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Veröffentlicht am 05.06.2017

Freiheit!

Der Tag X
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Kurz nach dem Krieg wird Nellys Vater von den Sowjets aus Ostberlin nach Russland verschleppt. Wie viele andere Wissenschaftler soll er für die Sieger forschen. Nellys Mutter weigert sich, ihren Mann zu ...

Kurz nach dem Krieg wird Nellys Vater von den Sowjets aus Ostberlin nach Russland verschleppt. Wie viele andere Wissenschaftler soll er für die Sieger forschen. Nellys Mutter weigert sich, ihren Mann zu begleiten. Noch im Jahr 1953 weiß Nelly nicht, wo ihr Vater ist. Bald will sie Abitur machen, doch ihr Engagement bei der christlichen jungen Gemeinde wird ihr zum Verhängnis. Ihr wird verboten, an den Abiturprüfungen teilzunehmen. Wolf Uhlitz, ein junger Uhrmacher, der sich in Nelly verliebt hat, wird von der Stasi in den Dienst gezwungen, um die christliche Gruppe zu infiltrieren. Und der Russe Ilja, der einmal gut zu Nelly war, bringt immer seltener Briefe von ihrem Vater.

Keine Liebesgeschichte im eigentlichen Sinne, keine romantischen Treffen junger Menschen in einer wachsenden DDR, in der doch alles nicht so schlimm ist. Man muss nur seine Nische finden. Und wenn man nicht in eine abgeschottete Nische will? Wenn man offen seine Meinung sagen will? Wenn man einfach nur über Vor- und Nachteile des Systems diskutieren will. Im Frühjahr 1953 ist die Lage in Ostdeutschland schlecht, die Normen werden heraufgesetzt, die landwirtschaftliche Produktion sinkt, die Läden sind leer. Manche Mütter wissen nicht, wie sie ihren Kindern etwas Vernünftiges auf den Tisch bringen sollen.

Bespitzelung und Denunziation an allen Ecken und Enden. Keiner kann dem anderen wirklich trauen. Geheimdienste spionieren und nutzen jede Gelegenheit, um die jeweils anderen auszuspähen. Und auch die große Politik spinnt ihre Fäden. Gerade diese jedoch haben nicht unbedingt das Wohl der Menschen im Sinn. Wenn es um das sogenannte große Ganze geht, kann ein Einzelner schon zum bedauerlichen Opfer werden. Und so wird der verzweifelte Aufstand der Arbeiter von allen Seiten für die eigenen Ziele genutzt.

Nach der mitreißenden Lektüre dieses Romans fühlt man sich eindringlich daran erinnert, dass die Freiheit, sich nach seiner Überzeugung zu äußern und zu leben, zumindest solange man andere damit nicht ungerechtfertigt einschränkt, nicht selbstverständlich ist. Fast klaustrophobisch könnte man das Gefühl beschreiben, das die Lektüre auslöst. Die immer größer werdende Enge des Überwachungsstaates, das gegenseitige Belauern, das Misstrauen, das immer größer wird. Dazu ein spannendes Spionagegeschehen vor dem Hintergrund der Weltpolitik. Man stellt sich, die Frage, ob die Menschen in der DDR von allen verlassen wurden, zum einen, um den idealen Arbeiter- und Bauernstaat zu schaffen, zum anderen aber auch, um ein vereintes, aber neutrales Deutschland zu verhindern. Soll man von Glück reden, wenn die eigenen Großeltern einfach ein paar Kilometer weiter gelaufen sind und einem so ermöglicht haben in einer westlichen Demokratie aufzuwachsen. Zumindest sind die Zeiten vorbei, in denen man dieses Privileg für selbstverständlich halten sollte.

Ein hervorragender zeitgeschichtlicher Roman, der sehr eindringlich daran erinnert, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist.

Veröffentlicht am 30.04.2017

Das weiße Blatt

Sommer unter schwarzen Flügeln
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Nuri kommt aus Syrien. Mit ihrer Familie lebt sie in einem Flüchtlingsheim in der Einöde des Ostens. Sie geht zu Frau Silbermann, um zu erzählen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sie dort auf Calvin ...

