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Veröffentlicht am 03.08.2022

Die Geschichte einer starken Frau

Matrix
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Lauren Groffs neuer Roman “Matrix“ spielt im 12. Jahrhundert und erzählt die Geschichte von Marie de France. Die 17jährige Marie ist Vollwaise und wird von ihrer Halbschwester Eleonore als Priorin in einem ...

Lauren Groffs neuer Roman “Matrix“ spielt im 12. Jahrhundert und erzählt die Geschichte von Marie de France. Die 17jährige Marie ist Vollwaise und wird von ihrer Halbschwester Eleonore als Priorin in einem heruntergekommenen, völlig verarmten Kloster in einer englischen Sumpflandschaft eingesetzt. Sie ist so unattraktiv, dass sie am Hof nicht mehr tragbar ist und auch nicht verheiratet werden kann. In dem Kloster leben noch 20 dürre Nonnen, die anderen sind an Seuchen gestorben oder verhungert. In der ersten Zeit will Marie nur unbedingt an den Hof zurück, muss aber einsehen, dass das nicht passieren wird. Dann erwacht ihre Tatkraft, und sie setzt ihren ganzen Mut und ihre Willensstärke ein, um das Kloster und die ihr anvertrauten Schwestern zu retten. Sie treibt bei säumigen Pächtern den fälligen Pachtzins ein, renoviert das Kloster, kümmert sich um Landwirtschaft und Viehzucht und setzt die Amtsträgerinnen so geschickt ein, dass das Kloster zu Ansehen und Reichtum kommt. Das weckt den Neid und die Gier der kirchlichen Vorgesetzten und des Hofs, aber auch der Dörfler. Marie lässt sich einiges zum Schutz ihrer Töchter einfallen und hat ein Netz von Informanten, die sie über geplante Attacken aller Art informieren.
Auch das Leben in der Gemeinschaft ist nicht frei von Problemen. Es gibt verbotene Lust, Schwangerschaft und Geburt, aber vor allem Neid, Missgunst und Intrigen und Kritik an Maries Arroganz und ihrem selbstherrlichen Anspruch, in ihrer Position als selbsternannte Heilige über kirchlichem und weltlichem Recht zu stehen. Sie hat Visionen, in denen ihr die Jungfrau Maria erscheint und ihr neue Wege aufzeigt.
Groffs Roman zeichnet kenntnisreich und sprachlich sehr gelungen das Porträt des klösterlichen Lebens im 12. Jahrhundert und beschreibt zugleich fünf Jahrzehnte im Leben einer intelligenten, starken Frau mit außerordentlichen Führungsqualitäten, die den Roman teilweise wie eine feministische Utopie wirken lassen. “Matrix“ ist Fiktion, denn über die reale Marie de France, eine Dichterin von Lais, ist sehr wenig bekannt, nicht einmal, ob sie tatsächlich in einem Kloster gelebt hat.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen, obwohl ich sonst selten historische Romane lese. Ich empfehle ihn ohne Einschränkung.

Veröffentlicht am 03.08.2022

Es ist immer eine Frage des Geldes

Die Wunder
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Elena Medels gefeierter Debütroman “Die Wunder“ erzählt eine Familiengeschichte über einen Zeitraum von knapp 50 Jahren: 1969-2018. Großmutter Maria wird nach einer Beziehung mit einem verheirateten Mann ...

