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Veröffentlicht am 03.08.2022

Die Geschichte der Susanna Faesch

Susanna
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In seinem neuen Roman “Susanna“ erzählt Alex Capus die Geschichte der Familie Faesch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Lukas und Maria Faesch leben in der Nähe von Basel. Nach den Söhnen wird ...

In seinem neuen Roman “Susanna“ erzählt Alex Capus die Geschichte der Familie Faesch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Lukas und Maria Faesch leben in der Nähe von Basel. Nach den Söhnen wird Jahre nach der zweiten fünfjährigen Verpflichtung des Vaters in der Fremdenlegion die kleine Susanna geboren. Als sich Maria ein paar Jahre später in den deutschen Arzt Karl Valentiny verliebt, der für einige Monate bei ihnen gelebt hatte, trennt sie sich von ihrem Mann. Sie lässt ihre Söhne bei ihrem Mann zurück und folgt Valentiny in die USA, wo sie später heiraten. Susanna wächst in Brooklyn auf. Ihre Begabung für Porträtmalerei zeigt sich schon, als sie noch ein junges Mädchen ist. Sie wird viele Jahre lang ihren Lebensunterhalt mit den Porträts bestreiten, da die Fotografie noch nicht so weit entwickelt ist. Susanna heiratet einen Schweizer Arzt, einen Bekannten ihres Stiefvaters. Das Paar trennt sich, nachdem Susanna ein Kind von einem anderen Mann bekommen hat. Ihren Sohn Christie zieht sie zusammen mit ihrer Mutter auf. Mit Christie wird sie in den Westen reisen, um Sitting Bull zu treffen, der ein paar Jahre vorher General Custer vernichtend geschlagen hatte. Sie will ihn vor den sich nähernden Soldaten warnen und malt sein Porträt.
“Susanna“ ist das Porträt einer starken Frau, die es wirklich gegeben hat. Der Autor zeigt sie vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund, zu dem der Bau der Brooklyn Bridge, die Erfindung der Glühbirne durch Thomas Edison, die Nutzung von Elektrizität im privaten und öffentlichen Raum, vor allem aber der Umgang der Weißen mit den Ureinwohnern gehören. Sie verlieren ihr Leben und den größten Teil ihres Landes und mit den riesigen, von den Weißen ausgerotteten Büffelherden auch ihre Existenzgrundlage.
Capus erzählt mit wechselnden Perspektiven vor allem eine Familiengeschichte um die lange Zeit vergessene Malerin Susanna Faesch, ohne auf ihre jahrelangen Aktivitäten als Kämpferin für die Rechte der indigenen Völker einzugehen. Auch den traurigen Schluss der Geschichte, dass Susanna Sitting Bull nicht retten kann und es zu weiteren blutigen Massakern kommt, lässt der Autor weg. Insgesamt hat mich das Buch etwas enttäuscht. Kein späterer Roman hat mir im Übrigen so gut gefallen wie “Leon und Louise“.

Veröffentlicht am 17.07.2022

Jeder gegen jeden

Poppy. Dein Kind verschwindet. Und die ganze Welt sieht zu. (Die Emer-Murphy-Serie 1)
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In Oslo verschwindet eines Tages die kleine Poppy, die niedliche zweijährige Tochter der Bloggerin Lotte und ihres Mannes Jens Wiig. Poppys tägliche Präsenz in den sozialen Medien und die Werbung für bestimmte ...

