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Veröffentlicht am 21.04.2025

Erbe und Besitz, Bürde und Verantwortung

Wo wir uns treffen
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Wo wir uns treffen von Anna Hope (Hanser)

„Okay“, sagte sie. „Gut. Gedankenexperiment beendet. Danke, aber nein danke. Niemals. Das wäre eine Pflichtverletzung.“
„Wem gegenüber?“
„Meinen Vorfahren gegenüber. ...

Wo wir uns treffen von Anna Hope (Hanser)

„Okay“, sagte sie. „Gut. Gedankenexperiment beendet. Danke, aber nein danke. Niemals. Das wäre eine Pflichtverletzung.“
„Wem gegenüber?“
„Meinen Vorfahren gegenüber. Allen Brookes, die vor mir kamen, gegenüber. Meinem Vater gegenüber. Er hat noch nicht mal ein Grab, in dem er sich umdrehen könnte.“
„Natürlich.“ Simon lehnte sich nach vorn. „Aber angesichts der Kombination aus finanzieller Vernachlässigung vonseiten deines Vaters und – ich bin jetzt ehrlich – seitens sturer Weigerung, die Möglichkeit seines eigenen Ablebens in Betracht zu ziehen, bis es zu spät war, wirst du einige harte Entscheidungen treffen müssen, Fran, wenn du willst, dass das hier in privatem Besitz bleibt. Hätte er das Haus vor sieben Jahren auf dich überschrieben und wäre er damals in das Cottage gezogen, müssten wir uns jetzt um keinen Penny Gedanken machen.“ S.72/73

Familienoberhaupt Philip Brooke stirbt und hinterlässt ein riesiges Anwesen mit uraltem Baumbestand, Ländereien, Wild-und Tierbestand. Zur Beerdigung treffen sich die drei Geschwister Frannie, Milo und Isa. Frannie, die Haupterbin lebt von jeher auf dem malerischen Landgut im südlichen Sussex und hat vor Jahren die Führung und Verantwortung für das Familienanwesen übernommen. Sie möchte mit ihrer Tochter Rowan hier bleiben, die Landschaft renaturieren und ein gutes Leben führen. Sie stellt sich der historischen Verantwortung und möchte ihrer Familientradition gerecht werden. Im Gegensatz dazu stehen die beiden anderen Geschwister. Ihr Bruder Milo möchte die Ländereien für den Bau eines Therapiezentrums, eine Art Klinik, nutzen. Die Jüngste Schwester Isa ist mit sich selbst beschäftigt und eckt ständig an. So ist es ihr zu verdanken, dass Clara auf der Bildfläche erscheint. Clara ist die Tochter von Philip und seiner langjährigen Geliebten. Keiner kennt sie und ahnt Derartiges! Hier könnte die Autorin mit Konflikten, spannenden Dialogen und infolge des Prologs, mit ungeheurer Sprengkraft agieren. Doch Clara teilt ihr Wissen erst ziemlich spät im Roman, so dass das eigentliche Geheimnis erst recht spät für Spannung sogt. Des Weiteren schöpfen der teils zähe Verlauf und die fehlende Dynamik nicht das ganze Potenzial der Geschichte aus. Die Langsamkeit, mit der die Autorin diese Familiengeschichte erzählt, verlangte mir einerseits an Geduld ab und bringt andereseits Tiefe in das Gesagte. Somit bleibt der Roman hinter meinen Erwartungen zurück. Einzig der Schreibstil und die verschiedenen Charaktere sind vielversprechend und gut gelungen.
Fazit: Schauplatz England mit schöne
n Beschreibungen, vielen Themen, etwas ausufernd, doch lesenswert!

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Veröffentlicht am 22.09.2024

Langsamer Fluss der Zeit

Das Geheimnis der Glasmacherin
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Das Geheimnis der Glasmacherin ein Roman von Tracy Chavalier (Hoffmann und Campe Verlag- Atlantik)

Sie haben den Stein geschickt über die Oberfläche der Lagune geworfen. Ein weiterer Hüpfer, und er landet ...

