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Veröffentlicht am 17.07.2022

Jeder gegen jeden

Poppy. Dein Kind verschwindet. Und die ganze Welt sieht zu. (Die Emer-Murphy-Serie 1)
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In Oslo verschwindet eines Tages die kleine Poppy, die niedliche zweijährige Tochter der Bloggerin Lotte und ihres Mannes Jens Wiig. Poppys tägliche Präsenz in den sozialen Medien und die Werbung für bestimmte ...

In Oslo verschwindet eines Tages die kleine Poppy, die niedliche zweijährige Tochter der Bloggerin Lotte und ihres Mannes Jens Wiig. Poppys tägliche Präsenz in den sozialen Medien und die Werbung für bestimmte Artikel sichern dem Ehepaar bei 440.000 Followern auf Instagram üppige Einnahmen, zerstören aber jegliche Privatsphäre. Wenn die Eltern also Poppys Bild vor dem Haus der Großeltern posten und bekannt geben, dass sich das Kind in Abwesenheit der Eltern dort aufhält, erfahren das Tausende. Gerade ist ein ganz ähnlicher Fall mit der Rückkehr des Kindes noch einmal gut ausgegangen. Jetzt tappt die Polizei jedoch zunächst völlig im Dunkeln. Die nach einem Zusammenbruch noch krankgeschriebene Ermittlerin Emer Murphy erfährt von dem neuen Fall und beginnt sofort mit der Arbeit. Mit ihren besonderen intuitiven Fähigkeiten hat sie schon so manchen Fall gelöst. Sie will Poppy unbedingt zurückholen, zumal sie selbst durch den Verlust eines Kindes traumatisiert ist.
Erzählt wird die komplizierte Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Neben den beiden Handlungssträngen um das verschwundene Kind und die Ermittlerin Murphy kommen wichtige Themen ausführlich zu Sprache: Pädophilie und die Gefährdung von Kindern durch Exposition im Netz, aber auch eine schwierige Familiensituation, in der jeder etwas zu verbergen hat und rücksichtslos seine eigenen Interessen verfolgt. So weiß Ehemann Jens nichts über die Vergangenheit seiner Frau, die als kindlich aussehendes Cam-Girl Charlie von ihrer Schwester Alex im Netz vermarktet wurde und für viel Geld die speziellen Wünsche von Perversen aller Art erfüllte. Ich finde den Roman zwar überwiegend spannend, aber insgesamt ein wenig wirr, zu konstruiert und von daher wenig plausibel. Dieser Auftakt einer Serie um Emer Murphy hat mich eher enttäuscht.

Veröffentlicht am 24.04.2022

Ende einer Ehe

Auf der Zunge
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In Jennifer Clements neuem Buch verlässt eine namenlose Frau ihre Wohnung in Manhattan in der festen Absicht, ihre lieblose Ehe zu beenden. Ihren Ehering wird sie später einer Obdachlosen schenken. Während ...

In Jennifer Clements neuem Buch verlässt eine namenlose Frau ihre Wohnung in Manhattan in der festen Absicht, ihre lieblose Ehe zu beenden. Ihren Ehering wird sie später einer Obdachlosen schenken. Während sie kreuz und quer durch die Stadt läuft, erinnert sie sich an ihre jüdische Hochzeit und ist froh darüber, wieder vollständig und eins zu sein und nicht nur ein Teil von etwas. Auf ihrem Weg begegnet sie einer Vielzahl unterschiedlicher Männer: dem Dichter, dem Musiker, dem Anwalt, dem Banker, dem Löwenbändiger, dem Räuber usw. Mit allen kommt es spontan zu teilweise sehr persönlichen Gesprächen, mit einigen auch zum Austausch von Zärtlichkeiten. Das verstehe ich als Hinweis auf die Dinge, die in ihrer Ehe gefehlt haben: Zärtlichkeit und Leidenschaft. Einige Männer machen ihr Geschenke: Gras, einen Ehering, einen Stein, ein beschriebenes Papier usw. Aufgelistet werden die Dialoge, aber auch die Gedanken der Frau in einer eigenartigen, poetischen Sprache, die im Original eine Herausforderung für den Übersetzer Nicolai von Schweder-Schreiner gewesen sein muss.
Der Roman ist auch eine Herausforderung für den Leser, denn er erzählt keine stringente Geschichte. Möglicherweise sind nicht einmal die Begegnungen real. Die Frau gibt sich ihren Träumen und Fantasien hin, denkt über die unerfüllten Sehnsüchte eines ganzen Lebens nach. Wenn man „Gebete für die Vermissten“ und „Gun Love“ kennt, kann man nicht glauben, das Jennifer Clement dieses Buch geschrieben hat. Ich empfehle diesen Titel nicht uneingeschränkt.

