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Veröffentlicht am 07.04.2022

Die Stadt im Menschen

Die Wächterinnen von New York
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Die erfolgreiche amerikanische Fantasy-Autorin N.K. Jemisin lässt in ihrem opulenten und spannenden Trilogie-Auftakt die Metropole New York anhand von sechs Superhelden menschlich und organisch werden. ...

Die erfolgreiche amerikanische Fantasy-Autorin N.K. Jemisin lässt in ihrem opulenten und spannenden Trilogie-Auftakt die Metropole New York anhand von sechs Superhelden menschlich und organisch werden. In „Die Wächterinnen von New York“ ist die Stadt gerade noch bei der Geburt, als die bösartige Frau in Weiß mit riesigen Tentakeln und sonstigen aggressiven Manövern versucht, alles zu untergraben und zu zerstören. In Gestalt von sehr unterschiedlichen, szenisch-dicht gezeichneten Avataren, die jeweils ihren Bezirk wie Queens, Staten Island, Manhattan, Bronx oder Brooklyn personifizieren und schützen, kommt tatkräftige Hilfe mit vielfältigen Superkräften und Subkulturen.

Jemisin zeichnet dabei die Charaktere sehr lebendig, queer und politisch engagiert – jeder Avatar hat seine eigene Redensart sowie Lebensweise und verkörpert nicht nur mit Leib und Seele einen Stadtteil, sondern auch gesellschaftskritische, soziologische und kulturelle Aspekte, die anfangs ausführlich vorstellt werden. Einer von ihnen ist nicht nur ein Graffiti-Held ohne festen Wohnsitz, sondern auch oberster Beschützer des gesamten New York. Unterstützung und Ratschläge im Kampf gegen die Bedrohung erhalten sie von São Paulo, London und Hongkong in Person – bereits geborene Metropolen.

Gemeinsam treten sie actionreich und filmreif, aber auch in vielen Dialogen hinterfragend in den Kampf, aus dem sie alle verändernd hervortreten und durch ihre individuellen Eigenarten erschafft Jemisin nebenbei noch eine vielfältige und tiefsinnige Hommage an New York und seine Stadtteile. Gekonnt verstrickt sie fantastische Elemente mit der Realität und so haben die Superhelden nicht nur bildgewaltig gegen monströse „weiße“ Tentakel, sondern auch emotional gegen Rassismus, Homophobie sowie globale Immobilienhaie, horrende Mieten und die ausufernde Gentrifizierung zu kämpfen.

Eine kluge, soghafte und politisch packende Urban-Fantasy-Geschichte, die gekonnt mit viel derb-humorvoller Umgangssprache, aber auch wissenschaftlichen Segmenten eine atmosphärische Mischung aus Apokalypse und demografischer Sozialstudie entwirft und den Spannungsbogen mit diversen Angriffen auf mehreren Ebenen rasant hält. Die vielen beschriebenen Örtlichkeiten in New York in dem über 500 Seiten starken und flüssig geschriebenen Epos erfordern entweder etwas Ortskenntnisse oder das Einlassen auf fiktionale Weise. Das fulminant-magische und emotionale Finale mit plötzlichem Ende erhöht die Spannung auf den zweiten Teil, in dem New York atmet, lebt und eine freie Seele hat.

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Veröffentlicht am 04.04.2022

Satirisch-pointierte Essays

New York und der Rest der Welt
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Nicht erst seit der Scorsese-Netflix-Serie „Pretend it’s a City“ genießt Fran Lebowitz Kultstatus in den USA – schon seit den 1970er-Jahren nimmt die 71-jährige New Yorkerin, Kulturkritikerin und Warhol-Bekannte ...

Nicht erst seit der Scorsese-Netflix-Serie „Pretend it’s a City“ genießt Fran Lebowitz Kultstatus in den USA – schon seit den 1970er-Jahren nimmt die 71-jährige New Yorkerin, Kulturkritikerin und Warhol-Bekannte die Alltäglichkeiten und Absurditäten ihrer Großstadtbewohner sardonisch und scharfsinnig beobachtend aufs Korn. Jahrelang litt sie unter einer Schreibblockade, doch ihre älteren Texte aus den 1970er- bis 90er-Jahren erscheinen nun erstmals auf Deutsch. So hat der Leser nun die außergewöhnliche Möglichkeit einer kleinen facettenreiche Zeitreise, durch die sarkastische und zynische Brille von Lebowitz die Menschen und ihre Angewohnheiten in vielerlei Aspekten zu betrachten und die bissig-präzisen Ratschläge von Fran kennenzulernen.

