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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.08.2022

Brunetti ermittelt wieder

Milde Gaben
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In diesem Krimi ist wieder (fast) alles beim Alten: Guido Brunetti darf in seinem 31. Fall seine grauen Zellen anstrengen, seine Schwiegermutter über Tratsch und Klatsch ausfragen, Signorina Elettra auf ...

In diesem Krimi ist wieder (fast) alles beim Alten: Guido Brunetti darf in seinem 31. Fall seine grauen Zellen anstrengen, seine Schwiegermutter über Tratsch und Klatsch ausfragen, Signorina Elettra auf ihrer Recherche zahlreiche mitunter nicht ganz legale Wege beschreiten und Venedig in seinem alten Glanz erstrahlen.

Worum geht‘s eigentlich genau?

Elisabetta, Brunettis Jugendfreundin erscheint in der Questura und gibt an, die Familie ihrer Tochter würde bedroht. Brunetti möge doch eine verdeckte Ermittlung befehlen. Bei ihrer ersten Betrachtung sehen weder Brunetti noch Vianello ein Bedrohungsszenario. Die Tochter ist eine geschätzte Tierärztin und der Schwiegersohn Buchhalter für eine wohltätige Stiftung.

Als wenig später die Tierarztpraxis verwüstet wird, ermitteln Brunetti & Co nun offiziell und können nun auch die Stiftung ein bisschen beleuchten. Dabei treffen sie auf den Namen eines Vizeadmirals, der im Vorstand sitzt, aber seit Jahren dement ist. Alles nur Schimäre? Und wohin versackt das Geld, das angeblich für ein Krankenhaus in Südamerika gesammelt wird?

Meine Meinung:

Reifen quietschende Verfolgungsjagden sucht man in Venedig mangels Straßen ohnehin vergebens, atemraubende Spannung ebenso. Dennoch hat mir dieser Krimi besser gefallen als so mancher Vorgänger. Durch einige Sackgassen wird dennoch Spannung aufgebaut, die bis zum Schluss gehalten wird.

Die Conclusio? Um Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen, ist vielen Verbrechern jedes Mittel recht. Hier wird auf die Gutgläubigkeit der Spender vertraut, die Hochglanzbroschüren Glauben schenken.

Gut gelungen ist die Beschreibung des dementen Vizeadmirals, der eigentlich der Hauptleidtragende dieses Krimis ist.

Fazit:

Wieder ein gelungener Brunetti-Krimi, dem ich gerne 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 27.08.2022

Kein Durchschnittskrimi

Bruch: Ein dunkler Ort
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Nicole Schauer tritt ihren Dienst bei der Kripo Dresden an und bekommt es in gleich am ersten Tag mit dem Verschwinden eines zwölfjährigen Mädchens zu tun. Gemeinsam mit Felix Bruch soll sie das Mädchen ...


Nicole Schauer tritt ihren Dienst bei der Kripo Dresden an und bekommt es in gleich am ersten Tag mit dem Verschwinden eines zwölfjährigen Mädchens zu tun. Gemeinsam mit Felix Bruch soll sie das Mädchen finden. Schauer gilt als aggressiv, ihr neuer Partner als eigen. Niemand will mit ihm zusammenarbeiten, da sein früherer Partner Michael bei einem Einsatz im brennenden Auto ums Leben gekommen ist, und Bruch nicht geholfen haben soll. Je länger Schauer mit Bruch zusammenarbeitet, desto mehr kommen ihr Zweifel an seiner Dienstfähigkeit.


Meine Meinung:

Ich habe mich auf die neue Reihe von Frank Goldammer sehr gefreut, kenne ich doch neben der Reihe mit seinem bekanntesten Ermittler Max Heller auch jene mit Falk Tauner und Tobias Falck.

Mit diesem neuen Ermittler-Duo Schauer & Bruch tue ich mir ehrlich gesagt ein wenig schwer. Beide haben ein mächtiges Paket nicht aufgearbeiteter Vergangenheit auf dem Buckel.

Schon die Krimihandlung selbst ist sehr spannungsgeladen. Da verschwindet Celina, wie schon vor zwei Jahren Linda. Als Linda damals nach zwei Wochen wieder auftaucht, wird sie von ihren Eltern abgeschirmt und darf weder von Ärzten, Polizei oder von Psychologen befragt werden. Ein äußerst eigenartiges Verhalten der Eltern.

Doch die fieberhafte Suche nach Celina geht stellenweise in den psychischen Problemen der beiden Ermittler unter. Zwischendurch erfahren wir einiges aus der Vergangenheit der beiden, was sie dann doch sympathisch macht.

Gruselig ist das Umfeld des verschwundenen Mädchens: Da gibt es eine Gruppe von männlichen Jugendlichen mit einem erschreckenden Frauenbild, Eltern, die wie Sektenmitglieder wirken, Dorfbewohner, die zu Lynchjustiz bereit sind und eine Journalistin, die Polizeiinterna weiß, bei denen man sich fragen muss, wer die undichte Stelle ist.