Veröffentlicht am 19.03.2022

Mysterium Familie

Eine perfekte Familie
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Im Mittelpunkt von Moriartys neuem Roman steht die Familie Delaney. Stan und Joy haben sich mehr als 50 Jahre zuvor beim Tennis kennengelernt und spielen noch immer Doppel zusammen. Auch ihre vier inzwischen ...

Im Mittelpunkt von Moriartys neuem Roman steht die Familie Delaney. Stan und Joy haben sich mehr als 50 Jahre zuvor beim Tennis kennengelernt und spielen noch immer Doppel zusammen. Auch ihre vier inzwischen erwachsenen Kinder Amy, Logan, Troy und Brooke waren begabte Tennisspieler, denen allerdings die ganz große Karriere versagt blieb. Die Eltern betrieben jahrzehntelang eine Tennisschule, die sie kürzlich verkauft haben, um den Ruhestand zu genießen. Die Ehe der Delaneys gilt als glücklich. Doch dann verschwindet Joy am Valentinstag 2020 plötzlich spurlos. Nach einigen Tagen erstatten zwei der Kinder Vermisstenanzeige, und die Polizei ermittelt. Es gibt ein mysteriöses Ereignis im Jahr vor Joys Verschwinden. Eines Tages bittet eine blutende junge Frau namens Savannah an ihrer Tür um Hilfe. Sie erzählt eine Geschichte von einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit ihrem Freund. Joy hilft ihr und lässt sie bei sich wohnen. Stan und die Kinder sehen das Auftauchen der Fremden kritisch. Sie trauen ihr nicht, und schon bald stoßen sie auf eine ganze Reihe von Lügen. Hat sie etwas mit Joys Verschwinden zu tun? Auch Savannah ist nicht auffindbar.
Auf zwei Zeitebenen mit ausführlichen Rückblenden in die Vergangenheit entwickelt die Autorin eine komplexe Familiengeschichte mit Krimielementen, wo letztlich vieles nicht so ist, wie es scheint. Es melden sich immer mehr Unbeteiligte aus dem Umfeld der Familie, die etwas Verdächtiges beobachtet oder gehört haben. Die Polizei folgt falschen Fährten, aber die Indizien, dass Stan etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun hat, verdichten sich immer mehr. Da gibt es Verrat, Täuschung und viele unterdrückte, nie ausgesprochene Gefühle von Kränkung, Enttäuschung und Verbitterung bis hin zu Hass. Bei den Delaneys musste sich immer alles dem Tennissport unterordnen – persönliche Vorlieben ebenso wie die gesamte Lebensplanung. Die größten Opfer hat dabei Joy gebracht. Was macht das Modell „Familie“ mit dem Verhältnis der Ehepartner zu einander, der Eltern zu den Kindern und der Geschwister untereinander? Gibt es am Ende weder eine glückliche Ehe noch eine perfekte Familie?
Ich habe den umfangreichen Roman gern gelesen, obwohl ich finde, dass die Spannung zum Ende hin etwas abfällt und die Auflösung nicht gerade sensationell ist und ein wenig konstruiert wirkt.

Veröffentlicht am 29.01.2022

Auf der Suche nach der Wahrheit

Perfect Day
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Die 24jährige Ann Lesniak besucht im Jahr 2017 eines Abends ihren Vater, einen angesehenen Philosophen und Anthropologen, als er verhaftet und beschuldigt wird, der berüchtigte Schleifenmörder zu sein. ...


