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Venatrix

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Veröffentlicht am 01.02.2022

Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln

Auf der Straße heißen wir anders
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Karla, oder Karlotta, wie sie auch genannt wird, lebt mit ihrer Familie in einer Hochhaussiedlung in Bremen-Nord, die sich aus einem bunten Völkergemisch zusammensetzt. Während die meisten anderen Familie ...

Karla, oder Karlotta, wie sie auch genannt wird, lebt mit ihrer Familie in einer Hochhaussiedlung in Bremen-Nord, die sich aus einem bunten Völkergemisch zusammensetzt. Während die meisten anderen Familie ihre Herkunft aus der Türkei, Russland oder Albanien kennen und mitunter stolz darauf sind, ist das bei Karla anders. Zwar weiß sie, dass ihre Großmutter Maryam in den 1960er Jahren als Gastarbeiterin aus Istanbul nach Deutschland gekommen ist und das man armenische Wurzeln hat, aber nicht viel mehr. Über den Völkermord an den Armeniern von 1915 erfährt sie in der Schule gerade einmal einen Halbsatz.

Als Maryam stirbt, hat sie ganz exakte Anweisungen für ihr Begräbnis hinterlassen, die nach armenischem Ritus erfolgen soll. Unter den Habseligkeiten der Großmutter findest sich ein fein ziseliertes Armband aus Gold und ein vergilbter Zettel mit dem Namen Lilit und einer Adresse in Armenien.

Mit viel Geduld und Überredungskunst überzeugt Karla ihren Vater, nach Armenien zu reisen und die ominöse Lilit in der ihnen unbekannten Heimat zu suchen. Mit im Gepäck ist das goldene Armband.

Meine Meinung:

Der Roman gibt uns in mehreren Rückblicken Einblick in das Leben der einzelnen Familienmitglieder. Karlas Leben in Bremen-Nord ist für mich das unspektakulärste, da leicht vorstellbar. Die Vergangenheit von Vater Avi, der aufgrund seiner Intelligenz ein Priesterseminar in Jerusalem besuchte oder das seiner Mutter Maryam als türkische Gastarbeiterin, der man den Pass abgenommen hat und die einen ähnlichen Knebelvertrag eingehen musste, wie man es nur von Bordellbesitzern kennt oder das - für mich interessanteste Leben - von Urgroßmutter Armine, die aus dem Familienverband in Armenien gerissen und damit vor dem sicheren Tod gerettet worden ist.

Der Völkermord an den Armeniern ist bis heute vielerorts ein Tabu-Thema. In der Türkei sowieso und anderswo wird auch kaum darüber gesprochen. Die wenigen Überlebenden vermieden es tunlichst armenisch zu sprechen, geben ihren Kindern türkische Vornamen (die armenischen werden nur heimlich daheim gesprochen) und müssen ihre Familiennamen jener der Türken anpassen. Die Auslöschung der Armenier ist fast, aber nur fast, gelungen.
Ähnliches passiert heute noch mit den Kurden (wieder ist die Türkei federführend) oder in China, wo man die Uiguren in Lager sperrt, umerzieht und ihnen verbietet, nach ihren Traditionen zu leben.

Laura Cwiertnia erzählt die Geschichten der einzelnen Familienmitglieder eindrücklich und einfühlsam. Die Geschichte von Karla ist für mich persönlich ein bisschen zu ausführlich, denn ein Leben in der Gegenwart, in einer Hochhaussiedlung ist für jeden Leser leicht vorstellbar.

Durch die Einlassung in die Geschichte der Vorfahren lässt sich erklären, warum Avi so ist, wie er ist, und welche Traumata die einzelnen Familiemitglieder an die nächste Generation weitergegeben haben.

Fazit:

Eine bewegende Familiengeschichte und die Suche nach den eigenen Wurzeln. Gern gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 01.02.2022

Fesselnder Politkrimi

Verrat am Rhein
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Der alternde Journalist Kurt Zink wird von Anita Bock engagiert, zum 80. Geburtstag ihres Mannes Alexander, eine Biografie zu schreiben.

