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Veröffentlicht am 15.11.2022

Angeschlagene Frucht

Frau mit Messer
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Die südkoreanische Autorin Gu Byeong-mo hat mit „Frau mit Messer“ eine außergewöhnliche, soghafte und höchst spannende Geschichte zwischen tiefsinnig-philosophischem Gesellschaftsroman und rasanten Thriller ...

Die südkoreanische Autorin Gu Byeong-mo hat mit „Frau mit Messer“ eine außergewöhnliche, soghafte und höchst spannende Geschichte zwischen tiefsinnig-philosophischem Gesellschaftsroman und rasanten Thriller erschaffen.

Eine alternde, unauffällige Frau lebt alleine mit ihrem Hund Deadweight in einer beengten Wohnung einer Großstadt – ihr Beruf: Auftragskillerin. Deckname: Hornclaw. Über eine Agentur erhält sie ihre brutalen Aufträge zur „Schädlingsbekämpfung“, möchte sich aber bald zur Ruhe setzen und ihre legendäre Karriere beenden – doch bei ihren letzten Schritten holen sie die Schatten der Vergangenheit ein und Hornclaw, die es gewohnt war, ihre Gefühle zu verstecken und kaltblütig zu töten, wird ihre aufkommende Zuneigung zu Dr. Kang und seiner Familie zum Verhängnis, das sie angreifbar macht. Auch merkt sie, dass ihr scharfer Verstand und tadellose körperliche Fitness langsam nachlassen.

Mit schwarzem Humor und tiefgründigem Feingefühl für die prekäre Rolle einer älteren Frau in Südkorea ist „Frau mit Messer“ ein messerscharfes Psychogramm einer Frau, die sich aus der Armut nach oben gekämpft hat und nun im Kapitalismus, der sie gnadenlos abhängt, „Schädlinge“ eliminiert. Der Plot ist äußerst packend, intelligent konstruiert und wartet am Ende mit einem fulminanten und detailliert gewaltvollen Showdown mit Hornclaws Gegenspieler Bullfight. Die prägnanten gesellschaftskritischen Aspekte der modernen koreanischen Gesellschaft werden gekonnt mit rasanten Thriller-Elementen und treffsicheren Dialogen sowie Hornclaws bissig-klugen Gedanken zum Älterwerden in Korea verwoben – auch die Rückblicke in die turbulente Vergangenheit mit Mentor Ryu sowie in die schwierige Kindheit der Killerin sind bewegend und ausgewogen akzentuiert.

„Frau mit Messer“ ist ein literarisches Highlight aus Südkorea – intelligent, gewitzt, gesellschaftskritisch und mit nervenaufreibender Spannung bis zum Schluss! Einzig und alleine der koreanische Originaltitel, der übersetzt etwa „angeschlagene Frucht“ bedeutet, wäre noch treffender gewesen – fängt er doch metaphorisch das gebrechliche Älterwerden samt Abgehängtsein, das Aufbrechen von Gefühlen und die Verdrängung der traditionellen Marktstände in Südkorea durch große Supermärkte besser ein.

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Veröffentlicht am 31.01.2022

Geister im Kopf

Dschinns
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Fatma Aydemir hat mit ihrem ergreifenden Gesellschaftsroman „Dschinns“ eine berührend-intensive deutsch-türkische Familien- sowie Einwanderungsgeschichte erschaffen, die mit einer kraftvollen poetischen ...

Fatma Aydemir hat mit ihrem ergreifenden Gesellschaftsroman „Dschinns“ eine berührend-intensive deutsch-türkische Familien- sowie Einwanderungsgeschichte erschaffen, die mit einer kraftvollen poetischen und feinsinnig nuancierten Prosa tief bewegt und in die Seelen sowie Dschinns der erzählenden Familienmitglieder blicken lässt.

