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Veröffentlicht am 21.09.2022

Das stumme Kreuz

Das Geheimnis des Pilgers
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„Ich sitze in der Falle, Reinhild. Zumindest fühlt es sich so an. Meine Pflichten erstrecken sich plötzlich nicht mehr nur auf mich oder uns beide oder die Familie, sondern haben sich mehr oder weniger ...

„Ich sitze in der Falle, Reinhild. Zumindest fühlt es sich so an. Meine Pflichten erstrecken sich plötzlich nicht mehr nur auf mich oder uns beide oder die Familie, sondern haben sich mehr oder weniger über Nacht vervielfacht.“ (S. 396) Es ist immer noch unwirklich für Conlin und Reinhild, dass sie sich wirklich verlobt haben, schließlich ist sie erst seit zwei Monaten Witwe und ihr Mann war sein bester Freund. Zudem ist Conlin seit kurzem Landgraf von Langenreth und steckt mitten im Aufbau seines Geschäftes mit Sicherheiten, für das ihm noch Kapital fehlt.
Auch sein Freund Palmiro hat ein Problem. Dessen Ziehvater engagiert einen angeblichen ehemaligen Söldner als Wachmann für ihn, ohne zu ahnen, dass der ein Spion des Inquisitors Erasmus von London ist und nach Palmiro sucht, weil vermutet wird, dass der ein Ketzer ist und den Gralsschatz versteckt haben soll.

„Das Geheimnis des Pilgers“ ist der zweite Band der Pilger-Trilogie von Petra Schier und ich würde unbedingt empfehlen, vorher den ersten zu lesen, damit man die ineinander verwobenen Handlungsstränge, die Beziehungen unter den Protagonisten und die Hinweise auf deren Vergangenheit versteht. Das Highlight der Reihe ist eine Reliquie, das „Kreuz des Zacharäus“, die sich seit Generationen im Besitz von Palmiros Ziehfamilie befindet und ihren Träger vor Gefahren warnt.

Conlin ist „nur“ ein zweitgeborener Adeliger, aber nachdem sein älterer Bruder nicht mehr zurechnungsfähig ist, muss er dessen Stellung in und die Verantwortung für die Familie übernehmen. Sein Freund Palmiro hat ihn und Reinhild verkuppelt, weil es zwischen ihnen funkt, aber sie reden sich ein, dass es eine Vernunftehe wird (was ja damals völlig normal war). Reinhild will sich und ihren Sohn durch die Ehe absichern, und Conlin bietet ihr eine Beziehung auf Augenhöhe. Sie darf sogar in seinem Kontor mitarbeiten und ihn beim Aufbau und führen seines Geschäfts unterstützen. Allerdings hat sie Angst, dass er irgendwann hinter ihr dunkles Geheimnis kommt …

„Ihr scheint diesem Kruzifix alle geradezu blind zu vertrauen.“ (S. 133) Palmiro ist sehr abenteuerlustig und oft etwas zu leichtsinnig, aber bei Benedikt hat er von Anfang an kein gutes Gefühl, weil er dessen Seelenlicht nicht sehen kann und auch das Kreuz schweigt – hat der Mann gar keine Seele und ist gar ein Abgesandter des Teufels? Außerdem hat Palmiro ein Geheimnis, dessen Aufdeckung seinen Tod bedeuten könnte.

Petra Schier verbindet gekonnt mittelalterliche Geschichte und Mystik und schreibt dabei sehr spannend, lebendig und kurzweilig, vor allem die Wortgefechte zwischen den verschiedenen Personen finde ich immer sehr amüsant. Es gelingt ihr, das damalige Koblenz und Umgebung vor dem Auge des Lesers wieder auferstehen zu lassen, auch ihre Protagonisten klingen und verhalten sich ihrer Zeit angemessen. Zudem erfährt man z.B., wie ein Haushalt und Geschäfte funktionierten, welche Rollen Frauen außerhalb des Hauses übernahmen (z.B. die Vertretung ihres Mannes in dessen Geschäft, selten führen sie eigene) und was die Aufgaben der Kleriker waren. Mich hat sie wieder gut unterhalten und ich bin gespannt, wie es im nächsten Band weitergeht.