Alexander Bock, ein ehemaliger Stasi-Offizier rühmt sich heute, ...

Der alternde Journalist Kurt Zink wird von Anita Bock engagiert, zum 80. Geburtstag ihres Mannes Alexander, eine Biografie zu schreiben.

Alexander Bock, ein ehemaliger Stasi-Offizier rühmt sich heute, Willy Brandt beim Misstrauensvotum von 1972 durch die Manipulation der Stimmkarten vor dem Sturz bewahrt zu haben. Anita Bock legt hierfür Beweise vor, die Zink, der schon damals diese Vermutung hatte, noch gefehlt haben.

Je tiefer Kurt Zink in das Leben des Jubilars eindringt, desto gefährlicher wird es für ihn. Auch wenn es die Stasi nicht mehr gibt, gibt es doch Kräfte, die nicht wollen, dass die Intrigen und der parteiinterne Machtkampf gegen Rainer Barzel (CDU) ans Tageslicht kommen. Man hat damals mit dem manipulierten Scheitern des Misstrauensantrags Rainer Barzel als Kanzler verhindert.

Doch Kurt Zink wäre kein Aufdeckungsjournalist, wenn er sich davon abhalten ließe, die Hintergründe zu recherchieren. Er nützt sein umfangreiches Netzwerk für seine Nachforschungen und stößt auf eine beinahe unglaubliche Geschichte ...

Meine Meinung:

Den Aufhänger dieses politischen Krimis, nämlich das Misstrauensvotum rund um Willy Brandt, musste ich ein wenig nachlesen, da ich damals eine junge Gymnasiastin war und mich nicht für Politik interessiert habe. Deshalb hat es auch ein wenig gedauert, bis ich in die Geschichte eintauchen konnte. Doch dann hat sie mich gepackt.

Das Element von Zwillingen, die nichts voneinander wissen ist ja seit Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ ein beliebtes Sujet. Diesmal gibt es zwei Brüder, die jeweils im anderen Deutschland aufwachsen und beruflichen Erfolg haben. Dass sie sich in dieselbe Frau verlieben, die noch dazu eine Spionin ist, erhöht den Reiz der Geschichte.

Die Firmengeschichte von Alexander Bock Garten- und Heimwerkerkette zeigt deutlich, wie skrupellos so mancher Firmenchef beim Aufbau seines Imperiums vorgegangen ist. Ich gehe davon aus, dass sich Ähnliches auch in Wirklichkeit abgespielt hat.

Hartmut Palmers Schreibstil ist fesselnd. Es kommen kaum Längen auf. Die Charaktere sind gut gezeichnet. Mit einer Idee, die mir schon bald in den Sinn gekommen ist, bin ich richtig gelegen.

Fazit:

Dieser Krimi zeigt deutlich, dass Politik eine unsaubere Sache ist und manche Politiker glauben, der Zweck heilige alle Mittel. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 01.02.2022

Ein aufwühlendes Buch

Wie ich das chinesische Lager überlebt habe
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Gulbahar Haitiwaji und ihre Familie leben, weil sie zu den in China verfolgten Uiguren gehören, als anerkannte Flüchtlinge in Paris, als Gulbahar 2016 einen Anruf einer chinesischen Behörde erhält, sie ...

Gulbahar Haitiwaji und ihre Familie leben, weil sie zu den in China verfolgten Uiguren gehören, als anerkannte Flüchtlinge in Paris, als Gulbahar 2016 einen Anruf einer chinesischen Behörde erhält, sie müsse kurz in ihre alte Heimatstadt Xingjiang reisen, um Papiere für ihre Pensionierung zu unterschreiben.