In Oslo verschwindet eines Tages die kleine Poppy, die niedliche zweijährige Tochter der Bloggerin Lotte und ihres Mannes Jens Wiig. Poppys tägliche Präsenz in den sozialen Medien und die Werbung für bestimmte Artikel sichern dem Ehepaar bei 440.000 Followern auf Instagram üppige Einnahmen, zerstören aber jegliche Privatsphäre. Wenn die Eltern also Poppys Bild vor dem Haus der Großeltern posten und bekannt geben, dass sich das Kind in Abwesenheit der Eltern dort aufhält, erfahren das Tausende. Gerade ist ein ganz ähnlicher Fall mit der Rückkehr des Kindes noch einmal gut ausgegangen. Jetzt tappt die Polizei jedoch zunächst völlig im Dunkeln. Die nach einem Zusammenbruch noch krankgeschriebene Ermittlerin Emer Murphy erfährt von dem neuen Fall und beginnt sofort mit der Arbeit. Mit ihren besonderen intuitiven Fähigkeiten hat sie schon so manchen Fall gelöst. Sie will Poppy unbedingt zurückholen, zumal sie selbst durch den Verlust eines Kindes traumatisiert ist.
Erzählt wird die komplizierte Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Neben den beiden Handlungssträngen um das verschwundene Kind und die Ermittlerin Murphy kommen wichtige Themen ausführlich zu Sprache: Pädophilie und die Gefährdung von Kindern durch Exposition im Netz, aber auch eine schwierige Familiensituation, in der jeder etwas zu verbergen hat und rücksichtslos seine eigenen Interessen verfolgt. So weiß Ehemann Jens nichts über die Vergangenheit seiner Frau, die als kindlich aussehendes Cam-Girl Charlie von ihrer Schwester Alex im Netz vermarktet wurde und für viel Geld die speziellen Wünsche von Perversen aller Art erfüllte. Ich finde den Roman zwar überwiegend spannend, aber insgesamt ein wenig wirr, zu konstruiert und von daher wenig plausibel. Dieser Auftakt einer Serie um Emer Murphy hat mich eher enttäuscht.

Veröffentlicht am 24.04.2022

Ende einer Ehe

Auf der Zunge
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In Jennifer Clements neuem Buch verlässt eine namenlose Frau ihre Wohnung in Manhattan in der festen Absicht, ihre lieblose Ehe zu beenden. Ihren Ehering wird sie später einer Obdachlosen schenken. Während ...

In Jennifer Clements neuem Buch verlässt eine namenlose Frau ihre Wohnung in Manhattan in der festen Absicht, ihre lieblose Ehe zu beenden. Ihren Ehering wird sie später einer Obdachlosen schenken. Während sie kreuz und quer durch die Stadt läuft, erinnert sie sich an ihre jüdische Hochzeit und ist froh darüber, wieder vollständig und eins zu sein und nicht nur ein Teil von etwas. Auf ihrem Weg begegnet sie einer Vielzahl unterschiedlicher Männer: dem Dichter, dem Musiker, dem Anwalt, dem Banker, dem Löwenbändiger, dem Räuber usw. Mit allen kommt es spontan zu teilweise sehr persönlichen Gesprächen, mit einigen auch zum Austausch von Zärtlichkeiten. Das verstehe ich als Hinweis auf die Dinge, die in ihrer Ehe gefehlt haben: Zärtlichkeit und Leidenschaft. Einige Männer machen ihr Geschenke: Gras, einen Ehering, einen Stein, ein beschriebenes Papier usw. Aufgelistet werden die Dialoge, aber auch die Gedanken der Frau in einer eigenartigen, poetischen Sprache, die im Original eine Herausforderung für den Übersetzer Nicolai von Schweder-Schreiner gewesen sein muss.
Der Roman ist auch eine Herausforderung für den Leser, denn er erzählt keine stringente Geschichte. Möglicherweise sind nicht einmal die Begegnungen real. Die Frau gibt sich ihren Träumen und Fantasien hin, denkt über die unerfüllten Sehnsüchte eines ganzen Lebens nach. Wenn man „Gebete für die Vermissten“ und „Gun Love“ kennt, kann man nicht glauben, das Jennifer Clement dieses Buch geschrieben hat. Ich empfehle diesen Titel nicht uneingeschränkt.

Veröffentlicht am 19.03.2022

Mysterium Familie

Eine perfekte Familie
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Im Mittelpunkt von Moriartys neuem Roman steht die Familie Delaney. Stan und Joy haben sich mehr als 50 Jahre zuvor beim Tennis kennengelernt und spielen noch immer Doppel zusammen. Auch ihre vier inzwischen ...