Schmunzeln musste ich bei diesem Teil des Gesprächs zwischen Schauer und ihrem Chef Karsten Simon (S.358):

„Ich sehe mich leider trotzdem gezwungen, Sie zu einem Aggressionskurs anzumelden, den Sie zu besuchen haben. Das ist ein Befehl.“

Und die Schauer kontert: „Danke, bin schon aggressiv.“

Also alles in allem ein an sich schon komplexer Fall, der durch die beiden schwierigen Ermittler noch erschwert wird. Für mich spielt auch der Vorgesetzte der beiden eine undurchsichtige Rolle. Die wird vermutlich erst in einem der nächsten Bände aufgeklärt werden. Andeutungen in mehrere Richtungen gibt es einige. Schauen wir einmal, in welche sich das neue Team Schauer & Bruch entwickelt.

Fazit:

Diesem Krimi, der wahrlich keine Durchschnittskost ist, gebe ich gerne 5 Sterne.

Veröffentlicht am 25.08.2022

Ein gelungenes Krimidebüt

Die Zisternenleiche
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In einer fiktiven Kleinstadt im nördlichen Waldviertel wird die Journalistin Simone Kundra tot in der Zisterne der Stadt aufgefunden. Als Kind der Stadt kannte sie die Abgründe der Stadt und berichtete ...

In einer fiktiven Kleinstadt im nördlichen Waldviertel wird die Journalistin Simone Kundra tot in der Zisterne der Stadt aufgefunden. Als Kind der Stadt kannte sie die Abgründe der Stadt und berichtete auch immer wieder über Mauscheleien sowie Skandale. Diesmal, so scheint es, ist war den Malversationen rund um den Autobahnbau auf der Spur. Doch auch in Kundras Vergangenheit gibt es einen schwarzen Schatten: gemeinsam mit ihren Cousinen Lili und Helene war sie in einen tödlichen Autounfall verwickelt, der die Verwandten zu Todfeinden werden ließ.

Mit der Aufklärung des Mordes ist Frau Oberstleutnant Dr. Schamburek betraut, eine kompetente wie schrille Persönlichkeit. Ihr Umgangston mit Verdächtigen, Kollegen und Untergebenen ist so rau wie legendär und ihre farbenfrohe extravagante Kleidung lässt so manches Gegenüber glauben, mit der Ermittlerin ein leichtes Spiel zu haben.

Meine Meinung:

Mir hat dieser Waldviertel-Krimi sehr gut gefallen. Er ist der richtige Mix aus Spannung, Polizeiarbeit und Lokalkolorit, der durch die schräge Frau Oberstleutnant herrlich aufgelockert wird. Ich kann sie mir perfekt vorstellen, wenn sie in Highheels, in orangefarbenen Minirock und eine überdimensionalen pinkfarbenen (!) Handtasche über den Hauptplatz stöckelt. Vermutlich ist die Stadt Weitra, deren Stadttor das Cover ziert, Pate für die fiktive Kleinstadt gestanden hat, ist der Hauptplatz eine Herausforderung für Stöckelschuhe - Granitwürfelpflaster. Immerhin lebt die Autorin dort.

Die Charakter habe alle ihre Ecken und Kanten. Und auch hinter der „Mistfuchtl“ (© Assistent Schaller) steckt ein sensibler Mensch. Die Autorin hat die Mechanismen einer Kleinstadt, die jahrzehntelang durch den Eisernen Vorhang geprägt worden ist, sehr gut getroffen. Man kennt sich, weiß, wer welche sprichwörtliche (und manchmal echte) Leiche im Keller versteckt hat. Diese Mauern des Schweigen zu durchbrechen ist nicht immer einfach und benötigt Chuzpe sowie den einen oder anderen gewagten Schachzug.

Die Figur der Frau Oberstleutnant hat Potenzial zu einer Hauptdarstellerin in einer neuen Reihe. Ich würde sie gern bei weiteren Ermittlungen begleiten.


Mein Fazit:

Ein fesselnder Regionalkrimi mit interessanten Charakteren, dem ich gerne 5 Sterne geb.

Veröffentlicht am 23.08.2022

Eine Annäherung an seinen Vater

Meines Vaters Heimat
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Nach dem Tod des Vaters schlummern dessen Briefe, Tagebücher und andere Aufzeichnungen vorerst einmal für lange Jahre fast vergessen auf dem Dachboden des Hauses, bis der Sohn und Autor die vergilbten ...

Nach dem Tod des Vaters schlummern dessen Briefe, Tagebücher und andere Aufzeichnungen vorerst einmal für lange Jahre fast vergessen auf dem Dachboden des Hauses, bis der Sohn und Autor die vergilbten Briefe aus dem KZ Fuhlsbüttel entdeckt und glaubt, der Briefschreiber Walter sei der Zwillingsbruder seines Vaters Michael, der in den Wirren des Zweiten Weltkriegs auf ungeklärte Weise verschwunden ist. Als er dann begreift, dass Walter und Michael ein und dieselbe Person sind, ist seine Neugier geweckt und begibt sich auf Spurensuche.

Denn er kennt seinen Vater Michael nur als Leiter des militärpsychologischen Instituts und Hochschullehrer, der nebenbei noch für schwedische Zeitungen schreibt.