Während ihr Mann und die beiden Töchter französische Staatsbürger sind, hat Gulbahar die chinesische nie aufgegeben, um gegebenenfalls ihre Mutter besuchen zu können. Das rächt sich nun, denn die Frau wird nach ihrer Ankunft in China verhaftet und unter fadenscheinigen Beschuldigungen vorerst in Untersuchungshaft genommen. Es stellt sich heraus, dass die chinesischen Behörden eine Foto von Gulbahars Tochter haben, das sie angeblich bei einer antichinesischen Demo in Paris zeigt. Grund genug, um die Mutter zu verhaften, sie zu foltern und anschließend ohne richtigen Prozess für sieben Jahre in ein Umerziehungslager zu stecken.
Erst nach Monaten gelingt es Gulbahars Mutter und Schwester, Kontakt mir ihr aufzunehmen, immer in der Angst, als Nächste verhaftet zu werden.

Während Gulbahar unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten und so wie die meisten Uiguren zwangssterilisiert wird, beginnt ihre ältere Tochter einen beinahe aussichtslosen Kampf um die Freilassung ihrer Mutter.

Es sollte drei Jahre dauern, bis Gulbahar aus der Lagerhaft entlassen wird und nach Frankreich zurückkehren kann.

Meine Meinung:

Der Genozid an den Uiguren reiht sich nahtlos in staatlich sanktionierte Völkermorde ein: Juden, Armenier, Nepalesen, Bosnier und nun die Uiguren. Unter dem Deckmäntelchen der „Terrorismusbekämpfung“ nimmt man Andersdenkenden und Andersgläubigen ihre Namen, ihre Religion und raubt ihnen sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft. Besonders perfide ist die Zwangssterilisation der Frauen durch als „Impfung“ getarnte Hormonspritzen. Ob es den Männern ähnlich ergeht, ist nicht bekannt, denn es scheint, als wäre Gulbahar die Einzige, die ein solches Lager überlebt hat und darüber spricht. Vermutlich sind die wenigen Überlebenden an Körper und Seele gebrochen und leben in dauernder Angst, wieder verhaftet zu werden, um dann für immer zu verschwinden.

Doch solange wir alle hier zusehen, wird sich wenig ändern. Die Frage ist nur, was können wir, jeder Einzelne tun, um diesem Völkermord Einhalt zu gebieten?

Nach ihrer Rückkehr müssen Gulbahar und ihre Familie erleben, dass sich Freunde und Bekannte aus der uigurischen Community von ihnen zurückziehen. Warum ist Gulbahar freigekommen? Wen hat sie denunziert? Ist sie als Spionin zurückgekommen?

Lange hat Gulbahar mit sich gerungen, dieses Buch unter ihrem richtigen Namen zu veröffentlichen. Ich verneige mich vor Gulbahar Haitiwaji, dass sie uns ihre Geschichte nicht vorenthält. Es ist, als bekämen die diffusen Nachrichten über den Genozid an den Uiguren nun ein Gesicht.

Fazit:

Ein aufwühlendes Buch, das sehr, sehr nachdenklich macht. Gerne gebe ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 30.01.2022

Lyrik - die unbekannte Seite Heinrich Bölls

Ein Jahr hat keine Zeit
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Wer kennt ihn nicht, den Literaturnobelpreisträger von 1972, Heinrich Böll (1917-1985)? Wer an ihn denkt, denkt an „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder an „Ansichten eines Clowns“. Doch Heinrich ...

Wer kennt ihn nicht, den Literaturnobelpreisträger von 1972, Heinrich Böll (1917-1985)? Wer an ihn denkt, denkt an „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder an „Ansichten eines Clowns“. Doch Heinrich Böll hat auch zeitlebens Lyrik geschrieben. Nicht als bloßen Zeitvertreib oder als Nebensache. Nein, man muss viele dieser Gedichte, die ab 1936 entstanden sind, als eigenständigen Bestandteil seines Schaffens sehen.

Bölls Lyrik ist selten liebesschwülstig. Im Gegenteil, zahlreiche Werke muten militärisch, martialisch an. So gemahnt das Gedicht „Preußentum“ aus 1938 mit seinem „Ra Ta, Tra Ra, Ra Ta Ta! ... Romm, Bomm, Bomm“ an jene Geräusche, die wenige Jahre später zum Alltag gehören werden - die Geräusche des Todes durch Gewehrfeuer.

