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Veröffentlicht am 01.03.2022

Ein Kampf auf Leben und Tod

Sturmvögel
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Als die 32köpfige Besatzung des Fischtrawlers Mávur von Reykjavik aus zu den Fanggründen vor Neufundland aufbricht, ist jedem der Männer bewusst, dass ihre Arbeit auf See Gefahren birgt. Aber Island Wellen ...

Als die 32köpfige Besatzung des Fischtrawlers Mávur von Reykjavik aus zu den Fanggründen vor Neufundland aufbricht, ist jedem der Männer bewusst, dass ihre Arbeit auf See Gefahren birgt. Aber Island Wellen und Wind gehören zu ihrem Leben dazu, und wenn am Ende der Fahrt der Lohn ausgezahlt wird, ist alles wieder vergessen.

Einar Kárason bezieht sich in seinem schmalen Roman „Sturmvögel“ auf ein historisches Ereignis, das im Februar 1959 mehr als 200 Seeleute das Leben kostete. Auf 140 Seiten schildert er den Überlebenskampf der Männer, die vor der Küste Neufundlands im wahrsten Sinn des Wortes kalt erwischt werden. Die Fangquote ist gut, die Tanks gefüllt, als der Trawler in einen Wintersturm gerät, der ihnen alles abverlangt. Meterhohe Brecher treffen die Mávur mit Wucht, die Beladung macht das Manövrieren fast unmöglich, das Wasser bleibt auf dem Deck stehen, gefriert durch die extreme Kälte. Eisschichten auf Netzen, Körben und Winden. Mit Hammer, Axt und Schraubenschlüsseln gegen das Eis, übermüdet, durchgefroren bis auf die Knochen, immer der Gefahr ausgesetzt, mit der nächsten Welle von Bord gespült zu werden. Kein sicherer Halt. Ein verbissener Kampf gegen den eisigen Tod.

Die Rettung kann nur gelingen, wenn persönliche Befindlichkeiten hintenan gestellt werden, wenn Hand in Hand als Kollektiv ums Überleben gekämpft wird, jeder sein Bestes gibt. Deshalb bleiben die Männer auch namenlos und werden lediglich durch ihre Aufgaben bezeichnet. Der einzige, den wir namentlich kennenlernen, ist Lárus, der Jüngste an Bord, aber auch nur deshalb, weil wir aus dessen Perspektive die damaligen Ereignisse geschildert bekommen.

Alle überleben, aber nur acht von ihnen trauen sich noch einmal auf See.

Trotz (oder wegen?) der Kürze ein unglaublich intensives und beeindruckendes Leseerlebnis, ausgezeichnet übersetzt von Kárasons Schriftstellerkollegen Kristof Magnusson.

Veröffentlicht am 24.02.2022

So entstaubt man einen Klassiker

Tell
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Wilhelm Tell, Mythos und Schweizer Nationalheld, dessen Geschichte von Friedrich Schiller in die Bühnenfassung gebracht wurde. Für Generationen von Schülern Pflichtlektüre. Und jetzt kommt Joachim B. Schmidt, ...

Wilhelm Tell, Mythos und Schweizer Nationalheld, dessen Geschichte von Friedrich Schiller in die Bühnenfassung gebracht wurde. Für Generationen von Schülern Pflichtlektüre. Und jetzt kommt Joachim B. Schmidt, der nach Island ausgewanderter Schweizer daher, entstaubt und modernisiert den eidgenössischen Klassiker. Und wie er das macht ist furios, denn bei ihm kommt die Geschichte des Freiheitskämpfers, der so virtuos mit der Armbrust umgehen konnte, im Gewand eines Pulp Romans daher.

Schmidt reduziert den Stoff auf das Wesentliche, gibt den Akteuren aber einen differenzierten Hintergrund mit. Fünf Akte werden zu zehn Kapiteln, innerhalb derer die Sichtweisen aus zwanzig unterschiedliche Perspektiven in hohem Tempo wie Trommelfeuer auf den Leser einprasseln und kaum Zeit zum Luftholen lassen. Unterstützt und forciert wird das noch durch jede Menge Cliffhanger.

Das Personal bleibt bekannt, aber der Autor knackt die Distanz, die man bei Lesen des Originals hat, weil er einen Blick in deren Innerstes wagt. Tell, immer noch in Trauer wegen des Todes seines Bruders, steht stellvertretend für die Bergbauern. Ist ausgelaugt von der schweren Arbeit, wortkarg, unberechenbar, brutal. Gessler, der Reichsvogt, ist ein Zauderer, entschlussschwach zweifelnd. Harras, sein Stallmeister, hingegen verkörpert den Oberschurken, der voller Verachtung auf die Bauern schaut und sie demütigt. Bemerkenswert allerdings ist die Rolle der Frauen, die aus dem Hintergrund treten, aktiv sind, die tun, was getan werden muss, um ihre Familie und den Besitz zu beschützen und ihren Beitrag zum Überleben leisten.

