Ein Roman wunderschön und zerbrechlich wie Rubinglas - doch das letzte, vollendende Glühen bleibt aus
Träume aus FeuerMit seinem atmosphärischen und mitreißenden Schreibstil zieht Florian Illies den Leser bereits auf den ersten Seiten von „Träume aus Feuer“ unmittelbar in den Bann. Sprachlich bewegt sich der Roman gekonnt ...
Mit seinem atmosphärischen und mitreißenden Schreibstil zieht Florian Illies den Leser bereits auf den ersten Seiten von „Träume aus Feuer“ unmittelbar in den Bann. Sprachlich bewegt sich der Roman gekonnt zwischen poetischer Eleganz und spannendem historischem Erzählen – mit einem sicheren Gespür für die wesentlichen geschichtlichen Ereignisse, ohne dabei ein klassischer historischer Roman sein zu wollen. Besonders die Detailverliebtheit in Illies’ Beschreibungen fasziniert und verleiht dem Text eine außergewöhnlich dichte Atmosphäre.
Im Mittelpunkt steht, im Gegensatz zu zahlreichen historischen Romanen über die preußischen Hohenzollern des 17. Jahrhunderts, nicht der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, sondern der Alchemist und Glasmacher Johannes Kunckel – eine irgendwie faszinierende Persönlichkeit seiner Zeit und auf seinem Gebiet. Kunckel veröffentlichte bedeutende Werke zur Glaskunst und gewann die Wertschätzung des Kurfürsten, der ihm u.a. sogar die zwischen Potsdam und Berlin in der Havel gelegene Pfaueninsel schenkte. Wie viele Alchemisten seiner Epoche versuchte auch er zunächst, Gold herzustellen – ein Anspruch, der zwangsläufig Konflikte und Fragen mit sich bringt und den er im Verlauf seines Lebens glücklicherweise aufgibt.
Besonders reizvoll erscheint bei „Träume aus Feuer“ die Verbindung aus den Anfängen moderner Wissenschaft, filigraner Handwerkskunst und intrigantem Hofleben: Kunckel soll für den brandenburgischen Hof außergewöhnliche Glasarten herstellen, bei denen Zusammensetzung und Temperatur entscheidend sind. Passend dazu tragen die Kapitel Titel wie „KALT“, „WÄRMER“, „WARM“, „HEISS“, „ZU HEISS“ und „NACHGLÜHEN“. Auch das Cover mit den farbigen Gläsern greift dieses Motiv stimmig auf. Synchron mit diesen Titeln entwickeln sich auch Aufstieg und Untergang des Protagonisten und seiner Familie.
Alle Figuren – es sind für einen auf Geschichte basierenden Roman nur überschaubar viele – wirken authentisch und überzeugend an ihren historischen Vorbildern orientiert. Der Protagonist Johannes Kunckel versteht es meisterhaft, Menschen für sich einzunehmen und geschickt zu manipulieren – sei es den Kurfürsten selbst, dessen Gemahlin oder den Glasschneider Martin Winter. Einzig bei Hofmeister Eberhard Danckelmann und den Kurprinzen scheinen seine Strategien an Grenzen zu stoßen und nicht ohne Folgen zu bleiben.
Die große Stärke des Romans liegt zweifellos in seiner Sprache: bildhaft, atmosphärisch dicht und stilistisch außergewöhnlich elegant. Gleichzeitig bleibt „Träume aus Feuer“ mit seinem vergleichsweise kurzen Umfang eher eine hochwertige Erzählung als ein epischer historischer Roman. Als ehemaliger Feuilletonchef der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG hat der Autor den Blick für das Wesentliche und so gerät sein Werk eher zu einer Art „literarisch extrem hochwertiger Zeitung“. Genau darin liegt jedoch auch eine kleine Schwäche des nur 120 Seiten umfassenden Buches. Obwohl die Geschichte durchgehend fesselt, bleibt der Leser emotional stets ein wenig auf Distanz zum Geschehen. Der leicht nüchterne, beinahe ausschließlich beobachtende Erzählton ohne jegliche Dialoge unter den Figuren des Romans verhindert stellenweise jene unmittelbare Nähe zu den Figuren, die viele Leser besonders an großen historischen Romanen schätzen. Hinzu kommt, dass die Handlung trotz aller sprachlichen Qualität gelegentlich etwas zu kurz erläutert und unabgeschlossen wirkt. Da sowohl der historische Hintergrund der preußischen Hohenzollern um den Großen Kurfürsten und seine Nachkommen als auch Kunckels Schicksal in den Grundzügen bekannt sind, stellt sich stellenweise die Frage, worauf die Erzählung letztlich hinauswill. Gerade wegen des faszinierenden Stoffes hätte der Geschichte deutlich mehr Raum und Entfaltung gutgetan, vielleicht auch einen etwas größeren Lebensabschnitt des Protagonisten umfassen dürfen.
Dennoch bleibt „Träume aus Feuer“ eine poetisch herausragende, geschichtlich korrekte Nacherzählung eines Abschnitts aus dem Leben Johannes Kunckels – jenes Mannes, der die Glaskunst beherrschte wie kaum ein anderer seiner Zeit und dessen Wirken den Übergang von der Alchemie zur modernen Chemie mitprägte. Die Kapitel „NACHGLÜHEN“ und „LITERATUR und DANK“, in denen die wichtigsten Stationen und Ereignisse rund um das Leben Kunckels chronologisch zusammengestellt sind, viele Zusatzinformationen gegeben werden und die Motivation des Autors für das Schreiben des Buches erläutert wird, runden das Werk würdevoll ab.
Fazit: „Träume aus Feuer“ ist ein Roman über den Alchemisten und Glasmacher Johannes Kunckel, der sich keinem der üblichen Genres zuordnen lässt und überzeugt vor allem durch seine atmosphärisch dichte, poetische Sprache und die faszinierende Verbindung aus Alchemie, Glaskunst und höfischer Geschichte. Florian Illies erzählt stilistisch elegant und mit viel Gespür für kurze historische Details über einen wenige Jahre umfassenden Lebensabschnitt des Johannes Kunckel und seine Verbindung zum Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg und dessen Familie sowie zur Pfaueninsel, bleibt dabei jedoch eher beobachtend und distanziert als emotional mitreißend. Der vergleichsweise kurze Umfang des Büchleins lässt zudem manche Entwicklung nur angerissen erscheinen. Trotz kleiner Kritikpunkte bereitet die Lektüre große Freude und hinterlässt vor allem durch ihre sprachliche Qualität und besondere Atmosphäre einen bleibenden Eindruck.