Da er weder deutsch noch die Sütterlinschrift beherrscht, muss er die Texte transkribieren und übersetzen lassen.

Dabei entdeckt er, dass die Lebensgeschichte seines Vaters schon lange auch seine eigene ist.

Meine Meinung:

Dieses Buch ist ein sehr wichtiges, jedoch an manchen Stellen kaum auszuhalten.
Sehr spannend zu lesen ist, dass nicht nur Täter ihre NS-Vergangenheit verschwiegen haben, sondern auch das Opfer des Regimes Walter. Es ist wie so oft, dass man erst nach dem Tod eines Angehörigen diesen erst kennenlernt, aber es zu spät ist, Fragen zu stellen und beantwortet zu bekommen. Alles was Torkel recherchiert (und das ist nicht wenig), ist aus zweiter oder gar dritter Hand.

Torkel S. Wächter beschreibt die Annäherung an seinen Vater, seine eigenen Zweifel, sein Konvertieren zum Judentum und sein ererbtes Trauma.

Nicht immer ganz chronologisch rekonstruiert Wächter das Leben seines Vater anhand der Dokumente und betagten Weggefährten. Als er sich eines Übersetzers für deutsch und Sütterlin bedient, weiß er noch nicht, dass dieser Mann seine Angebot dazu benützt, sein eigenes Gewissen zu beruhigen und sich zahlreiche Unverschämtheiten herausnimmt.

Dieses Buch spielt in mehreren Zeitebenen. Durch zahlreiche Rückblicke kann der Leser tief in die Gräuel der NS-Zeit eintauchen, was nicht immer leicht zu ertragen ist.

Fazit:

Ein tragische und gleichsam berührendes Eintauchen in die Welt des Vaters, von der Torkel S. Wächter so gar keine Ahnung hatte. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 21.08.2022

Sprachlich wunderbar

Doppelleben
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Alain Claude Sulzer entführt uns in seinem neuen Roman "Doppelleben" in die Zeit Napoleon III. Die Gebrüder Jules und Edmond de Goncourt leben seit dem Tod der Mutter in einem einem gemeinsame Haushalt. ...

Alain Claude Sulzer entführt uns in seinem neuen Roman "Doppelleben" in die Zeit Napoleon III. Die Gebrüder Jules und Edmond de Goncourt leben seit dem Tod der Mutter in einem einem gemeinsame Haushalt. Ver- und umsorgt werden die Brüder von Rose, einer unscheinbaren Magd.

Obwohl keine Zwillinge können die Beiden nicht ohne einander sein. Sie sind so aufeinander fixiert, dass ihnen das Doppelleben von Rose nicht auffällt. Erst nach dem Tod von Rose kommt alles ans Tageslicht.

Meine Meinung:

Dieser historische Roman zeigt deutlich, dass Hauspersonal in vielen Fällen als - einem Möbelstück ähnlich - austauschbar angesehen worden ist. Wobei, die Brüder haben nie daran gedacht, Rose zu ersetzen, obwohl sie überhaupt nicht kochen konnte und ihnen teilweise ungenießbare Speise vorgesetzt hat. Jules und Edmond sind in ihrer eigenen Welt eingesponnen. Vor allem als bei Jules die Syphilis ausbricht, mit der er sich vor Jahren, nicht einmal zwanzigjährig, angesteckt hat und jahrelang vor sich hinsiecht.

Meine Meinung:

Alain Claude Sulzer hat mit diesem historischen Roman das Sittenbild dieser Zeit sehr gut eingefangen. Man kümmert sich nur um sich. Hausangestellte sind ein notwendiges Übel, das man am besten übersieht. Dass es sich hier auch um Menschen mit Sehnsüchten und Träumen handelt, wird geflissentlich übersehen bzw. gar nicht in Betracht gezogen. Umso überraschter sind die Brüder, als Roses Doppelleben ans Tageslicht kommt. Nicht nur, dass sie heimlich ein Kind geboren, dem Kindesvater hörig war, hat sie ihre Dienstgeber auch noch bestohlen, weil sie der Abhängigkeit nicht entkommen ist.

Geschickt erzählt der Autor die Lebensläufe parallel. Manchmal habe ich den Eindruck gehabt, die beiden Handlungsstränge haben so gar nichts miteinander zu tun, bis sie sich wieder kreuzen.

Das Brüderpaar schreibt abwechselnd rund 50 Jahre lang Tagebücher, in denen sie sich über zahlreiche Personen recht auslassen. Ihrer Magd setzen sie allerdings mit dem Roman „Germinie Lacerteux (1865)“ auf deutsch Das Dienstmädchen Germinie ein eindrucksvolles Denkmal.-

Edmond wird seinen Bruder Jules um 26 Jahre überleben.

Der nach den Brüdern benannte Prix Goncourt hat sich zum begehrtesten und werbewirksamsten der zahlreichen französischen Literaturpreise entwickelt.

Fazit:

Dieser erzählerischen Meisterleistung, die uns mit den Stiftern des Prix Goncourt bekannt macht, gebe ich gerne 5 Sterne..