Fran analysiert und kommentiert in ihren pointiert-intelligenten Essays alles und alle mit bitterbösem und messerscharfem Humor – nichts und niemand ist vor ihr und ihrem opulenten Wortwitz sicher. Ob Rauchen, Kinder und Haushalt, Essen, Beruf, Kunst und Kultur, Wohnungssuche, Mode, Literaturbetrieb etc. – in „New York und der Rest der Welt“ lässt sie sich mit tiefsinniger Komik nicht nur über ihre Mitmenschen und ihre Ticks, sondern auch über ihre eigenen Schrullen sehr amüsant und mit kreativ-assoziativen und schnell aufeinander folgenden Sprachgedanken aus. Dabei sind die hintersinnigen Kurzgeschichten und Betrachtungen unterschiedlich kurz und nicht jede ist in ihrer Treffsicherheit gleich stark und interessant. So manch böser Witz bleibt dem Leser auch im Halse stecken, während andere brillant zum weiteren Reflektieren über eigene Lebensmuster oder anderem gesellschaftlichen Irrsinn anregen.

Lebowitz' kluge, schonungslose und zeitlose Satire aus der Ich-Perspektive ist sehr unterhaltsam, selbstironisch und rasant – und ist am besten in kleineren Happen zu genießen, um das gesamte intellektuelle und gesellschaftskritische Hinterfragen in dieser Zeit zu erfassen. Ihre literarisch eigenwillige und angriffslustige Lebensberatung mit Blick auf das urbane Leben und der Selbstbeobachtung ist ein scharfzüngiger Ratgeber der humoristischen Art und könnte auch in Deutschland zum Kult werden.

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Veröffentlicht am 30.03.2022

Geboren um zu Flüchten

Freitag ist ein guter Tag zum Flüchten
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Wie das Unfassbare in Worte fassen, wenn wiederkehrende Albträume und die Angst vor tiefen Gewässern immer noch präsent sind? Elyas Jamalzadeh gelingt mit seinem Freund und Co-Autor Andreas Hepp in einer ...

Wie das Unfassbare in Worte fassen, wenn wiederkehrende Albträume und die Angst vor tiefen Gewässern immer noch präsent sind? Elyas Jamalzadeh gelingt mit seinem Freund und Co-Autor Andreas Hepp in einer frischen, modern-jugendlichen Sprache, die zwischen Tragik und Situationskomik changiert, in „Freitag ist ein guter Tag zum Flüchten“ genau das: Gemeinsam erzählen sie die schmerzhaften und unglaublichen Fluchtepisoden von Elyas so direkt, authentisch und unmittelbar-ungeschönt, dass sie spür- und erlebbar sowie durchaus unterhaltsam jedem Leser ins gemütliche Wohnzimmer transportiert werden, während Menschen auf dem Mittelmeer um ihr Überleben kämpfen. Dabei sticht vor allem die lakonische Selbstironie von Elyas hervor, mit der er die schlimmsten Situationen schwarzhumorig beschreibt und die Leser auch direkt anspricht und miteinbezieht – diesen könnte manchmal das Lachen zwar im Halse steckenbleiben, doch am Ende siegt der unbeschreibliche mutmachende Lebenswille und zielstrebige Tatendrang von Elyas.

Die Familie Jamalzadeh lernt bereits in ihrem Heimatland Afghanistan die todbringenden Schrecken des Taliban-Terrors kennen und muss in den Iran flüchten, nachdem ihr Haus in die Luft gesprengt und eine Tochter entführt wurde. Dort kommt Elyas zur Welt und muss sich als illegaler Geflüchteter ohne Papiere bereits in sehr jungen Jahren ohne Schulbildung durchs Leben kämpfen und den Unterhalt seiner Familie mit illegalen Mitteln bestreiten, nachdem seine Brüder schon geflohen sind. Doch dann gerät er in Abschiebehaft in einem Gefängnis, das der Hölle gleicht. Er kann zwar freikommen, doch gemeinsam mit seinen Eltern beschließt Elyas über die lebensgefährliche Mittelmeer-Route nach Griechenland und über Land nach Österreich zu fliehen – eine menschenverachtende Tortur voller 'Games' (Fluchtversuche über die Grenze), Rückschlägen und korrupten Schleppern nimmt seinen Lauf, bei denen Elyas nicht nur in eigener, sonder auch in Todesangst um seine gebrechlichen Eltern schwebt.

