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Mianna

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.05.2022

Trostlos, aber stark

Chopinhof-Blues
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Katja und Tilo hatten eine schwere Kindheit, die sie immernoch verfolgt. Esra kämpft mit ihrem Idealismus und traumatischen Erlebnissen als Krisenjournalistin. Ádám und Aniko hatten große Hoffnungen, als ...

Katja und Tilo hatten eine schwere Kindheit, die sie immernoch verfolgt. Esra kämpft mit ihrem Idealismus und traumatischen Erlebnissen als Krisenjournalistin. Ádám und Aniko hatten große Hoffnungen, als sie Ungarn verlassen haben. Jetzt scheint alles verloren. Die Frage ist: wieviel hat jeder selbst in der Hand und wieviel ist durch die Vergangenheit vorherbestimmt? Alle sind um die 30 und müssen ihrem Leben eine neue Richtung geben.

Anna Silber ist es sehr gut gelungen, die Heterogenität und die krassen Abgründe einer Generation darzustellen, die gleichzeitig mit vielen Möglichkeiten aufgewachsen ist. Die Art, wie sie existenzielle Fragen aufwirft hat mich sehr angesprochen. Es ist umso eindrucksvoller, dass sie die Extreme sucht und diese zusammenbringt. Eine explosive Mischung. Ihre Charaktere haben eine große Tiefe und Emotionalität. Doch wo ist deren Freude und Leichtigkeit geblieben? Alle wirken auf ihre Art depressiv und vom Leben geschlagen. Alle hadern sie mit sich. Die Autorin scheint das Scheitern und die Ausweglosigleit zu zelebrieren. Bis ins Unerträgliche und auf heftige Art. Trotzdem wirkt die Geschichte glaubwürdig. Das Ende lässt ein wenig aufatmen, auch wenn sich die Entwicklung der Einzelnen nur vermuten lässt. Oder vielleicht auch, weil das Leiden nicht noch weiter vertieft wird.

Heftige Analyse einer Generation: trostlos, unerträglich und ausdrucksstark. Mehr davon muss es nicht sein...

Veröffentlicht am 11.04.2022

Muss man sich erarbeiten

Der große Fehler
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"Der große Fehler" ist kein Krimi im eigentlichen Sinn. Es ist ein historischer Roman um eine bedeutende Persönlichkeit New Yorks Ende des 19. Jahrhunderts. Es geht um seinen Ursprung, sein Werden und ...

"Der große Fehler" ist kein Krimi im eigentlichen Sinn. Es ist ein historischer Roman um eine bedeutende Persönlichkeit New Yorks Ende des 19. Jahrhunderts. Es geht um seinen Ursprung, sein Werden und den Mord an ihm. Andrew Haswell Green hat den Central Park erschaffen, ein Emporkömmling aus einfachen Verhältnissen. Er wird vor seinem Haus erschossen als seine Bekanntheit den Höhepunkt erreicht hat. Inspector McClusky macht sich auf die schwierige Suche nach Antworten.

Jonathan Lee hat eine ungewöhnliche Ausdrucksweise. Er geht geschickt mit seinen Worten um, setzt sie in ungewohnter Weise in Beziehung und bringt dadurch ganz neue Zusammenhänge hervor. Seine Sätze sind lang und verschachtelt. Das macht das Lesen einerseits interessant, aber auch mühselig.
Das Geschehen an sich ist ebenso wenig durchsichtig. Alles wirkt offen, viele Situationen bleiben nebulös. Dadurch bekommt alles ein noch höheres Gewicht und lässt viele Spekulationen zu.
Es ist spannend, wie sich die Geschichte um die Vergangenheit des Andrew Haswell Green verbunden mit den historischen Ereignissen aufbaut. Schicht um Schicht wird seine spannende Persönlichkeit freigelegt. Er und die anderen sind vielschichtig, berührend und schillernd dargestellt. Illustre Persönlichkeiten, die authentisch im New York des 19. Jahrhunderts wirken und dieses zum Leben erwecken.
Diese Geschichte muss man sich erarbeiten. Nach und nach öffnet sich der Blick auf ein komplexes Geschehen. Die Auflösung bringt nicht die erwartete Erleichterung. Eben keine eindeutige und durchsichtige Geschichte. Aber dadurch umso lesenswerter.

Das Buch macht Arbeit, aber es ist sehr reizvoll. Außergewöhnlich ausdrucksstark.

Veröffentlicht am 30.03.2022

Amüsant und glaubwürdig

Der Mann, der zweimal starb (Die Mordclub-Serie 2)
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In diesem zweiten Band wird der Donnerstagsmordclub in einen Diamantenraub und den ein oder anderen Mord reingezogen. Doch unfreiwillig ist es nicht, Elisabeth und ihre Freunde haben scheinbar immer die ...