Familienoberhaupt Hüseyin kam als türkischer Gastarbeiter vor Jahrzehnten nach Deutschland, um sich Wohlstand aufzubauen – als er es endlich vollbracht hat, mit viel Liebe zum Detail eine Eigentumswohnung in Istanbul fertigzustellen, erleidet er einen Herzinfarkt und stirbt. Voller Trauer, Erinnerungen und unausgesprochenen Verletzungen reisen fast alle Familienmitglieder an, um Baba seine letzte Ehre zu erweisen. Aydemir lässt nun kapitelweise die Protagonisten Ümit, Sevda, Peri, Hakan und Mutter Emine aus ihrem Leben zwischen den Kulturen, familiären Zwängen und dem schwierigen Ankommen in Deutschland feinfühlig erzählen – dabei changiert sie klug zwischen dem Heute und Fragmenten aus der Vergangenheit, zwischen der Türkei und Deutschland, zwischen Freude und Schmerz, dem Ankommen und schmerzvollen Rassismus im Land, zwischen unerfüllter Liebe und nie Ausgesprochenem in der Familie, in der jeder mit seinem eigenen Dschinn in der Seele kämpft. Diese mythologischen Geistwesen einer Parallelwelt können laut dem islamischen Glauben auf den Menschen einwirken und sie werden besser nicht gerufen. Doch in Aydemirs sind es eher die seelischen Wunden und unverarbeiteten Traumata, Unausgelebtes, Zurückgedrängtes und fehlende Nähe so wie zwischen der depressiv-herrschenden Mutter und Tochter Sevda, die erst später nach Deutschland geholt wurde.

„Vielleicht sind das die Dschinns, die Wahrheiten, die immer da sind, die immer im Raum stehen, ob man will oder nicht, aber die man nicht ausspricht, in der Hoffnung, dass sie einen dann in Ruhe lassen, dass sie im Verborgenen bleiben für immer.“ S. 193

Poetisch und mit psychologischer Wucht und präziser Beobachtungsgabe zeichnet sie jedes Familienmitglied sehr plastisch, dringt tief in ihr Innerstes und zeigt neben den unerfüllten Lebensträumen und der Suche nach Identität nicht nur die kulturelle Zerrissenheit, sondern auch die fremdenfeindlichen Spaltungen in unserer Gesellschaft. Im letzten aufwühlenden und leicht rätselhaften Kapitel blickt Emine in der leeren, unbewohnten Wohnung in ihr Spiegelbild – und entdeckt etwas viel Größeres. Ein hervorragend gut komponierter und tiefsinniger Roman, der so schnell nicht loslässt!

„Vielleicht heißt, sich vor den Dschinns zu fürchten, nicht unbedingt zu verstehen, was ein Dschinn ist. Ist das nicht so wie mit dem Tod? Das Vage, das Ungewisse, das Dunkle, das die Menschen verängstigt, weil es nichts Greifbares ist, weil sie es mit ihren eigenen Fantasien ausfüllen müssen und nichts erbarmslungsloser ist als die eigene Fantasie?“ S. 185

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Veröffentlicht am 19.11.2021

Verblüffende Einblicke

Der Stoff, aus dem Gefühle sind
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Der renommierte Psychiater, Neurobiologe und Bioingenieur Karl Deisseroth verknüpft in seinem einfühlsamen Werk „Der Stoff, aus dem Gefühle sind“ sein jahrelanges Wissen als Notfall-Psychiater mit den ...

Der renommierte Psychiater, Neurobiologe und Bioingenieur Karl Deisseroth verknüpft in seinem einfühlsamen Werk „Der Stoff, aus dem Gefühle sind“ sein jahrelanges Wissen als Notfall-Psychiater mit den neuesten Erkenntnissen aus der Wissenschaft und liefert verblüffende, aber auch sehr empathische Einblicke in den menschlichen Geist. Anhand von gezielten Patienten-Beispielen liefert Deisseroth bewegende, erschütternde und persönliche Fallbeispiele für die Krankheiten Depression, Demenz, Schizophrenie, Psychose, Border-Line oder Essstörung und wendet die Perspektive so gekonnt, dass der Leser eine tiefe Einsicht in den „Ausnahme“-Zustand, die Neuronenwelt und den Gefühlen des anderen erlangt. Anhand der Optogenetik entschlüsselt die Wissenschaft die Funktion der einzelnen Neuronen im Gesamtkonstrukt Gehirn – ein wichtiges Forschungsgebiet von Deisseroth und doch rückt der Professor an der Stanford University neben dieser wissenschaftlichen Entschlüsselung den Menschen und seine Kämpfe sowie sein alltägliches Leiden mit der Krankheit ins Licht und gibt ihnen eine Ausdrucksmöglichkeit.