Im Mittelpunkt von Moriartys neuem Roman steht die Familie Delaney. Stan und Joy haben sich mehr als 50 Jahre zuvor beim Tennis kennengelernt und spielen noch immer Doppel zusammen. Auch ihre vier inzwischen erwachsenen Kinder Amy, Logan, Troy und Brooke waren begabte Tennisspieler, denen allerdings die ganz große Karriere versagt blieb. Die Eltern betrieben jahrzehntelang eine Tennisschule, die sie kürzlich verkauft haben, um den Ruhestand zu genießen. Die Ehe der Delaneys gilt als glücklich. Doch dann verschwindet Joy am Valentinstag 2020 plötzlich spurlos. Nach einigen Tagen erstatten zwei der Kinder Vermisstenanzeige, und die Polizei ermittelt. Es gibt ein mysteriöses Ereignis im Jahr vor Joys Verschwinden. Eines Tages bittet eine blutende junge Frau namens Savannah an ihrer Tür um Hilfe. Sie erzählt eine Geschichte von einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit ihrem Freund. Joy hilft ihr und lässt sie bei sich wohnen. Stan und die Kinder sehen das Auftauchen der Fremden kritisch. Sie trauen ihr nicht, und schon bald stoßen sie auf eine ganze Reihe von Lügen. Hat sie etwas mit Joys Verschwinden zu tun? Auch Savannah ist nicht auffindbar.
Auf zwei Zeitebenen mit ausführlichen Rückblenden in die Vergangenheit entwickelt die Autorin eine komplexe Familiengeschichte mit Krimielementen, wo letztlich vieles nicht so ist, wie es scheint. Es melden sich immer mehr Unbeteiligte aus dem Umfeld der Familie, die etwas Verdächtiges beobachtet oder gehört haben. Die Polizei folgt falschen Fährten, aber die Indizien, dass Stan etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun hat, verdichten sich immer mehr. Da gibt es Verrat, Täuschung und viele unterdrückte, nie ausgesprochene Gefühle von Kränkung, Enttäuschung und Verbitterung bis hin zu Hass. Bei den Delaneys musste sich immer alles dem Tennissport unterordnen – persönliche Vorlieben ebenso wie die gesamte Lebensplanung. Die größten Opfer hat dabei Joy gebracht. Was macht das Modell „Familie“ mit dem Verhältnis der Ehepartner zu einander, der Eltern zu den Kindern und der Geschwister untereinander? Gibt es am Ende weder eine glückliche Ehe noch eine perfekte Familie?
Ich habe den umfangreichen Roman gern gelesen, obwohl ich finde, dass die Spannung zum Ende hin etwas abfällt und die Auflösung nicht gerade sensationell ist und ein wenig konstruiert wirkt.

Veröffentlicht am 29.01.2022

Auf der Suche nach der Wahrheit

Perfect Day
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Die 24jährige Ann Lesniak besucht im Jahr 2017 eines Abends ihren Vater, einen angesehenen Philosophen und Anthropologen, als er verhaftet und beschuldigt wird, der berüchtigte Schleifenmörder zu sein. ...


Die 24jährige Ann Lesniak besucht im Jahr 2017 eines Abends ihren Vater, einen angesehenen Philosophen und Anthropologen, als er verhaftet und beschuldigt wird, der berüchtigte Schleifenmörder zu sein. Dieser hat in den letzten 14 Jahren in Berlin mindestens 10 Mädchen zwischen 6 und 10 Jahren entführt und ihnen die Pulsadern aufgeschnitten. Den Weg zu ihren Leichen markierte er stets mit roten Schleifen. Ann kann nicht glauben, dass ihr über alles geliebter Vater diese furchtbaren Verbrechen begangen hat. Schließlich hat er sie nach dem frühen Krebstod der Mutter liebevoll aufgezogen. Er war alles für sie und umgekehrt. Sie beginnt sofort auf eigene Faust zu ermitteln, um seine Unschuld zu beweisen, unterstützt von ihrer Freundin Eva und einem jungen Mann namens Jakob, der ihr Vertrauen gewinnt. Dann verschwindet in Süddeutschland ein weiteres Kind, und für Ann werden die Ermittlungen dort immer gefährlicher.
Ich fand den Roman sofort interessant und sehr spannend, weil es mehrere Erzählperspektiven und Zeitebenen gibt. Da lesen wir Gedanken von Ann als Kind, die sie tagebuchartig notiert hat, außerdem Abschnitte von einem unbekannten „Wir“, anscheinend mit Täterwissen, und dann Interviews eines Unbekannten mit dem Täter aus dem Jahr 2021. Viele falsche Fährten machen es nahezu unmöglich, die Lösung zu erraten. Dennoch fand ich den Thriller in der zweiten Hälfte weniger spannend, vor allem weniger glaubwürdig. Manches wirkt zum Ende hin zu konstruiert. Romy Hausmann ist dennoch eine Autorin, die ich im Auge behalten werde. Vor allem werde ich sicherlich noch ihren Debütroman “Liebes Kind“ lesen.