Es ist René Böll, dem Sohn und Nachlassverwalter, von Heinrich Böll zu verdanken, diese Gedichte lesen zu dürfen.

Ich gebe ja zu, dass Lyrik nicht zu meinen bevorzugten Genres zählt. Doch diese Experimente der Sprache erinnern an Christian Morgenstern oder Ernst Jandl, die gerne gelesen habe.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser mir bislang unbekannten Seite von Heinrich Böll 5 Sterne.

Veröffentlicht am 30.01.2022

Ein STück Zeitgeschichte

Lauf!
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Jugoslawien war ein, nach dem Zerfall der Donaumonarchie 1918, künstlich geschaffener Staat, der bis 1945 eine Monarchie und von 1945 bis zu den Unabhängigkeitskriegen 1991 eine sozialistische, föderative ...

Jugoslawien war ein, nach dem Zerfall der Donaumonarchie 1918, künstlich geschaffener Staat, der bis 1945 eine Monarchie und von 1945 bis zu den Unabhängigkeitskriegen 1991 eine sozialistische, föderative Republik war. Lange Jahre durch die eiserne Hand von Josip Broz Tito zusammengehalten, bestand der Staat aus mehreren Teilstaaten mit unterschiedlichen Ethnien, Religionen und Schriften (Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Mazedonien sowie den zu Serbien gehörenden Provinzen Kosovo und Vojvodina).
Nach mehreren Volksabstimmungen erklären sich im Juni 1991 die Teilstaaten Slowenien und Kroatien von Jugoslawien unabhängig, was die jugoslawische Armee mit Waffengewalt verhindern will. Damit lösen sie den 10-Tage-Krieg in Slowenien und den bis 1995 dauernden Kroatien-Krieg aus. In weiterer Folge eskaliert die Lage in den übrig gebliebenen Gebieten Restjugoslawien, die offiziell bis 2008 dauern, bis auch der Kosovo seine Unabhängigkeit verkündet hat.

Soweit der kurze historische Abriss.

Nun zum Inhalt:

Bis zum Sommer 1991, unmittelbar vor ihrem 13. Geburtstag, lebt die Autorin unbeschwert inmitten ihrer Familie in Karlovac (Teilrepublik Kroatien). Dann bricht der Unabhängigkeitskrieg aus und nichts ist mehr so wie zuvor. Das bisher bekannte Leben wird völlig auf den Kopf gestellt. Soldaten patrouillieren in den Straßen und kontrollieren die Menschen. Schüsse und Raketeneinschläge tagaus tagein. Einkaufen wird zum Spießrutenlauf, die Schule fällt aus, Menschen fliehen oder werden evakuiert und viele sterben bei Gefechten.

Wir erleben gemeinsam mit der Autorin die bangen Tage und Nächte im Bunker mit. Wir zucken mit ihr zusammen, wenn in der Nähe eine Rakete einschlägt. Der Albtraum wird erst vier Jahre später, also 1995 zu Ende sein. Vier Jahre ihres Lebens, die Bojana gestohlen worden sind.

Meine Meinung:

Bojana Meandžija hat diese Ereignisse mit 16 Jahren niedergeschrieben. Sie betrachtet diese Jahre aus der Sicht der Jugendlichen, die sie damals war. Ohne zu verstehen, warum und wieso, Nachbarn aufeinander schießen, gibt sie ein authentisches Bild des Unabhängigkeitskrieges, der sich mitten in Europa ereignet hat. Als Österreicherin habe ich vor allem den 10-Tages-Krieg an der steirisch-slowenischen Grenze miterlebt.

Das Buch ist im Klagenfurter Verlag Lojze Wieser erschienen, der sich immer wieder Bücher von Autoren aus den südöstlichen Nachbarländern herausbringt.
Das Buch ist als Hardcover in gediegener Aufmachung mit einem Lesebändchen erschienen.

Fazit:

Ein authentisches Stück Zeitgeschichte, dem ich gerne 5 Sterne gebe.