Poetisch und lyrisch stellt der Literatur-Liebhaber Deisseroth seinen Kapiteln, Erkenntnissen und Praxisbeispielen ausgewählte Zitate von Joyce, Milton oder Millay voran – überhaupt ist sein bewusstseinserweiternde und feinfühlige Ausflug in den menschlichen Geist und in die biologische Natur auch philosophisch mit vielen breitgefächerten Vermerken angehaucht, betrachtet immer wieder das Menschsein im Ganzen, das Streben nach Verbindung und Bedeutung, bevor er packend in Einzelschicksale und Emotionen eintaucht. Und auch persönliche Einsichten in seine wissenschaftliche Laufbahn, aber auch in sein Leben gewährt Deisseroth.

Karl Deisseroth ist eine erhellende, kraftvolle und ergreifende Kombination gelungen, in der er sein Wissen über die Optogenetik mit tiefem Verständnis für seine Patienten bündelt – nicht nur ein aufschlussreiches Muss für das Fachpublikum, sondern auch für jeden interessierten Leser, der anhand von psychischen Erkrankungen, aber auch anhand von viel Menschlichkeit und feinsinniger Beobachtungsgabe vielschichtig in die Geheimnisse unserer inneren Welten und Schaltkreise des Gehirns eintauchen möchte.

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Veröffentlicht am 29.10.2021

Stimmen eines Aufstands

Wie schön wir waren
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Nach ihrem erfolgreichen Erstlingswerk erzählt die kamerunisch-amerikanische Autorin Imbolo Mbue nun eine kraftvolle, ergreifende und erschütternde Geschichte über ein afrikanisches Dorf, das von einem ...

Nach ihrem erfolgreichen Erstlingswerk erzählt die kamerunisch-amerikanische Autorin Imbolo Mbue nun eine kraftvolle, ergreifende und erschütternde Geschichte über ein afrikanisches Dorf, das von einem mächtigen, amerikanischen Ölkonzern sukzessiv vergiftet wird. Zwar ist die über 40 Jahre chronologisch gewürfelte und generationsübergreifende Erzählung fiktiv – und doch könnte sie genau so passiert sein.

Es fing mit trockenem Husten der Dorfbewohner von Kosawa an, dann starben die ersten und es wurden immer mehr – durch die Ölbohrungen wird nicht nur die Umwelt und die Luft verschmutzt und nutzbare Landflächen brach gelegt, sondern auch tödliche Gifte in das Wasser geleitet. Was mit einem Versprechen zu Wohlstand begonnen hat, endet für das afrikanische Dorf in einer kolossalen Ausbeutung und dem Entzug einer Lebensgrundlage. Die eigene Regierung ist korrupt, zieht selbst Gelder aus der Ölgesellschaft und wer sich gegen das Imperium stellt, verschwindet auch mal spurlos. Genug ist genug beschließt die Dorfgemeinschaft und schmiedet einen jahrzehntelangen Plan des Aufstands. Mitarbeiter der amerikanischen Firma Pexton werden als Geisel genommen, doch das ist nicht alles, was diese facettenreiche, politische und gewaltvolle Geschichte, in der es fast nur Verlierer geben kann, zu Tage bringt. Das junge Mädchen Thula beispielsweise wird subtil zur Jugend-Anführerin des Aufstandes und setzt auf Bildung als Waffe – von den USA aus unterstützt sie ihr Dorf. Es kommen aber noch zahlreiche weitere Stimmen zu Wort: Alte, Junge und ein ganzer Chor an Kindern, die ihre Schicksale, Biografien, aber auch von dem Leben im Dorf sowie von der Gier, dem Leid und Tod berichten.