Eine gelungene Neuinterpretation des Klassikers, die das Zeug zur Schullektüre hat. Am besten im direkten Vergleich mit dem Original.

Veröffentlicht am 22.02.2022

Im Einklang mit der Natur

Ein Ring aus hellem Wasser
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Nature Writing, diese literarische Gattung, die fast schon vom Buchmarkt verschwunden war, hat im Zuge des gestiegenen Umweltbewusstseins in den letzten Jahren wieder vermehrt ihre Leser gefunden. Und ...

Nature Writing, diese literarische Gattung, die fast schon vom Buchmarkt verschwunden war, hat im Zuge des gestiegenen Umweltbewusstseins in den letzten Jahren wieder vermehrt ihre Leser gefunden. Und so verwundert es nicht, dass jetzt auch dieser Klassiker aus dem englischsprachigen Raum neu aufgelegt wurde. „Ein Ring aus hellem Wasser“ von Gavin Maxwell (1914 – 1969), erstmals 1960 im Original, 1964 in der Übersetzung erschienen und 1969 unter dem Titel „Mein Freund, der Otter“ verfilmt, ist ein gelungenes Beispiel dafür, vereint es doch mit seiner Innen- und Außensichtung alles, was dieses Genres ausmacht.

Der Autor ist Schotte, stammt aus einer adligen Familie und war für die Scots Guards im Zweiten Weltkrieg als Ausbilder in einer nachrichtendienstlichen Spezialeinheit aktiv. Er ist ein Suchender, schon immer von der Natur und ihren Geschöpfen und den Beziehungen zwischen Mensch und Tier fasziniert, und so verwundert es nicht, dass er bei einer Forschungsreise durch die irakischen Sümpfe seine Liebe zu einem klugen Fischotter entdeckt, den er Mijbil nennt. Er beschließt, ihn mit in seine schottische Heimat zu nehmen, wo er sich seit 1949 in ein abgelegenes Cottage in den Highlands an der schottischen Westküste zurückgezogen hat. Und so wird die Geschichte eines Mannes fortgeschrieben, der im Leben mit und in der Natur und ihren Geschöpfen trotz allen Unwägbarkeiten Ruhe und Erfüllung findet.

Obwohl es natürlich auch wunderbare Landschaftsbeschreibungen gibt, verzichtet Maxwell auf die verkitschten Darstellungen à la Zurück zur Natur mit Sonnenuntergang. Er zeigt vielmehr deren dunkle, unbarmherzige und raue Seite, in der Sentimentalitäten nur wenig Raum eingeräumt wird, in der „Fressen und gefressen werden“ zum Alltag gehört. Und genau das ist es, was diese Aufzeichnungen so lesenswert, so einzigartig und gleichzeitig so anrührend macht.

Veröffentlicht am 15.02.2022

Erschreckend nahe an unserer Realität

Every (deutsche Ausgabe)
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Google, Twitter, Instagram, Facebook, Meta. Dass Suchmaschinen und soziale Netzwerke nicht nur der Informationsbeschaffung und Unterhaltung dienen, dürfte uns allen, die wir sie täglich nutzen, mittlerweile ...

Google, Twitter, Instagram, Facebook, Meta. Dass Suchmaschinen und soziale Netzwerke nicht nur der Informationsbeschaffung und Unterhaltung dienen, dürfte uns allen, die wir sie täglich nutzen, mittlerweile klar sein. Sie beobachten, analysieren, manipulieren. Ganz gleich, ob uns das bewusst ist oder nicht, Algorithmen und Social Bots nehmen durch gezielt platzierte Informationen Einfluss auf unsere Entscheidungen. Beeinflussen unser Kaufverhalten, aber auch unsere Sicht auf die Welt, auf die Gesellschaft und/oder politische Ereignisse. Man denke nur an das Brexit-Referendum und die gefälschten Twitter-Accounts, an Trumps Wahlsieg, an die Meldungen während der Pandemie. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

Wer Dave Eggers‘ Romane kennt, weiß, dass diese zwar fiktional sind, er aber in ihnen nicht nur persönliche Erfahrungen sondern auch gesellschaftliche Entwicklungen thematisiert. In „Der Circle“ (2013/2014) betrachtet er am Beispiel der naiven Mae kritisch die fragwürdigen Machenschaften eines Tech-Monopolisten, dessen oberstes Ziel die absolute Transparenz des Persönlichen ist.

