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Veröffentlicht am 23.01.2019

Etwas ziellos und leider auch langatmig

Eine Frage der Höflichkeit
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Amor Towles' "Ein Gentleman in Moskau" ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe und so wollte ich nun auch sein Erstlingswerk kennenlernen. Dieses fand ich leider ausgesprochen enttäuschend.

Zu ...

Amor Towles' "Ein Gentleman in Moskau" ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe und so wollte ich nun auch sein Erstlingswerk kennenlernen. Dieses fand ich leider ausgesprochen enttäuschend.

Zu Beginn wird recht gut Spannung aufgebaut. Auf einer Fotoausstellung in den 1960ern entdeckt die Hauptperson Kate zwei Fotos eines Mannes aus ihrer Vergangenheit, Tinker, der offensichtlich im Zeitraum zwischen den Fotos einen sozialen Abstieg mitgemacht hat. Wir begleiten Kate auf einen Rückblick in das Jahr 1938, das Buch berichtet über ihre Erlebnisse des gesamten Jahres. Dies geschieht leider ausgesprochen detailreich und ereignisarm. Durch "Ein Gentleman in Moskau" wußte ich bereits, daß Amor Towles zum ruhigen Erzählen neigt, sich dem Atmosphärischen, den Charakterstudien mehr widmet als einer aufregenden Geschichte. Da er dies im "Gentleman" so ausgesprochen gut gemacht hat, habe ich mir Ähnliches auch hier erwartet - leider vergeblich.

Zu Anfang gelingt es ihm noch recht gut, die New Yorker Welt Kates zu schildern. Sie wohnt in einer Pension, teilt ein Zimmer mit Eve, um Geld zu sparen. Das Geld ist generell knapp, die jungen Frauen in der Pension leihen sich gegenseitig Kleider, kalkulieren genau, in welchen Zeitabständen sie sich abends Drinks bestellen können, um mit der mageren Barschaft durch den Abend zu kommen. Eve, bildschön, eigensinnig und auch egoistisch, dem angenehmen Leben nicht abgeneigt, wird bildhaft charakterisiert, man kann sie sich gut vorstellen. Als die beiden jungen Frauen dann Tinker treffen, wird auch er mit wenigen treffenden Worten ausgezeichnet charakterisiert. Damit endet es aber leider auch schon - alle weiteren Charaktere bleiben blaß, unausgegoren, austauschbar. Dies beinhaltet seltsamerweise auch den Hauptcharakter Kate, die hier als Ich-Erzählerin fungiert. Ab und an blitzt bei ihr ein herrlich trockener Humor hervor, sonst aber erfährt man wenig über sie. Sie kann schnell tippen, liest gerne Klassiker, neigt manchmal zur Schroffheit - das war es dann letztlich. Sie wirkt nicht interessant, sondern eher langweilig. Das machte für mich dann auch einen Großteil des Buches nicht nachvollziehbar, denn seltsamerweise scheinen alle Menschen, die Kate begegnen, von ihr umgehend fasziniert zu sein. Problemlos wird sie in die eigentlich für Außenstehende nicht unbedingt offene Welt der Manhattener High Society aufgenommen. Jemand empfiehlt sie für eine anspruchsvolle Arbeitsstelle, ohne daß sie die nötige Erfahrung besitzt, jemand anderer vererbt ihr etwas, die Männer liegen ihr zu Füßen, Fremde starren sie in einem Restaurant an und suchen den Kontakt zu ihr. Das wirkt angesichts von Kates sprödem, etwas faden Charakter unglaubwürdig. Viele von diesen substanzlos rasch enstandenen Freundschaften und Bekanntschaften verschwinden dann kommentarlos wieder und man fragt sich, was hier überhaupt der Sinn war.

Auch das Atmosphärische läßt leider schnell nach. Zu Beginn wirkt der Einblick in das Manhattan der 30er Jahre noch abwechslungsreich, aber irgendwann haben wir die schäbigen Kneipen und Diners zur Genüge beschrieben bekommen, ebenso wie die schicken Apartmentgebäude, exklusiven Clubs und Bars. Die Geschichte um Kate und Tinker findet letztlich fast nur im ersten und letzten Viertel des Buches statt. Dazwischen lesen wir einen Barbesuch nach dem anderen, eine Party nach der anderen und insbesondere: eine detaillierte belanglose Unterhaltung nach der anderen. Die Unterhaltungen sind von entsetzlicher Langweiligkeit und bei den meisten Szenen habe ich mich gefragt, warum diese überhaupt im Buch ist und warum sie zudem noch so detailliert beschrieben wurde. Dauernd denkt man beim Lesen, daß sicher gleich etwas Bedeutendes passiert, aber das tut es fast nie.

So bleibt also letztlich alles blaß und unentschlossen. Die von George Washington aufgezeichneten Regeln der Höflichkeit, nach denen das Buch benannt ist und die im Buch häufiger erwähnt werden, spielen letztlich für die Geschichte auch kaum eine Rolle. Warum der Autor sie für sein Buch als Aufhänger nimmt, erschließt sich beim Lesen nicht. Am Ende frage ich mich, was der Autor mit diesem Buch eigentlich erreichen, sagen wollte. Die Geschichte um Kate und Tinker ist nicht uninteressant, aber auch nicht mitreißend. Sie hätte in 50 Seiten erzählt werden können. Als Gesellschaftsroman kann man das Buch auch nicht sehen, dafür bleiben Charaktere und Umfeld zu vage. Eine Art Entwicklungsroman könnte es sein, aber dafür sind Kates Erfahrungen zu unglaubwürdig und zu wenig nachvollziehbar. Mädchen einfacher Herkunft ohne sonderliche charakterliche Vorzüge gelingt es, diverse Mitglieder der New Yorker Society auf den ersten Blick um den Finger zu wickeln....das ist als Geschichte einfach nicht überzeugend.

Nun hat die Geschichte ab und an interessante Momente, der Blick ins damalige New York ist an mehreren Stellen gut gelungen und der Schreibstil oft sehr schön (aber nicht annähernd so gut wie im "Gentleman"). Anfang und Ende sind nicht übel, ein strafferer plausiblerer Mittelteil hätte zu einem guten Buch geführt. Für diese Punkte drei knappe Sterne.

Veröffentlicht am 01.02.2025

Tolle Idee, die leider zäh und konstruiert umgesetzt wurde

Das Dinner – Alle am Tisch sind gute Freunde. Oder?
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Der Klappentext in Verbindung mit dem ausgesprochen gelungenen Titelbild hat mich gleich angesprochen. Ein Krimi-Dinner, das zum Aufbrechen alter Situationen und Einreißen freundschaftlicher Fassaden führt, ...

Der Klappentext in Verbindung mit dem ausgesprochen gelungenen Titelbild hat mich gleich angesprochen. Ein Krimi-Dinner, das zum Aufbrechen alter Situationen und Einreißen freundschaftlicher Fassaden führt, das klang originell und versprach psychologische Raffinesse.
An Originalität mangelt es dem Buch dann auch nicht, selbst wenn der Anfang nicht darauf hindeutet. Dort findet sich nämlich der ewiggleiche öde Prolog, der Bücher dieses Genres mittlerweile mit solcher Vorhersehbarkeit einleitet, als ob sein Vorhandensein und Inhalt gesetzlich vorgeschrieben wären. Nach diesem absoluten 08/15-Einstieg wird es dann aber um einiges besser. Wir lernen die fünf Protagonisten kennen, im momentan so beliebten multiperspektivischen Erzählen. Leider klingen alle Erzählstimmen komplett gleich. Das stört anfänglich noch nicht, weil die Geschichten und Situationen unterschiedlich sind. Später im Buch führte das bei mir aber gelegentlich zu Verwechslungen. Es ist schade, daß so viele Autoren gerne multiperspektivisch schreiben, ohne ihre Erzählstimmen hinreichend unterschiedlich zu gestalten.
Insgesamt ist der Schreibstil aber flüssig. Er ist eher einfach gehalten, aber für das Genre ausreichend. Erfreut haben mich einige treffende Vergleiche und gelungene Schilderungen der Umgebung. Weniger erfreut hat mich die teilweise Verwendung des Kunstbegriffs „Mitarbeitende“. Dieser wird dann auch in einem Dialog verwendet und das ist sehr unrealistisch, denn die Anzahl der Leute, die diesen Begriff in einer Unterhaltung mit Freunden verwenden, ist – zum Glück – verschwindend gering und bei dem Charakter, um den es hier geht, ist es äußerst unglaubwürdig, daß er den Begriff benutzen würde. Hier wurde also leider die Plausibilität zugunsten der Sprachbevormundung aufgegeben.
Ebenfalls störten mich mehrere unbeholfen wirkende Satzstellungen (die mich bei diesem renommierten Verlag auch erstaunten) und der falsch verwendete Begriff „echote“. Wenn man etwas echot, wiederholt man es. Hier wird aber nichts wiederholt, sondern auf eine Frage geantwortet – ein ziemlich plumper Fehler.
Trotz dieser kleineren stilistischen Mankos gefiel mir das erste Drittel des Buches sehr gut. Während man die Charaktere kennenlernte, gab es schon mehrere Andeutungen, wie viel zwischen den vermeintlichen Freunden im Argen liegt. Das Spannungsniveau war hier hervorragend, ich las gebannt und sah den so ausgezeichnet geschilderten Handlungsort regelrecht vor mir. Man spürte das in der Luft liegende Unheil geradezu und ich war äußerst gespannt und freute mich auf das, was kommen würde. Der Beginn des Krimidinners und der immer stärker werdenden unterschwelligen Spannung war ausgezeichnet. Vorne im Einband finden sich ein Sitzplan und eine Namensübersicht, so daß man nicht durcheinander kommt, wenn alle Protagonisten ihre Krimi-Dinner-Persönlichkeit annehmen – ausgezeichnete Idee.
Dann aber fiel das Buch rapide ab. Mit Beginn des Krimidinners wurde auf zwei Zeitebenen geschildert (ebenfalls ein sattsam benutztes Stilmittel, das aber durch die Krimidinner-Perspektive trotzdem etwas Frisches hat). Die Geschehnisse um das damalige Verschwinden der sechsten im Bunde, Maria, spielen sich auf einem Musikfestival ab und werden in quälender Zähigkeit und ad nauseam aus mehreren Perspektiven geschildert. Jede Einzelheit wird ausführlich dargelegt, jede Information mehrmals erwähnt, dazwischen führen die Charaktere ausführliche Dialoge voller Mutmaßungen. Letzteres mag realistisch sein, aber als Lektüre ist es unendlich langweilig, vor allem, wenn es unablässig vorkommt. Ich versank beim Lesen in Einzelheiten und Wiederholungen. Viele Geschehnisse ähnelten sich, vorwiegend wird getrunken und rumgemacht, werden Drogen genommen und Handys hochgehoben und wieder weggelegt. Irgendwann wurde es zu einem zähen Einheitsbrei, der mich mit jeder Seite weniger interessierte.
Hinzu kommt, daß die Geschichte immer konstruierter wird. Auch das fast krampfhafte Bemühen der Autorin, jedem Protagonisten ein Motiv gegen Maria zu geben und alle gewissermaßen fast im selben Moment mit Rachegedanken losziehen zu lassen, führt zu zunehmend seltsamen, übertriebenen Konstruktionen. Was da in einem Tag alles zufällig ans Licht kommt, ist schon abstrus. Auch die Gegenwartshandlung kippte genau in dem Moment, in dem ich mich auf ein psychologisch ausgefeiltes Kammerspiel freute, ins Übertriebene und Platte. Anstatt von Raffinesse bekam ich dann so etwas zu lesen: „Ich höre Knochen brechen, dann spritzt das Blut in alle Richtungen wie bei einer kaputten Sprinkleranlage.“
Diese Mischung aus viel zu langgezogen, viel zu übertrieben und viel zu plump traf meinen Geschmack überhaupt nicht und wirkte für mich wie eine verschenkte Möglichkeit.
Trotzdem gelang es der Autorin, mich mit zwei Wendungen zu überraschen, die ich gelungen fand. Besonders das Ende konnte vieles wieder wettmachen. Dieses war unerwartet, originell und größtenteils plausibel. Man könnte also sagen: eine ausgezeichnete Vorspeise, köstlich mundend und Appetit machend. Dann leider gefolgt von einem völlig überwürzten, zähen und schwer im Magen liegenden Hauptgang, dem aber immerhin ein kreatives Dessert folgt. Man hätte aus dieser originellen Idee wesentlich mehr machen können. So bleibt sie halbgar.

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Veröffentlicht am 15.09.2023

Die Geschichte bewegt sich zäh im Kreis

Als wir an Wunder glaubten
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Nachdem ich Helga Bürsters „Luzies Erbe“ sehr genossen habe und es in vielerlei Hinsicht eines jener seltenen Bücher war, die einen ganz besonderen Eindruck hinterließen, war ich auf dieses neue Buch gespannt. ...

Nachdem ich Helga Bürsters „Luzies Erbe“ sehr genossen habe und es in vielerlei Hinsicht eines jener seltenen Bücher war, die einen ganz besonderen Eindruck hinterließen, war ich auf dieses neue Buch gespannt. Zu Beginn gefiel mir die geschilderte Moordorf- und Nachkriegsatmosphäre, die Leser werden allmählich in die Geschichte, das Dorf und seine Einwohner hineingeführt und es gab schon vielversprechende Ansätze, die neugierig machten. Allerdings trat das Buch dann schnell auf der Stelle. Die Geschehnisse im Dorf werden mit zäher Ausführlichkeit berichtet, jede kleine Handlung füllt Seite um Seite um Seite. Was anfänglich zur Einführung durchaus angenehm war, wurde dann bald langweilig, was auch an den vielen Wiederholungen lag. Wir beobachten die Dorfbewohner bei ihren Alltäglichkeiten und zwar immer und immer wieder.
Wesentlich interessanter fand ich anfänglich den Erzählstrang des Kriegsheimkehrers mit Amnesie, allerdings wird hier die überraschende Wendung bereits im Klappentext verraten. Es ist mir ein Rätsel, warum ein Verlag eine unerwartete Wendung, die erst nach etwa einem Drittel des Buches vorkommt, bereits im Klappentext verrät, somit einen wesentlichen Aspekt vorausnimmt und auch einen wesentlichen Teil der Spannung raubt. Das hat mich sehr geärgert.
Dieser Erzählstrang versickert dann auch bald im Dorfeinerlei. Ab der Hälfte des Buches merkte ich, daß mich weder die Geschichte noch die Charaktere noch interessierten. Einige der Charaktere hatten mich anfangs berührt und interessiert, aber sie wurden mit jeder Seite blasser. Die vielversprechenden Ansätze der Geschichte verloren sich in der zähen Erzählweise. Viele Szenen waren einander so ähnlich, daß ich ständig dachte: „Ja, das habe ich bereits mehrfach gelesen.“ Es mag Absicht gewesen sein, um das Eintönige hervorzuheben, aber ein Lesevergnügen ist es nicht, wenn die Geschichte langsam im Kreis dahintrottet. Auch die Entwicklungen am Ende, die im Gegensatz dann zu überzogen daherkamen, haben es für mich nicht mehr rausgerissen, weil das Buch mich schon längst verloren hatte.
Ich mag es durchaus, wenn atmosphärisch erzählt wird, in „Luzies Erbe“ ist dies sehr gelungen. Dort gab es aber auch mehr Handlung. Hier wird eine sehr handlungsarme Geschichte behäbig ausgewalzt und ich muß zugeben, daß ich mich beim Lesen sehr gelangweilt habe. Dabei ist die Idee an sich interessant. Auch die authentische Darstellung des Dorfes und der Hoffnungslosigkeit der Nachkriegszeit waren gelungen. Die Geschichte des Kriegsheimkehrers hatte viele berührende Facetten. Insgesamt aber konnte mich dieses Buch leider nur wenig überzeugen.

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Veröffentlicht am 26.01.2022

Gerät bei der Wanderung ständig auf Abwege

Der Wanderer
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Ich habe nun vier Bücher über Theodor Fontane gelesen. Dieses war am umfangreichsten, aber leider auch das, aus dem ich am wenigsten über Fontane erfahren habe. Der Anfang, in dem eine halbe Seite lang ...

Ich habe nun vier Bücher über Theodor Fontane gelesen. Dieses war am umfangreichsten, aber leider auch das, aus dem ich am wenigsten über Fontane erfahren habe. Der Anfang, in dem eine halbe Seite lang atmosphärisch und eher inhaltsleer der Anblick des Fontane-Denkmals an einem trüben Januartag heutiger Zeit geschildert wird, ist nicht nur eine ausschweifende Einleitung, sondern entspricht symptomatisch dem restlichen Buch. Der Autor verliert sich ständig in Wetterberichten, poetischen Landschaftsbeschreibungen und Allgemeinplätzen wie: „Mögen die nötigen Opfer und Verlust auch noch so groß sein – so läuft es in der Welt.“
Über Fontanes Leben erfährt man wesentlich weniger als der Umfang des Buches erwarten lässt, ich könnte mir sogar vorstellen, daß Leser ohne Vorkenntnisse hier eher verwirrt werden können. Das Buch geht nicht chronologisch durch Fontanes Leben, was an sich nicht schlimm wäre, aber die meisten Stationen seines Lebens werden so gut wie gar nicht behandelt, viele oft nur in Nebensätzen eingestreut, es gibt schmerzlich wenig richtige Informationen, die sich zudem noch im Kreis drehen. Zeitlich und thematisch wird wild hin- und hergesprungen. Insgesamt fehlt viel, wird viel kurz abgehandelt, während anderes ständig wiederholt wird.
Die Erzählweise erinnert mich ein wenig an meinen Großvater, der im höheren Alter Probleme hatte, beim Thema zu bleiben und sich auf Nebenschauplätzen verlor, die nur wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun hatten. Der Text mäandert ziellos vor sich hin, die abrupten Themenwechsel sind nicht nachvollziehbar, der Autor verliert sich ständig in irrelevanten Betrachtungen. Bezeichnend ist hier eine ausführliche Beschreibung der Stadt Memel, in der Fontane nie war, die in seinen Büchern und in seinem Leben keine Rolle spielt, wie uns der Autor auch selbst kundtut. Historische Exkurse weichen weit von dem ab, was für das Verständnis Fontanes relevant gewesen wäre, ein einmaliger Besuch einer Kirche durch Fontane führt zu seitenlangen Abhandlungen über die Lebensgeschichten der dort Begrabenen. Keine Möglichkeit einer Abschweifung wird ausgelassen und so geht Fontane in diesem Buch manchmal unter.
Sehr gerne verliert sich der Autor auch seitenweise in philosophischen Exkursen, die sich zwar mit Fontane beschäftigen, aber trotz vieler Worte wenig aussagen. Wenn sich das Buch dann endlich mal Fakten zuwendet, ist das interessant und gut geschrieben, lässt erahnen, wie viel man hier auf angenehme Weise über Fontane hätte erfahren können, wenn der Autor auf seiner Wanderung durch Fontanes Leben nicht jeder irrelevante Abzweigung eingeschlagen hätte. Auch die Abbildungen sind interessant und anschaulich. Diese guten Anteile muss man aber in dem Fabulier-Dickicht leider suchen und so bin ich insgesamt enttäuscht.

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Veröffentlicht am 03.01.2022

Oberflächlich, unstrukturiert und flapsig

Die Frauen der Diktatoren
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Das Buch wirft einen Blick auf das Eheleben und/oder erotische Leben von achtzehn Diktatoren. Wer durch den Titel erwartet, einen tieferen Einblick in die Gemüter der Frauen an deren Seite zu bekommen, ...

Das Buch wirft einen Blick auf das Eheleben und/oder erotische Leben von achtzehn Diktatoren. Wer durch den Titel erwartet, einen tieferen Einblick in die Gemüter der Frauen an deren Seite zu bekommen, wird zumindest teilweise enttäuscht werden. Tiefgängig ist hier sehr wenig und es geht auch nicht primär darum, diese Frauen kennenzulernen und genauer zu betrachten. Jedes der achtzehn Kapitel ist einem Diktator gewidmet. Eine Unterteilung in fünf Bereiche (Faschisten, Kommunisten, historisch weiter zurückliegend, Asien, Entwicklungsländer) ist keine schlechte Idee, damit hat es sich mit der Struktur aber auch weitgehend. Juan Perón, dessen Geschichte hier hervorragend hineingepasst hätte, fehlt seltsamerweise.
Die Kapitel sind vom Stil, Informationswert und Inhalt sehr unterschiedlich. Manche sind flach, kolportieren Klatschgeschichten oder gleichen einer persönlichen Abrechnung (professionelle Distanz oder sachlich geäußerte Kritik ist keine Stärke des Autors). Andere liefern historisch interessante Informationen. Fast alle verzichten darauf, die Lebensdaten der erwähnten Frauen zu nennen, ihre Herkunft zu schildern oder zu berichten, wo sie „ihre“ Diktatoren kennenlernten oder mit ihnen zusammenfanden. Meistens sind die Frauen einfach plötzlich da oder es gibt zur ersten Begegnung Informationen wie beim Paar Marcos: „Sie befanden sich in der Kantine.“ Wann, in welcher Kantine, wie alt sie waren, welche politische Phase es in Marcos’ Leben war – all das wird nicht erwähnt. Das ist einer der beiden Hauptkritikpunkte an diesem Buch: es fehlen ständig Informationen, Zusammenhänge werden kaum oder nicht erklärt, es gibt irritierende Zeitsprünge in beide Richtungen, häufig wirkt der Text ungeordnet, als ob der Auto einfach seine Notizen schnell heruntergeschrieben hätte. Manche Kapitel behandeln nur einzelne Episoden. So ist das Kapitel über Assad fast ausschließlich den Shopping-Mails seiner Frau gewidmet, im Kapitel über Gaddafi kommt dessen zweite Ehefrau, mit der er über vierzig Jahre verheiratet war, nur in einer Nebenbemerkung vor. Lieber wird in aller Ausführlichkeit sowohl bei Gaddafi wie auch bei Kim jeweils ein einziges Interview über ihre Ausschweifungen nacherzählt. Das wirkt häufig unprofessionell, ebenso wie viele der Quellenverweise. Besonders enttäuschte mich, dass wir vom Charakter der Frauen so gut wie nie etwas erfahren und genau das wäre doch interessant gewesen. Der Autor genießt es zwar, unpassende oder grausame Handlungen zu berichten (gerne auch mal mit dem Hinweis: „Sie war so dumm, dass ...“), seelische Einblicke aber gibt es kaum. So hat das Ganze etwas von einem Boulevardmagazin. Dass in den Quellenverweisen auch meistens nur auf eine Quelle pro Kapitel verwiesen wird, erweckte in mir zudem den Eindruck eines reinen Nacherzählens anstatt sorgfältiger Recherche. Bei vielen Kapiteln war ich über den geringen Informationsgehalt enttäuscht (auch der Werdegang der jeweiligen Diktatoren sollte einem besser vorher bekannt sein, hier erfährt man dazu nicht viel) und in den meisten Fällen hätte ich aus einem Wikipedia-Eintrag zur Person mehr erfahren (das kann ich sicher sagen, weil ich offene Fragen dort dann oft nachsehen musste).

Die andere Schwachstelle ist der Schreibstil. Der Autor schreibt betont flapsig, wirft gerne gewollt „witzige“ Bemerkungen in Klammern ein (für ein Sachbuch völlig fehl am Platz), bedient sich Begriffen wie „supernett“ (Beschreibung eines Botschaftsmitarbeiters) oder Ausdrücken wie „Sie war zu allen eklig“ (über Elena Ceaușescu), so dass man denkt, man würde gerade den Blogeintrag eines Teenagermädchens lesen. Die Übersetzung hält mit dem schlechten Schreibstil mit, es gibt zahlreiche falsche Begriffe und Satzstellungen. Ob nun Autor oder Übersetzerin den Unterschied zwischen Antisemit und Rassist sowie zwischen weltgewandt und raffiniert nicht kennen, erschließt sich mir nicht, jedenfalls wurden sowohl „Rassist“ wie auch „raffiniert“ im falschen Zusammenhang benutzt. Interessanterweise gibt es aber auch zahlreiche wirklich schön geschriebene Passagen (und Kapitel mit etwas mehr Tiefe), die zeigen, dass das Buch Potential gehabt hätte. Hier wurde eine gute Idee verschenkt.

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