In Österreich angekommen, durchlebt die Familie ein turbulentes Auf und Ab in Flüchtlingsheimen, aber auch unglaubliche Hilfsbereitschaft in Goisern – dort wird Elyas seine große Liebe und eine Schulbildung finden. Doch das Glück währt nicht lange und Interpol steht vor der Tür, um die Familie sicherheitsbedingt wieder umzusiedeln: Der Terror verfolgt sie bis in die neue Heimat. Und Elyas erhält zudem noch die schreckliche Diagnose eines Hirntumors. Doch er lässt sich nicht unterkriegen und geht seinen Weg in die Hoffnung – Elyas wird heiraten und in Eferding eine Lehrstelle zum Friseur erhalten.

In einem kreativen und eigenwilligen Sprach-Spiel mit Reimen, Quizfragen, Gedichtszeilen, ungewöhnlichen Überschriften und der direkten Ansprache des Lesers ist es Andreas und Elyas gelungen, nicht nur eine individuelle und persönliche Lebens- und Fluchtgeschichte bewegend und aufschlussreich zu vermitteln, sondern ein universelles und eindringliches Narrativ über die Lebenslinien von Geflüchteten zu schreiben und was jeder Einzelne gesellschaftlich zu deren Integration leisten kann. Die Lektüre ist vom frech-facettenreichen Erzähl-Stil vorzugsweise an Jugendliche gerichtet, doch auch jeder erwachsene Leser wird nicht unberührt diese Geschichte, die auch viele Kindheits- und Jugenderinnerungen aus anderen Kulturen sehr szenisch, anekdotenhaft und dicht schildert, weglegen und weiter darüber nachdenken, wie privilegiert wir Menschen sind, die nicht geboren wurden, um zu flüchten. Eine lesenswerte und packende Romanbiografie, bei der man zwischen Lachen und Weinen stark und nachhallend mitfühlt. Und bei der ein Teil der Erlöse Geflüchteten zugute kommt!

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Veröffentlicht am 14.03.2022

Reich des Konsums

Die Kinder sind Könige
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Die erfolgreiche und feinsinnige Autorin Delphine de Vigan bleibt ihren gesellschaftskritischen Themen treu und behandelt diesmal die gefährliche und übertriebene Zurschaustellung von Kindern im Internet ...

Die erfolgreiche und feinsinnige Autorin Delphine de Vigan bleibt ihren gesellschaftskritischen Themen treu und behandelt diesmal die gefährliche und übertriebene Zurschaustellung von Kindern im Internet – einziges Ziel dieser Influencer-Eltern sind Geld, Klicks und Konsum, auch wenn darunter das eigene Familienleben in Mitleidenschaft gezogen wird.

Mutter Mélanie Claux war früher fasziniert von Reality-TV-Shows und Fan von Loana, die durch diese Programme und besonders durch Loft Story berühmt wurde. Doch der eigene Erfolg in diesem Genre war Mélanie nicht vergönnt und so muss ihre eigene Tochter Kimmy herhalten, die zusammen mit ihrem Bruder mittlerweile zum Star des Instagram- und Youtube-Kanals Happy Récré mit unzähligen Werbeverträgen geworden ist. Alles was die Kinderkönige in ihrem eigentlich privaten Reich machen, wird online inszeniert, verkauft und zur Schau gestellt – eine Privatsphäre ist nicht mehr vorhanden, denn Millionen von Fans wollen mit ihrer Sucht nach Bildern bedient werden. Kimmy wird zunehmend abweisender und genervter von diesen vielen Inszenierungen – und dann wird sie bei einem Versteckspiel entführt, was zur Haupthandlung dieses brisant-spannenden Romans wird.