Nuri kommt aus Syrien. Mit ihrer Familie lebt sie in einem Flüchtlingsheim in der Einöde des Ostens. Sie geht zu Frau Silbermann, um zu erzählen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sie dort auf Calvin trifft, in ihrem Alter, Deutsch, stramm rechts. Nuri, die eigentlich Nura heißt, beginnt ihre Geschichte zu erzählen. Und Calvin wird entführt, nach Syrien, nach Damaskus, in ein Land der Schönheit, in ein Land, in dem die Gefahr immer gegenwärtig ist, immer größer wird. Doch auch im grünen Deutschland gibt es Gefahren, die nicht unterschätzt werden dürfen. Die Asylanten sind nicht wohlgelitten und Calvin gehört zu denen, die man am besten meidet wie der Teufel das Weihwasser.

Ausgerechnet bei Frau Silbermann, die Birkenau überlebt hat, treffen sich Nuri und Calvin. Nuri, die erzählen muss, um sich zu befreien. Und Calvin, der zunächst widerwillig zuhört und doch immer mehr in den Bann ihrer Geschichte gezogen wird. Calvin fängt langsam an zu begreifen, dass Nuri und ihre Familie wohl nicht ohne Grund geflohen sind. Nuri, die sieht, dass auch so fremdenfeindliche Typen wie Calvin ihre Erzählung der Flucht aushalten sollten. Doch kann das aufkeimende bessere Verständnis zwischen diesen beiden die Situation zwischen den Menschen, die in dem Asylantenheim leben, und denen, die in den Sozialwohnungen leben, entspannen. Eher bieten die beiden, für beide Gruppen einen Grund noch mehr aufeinander loszugehen.

Nach der Lektüre dieses aufwühlenden Romanes muss man erstmal innehalten und tief durchatmen. Eine ganze Weile sitzt man vor dem weißen Blatt bevor man beginnen kann, seine Eindrücke in Worte zu fassen. Der Autor berichtet in brutal offenen Worten von einer Wirklichkeit, von der man eigentlich nichts wissen will. Und dennoch saugt man die Worte auf, besonders die Nuris über das Leben in Syrien, wie der relative Frieden immer mehr zerbricht, wie es gefährlicher und grausamer wird. Vor Gewaltexzessen geflüchtet, landet Nuris Familie in dem so gelobten Deutschland gerade nicht in einer besseren Welt. Auch hier wird sie bedroht, auf eine brutale Art und Weise, die weit über bloßen Protest hinausgeht. In was für einem Land leben wir hier eigentlich? Natürlich geht es hier auch nicht jedem gut, doch wie kann das ein Grund sein, über andere, denen es noch schlechter geht, herzuziehen? Je weiter man liest, desto mehr ist man gebannt. Je weiter man liest, desto mehr zögert man. Es geht auf ein Ende zu, das man nicht kennen möchte. Und doch setzt man sich dem aus, um mit dem Denken fortzufahren, um endlich zu denken, sich zu informieren und zu begreifen, zu trauern und sich zu schämen. Dies ist eine Geschichte, die zwar nur ein Roman ist, in der aber so viel von unserer Wirklichkeit steckt, dass sie unbedingt gelesen werden muss.

Veröffentlicht am 31.03.2026

Fröhliches Seniorenheim

Betreutes Morden
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Nur finanziell steht es nicht ganz so gut um das Seniorenheim Sheldon Oaks. Eine der Wohnungen zu verkaufen, ist daher eine gute Gelegenheit. Dass dafür eine verurteilte Serienmörderin einzieht, die nach ...

Nur finanziell steht es nicht ganz so gut um das Seniorenheim Sheldon Oaks. Eine der Wohnungen zu verkaufen, ist daher eine gute Gelegenheit. Dass dafür eine verurteilte Serienmörderin einzieht, die nach fünfunddreißig Jahren endlich wieder in Freiheit ist, muss man ja nicht an die große Glocke hängen. Das ist Carol Quinn ganz recht so, denn sie will ihre Vergangenheit hinter sich lassen und endlich ein paar Freunde finden. Störend ist da schon, dass direkt vor ihrem Balkon ein Bewohner vom Dach fällt. Natürlich ist es Carol, die sofort unter Verdacht steht. Wenn sie in Sheldon Oaks ankommen will, muss sie herausfinden, wer der wahre Täter ist.