Das Geheimnis der Glasmacherin ein Roman von Tracy Chavalier (Hoffmann und Campe Verlag- Atlantik)

Sie haben den Stein geschickt über die Oberfläche der Lagune geworfen. Ein weiterer Hüpfer, und er landet im Jahr 1631 – dank der Zeit alla Veneziana. S. 169

Mich spricht die wundervolle, ja zauberhafte Aufmachung dieses Romans an. Ein grandioses Cover und der dazu passende Farbschnitt runden das Ganze perfekt ab.
Leider dämpft das Geschrieben zwischen den beiden Buchdeckeln meine Euphorie. Die Autorin beginnt mit einer gut erzählten Familiengeschichte in Venedig und Murano. Die bildhafte Darstellung der Kulisse und der eindrücklich beschriebene Umgang mit dem Material Glas zeugen von einer hervorragenden Recherche. Ihre Hauptprotagonistin Orsala startet ihre (Zeit-)Reise durch die Jahrhunderte mit allen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Es geht ums Geschäft, den Handel, Macht und Konkurrenz sowie um Freundschaft und den Zusammenhalt der Familie. Dabei meistert sie in einem gemächlichen Tempo samt Alterungsprozess und Zeitsprüngen verschiedene Herausforderungen und trifft auf alte Bekannte. Die Autorin verweist auf den ersten Seiten des Buches auf den langsamen Fluss der Zeit. Doch habe ich diesen Wink nicht ganz ernst genommen und bekomme hier eine teils fantastisch angehauchte Geschichte präsentiert. Ich hatte manchmal meine Schwierigkeiten und doch, wenn man sich auf die Erzählung einlässt, kommt man gut durch die Lesestunden. Etwas holprig und abgeflacht, vielleicht ist es der Übersetzung aus dem Englischen geschuldet? Und doch soll das keine Verunsicherung sein, denn die Geschichte ist durchaus lesenswert!

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Veröffentlicht am 10.04.2023

Tolles Cover, Geschichte o.k.

Die Radfahrerin
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Die Radfahrerin Annie Londonderry ein Roman von Susanna Leonard

Alonso Peck hielt das Columbia-Fahrrad fest, damit Annie auf den Sattel steigen konnte.
„Wie klein und zierlich sie ist“, sagte Peter Goldberg ...

Die Radfahrerin Annie Londonderry ein Roman von Susanna Leonard

Alonso Peck hielt das Columbia-Fahrrad fest, damit Annie auf den Sattel steigen konnte.
„Wie klein und zierlich sie ist“, sagte Peter Goldberg mit leiser Stimme, in der für John unüberhörbar ein besorgter, fast ein wenig mitleidiger Unterton schwang. S. 167

Die Autorin lässt sich 170 Seiten Zeit, ehe Annie Londonderry, alias Annie Kopchovsky mit ihrem Fahrrad zu dieser unsäglichen Weltreise aufbricht. Geschuldet ist dieses Unterfangen einer Wetter von Männern im Jahr 1894, im Kaminzimmer eines Bostoner Herrenclubs, der mit einem Handschlag besiegelt wird. Dies ergibt sich, da sich das männliche Geschlecht größtenteils erhaben über die Frauen stellt. Zu fast unerfüllbare Wettbedingungen glauben sie nicht an den Mut und die Intelligenz eines weiblichen Wesens. Einzig Professor John Dowe glaubt an das weibliche Geschlecht und geht diese Wette, angesichts des hohen Preisgeldes mit einem mulmigen Gefühl, mit dem Geschäftsmann Samuel Thatcher ein.
Der unterschwellige Spürsinn fürs Geschäft und den Erfolg vor Augen wird durch diese Grundstimmung im Romans begleiten. So flunkert die liebe Annie angesichts winkender Geschäftsmodelle und lügt am Ende bis sich die Balken biegen. Wie es dazu kommt, dass Annie die Frau ist, die zu den angegebenen Wettbedingungen die Welt umrunden will, beschreibt Susanna Leonard auf den ersten 170 Seiten. Der Rest des Romans handelt von der Reise dieser taffen Frau und ihren Unterstützern, wie sie Berühmtheit erlangt und sich ihr Leben durch diese Erlebnisse ändert. Dabei bleibt die Autorin vage, manche Fragen bleiben offen und der Fantasie des Lesers überlassen.