In abwechselnden Passagen verknüpft Vigan brillant und gekonnt protokollartig die nüchtern-akribische Ermittlungsarbeit der engagierten Kriminal-Polizistin Clara mit der psychologisch-soziologischen Innenschau in die Familie, bei der die Leere des eigenen Lebens durch die suchtartige Faszination der ständigen Online-Exposition der Kinder kompensiert wird. Wie mit einem Schlag ins Gesicht, aber ohne belehrend oder wertend zu sein, erschafft die Autorin ein gesellschaftskritisches Zeitbild unseres Konsumverhaltens und über den Umgang mit Influencer-Kinderkönigen im Netz. Sensibel, intensiv und präzise sprengt sie literarische Genres, um fast dokumentarisch-wissenschaftlich den Finger in die Wunde eines hochaktuellen Themas zu legen.

Wie wirkt sich der Drang nach dem eigenen Leben in der Virtualität samt Dopamin-Sucht mit jedem Klick und Like auf unser Leben und das unserer Kinder aus? Warum brauchen wir den Blick und Kommentar des anderen im Netz, während unser wirkliches Leben in der Langeweile versinkt? Ein direkter, kraftvoller und flüssig-tiefgründig geschriebener Roman mit scharfen Beobachtungen über die Konsequenzen und Folgen dieser zur Schau gestellten Kinder und deren gestohlenen Leben, der zum weiteren Nachdenken anregt und auch medienrechtliche Themen versiert recherchiert integriert. Außergewöhnlich auch das Ende, in dem die Autorin ins Jahr 2031 und auf die erwachsenen Kinderstars blickt und ein bewegendes Fazit zieht.

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Veröffentlicht am 13.03.2022

Schichten eines Lebens

Geschichte einer großen Liebe
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Auch in ihrem neuen Roman „Geschichte einer großen Liebe“ bleibt die italienische Schriftstellerin Susanna Tamaro ihrem unverwechselbaren Stil treu, in dem sie existenzielle Lebensfragen feinsinnig, melancholisch ...

Auch in ihrem neuen Roman „Geschichte einer großen Liebe“ bleibt die italienische Schriftstellerin Susanna Tamaro ihrem unverwechselbaren Stil treu, in dem sie existenzielle Lebensfragen feinsinnig, melancholisch und philosophisch betrachtet.

Ich-Erzähler Andrea ist ein zielstrebiger Kapitän auf einer Fähre und hinterfragt gerne tiefsinnig die Dinge in seinem Leben – als er auf die suchende, stürmisch-rebellische Edith trifft, ist es der Anfang einer lebenslangen Verbundenheit und Liebe, die auch mit längeren Trennungen und der Gegensätzlichkeit des Paares zurecht kommt. Klug konstruiert schwenkt die Geschichte zart zwischen der Gegenwart und den vielen Rückblenden im Leben und in den Schicksalen von Andrea und Edith. Dabei steht vor allem Andreas Sichtweise erzählerisch im Vordergrund: Alleine im stillen, einsamen Haus auf einer Mittelmeer-Insel, resümiert Andrea über die gemeinsame Zeit, reflektiert ergreifend über das menschliche Da-Sein und spricht seine Edith direkt an, obwohl sie nicht mehr da ist. Dabei verwebt die Autorin subtil und atmosphärisch die Schauspiele der Natur und das Pflegen des Bienenstocks in die Emotionen und Schichten eines Lebens und baut mit der Frage, was mit Edith passiert ist, einen gekonnten Spannungsbogen.

In kurzen Kapiteln mit prägnant-passenden Überschriften blickt Tamaro kaleidoskopartig nicht nur in die Geschichte einer großen Liebe, sondern in wesentliche Aspekte eines menschlichen Lebens im ständigen Wandel samt familiären Verstrickungen, das vor allem gegen Ende des Buches tieftraurig und doch hoffnungsvoll auch schmerzvolle Themen wie Tod, Verlust, Trauer und Versöhnung aufgreift. Vom Suchen und Finden, Loslassen und Wiedertreffen, Freiheit und Verbundenheit, Geburt und Tod – zärtlich und intensiv zeigt Tamaro die Facetten einer Liebe und eines Lebens in steter Veränderung. Im Wind und Licht auf der Insel findet Andrea aus seiner Hoffnungslosigkeit und Verwirrung heraus, indem er seine Geschichte neu zusammensetzt.

Ein sehr emotionaler, flüssig-geschriebener Roman voller klug-pointierten Reflexionen und schönen Metaphern, die ohne Kitsch auskommen und die faszinierende Welt der Natur auf den Menschen und seine Bindungen spiegelt. In beunruhigenden Zeiten wie diesen ist eine Kur mit Tamaro-Literatur ein kleiner Trost.

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