Imbolo Mbues großartiges Talent liegt in der brillanten, weitgespannten und klangvollen Erzählweise über Generationen hinweg: Mehrere individuelle Stimmen aus unterschiedlichsten Perspektiven und Zeiten tragen diesen bewegenden und aufrüttelnden Roman, der auch die Schönheit, den Zusammenhalt und die Traditionen des afrikanischen Dorfes detailliert und bildgewaltig schildert. In Zeitsprüngen und aus vielen Personen heraus bildet sich eine Gesamtstimme, die nicht nur aus Schwarz/Weiß besteht, sondern auch ein kraftvolles Afrika aufzeigt, das von Korruption, Kolonialisierung und Neokolonialismus gebeutelt ist und einen scheinbar aussichtslosen Kampf führt. Mbue packt aktuelle und brisante Themen in eine kluge, feinsinnige und lange nachhallende Geschichte über Ressourcen-Ausbeutung, Gegenwehr und Selbstbestimmung – packend und verstörend zugleich.

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Veröffentlicht am 23.09.2021

Essen ist fertig!

Sonntagsessen
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Seit fast zehn Jahren gibt es schon die beliebte Rezept-Kolumne „Sonntagsessen“ auf ZEIT Online, auf der spannende und außergewöhnliche Foodblogs aus aller Welt vorgestellt werden. Ein Rezept macht sofort ...

Seit fast zehn Jahren gibt es schon die beliebte Rezept-Kolumne „Sonntagsessen“ auf ZEIT Online, auf der spannende und außergewöhnliche Foodblogs aus aller Welt vorgestellt werden. Ein Rezept macht sofort Lust auf mehr und die Gerichte potenzieren sich in ihren Möglichkeiten, die die/der jeweilige Urheber*in des Blogs noch bietet. Jetzt werden die 85 besten Foodblog-Rezepte in einem hochwertig und ansprechenden Kochbuch präsentiert: In „Sonntagsessen“ finden sich modern bebilderte Rezepte, mit und ohne Fleisch, vegan, vegetarisch oder mit Fisch, verteilt über die Tageszeiten von Frühstück, Brunch, Mittagessen, Nachmittagskaffee, Dinner und Dessert – eigentlich für den arbeitsfreien Sonntag gedacht, eignen sich viele vorgestellte Gerichte auch für einen Wochentag und geben einen facettenreichen Überblick auf eine kreative internationale Foodszene.

Die pointiert formulierten Vorstellungstexte der internationalen Foodblogger samt Link zu den Blogs liefern einen tollen und persönlichen Touch: Einblicke, Anekdoten und dann ein ausgewähltes, saisonales Wohlfühl-Rezept dazu. Und gleich die erste Rubrik Frühstück macht klar, warum die Kolumne so erfolgreich ist: die reizvollen Speisen sind teils nachhaltig, mit alternativen Ernährungsformen gespickt und sehr verlockend zum Nachkochen präsentiert. Ob herbstliches Hirseporridge mit Birnen, Kürbisbrot mit Pflaumenchutney, Mohn-Zitronen-Pancakes, Spinat-Ziegenkäse-Hummus mit Spinat-Pita-Broten, Spinatknödel, veganer Zitronen-Mohn-Kuchen, Rote-Bete-Brownies, Süßkartoffel-Linsen-Suppe mit Koriander-Erdnuss-Pesto, Brotlinge mit knusprigen Ofenpommes, der Zitronencouscous mit Knusper-Feta, Risotto mit Quitte & Kürbis, gebackene Birnenhälften mit Gorgonzola, Topfenknödel oder das Heidelbeereis – auf knapp 200 Seiten findet jeder aufgeschlossene Koch etwas für den schönsten Tag in der Woche. Gut angeleitet, mit Tipps und Mengen-/Zutatenangaben verfeinert und mit der modernen Vorstellung des Blogs mit tollem Einblick in die Koch-Welt von Heisse Himbeere, Holunderweg 18 & Co. Eine kurze Einleitung von Eva Biringer schildert den erfolgreichen Werdegang des ZEIT Online-Blogs und das abschließende Blog- sowie Rezeptregister sorgt für den passenden Überblick.

Ein rundum gelungenes, inspirierendes und empfehlenswertes Kochbuch mit zahlreichen kreativen Ideen aus aller Welt und den Anreiz, weiter in den vielen facettenreichen vorgestellten Foodblogs weiterzustöbern!

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