Elena Medels gefeierter Debütroman “Die Wunder“ erzählt eine Familiengeschichte über einen Zeitraum von knapp 50 Jahren: 1969-2018. Großmutter Maria wird nach einer Beziehung mit einem verheirateten Mann schwanger und muss Cordoba verlassen. Sie lebt danach in Madrid und arbeitet als Kindermädchen und Hausangestellte. Ihre Tochter Carmen wird von ihrer Familie aufgezogen. Maria erfährt nur über ihren jüngeren Bruder Chico Dinge aus dem Leben der Tochter. Maria führt ein Leben im Prekariat in einer winzigen Mietwohnung mit schlecht bezahlten Jobs. Sie hat in Pedro einen Partner, den sie nie heiratet und mit dem sie auch nach 24 Jahren nicht zusammenleben will. Der Leser erfährt, was es bedeutete, in dieser Zeit eine Frau zu sein: in der Öffentlichkeit hat sie nicht das Recht sich zu gesellschaftlichen und politischen Themen zu äußern, obwohl sie belesen ist und sich auszudrücken weiß. Durch häusliche Diskussionen liefert sie ihrem Partner Argumente und Formulierungshilfen. Frauen redeten bei Treffen nur mit Frauen, und zwar über Schwangerschaft und Geburt, Kochrezepte und Schönheitstipps. Obwohl sich nach dem Ende der Diktatur - Franco starb 1975 - und dem Sieg der linken Partei Partido Socialista Obrero Espanol (PSOE) im Jahr 1982 die gesellschaftlichen Verhältnisse in Spanien änderten, wiederholt Enkelin Alicia in gewissem Umfang die Erfahrungen der unbekannten Großmutter. Als ihr geschäftlich zunächst sehr erfolgreicher Vater nach seinem Bankrott Selbstmord begeht, stürzt auch sie gesellschaftlich ab und lebt in ebenso prekären Verhältnissen wie Maria.
Medel erzählt auf zwei Zeitebenen und mit wechselnder Perspektive Marias und Alicias Geschichte. Es geht um das Gewicht der Familie im Leben einer Frau, um die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse und immer wieder um Geld, vor allem den Mangel an Geld. Inwieweit definiert uns das Geld, das wir nicht haben? Welche Verantwortung, Erwartungen, Sehnsüchte und Sorgen machen das Leben einer Frau aus?
Mir hat der nicht gerade mühelos zu lesende Roman trotzdem gefallen, weil es Frauenschicksale vom Ende der Franco-Diktatur bis zu den Krisen unserer Zeit eindrucksvoll präsentiert. Eine empfehlenswerte Lektüre, aber nicht für jeden Leser.

Veröffentlicht am 17.07.2022

Die Geschichte der Casadios

An den Ufern von Stellata
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In ihrem Debütroman „An den Ufern von Stellata“ erzählt Daniela Raimondi die sieben Generationen umfassende Geschichte der Familie Casadio – von 1800 bis 2013. Es beginnt mit Giacomo Casadio, der sich ...


In ihrem Debütroman „An den Ufern von Stellata“ erzählt Daniela Raimondi die sieben Generationen umfassende Geschichte der Familie Casadio – von 1800 bis 2013. Es beginnt mit Giacomo Casadio, der sich in ein Mitglied des fahrenden Volkes verliebt. Die Gruppe musste wegen starker Regenfälle in der Nähe des Ortes Stellata in der Lombardei überwintern und bleibt für immer. Giacomo und Viollca werden ein Paar. Durch diese Verbindung gibt es über Generationen den hellhäutigen Zweig der Familie und den dunkelhäutigen mit braunen Augen und dichter schwarzer Mähne. Viollca bringt ein übersinnliches Element in die Geschichte, nicht nur durch die merkwürdigen Federn in ihren Haaren, sondern auch durch ihre Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken. Auch in den folgenden Generationen gibt es immer wieder einzelne Mitglieder der Familie, die über solche Fähigkeiten verfügen.
Erzählt wird die Familiensaga unter Einbeziehung der Zeitgeschichte: 1. und 2. Weltkrieg, der Kampf der Partisanen, die Roten Brigaden usw. So ist der Roman zugleich Familiengeschichte und Geschichtsbuch. Der Roman liest sich gut, obwohl die Personenvielfalt ein wenig für Verwirrung sorgt. Es empfiehlt sich, einen Stammbaum anzulegen, um nicht den Überblick zu verlieren. Trotz einiger Längen im letzten Drittel hat mir das Buch gut gefallen, und ich empfehle es gern.

Veröffentlicht am 17.07.2022

Ein Roman verändert Leben

Das Glück auf der letzten Seite
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Eine junge Frau namens Anne-Lise will ein paar Urlaubstage in der Bretagne verbringen und reserviert das Zimmer 128 im Hotel Beau Rivage. Dort findet sie zu ihrem großen Erstaunen ein altes Manuskript. ...

