche Botschafterin ist ermordet worden. Sneijder will eigentlich schnellstmöglich nach Wiesbaden zurück, doch der Fall gestaltet sich vertrackter als gedacht: Die norwegische Polizei ist unkooperativ, Täter und Tatmotiv bleiben im Dunkeln und das Team von Sneijder ist nicht vor Feindseligkeiten geschützt…

Persönliche Meinung: „Todesschmerz“ ist der sechste Teil der „Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez“-Thrillerreihe von Andreas Gruber. Zwar kann man der Handlung des Thrillers auch ohne Kenntnis der Vorgänger folgen, doch es ist sinnvoll, zunächst die Vorgängerbände zu lesen, um „Todesschmerz“ voll auskosten zu können. Erzählt wird „Todesschmerz“ hauptsächlich im Wechsel aus den Perspektiven von Maarten S. Sneijder und seiner Kollegin Sabine Nemez. Besonders Sneijder ist eine einmalige Ermittlerfigur. Er ist sarkastisch bis zynisch, nutzt unorthodoxe Ermittlungsmethoden, hat sein Ziel immer vor Augen und es ist ihm herzlich egal, was seine Vorgesetzten von ihm erwarten bzw. was andere Menschen von ihm denken. Auch das Ermittlerteam, das er zusammengestellt hat, ist abwechslungsreich, sodass sich zwischen den unterschiedlichen Figurentypen lebhafte Gespräche mit besonderem Humor entspinnen. Die Handlung ist durchweg spannend: Nicht nur einen Fall gilt es zu lösen, wodurch „Todesschmerz“ vergleichsweise vertrackt ist. Vieles ist dabei nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint, und mehrmals kommt es zu unerwarteten Wendungen, die z.T. drastische Konsequenzen für weitere Bände der Reihe besitzen. Besonders rasant sind die letzten 120 Seiten: Hier jagt eine Aufdeckung die nächste. Dabei sind einzelne Aufdeckungen vorhersehbarer; die meisten allerdings sehr überraschend und mit weitreichender Konsequenz. Zuletzt endet die Handlung mit einem fiesen Cliffhanger, wobei dieser aber umso neugieriger auf den Folgeband macht. Der Schreibstil von Andreas Gruber ist sehr flüssig und eingängig, wodurch „Todesschmerz“ – zusammen mit der spannenden Handlung – Pageturner-Qualitäten besitzt. Insgesamt ist „Todesschmerz“ ein spannender Thriller mit einem interessanten Figurenpersonal und einigen überraschenden und einschneidenden Wendungen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.11.2021

Ein spannender Thriller, den die Atmosphäre der Hulda-Trilogie durchwabert

Frost
0

Inhalt: Island, 2016. Für seine Abschlussarbeit hat sich der Kriminologie-Student Helgi ein besonderes Thema ausgesucht: Er möchte einen berühmten isländischen Kriminalfall, der sich 1983 zugetragen hat, ...

Inhalt: Island, 2016. Für seine Abschlussarbeit hat sich der Kriminologie-Student Helgi ein besonderes Thema ausgesucht: Er möchte einen berühmten isländischen Kriminalfall, der sich 1983 zugetragen hat, aus kriminologischer Sicht untersuchen. Damals kam es in einem ehemaligen Tuberkulose-Sanatorium in Akureyri zu mysteriösen Morden. Der Fall wurde – trotz weißer Flecken – ad acta gelegt und gilt – eigentlich – als geklärt. Doch je länger Helgi sich in die Akten einarbeitet und mit Zeugen der Mordfälle spricht, desto häufiger stößt er auf Ungereimtheiten…

Persönliche Meinung: „Frost“ ist ein Thriller von Ragnar Jónasson, der im selben Universum wie die Hulda-Trilogie verortet ist. Zeitlich spielt er parallel zu „Dunkel“, dem ersten Teil der Hulda-Trilogie. Protagonist von „Frost“ ist Helgi Reykdal, jener junge Kommissar, der der Grund dafür ist, dass Hulda in „Dunkel“ in frühzeitigen Ruhestand beordert wird. „Frost“ wird aus verschiedenen Perspektiven auf drei Zeitebenen erzählt. Der Haupt-Handlungsstrang, der 2016 spielt, beschäftigt sich mit den Untersuchungen Helgis und wird hauptsächlich aus dessen Perspektive erzählt. Ein zweiter Handlungsstrang ist in 1983 verortet. Er behandelt die mysteriösen Sanatorium-Mordfälle und deren (vorläufige) Aufklärung. Hier wird meist aus der Perspektive von Tinna, einer jungen Krankenschwester, erzählt. Im dritten Handlungsstrang, der in den 1950er Jahren verortet ist und im Vergleich zu den beiden anderen eher eine Nebenrolle spielt, wird die Perspektive von Ásta, ebenfalls eine Krankenschwester, eingenommen. Zu dieser Zeit war das Sanatorium noch in vollem Betrieb (mehr möchte ich hierzu nicht sagen, da es zu sehr spoilern würde). Neben Helgi, Tinna und Ásta finden sich noch weitere Perspektiven von unterschiedlichen Figuren. So bspw. auch von Hulda, die 1983 ebenfalls zum Ermittlerteam gehörte. Die Auftritte von und Anspielungen an Hulda sind dabei schön gesetzt: Man erfährt weitere kleine Facetten der Figur „Hulda“, die insgesamt ihre Tragik untermauern, was eine passende Ergänzung zur Hulda-Trilogie ist. Generell spielt Hulda in „Frost“ aber eine Nebenrolle; auch die Handlung von „Frost“ ist in sich abgeschlossen, sodass der Helgi-Thriller unabhängig von der Hulda-Trilogie gelesen werden kann. Der Bezug zur Hulda-Trilogie ist aber trotzdem vorhanden und wird auf einer anderen Ebene deutlich: Die dunkle, tragische Atmosphäre, die durch die Trilogie zieht, durchwabert auch „Frost“. So sind sich die beiden Ermittlerfiguren Helgi und Hulda gar nicht so unähnlich, der Fall beschäftigt sich nicht mit einem verbrecherischen Mastermind, sondern zeigt verstärkt den Schrecken des Alltäglichen und die Figuren weisen konsequent – passend zum Titel – einen unterkühlt-bedrückten Zug auf. Ähnlich wie die Hulda-Trilogie sind auch die Mordfälle und deren Auflösung in „Frost“ wenig verkompliziert, aber dennoch überraschend, wodurch der Thriller seine Stärke gewinnt. Einziger Kritikpunkt: In der Hulda-Trilogie hat es Ragnar Jónasson immer wieder geschafft, atmosphärisch dichte Handlungsorte zu erzeugen. Das fehlte mir bei „Frost“ etwas (das alte Sanatorium, was viel Potential dafür gehabt hätte, bleibt Kulisse). Aber das ist wirklich Meckern auf hohem Niveau. Insgesamt ist „Frost“ ein spannender, solider Thriller, der eine schöne Ergänzung zur Hulda-Trilogie ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere