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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.02.2022

Besser als jede Verfilmung sein kann

Der Vorleser
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Vor ein paar Jahren hatte ich den Film gesehen, der nach diesem Buch gedreht wurde. Nun fiel mir das Buch in die Hände. Es ist schon etwas älter. Obwohl ich den Film schon kannte, hat es mich gleich vom ...

Vor ein paar Jahren hatte ich den Film gesehen, der nach diesem Buch gedreht wurde. Nun fiel mir das Buch in die Hände. Es ist schon etwas älter. Obwohl ich den Film schon kannte, hat es mich gleich vom ersten Satz an gefesselt.

Meistens finde ich, dass Klappentexte den Inhalten von Büchern oftmals nicht gerecht werden. Ein Zitat aus dem Klappentext dieses Buches bringt es jedoch gelungen auf den Punkt:

„Die fast kriminalistische Erforschung einer sonderbaren Liebe und bedrängender Vergangenheit.“

Der Schreibstil des Autors hat etwas Besonderes an sich. Meistens mag ich keine langen Schilderungen von Gedanken, aber hier gefielen mir die gedanken- und gefühlvollen Darstellungen sehr gut. Bernhard Schlink hat sie in für mich optimalem Maß in die Handlung eingeflochten.

Es ist bestimmt ziemlich schwer, eine so gefühlvolle und dabei ambivalente Geschichte zu erzählen, ohne dass sie schmutzig oder kitschig wirkt. Dem Autor ist es meines Erachtens jedenfalls gelungen.

Es ist eine Art, sich mit der dunklen Vergangenheit deutscher Geschichte auseinanderzusetzen, wie ich sie bisher noch nicht erlebt hatte, einerseits recht schwermütig, andererseits wieder unterhaltsam.

Fazit: Die Verfilmung hatte mir zwar ganz gut gefallen, aber das Buch ist viel besser.

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Veröffentlicht am 04.02.2022

Helden werden von anderen gemacht

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
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Der Hauptheld dieses Romans, Michael Hartung, hat zunächst zwar ein Problem, aber geht recht phlegmatisch damit um. So ist er eben – ein ruhiger Zeitgenosse, der mir als Leserin von Anfang an sympathisch ...

Der Hauptheld dieses Romans, Michael Hartung, hat zunächst zwar ein Problem, aber geht recht phlegmatisch damit um. So ist er eben – ein ruhiger Zeitgenosse, der mir als Leserin von Anfang an sympathisch ist.

Michael Hartung hat ein finanzielles Problem, das existenziell zu werden droht. Aber anstelle sich darüber aufzuregen oder sich irgendetwas zu überlegen, sucht er einfach einen alten Film aus und lenkt sich damit ab. Irgendwie sieht er sich als Technologieverlierer – kein Wunder als Inhaber einer Videothek in Zeiten von Streaming-Diensten.

Als dann ein Reporter bei ihm auftaucht, weil der nach Durchforsten alter Stasi-Akten Michael Hartung als Helden sieht, der 1983 einen S-Bahn-Zug vom Bahnhof Friedrichstraße in den Westen umgeleitet und damit 127 Menschen zur Flucht aus der DDR verholfen haben soll, nimmt eine sehr witzige Geschichte voller Hochstapelei und Flunkerei ihren Lauf. In der Tat hatte Michael Hartung durch eine Verkettung unglücklicher – oder glücklicher? – Umstände einen Anteil daran, jedoch war das ein Zufall.

Die Sache wird natürlich, je weiter sie voranschreitet, immer verzwickter und spannender. Das Buch ist recht witzig geschrieben und ich empfand es als Wohlfühllektüre. Der Autor versteht es, interessante lebensechte Charaktere zu entwickeln. Das liegt wohl an seinem lebendigen Schreibstil, der sich den einzelnen Personen anpasst. Ich habe jede Szene wie einen Film vor mir sehen können, dabei mit den handelnden Personen empfunden und alles sehr genossen.

Es war von Anfang bis Ende spannend und ich konnte mich in fast alle „Mitspieler“ hineinversetzen. Für mich war alles besonders gut vorstellbar, weil ich die meisten Orte der Handlung kenne. Aber ich denke, dass das nur ein kleiner Zusatzeffekt ist. Für Ortsfremde ist diese Lektüre bestimmt genauso unterhaltsam.

Aus diesem Roman kann man eines lernen: Historische Darstellungen sind oftmals verfremdet. Wie so etwas funktionieren kann, sieht man an dieser fiktiven Geschichte. Das ist aber nicht so schlimm, wenn es allen in den Kram passt. So werden Helden oftmals erst von anderen gemacht.

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Veröffentlicht am 30.01.2022

Intelligenter Agenten-Thriller vom Feinsten

Dreifach
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In „Dreifach“ geht es um einen spektakulären Uran-Diebstahl. Die Geschichte spielt 1968. Israel möchte auch Atombomben haben. Das Know-how dazu ist vorhanden, nur fehlt es an Uran. Das soll Nat Dickstein, ...

In „Dreifach“ geht es um einen spektakulären Uran-Diebstahl. Die Geschichte spielt 1968. Israel möchte auch Atombomben haben. Das Know-how dazu ist vorhanden, nur fehlt es an Uran. Das soll Nat Dickstein, Agent des israelischen Geheimdienstes, beschaffen – genauer gesagt stehlen. Das soll so ablaufen, dass niemand dahinterkommt, woher die Israelis das Uran für ihre Bomben haben. Es geht hier um eine große Menge Uran. Ein schier unlösbares Unterfangen, wenn man bedenkt, dass Urantransporte international überwacht und protokolliert werden.

Dieser Roman ist ein Thriller vom Feinsten. Zuerst werden die drei Hauptpersonen, die später zu Gegenspielern werden, vorgestellt. Das passiert in einer Rückblende vor zwanzig Jahren. Es sind Nat Dickstein – Jude, Yassif Hassan – Araber und David Rostow – Russe. Sie haben alle in Oxford studiert und treffen sich bei ihrem Professor.

Danach geht es ans Eingemachte. Die Perspektive wechselt zwischen den Seiten. Andere Agenten spielen mit, auch Doppelagenten, Chefs der Geheimdienste. Es geht hin und her. Mal kooperieren sie, mal legen sie sich gegenseitig herein – wie es sich für einen Agententhriller gehört. Zum Ende hin wird es ziemlich blutig, aber das war bei diesem Roman abzusehen.

Wir erleben, wie Nat Dickstein vorgeht, zunächst um eine Lösungsidee für den Urandiebstahl zu finden. Der Leser begleitet ihn bei jedem Schritt, kann ihm manchmal „in den Kopf“ schauen. Trotzdem ist es mir nicht gelungen, seinen gesamten Plan gleich von Anfang an zu verstehen. Es ist eine verdammt komplizierte Kiste, über die man nachdenken muss. Aber das macht den Roman reizvoll, neben vielen anderen Dingen.

Die anderen Agenten sind auch nicht untätig, kommen Dickstein auf die Spur, wenn auch nur teilweise, und versuchen natürlich, das Ganze zu vereiteln. Jeder hat dabei seine politischen als auch persönlichen Ziele. Dann greift noch ganz überraschend eine weitere „Macht“ ins Geschehen ein.

Am Ende ist für mich kaum eine Frage offen geblieben. Zweifelsohne – ein genialer Plan, aber auch Chapeau vor den Gegenspielern! Obwohl ich das alles moralisch natürlich nicht vertreten kann – und hier schließe ich keine der handelnden Parteien aus. Es gibt meiner Ansicht nach hier keine „Guten“.

Es gibt nur eine Stelle bzw. eine Person, in dem Buch, deren Handeln ich an einer bestimmten Stelle nicht hundertprozentig nachvollziehen konnte. Aber das hat mein Lesevergnügen nicht geschmälert, sondern ist eher Geschmackssache.

Dieses Buch ist unheimlich fesselnd geschrieben und äußerst intelligent konstruiert. Der Autor muss akribisch recherchiert haben, sowohl in Geheimdienstbelangen als auch technischen Dingen, wie Schiffsmechanik. Das hat mich sehr beeindruckt und fasziniert. Nebenbei habe ich eine Menge gelernt und weil mein Interesse geweckt wurde, einiges dazu nachgeschlagen.

Am Ende des Romans im Nachtrag wird eine echte Meldung aus dem „Daily Telegraph“ vom 7. Mai 1977 abgedruckt, die eine Äußerung über den Verdacht eines Urandiebstahls durch Israel enthält. Ken Follett hat den Roman offenbar auf Grundlage dieser Meldung geschrieben, indem er sich die Frage gestellt hat: Wie hätte das abgelaufen sein können?

Es kamen viele Personen in diesem Buch vor, aber sie wurden nach und nach recht anschaulich eingeführt. So war das für mich in einem vertretbaren Rahmen. In dieser Art von Geschichte wäre es meiner Meinung nach anders kaum möglich gewesen.

Kurz gesagt: Sehr spannend und interessant, überaus geschickt und intelligent konzipiert. Habe eine Menge nebenbei gelernt und konnte das Buch zum Ende hin gar nicht mehr aus der Hand legen.

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Veröffentlicht am 22.01.2022

Das sollte jeder lesen

Der Erinnerungsfälscher
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Auch wenn die Geschichte um Said Al-Wahid ausgedacht ist, es muss einfach eine Menge vom Autor selbst darin stecken. Die Parallelen zwischen dem Protagonisten und dem Autor dieses Buches sind nicht zu ...

Auch wenn die Geschichte um Said Al-Wahid ausgedacht ist, es muss einfach eine Menge vom Autor selbst darin stecken. Die Parallelen zwischen dem Protagonisten und dem Autor dieses Buches sind nicht zu übersehen.

Der Roman ist eine Sammlung von Erinnerungen, die der Hauptheld während einer Reise in den Irak hat. Aus dem Irak war er geflohen. Obwohl alles mit einfachen Worten beschrieben ist, stellenweise fast wie ein Bericht, hat mich dieses Buch sehr berührt, vielleicht gerade deswegen.

Ich konnte mich diesem effektiven Erzählstil mit den lebensechten Dialogen kaum entziehen und war gefesselt und stellenweise tief betroffen. Man muss sich das einmal vorstellen: Da saß er während der Zeit seiner Flucht zwischendurch in Griechenland im Gefängnis und empfand das als angenehm im Vergleich zu anderen Erfahrungen.

Im Kontrast dazu stehen Erlebnisse von Said in Deutschland: z. B. die Bürokratie und Juristerei, mit der er zu kämpfen hat, wobei er aufgrund seiner Bildung im Vergleich zu anderen Migranten fast privilegiert ist.

Witzig fand ich die Geschichte darüber, dass er als Student keine Bücher aus der Staatsbibliothek ausleihen durfte, aber im Lesesaal zu lesen, war in Ordnung.

Meiner Meinung nach sollte es mehr Romane wie diesen hier geben. So etwas erweitert den Horizont – völlig unanstrengend.

Oftmals erwähne ich am Ende einer Rezension wie dieser, wem ich das Buch empfehle. In diesem Fall sage ich: Jedem!

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Veröffentlicht am 19.01.2022

Auf spannende Weise Historisches gelernt

Unter den Linden 6
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Dieser historische Roman spielt zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und handelt von „Frauen an der Universität“. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, war damals etwas, das erst erkämpft werden ...

Dieser historische Roman spielt zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und handelt von „Frauen an der Universität“. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, war damals etwas, das erst erkämpft werden musste.

Wir lernen die drei Protagonistinnen gleich am Anfang kennen: junge Frauen sehr unterschiedlicher Herkunft, deren Wege sich immer wieder kreuzen. Eine davon gab es wirklich, und zwar die Physikerin Lise Meitner, die anderen beiden sind frei erfunden. Das sind Hedwig, eine Frau, die in einem gutbürgerlichen (Ehe-)Haushalt lebt, und Anni, ein Dienstmädchen, das eine neue Stelle antritt.

Schnittpunkt ist mehr oder weniger die Kaiser-Wilhelms-Universität, was die heutige Humboldt Universität zu Berlin ist. Ich habe selbst an dieser Uni studiert. Wahrscheinlich deshalb fand ich diesen ohnehin recht unterhaltsamen Roman noch einen Tick interessanter.

Es ist ein historischer Roman, wie ich ihn mag: Haupt- und Nebenfiguren voller „Ecken und Kanten“, die meisten davon sympathisch oder zumindest nachvollziehbar in ihrem Denken und Handeln, dazu eine Menge Wissen über die geschichtlichen Hintergründe, wie es durch reines Faktenstudium niemals hängengeblieben wäre.

So habe ich ganz nebenbei vieles für mich bis dato Neues über die Universität erfahren. Außerdem habe ich mit den Protagonistinnen mitgefiebert. Durch den lebendigen und anschaulichen Schreibstil fiel das sehr leicht.

Die Zeitspanne, in der die Geschichte spielt, reicht von 1907 bis 1915. Danach erklärt die Autorin noch etwas zu ihrer Recherche, was von diesem Roman auf Fakten beruht und was ausgedacht ist.

Ich habe die Lektüre sehr genossen und finde, sie ist ein Muss für jeden Fan historischer Romane oder Berlin-Romane.

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