Die 24jährige Ann Lesniak besucht im Jahr 2017 eines Abends ihren Vater, einen angesehenen Philosophen und Anthropologen, als er verhaftet und beschuldigt wird, der berüchtigte Schleifenmörder zu sein. Dieser hat in den letzten 14 Jahren in Berlin mindestens 10 Mädchen zwischen 6 und 10 Jahren entführt und ihnen die Pulsadern aufgeschnitten. Den Weg zu ihren Leichen markierte er stets mit roten Schleifen. Ann kann nicht glauben, dass ihr über alles geliebter Vater diese furchtbaren Verbrechen begangen hat. Schließlich hat er sie nach dem frühen Krebstod der Mutter liebevoll aufgezogen. Er war alles für sie und umgekehrt. Sie beginnt sofort auf eigene Faust zu ermitteln, um seine Unschuld zu beweisen, unterstützt von ihrer Freundin Eva und einem jungen Mann namens Jakob, der ihr Vertrauen gewinnt. Dann verschwindet in Süddeutschland ein weiteres Kind, und für Ann werden die Ermittlungen dort immer gefährlicher.
Ich fand den Roman sofort interessant und sehr spannend, weil es mehrere Erzählperspektiven und Zeitebenen gibt. Da lesen wir Gedanken von Ann als Kind, die sie tagebuchartig notiert hat, außerdem Abschnitte von einem unbekannten „Wir“, anscheinend mit Täterwissen, und dann Interviews eines Unbekannten mit dem Täter aus dem Jahr 2021. Viele falsche Fährten machen es nahezu unmöglich, die Lösung zu erraten. Dennoch fand ich den Thriller in der zweiten Hälfte weniger spannend, vor allem weniger glaubwürdig. Manches wirkt zum Ende hin zu konstruiert. Romy Hausmann ist dennoch eine Autorin, die ich im Auge behalten werde. Vor allem werde ich sicherlich noch ihren Debütroman “Liebes Kind“ lesen.

Veröffentlicht am 20.01.2022

Dysfunktionale Familien

Was damals geschah
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Henry Lamb lebt mit seiner 12 Jahre jüngeren, sehr schönen Frau Martina in einem großen Haus in Chelsea. Sein Vater Henry hatte es gekauft, nachdem er seinen schwerreichen Vater Harry beerbt hatte. Die ...


Henry Lamb lebt mit seiner 12 Jahre jüngeren, sehr schönen Frau Martina in einem großen Haus in Chelsea. Sein Vater Henry hatte es gekauft, nachdem er seinen schwerreichen Vater Harry beerbt hatte. Die Lambs haben zwei Kinder, Henry und Lucy. Irgendwann wird das Geld jedoch so knapp, dass Henry nicht einmal mehr eine teure Privatschule besuchen kann. Eines Tages nehmen die Eltern die junge Birdy auf, später David Thomsen mit seiner Frau Stella und den Kindern Phin und Clemency. Es sollte zunächst vorübergehend sein, dann blieben sie auf Dauer, und das Leben aller Beteiligten veränderte sich grundlegend. Der dominante, charismatische David entwickelt sich zu einer Art Sektenführer. Er bringt alle Wertgegenstände an sich, um sie angeblich für wohltätige Zwecke zu spenden, sperrt die Kinder ein und zwingt alle, schwarze Kutten zu tragen und ihm ihre Schuhe auszuhändigen. Die Kinder erleben jahrelang Mangelernährung, Missbrauch und Misshandlungen. Alle haben Angst vor dem cholerischen, gewaltbereiten Mann und ordnen sich ihm unter. Martina Lamb verfällt ihm und denkt gar nicht daran, ihren kranken Mann und die Kinder zu schützen. Irgendwann kommt es zur Katastrophe. Die Polizei findet in der Küche die Leichen des Ehepaars Lamb und eines Unbekannten mit den Initialen D.T. sowie ein wenige Monate altes Baby, das zur Adoption freigegeben wird. Die vier Teenager sind spurlos verschwunden.
Erzählt wird die Geschichte aus drei unterschiedlichen Perspektiven: der des Sohnes Henry, der Tochter Lucy und von Libby Jones, dem adoptierten Baby, das in der Erzählgegenwart gerade 25 geworden ist. Libby erfährt durch einen Brief des Treuhänders, dass sie das Haus in Chelsea erbt, weil mögliche Berechtigte keinen Anspruch erhoben haben und hat damit erstmals die Chance zu erfahren, wer sie wirklich ist. Sie erforscht zusammen mit dem Journalisten Miller Roe, was damals geschehen ist.
Die ständig wechselnde Erzählperspektive macht es dem Leser schwer genauso wie die zwei Zeitebenen und die Personenvielfalt, wobei einige Personen auch noch mehrere Namen haben. Die Geschichte ist spannend mit zahlreichen unerwarteten Handlungsumschwüngen, aber leider etwas unübersichtlich. Auch die Charakterisierung der Figuren überzeugt mich nicht. Das Buch hat mich ein wenig enttäuscht.