Schnell bildet sich ein Ermittlerteam denn in dem Heim für wohlsituierte Senioren leben ein ehemaliger Kripobeamter, eine Gerichtsmedizinerin, eine ehemalige Politikerin und nun auch eine ehemalige Mörderin. Zwar denken die anderen zunächst, es kann nur Carol gewesen sein. Deshalb stellen sie Nachforschungen an, um zu beweisen, dass Carol es getan hat. Jedoch kommen leise Zweifel auf. Carol ist schließlich gerade erst eingezogen und heißt es nicht. „Im Zweifel für den Angeklagten“? So wird aus dem anfänglichen Gegeneinander schließlich doch ein Miteinander, mit Anlaufschwierigkeiten. Allerdings hat auch die noch aktiv tätige Polizei ihr Augenmerk auf Carol gelegt.

Ein britischer Kriminalroman, der sehr vergnüglich zu lesen ist. Es geht ein wenig um die Eigenheiten der Bewohner des Seniorenheims, die Eigenheiten der Polizei und natürlich auch um Carols Eigenheiten. Denn Carol will nicht mehr die mordende Außenseiterin sein. Endlich will sie dazugehören und richtige Freundschaften finden. Schafft sie das? Und schafft sie es die Tat aufzuklären? Nachher kommt ihr noch die Polizei zuvor. Obwohl es um Mord und Totschlag geht, bekommt man beim Lesen/Hören gute Laune. Manchmal lacht man, häufig schmunzelt man.

Bei der Sprecherin des Hörbuchs handelt es sich um die Schauspielerin Manon Straché, die die Handlung so lebendig vorträgt, dass man beinahe glaubt, man ist mitten drin.

Veröffentlicht am 25.03.2026

Fotografin

Die weiße Nacht
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Kurz vor Weihnachten des Jahres 1946 ist das Leben in Berlin hart. Die Fotografin Lou Faber weiß manchmal nicht wie sie für sich und ihren Mitbewohner Bruno an etwas zu essen kommen soll. Eines Abends ...

Kurz vor Weihnachten des Jahres 1946 ist das Leben in Berlin hart. Die Fotografin Lou Faber weiß manchmal nicht wie sie für sich und ihren Mitbewohner Bruno an etwas zu essen kommen soll. Eines Abends findet sie die Leiche einer jungen Frau. Während sie auf die Polizei wartet, macht sie ein paar Fotos von der im Schnee liegenden Frau. Kommissar Alfred König entlässt Lou nach einem kurzen Gespräch. Der Kommissar beginnt mit den Ermittlungen, an denen Laien natürlich nicht beteiligt werden. Allerdings hat er nicht mit Lous Finesse gerechnet. Vielleicht sollten die Beiden ihre Kräfte bündeln.

In diesem ersten Band der Reihe um Kommissar König und die Fotografin Lou Faber, die im Berlin der Nachkriegsjahre ermitteln. Hier lernen sie sich kennen, wollen die Bekanntschaft jedoch eigentlich nicht vertiefen. Beide haben Erfahrungen mit dem untergegangenen Regime, die sie nicht unbedingt teilen wollen. Die Menschen in Berlin stehen immer noch unter dem Eindruck des Krieges. Sie wollen davon nichts mehr wissen, müssen sich mitunter doch ihren Taten stellen. Andere wiederum sind auf die Füsse gefallen, hin und wieder auch im öffentlichen Dienst, dessen Mitarbeiter doch unbelastet sein sollten. Lou begegnet König mit Misstrauen, gehen seine Einschränkungen auf Kriegsverletzungen zurück?