Einige Nebenfiguren waren für mich interessanter und charakterlich besser dargestellt, als die Hauptprotagonistin selbst. Der Schreibstil, gerade zu Anfang, hat mich abgeholt und ich konnte der Geschichte flüssig folgen. Auch Annies Beweggründe erschienen mir dabei logisch. Der Mittelteil konnte mich nicht begeistern, da Annie mit den Unwahrheiten zu Übertreibungen neigte und der Hauptschwerpunkt auf der Reklame und Werbearbeit lag. Somit verlor ich tatsächlich die Leselust darüber. Doch erarbeitete die Autorin das Bild der Protagonistin anhand wahrer Begebenheiten. Daher gab ich der Hauptfigur noch eine Chance und beendete das Buch. Die Reiseberichte traten hier wieder in den Vordergrund nur mit dem offenen Ende bleibt ein Rest an Sehnsucht nach Aufklärung rund um Annie und ihre Familie. Gerade über die Familienmitglieder hätte ich im Laufe der Geschichte und am Ende gern noch mehr erfahren.

Fazit: Eine Frau. Ein Fahrrad. Einmal um die Welt. Ich habe es gelesen. Für mich ist es kein Buch für ein zweites Mal.

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Veröffentlicht am 12.03.2022

Juden im Mittelalter

Wenn ich dich je vergesse ...
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Wenn ich dich je vergesse ein historischer Roman von Anne Bezzel

Baruch ata adonai elohenu mäläch ha`olam schähächäjanu wekjimanu wehigi`anu laseman hasäh. Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der ...

Wenn ich dich je vergesse ein historischer Roman von Anne Bezzel

Baruch ata adonai elohenu mäläch ha`olam schähächäjanu wekjimanu wehigi`anu laseman hasäh. Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du uns hast Leben und Erhaltung gegeben und hast uns diese Zeit erreichen lassen. S99/100

1348 leben in Erfurt Juden und Christen friedlich zusammen. Doch die Zeichen deuten auf ungewisse Zeiten für die Juden. Nicht nur in Erfurt mehren sich die Hinweise auf Hass und Hetze gegen diese Bevölkerungsschicht. Die Pest ist auf dem Vormarsch und mit ihr die Todesangst der Menschen, die nach Schuldigen suchen. Die Lage spitzt sich zu und erreicht mit einem furchtbarem Pogrom 1349 in Erfurt seinen Hohepunkt.
In genau datierten, gut recherchierten Rückblicken erzählt die Autorin die Geschichte der beiden jüdischen Geschwister Jacob und Naomi sowie dem jungen Merten. Anne Bezzel zeichnet eine bewegende Geschichte und ein eindrückliches Bild des mittelalterlichen Erfurts. Sie zeigt Zusammenhänge auf und erfasst menschliche Hintergründe. Sie gibt tiefe Einblicke in die jüdische Kultur.