Eine junge Frau namens Anne-Lise will ein paar Urlaubstage in der Bretagne verbringen und reserviert das Zimmer 128 im Hotel Beau Rivage. Dort findet sie zu ihrem großen Erstaunen ein altes Manuskript. Sie liest den Roman und ist sehr davon angetan. Dann schickt sie das Manuskript an die beigefügte Andresse. Wie sich herausstellt, hat Sylvestre, der Autor, seinen Text seit über 30 Jahren nicht mehr gesehen und weiß auch nicht, wer den Schluss verfasst hat. Beide beginnen mit den Nachforschungen, um herauszufinden, durch welche Hände der Roman gegangen ist und wie das alles zusammenhängt.
Bonidan wählt die ungewöhnliche Form des Briefromans. Wir lesen die Korrespondenz von einer wachsenden Zahl von Personen, die sich schreiben, zum Teil begegnen. Auf diese Weise werden immer mehr Indizien zusammengetragen, die den Leser die Geschichte zurückverfolgen lassen. Das Manuskript selbst bekommen wir nicht zu sehen. Dafür werden wir Zeugen von erstaunlichen Veränderungen: Menschen verlassen ihre selbstgewählte Isolation und nehmen wieder am Leben Teil, andere verlieben sich und fangen eine Beziehung an. Allerhand Geheimnisse aus der Vergangenheit kommen ans Licht. Am Ende ist das Leben aller Beteiligten ein anderes.
Ich habe den Roman gern gelesen, obwohl ich die wachsende Personenzahl teilweise etwas verwirrend fand und man anders als bei einer stringenten Handlung leichter den Überblick verliert, welche vielfältigen Verbindungen es zwischen einzelnen Figuren gibt. Mir gefällt der Roman, wobei mich die Autorin nicht erst davon überzeugen musste, dass Bücher Leben verändern. Sehr empfehlenswert.

Veröffentlicht am 16.07.2022

Gesellschaft in der Krise

Die Arena
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Dass Paris nicht nur ein fotogenes Traumziel für Touristen aus aller Welt, sondern durchaus auch Schauplatz von blutigen Konflikten und Terrorakten ist, wissen wir spätesten seit Charlie Hebdo und Bataclan. ...

Dass Paris nicht nur ein fotogenes Traumziel für Touristen aus aller Welt, sondern durchaus auch Schauplatz von blutigen Konflikten und Terrorakten ist, wissen wir spätesten seit Charlie Hebdo und Bataclan. Benjamin Grossmann stammt aus dem armen Pariser Osten, hat es aber beruflich geschafft. Er ist Chef des amerikanischen Streaming-Anbieters BeCurrent und geht demnächst nach Dublin. Eines Tages wird ihm in einem Lokal sein Handy gestohlen. Er denkt, es war ein junger Mann, der ihn angerempelt hat. Er verfolgt ihn und schlägt ihn brutal. Einen Tag später wird dieser junge Mann am Canal St. Martin tot aufgefunden. Eine türkischstämmige Polizistin findet den Jungen und versetzt ihm einen Tritt in die Seite, um ihn zum Aufstehen zu bewegen. Schülerin Camille alias @corky filmt die Szene und schneidet aus den Bildern ihre bisher eindrucksvollste Sequenz über Polizeigewalt, die sofort viral geht, allerdings nichts mit dem Vorfall zu tun hat, wie er sich wirklich abgespielt hat. Unsicherheit und Angst, Hass und Gewalt nehmen zu, und es kommt zu einer unaufhaltsamen Eskalation mit vielen Toten und hohen Sachschäden. Das Leben aller Menschen, die zu den genannten Ereignissen in irgendeiner Beziehung stehen, verändert sich für immer. Vor allem Benjamin Grossmann muss sich von nun an fragen, ob er am Tod des Jungen eine Mitschuld trägt, oder ob es sich tatsächlich um eine weitere blutige Auseinandersetzung von verfeindeten Gangs verschiedener Cités handelt.

Die gebürtige Iranerin Djavadi lebt selbst seit Jahrzehnten im Pariser Osten und kennt die Probleme sehr genau. Anhand ihrer fiktiven Geschichte übt sie scharfe Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich so lange nicht ändern werden, wie die Mächtigen nicht sehen, dass solche Ereignisse kein lokales Problem sind, sondern eine Folge der Art und Weise, wie die Franzosen mit Immigration, Integration und den Flüchtlingsströmen umgehen. Wenn Menschen anderer Rassen und einer ursprünglich anderen Nationalität auch in der zweiten und dritten Generation nicht integriert sind, wenn junge Menschen keine Lebensperspektive haben und Drogen und Kriminalität ihr Leben bestimmen, läuft etwas grundlegend falsch.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen, obwohl er sich wegen der Personenvielfalt, den vielen verschiedenen Geschichten und Schauplätzen nicht mühelos liest und durchaus einige Längen hat. Ich halte ihn für ein gelungenes, sehr wichtiges Gesellschaftsporträt.