Die Autorin Anne Stern ist vielleicht bekannt durch ihre Romane über Fräulein Gold. Auch in ihrem neuen Buch hat sie sich einer geschichtsträchtigen Zeit angenommen. Die ersten Nachkriegsjahre waren durch Entbehrungen, Hunger und ein karges Leben gekennzeichnet. Dies wird eindringlich und anschaulich beschrieben. Man sollte wirklich keinen Krieg herausfordern und schon gar keinen anfangen. In diese Schilderung ist ein Fall eingebettet, der Lou Faber und Alfred König letztlich doch gemeinsam ermitteln lässt. Man bekommt einen Eindruck wie perfide das Regime handelte und möchte sich schütteln wegen der Schlechtigkeit. Das wird sehr packend vorgetragen von Julia Nachtmann. Genau solche klug aufgebauten und genau recherchierten historischen Romane liest oder hört man gerne. Auch die Gestaltung des Buchumschlags mit seiner Mischung aus Düsternis und Freude passt sehr gut in die Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist.


Veröffentlicht am 18.03.2026

Ein neuer Koch

The House Witch 1
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Das Königreich Daxaria braucht einen neuen Koch. Da kommt Ein Ashowan gerade recht. Zwar weiß König Norman nicht, wen er sich da einhandelt, aber Fins Kochkünste sprechen tatsächlich für sich. Wie Fn den ...

Das Königreich Daxaria braucht einen neuen Koch. Da kommt Ein Ashowan gerade recht. Zwar weiß König Norman nicht, wen er sich da einhandelt, aber Fins Kochkünste sprechen tatsächlich für sich. Wie Fn den gesamten Haushalt des Königs bekochen soll, ist kaum vorstellbar. Jedoch akzeptiert Fin zunächst nur wenige Gehilfen. Als seine Küchenhilfe Hannah von den Rittern, die sich in seiner Küche rumtreiben, belästigt wird, unternimmt Fin einiges, um ihr zu helfen. Das führt dazu, dass die Ritter ihr unbotmäßiges Verhalten schließlich als unterste Küchenhilfen büßen müssen. Schnell nimmt Fin Einfluss in die Strukturen des Hofes. Er versucht, sein Haus, seine Küche warm und sicher zu gestalten.

Bei diesem Roman handelt es sich um den ersten Band einer mehrteiligen Reihe. Von einer Haushexe hat man vielleicht noch nicht gehört. Und hier erfährt man, dass es sowohl männliche als auch weibliche Hexen gibt. In seiner Kindheit hatte es Fin einfach und schwer zugleich. Seine Mutter hat sich liebevoll gekümmert. Sein Vater hat ihn allerdings nicht anerkannt und er hat die Familie früh verlassen. Als Hexe war Fin ein Außenseiter. Trotzdem ist er ein begnadeter Koch und seine neue Küche ist der Mittelpunkt seiner kleinen Welt. Er beschützt seine Gehilfen, er freundet sich mit dem siebenjährigen Sohn des Königs an, er hilft dem König und der Königin. Ja, er will, dass es allen gutgeht, dass sie sicher sind.

Wenn man zwar schon Cozy Crime aber noch nicht Cozy Fantasy gelesen hat, dann kann man es mit diesem Roman super ausprobieren. Man fühlt sich beim Lesen so richtig schön hyggelig umarmt. Fin Ashowan ist kein Held im üblichen Sinne. Er will aber das Beste für die Menschen in seinem Kreis und er beschützt sie und das gemeinsame Heim. Dass er dabei manchmal ein wenig direkt agiert, ist ausgesprochen unterhaltsam. Seine vermeintlichen Unzulänglichkeiten schätzt er selbst als gravierender ein als sie möglicherweise sind. Und mit seiner im Ganzen sehr liebenswerten Art gewinnt er sein Umfeld für sich, was sich in besonderen Momenten auch auszahlt. In der manchmal dunkeln Welt freut man sich richtig über Bücher in dieser Art, die ein warmes Gefühl hinterlassen.

Das Cover verdient einen genaueren Blick. Es gibt einige Details zu entdecken, die man im Buch wiederfindet. Gespannt darf man wahrscheinlich auch sein, dieses Buch im Laden in der Hand zu halten und sie sehen, welche Überraschungen das Design noch bereithält.