In diesem zweiten Band wird der Donnerstagsmordclub in einen Diamantenraub und den ein oder anderen Mord reingezogen. Doch unfreiwillig ist es nicht, Elisabeth und ihre Freunde haben scheinbar immer die Nase vorn.
Der britische Gehemdienst, einige Kriminelle und sogar die New Yorker Mafia sind involviert. Das könnte die Geschichte sehr aufblähen, tut es aber nicht. Die Geschichte ist, wenn auch gemächlich, logisch und glaubwürdig aufgebaut. Elisabeth und die anderen Alten passen gut in das Geschehen. Sie werden im Laufe der Geschichte immer sympathischer und bekommen Kontur. Die abwechselnde Erzählung aus der jeweiligen Sicht sorgt für Nähe. Die Ausführungen sind teils langatmig und ausschweifig. Da braucht das Lesen länger, zumal das Buch nicht so spannend ist, um es in einem Zug zu lesen. Dafür hat die Erzählung viel Humor und gibt viel Einblick in das Erleben der Freunde.
Eine humoriger und unterhaltsamer (nicht-nur-)Krimi, mit einer logischen Geschichte.

Veröffentlicht am 26.02.2022

Zynische Gesellschaftskritik

Die dritte Hälfte eines Lebens
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Der dunkelhäutige Steinlachner Sepp hat sich am Apfelbaum auf dem Kirschkernhügel erhängt. Niemand in Krimmwing will etwas gewusst haben von seiner Aussonderung, der Gewalt und der Verachtung, der er ausgesetzt ...

Der dunkelhäutige Steinlachner Sepp hat sich am Apfelbaum auf dem Kirschkernhügel erhängt. Niemand in Krimmwing will etwas gewusst haben von seiner Aussonderung, der Gewalt und der Verachtung, der er ausgesetzt war. So ist es in Krimmwing. Andersartigkeit wird ausgetrieben.

Die Erzählung ist sehr spannend und nach 127 Seiten ist alles erzählt. Auf den Punkt, keine Umwege oder Ausschweifungen. Anna Herzig erzählt sehr nüchtern, gleichzeitig kunstvoll und poetisch. Ihre Sprache lebt. Erstaunlich wie gefühlvoll aber auch schonungslos sie ihre Beobachtungen von Gesellschaft wiedergibt. Denn Krimmwing gibt es überall. Die Aussagen, die sie trifft stehen für sich, haben eine ungeheure Ausdruckskraft. Die Geschehnisse sind beschämend und bedrückend. Doch die Erzählung hat auch etwas Leichtes. Es geht um menschliche Verbindungen, um Liebe. Sarkasmus durchzieht die Geschichte. Die Geschehnisse sind bis ins Sureale überzeichnet. Manche Entwicklungen bleiben etwas im Unklaren. Die Grenzen zwischen Realität, Wahrnehmung und Erinnerungen verschwimmen. Sie deutet viel an, das hat viel Kraft, sorgt manchmal aber auch für Verwirrung. Trotzdem eine wunderbar zynische Gesellschaftkritik.

Veröffentlicht am 10.02.2022

Miss Marple ähnlich

Mrs Potts’ Mordclub und der tote Nachbar
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In einem Moment schwimmt Judith Potts noch nichtsahnend nackt in der Themse, im anderen Moment hört sie wie ihr Nachbar erschossen wird. Von da an stecken sie, die Pfarrersfrau und eine Hundesitterin unerschrocken ...

In einem Moment schwimmt Judith Potts noch nichtsahnend nackt in der Themse, im anderen Moment hört sie wie ihr Nachbar erschossen wird. Von da an stecken sie, die Pfarrersfrau und eine Hundesitterin unerschrocken ihre Nase tief in einen Mord, der nicht der letzte sein wird.

Judith ist eine interessante und sympathische Hauptfigur. Sie begeistert mit ihrer Tatkraft, ihrer Beharrlichkeit und ihrer Unerschrockenheit. Beeindruckend für eine 77 Jährige. Gerade ihre verschrobene und ungewöhnliche Art macht sie interessant. Sie erinnert ein wenig an Miss Marple. Letztendlich aber nur ein wenig.
Auch die anderen Charaktere haben markante Züge, sind neurotisch, unverblümt und alle ein bisschen einsam. Das macht es spannend.
Die Geschichte entwickelt sich unvorhersehbar, obwohl schon am Anfang klar ist, dass es gut ausgehen wird und sie die Morde aufklären wird. Die Wendungen sind spannend, die Situation vertrackt.
Die Erzählung ist anders als ich es von einem klassischen englischen Krimi erwarten würde sehr locker, hoffnungsvoll und anheimelnd. Es fehlt mir das Düstere, Unaufgeregte und Kunstvolle. Der Krimi ist fast mehr ein feel-good-Frauenroman als Krimi. Am Ende sogar zu viel für meinen Geschmack.

Unterhaltsamer, unvorhersehbarer Krimi in schönster englischer Atmosphäre und ein wenig Miss-Marple-feeling. Leider zu viel Frauen-feel-good-Geschichte.