Nachdem seine visionären Prognosen in der Zwischenzeit längst von der Realität überholt worden sind, legt er nun mit „Every“ nach, einem Megakonzern, entstanden nach Circles Übernahme eines „E-Commerce-Giganten, der nach einem südamerikanischen Dschungel benannt war“. Honi soit qui mal y pense.

Apps für alles und jedes suggerieren Alltagserleichterungen, überwachen aber rund um die Uhr. Algorithmen, helfen bei der Entscheidungsfindung, schränken aber die persönlichen Freiheiten ein, all dies wird von fast allen Nutzern ohne Widerspruch hingenommen, ja sogar begrüßt. Aber es gibt auch Menschen, die diese ständige Überwachung satt haben, sich ihr entziehen wollen.

Zu ihnen gehört Delaney, die dieser Entwicklung mit Misstrauen begegnet und beschließt, Every zu infiltrieren. Sie baut darauf, den Giganten mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, indem sie die Möglichkeiten des Systems bis zum Äußersten mit Vorschlägen ausreizt, die nicht nur die Nutzer sondern auch die angestellten Everyones des Konzerns auf die Barrikaden treiben sollen. Aber wie erwartet hat sie nicht mit der Lethargie der Menschen gerechnet. Je mehr Überwachung, je mehr Einschränkung, desto höher die Akzeptanz, wenn dafür Sicherheit und Bequemlichkeit winken.

Ein wichtiges Buch, das trotz allem Pessimismus unterhaltsam ist. Ein notwendiges Buch, das die richtigen Fragen stellt und zum Nachdenken anregt. Allerdings ist zu vermuten, dass der Zug bereits längst abgefahren ist und mit hoher Geschwindigkeit einer Zukunft entgegenrast, die sich unserer Kontrolle entzieht.

Veröffentlicht am 11.02.2022

Ein hochwertiger und informativer Reiseführer, den ich uneingeschränkt empfehlen kann

Normandie Reiseführer Michael Müller Verlag
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Falls man mit dem Gedanken spielt, den nächsten Urlaub im Nordwesten Frankreichs zu verbringen, sollte man zu dem „Normandie-Reiseführer“ von Ralf Nestmeyer (5. Auflage, überarbeitet) aus dem Michael Müller ...

Falls man mit dem Gedanken spielt, den nächsten Urlaub im Nordwesten Frankreichs zu verbringen, sollte man zu dem „Normandie-Reiseführer“ von Ralf Nestmeyer (5. Auflage, überarbeitet) aus dem Michael Müller Verlag greifen. Dieser macht bereits bei den Reisevorbereitungen Laune und leistet sehr gute Dienste, vor allem dann, wenn man als Individualtourist unterwegs ist.

Bei Wassertemperaturen um die 20 Grad eignet sich die Normandie nur bedingt für einen reinen Badeurlaub, aber dafür ist dies eine Region, in der sowohl Naturliebhaber als auch historisch und kulturell Interessierte auf ihre Kosten kommen, und dieser Tatsache trägt der Autor in seinem informativen Reiseführer ohne Abstriche Rechnung. Zahlreiche Highlights warten auf den Besucher. Ganz gleich, ob das nun die Seebäder von Deauville und Trouville, der Mont-Saint-Michel, Monets Garten in Giverny, oder die Sandstrände sind, an denen die Alliierten am D-Day an Land gingen, zu all diesen Sehenswürdigkeiten versorgt uns Nestmeyer mit fundiertem Hintergrundwissen.

Der einführenden Orientierung, die einen kurzen Überblick für unterschiedlichste Interessen gibt, folgen die detaillierten Vorstellungen der fünf Departements mit den regionalen Sehenswürdigkeiten, Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurant-Tipps und Hinweisen zu weiterführender Literatur, ergänzt durch Kartenmaterial-Ausschnitte (Stadtpläne und Überlandkarten) und gelb hinterlegte Texte, die jeweils besondere Ereignisse oder Personen näher beleuchten. Und natürlich gibt es auch jede Menge Fotos, die die Vorfreude schüren.

Abgerundet wird der Reiseführer durch das Kapitel „Nachlesen & Nachschlagen“ (ca. 60 Seiten), in dem allgemeine Informationen, Veranstaltungstipps plus Kulinarisches sowie praktische Reisetipps zu finden sind. Und zu guter Letzt sind da noch die Beschreibungen von vierzehn GPS-getrackten Wandertouren durch landschaftlich reizvolle Gebiete. Fast vergessen: das kleine, aber durchaus hilfreiche Wörterbuch am Schluss, mit dem man sich im Alltag auch dann zurechtfinden kann, wenn man der französischen Sprache nicht mächtig sind.

Ein hochwertiger und informativer Reiseführer, den ich uneingeschränkt empfehlen kann.