Leider ist es mir nicht leicht gefallen, in die Erzählung einzutauchen. Trotz einiger Vorkenntnisse hatte ich Schwierigkeiten mich in der Geschichte zurechtzufinden. Der Schreibstil ist geprägt und durchdrungen von theologischen Elementen wie Psalme, Gebetssprüche und Bibelzitate. Das angehängte Glossar war zwar hilfreich aber unterbrach den Lesefluss des Öfteren. Ich weiß, dass es sich um ein Herzensprojekt der Theologin und Autorin handelt, doch wäre ein Hinweis auf den vermehrten theologischen Bezug hier hilfreich gewesen.
Fazit: Ein wichtiges und emotionales Thema, welches bis in die heutige Zeit an Aktualität nichts verloren hat. Die wundervolle Geschichte berührte mich, traf aber nicht meinen Geschmack. Leider las es sich sehr zäh und ich musste einige Energie aufbringen, den Text zu Ende zu lesen. Die professionelle Aufmachung und erklärenden Zusätze bereichern das Verständnis.

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Veröffentlicht am 24.10.2021

Ruhig, seltsam, mysteriös und anders

Der Uhrmacher in der Filigree Street
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Der Uhrmacher in der Filigree Street ein Debüt von Natasha Pulley (Verlag: Hobbit Presse/Klett Cotta)

Als er sich die Uhr ans Ohr hielt, konnte er das Uhrwerk arbeiten hören. Es war so leise, dass er ...

Der Uhrmacher in der Filigree Street ein Debüt von Natasha Pulley (Verlag: Hobbit Presse/Klett Cotta)

Als er sich die Uhr ans Ohr hielt, konnte er das Uhrwerk arbeiten hören. Es war so leise, dass er nicht hätte sagen können, ob es erst gerade angesprungen war oder schon die ganze Zeit gearbeitet hatte und nur von anderen Dingen übertönt worden war. Er hielt sich die Uhr ans Hemd, hob sie dann wieder an und versuchte, das Geräusch mit seiner Erinnerung an die gestrige Version der Stille und ihre Schattenfarben zu vergleichen. Schließlich setzte er sich auf und drückte auf den Verschlussknopf. Der Deckel lies sich noch immer nicht öffnen. S. 23/24

Dieser Roman ist wie sein Schreibstil selbst, zeitweise unheimlich spannend und im nächsten Moment so trocken, dass es staubt. Vielleicht liegt es an den verschiedenen Handlungssträngen und Zeitsprüngen, bei denen es schwerfällt, Zusammenhänge zu sehen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Manche Aktionen der Protagonisten sind abrupt und teilweise nicht schlüssig. Die Stimmung der Figuren konnte das ein oder andere Mal nicht stimmig transportiert werden. Punkten konnte die Erzählung von Natasha Pulley, als sich am Ende alle Zahnrädchen ineinander fügten mit tollen Wendungen und einem überzeugendem Abschluss.

Besonders gut hat mir die Atmosphäre im herbstlichen London um 1883 und im alten Japan gefallen. Die Autorin versteht es, das Setting stimmungsvoll zu gestalten und die passenden Bilder zur Geschichte umzusetzen.
Ebenso haben mich die unaufgeregten Personen berührt, die im Blickpunkt dieser Geschichte stehen. Ihre unterschiedlichen Charaktere und ihre Beziehungen zueinander geben dem Inhalt die nötige Würze. Mori, der Uhrmacher mit einer Vorliebe für Mechanik und ein einziges Rätsel selbst; Thaniel, der Künstler, ruhig, unaufgeregt und etwas traurig; Grace, rebellisch, kämpferisch, die ihren eigenen Weg gehen will.
Die Einflechtungen des historischen Hintergrunds unter politischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten fand ich passend und informativ. Genauso die Theorien und Experimente mochte ich gern lesen.

Fazit: Ein tolles Lesevergnügen, wenn man sich darauf einlässt!
Alles in allem ein Geschichte, die man so vielleicht nicht erwartet. Es ist von jedem Genre etwas dabei, ein wenig Krimi, Fantasie und Magie, historische Elemente, Wissenschaft und Gefühl.
Eine außergewöhnliches, anderes und überraschendes Gesamtpaket mit kleinen Schwächen, welches ich gern gelesen habe und weiterempfehle.

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