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Veröffentlicht am 16.09.2022

Literatur, Leidenschaft und Eifersucht

Ingeborg Bachmann und Max Frisch – Die Poesie der Liebe
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„… ich bin Inge hoffnungslos verfallen. Ohne sie werde ich wahnsinnig. Mit ihr allerdings auch.“ (S. 94) Dieser Satz sagt wahrscheinlich alles, was man über die Beziehung von Ingeborg Bachmann und Max ...

„… ich bin Inge hoffnungslos verfallen. Ohne sie werde ich wahnsinnig. Mit ihr allerdings auch.“ (S. 94) Dieser Satz sagt wahrscheinlich alles, was man über die Beziehung von Ingeborg Bachmann und Max Frisch wissen muss. Als sie sich 1958 kennenlernen, ist sie 32 und er 47, beide sind frisch getrennt und berühmt. Und sie sind voneinander fasziniert. Max verliebt sich wohl sofort in Inge, aber sie ist vorsichtig. Inge braucht ihre Freiheit, im Schreiben und Leben, sie war mit ihrem bisherigen Dasein als Dauergeliebte von Paul Celan zufrieden, will gar keine bürgerliche Beziehung. Aber Max umwirbt sie und macht ihr große Versprechungen: „Wir können alles umdenken, Mann und Frau neu erfinden, wir werden die ersten sein.“ (S 77)

„Ich geh vom Leiden weg, du wendest dich ihm zu.“ (S. 373) Gegensätze ziehen sich an, habe ich nicht nur einmal beim Lesen von Bettina Storks Romanbiographie über dieses berühmte Künstlerpaar gedacht, denn was die beiden unterscheidet, trennt sie auch. Inge ist ein Nachtmensch, extrem freiheitsliebend und ringt um jedes Wort, alles hat für sie eine Bedeutung. Sie braucht Ruhe und ihren Freiraum, um zu schreiben. Außerdem kann (oder will) sie nicht mit Geld umgehen, gibt oft mehr aus, als sie hat und lebt sehr impulsiv. Max hingegen hat seinen Tag strikt durchgeplant, da kommt der Architekt, der er früher war, zum Tragen. Er setzt sich immer zur gleichen Zeit an die Schreibmaschine und schreibt dann auch – das macht Inge bald wahnsinnig – und hält penibel Ordnung. Ihn hingegen stört ihr kreatives Chaos, ihr laxer Umgang mit Geld, ihre zahllosen (Brief-)Freundschaften mit Männern, ihre vielen Reisen und vor allem, wie präsent Paul Celan in ihrem gemeinsamen Leben weiterhin ist – er kann seine Eifersucht kaum kontrollieren. „Ihre Freiheit machte ihn unfrei, ihr Wunsch nach Unabhängigkeit ließ ihn klammern.“ (S. 179) Trotzdem raufen sie sich immer wieder zusammen, denn sie lieben sich doch und sind sich intellektuell ebenbürtig, dann muss doch auch das Zusammenleben funktionieren …

Bettina Storks schreibt extrem lebendig, leidenschaftlich und poetisch – so wie die Beziehung des Paares war. Man dringt tief in Inges und Max‘ Gedanken- und Gefühlswelt ein, in ihren Alltag mit den sich ständig wiederholenden Szenen der Eifersucht und Selbstzweifel. Sie führen eine (in meinen Augen) sehr ungesunde, selbstzerstörerische Beziehung. Selbst die Leichtigkeit, die eine junge, frische Liebe ausmacht, scheint es nie gegeben zu haben. Die Freiheit, die er zu Beginn so an Inge mag, stört Max bald und treibt ihn in regelrechte Eifersuchtsattacken. Er versucht sie zu ändern und an sich zu binden. Sie antwortet, indem sie geht – in ein anderes Zimmer, eine andere Wohnung, Stadt oder gar ein anderes Land. Aber sie lässt sich immer wieder von ihm einfangen und zurückholen. Doch gesund ist es nicht, es nagt an ihren Körpern und Seelen (Inge hat eine lange Schreibblockade), sie flüchten sich in Alkohol oder Tabletten – oder „kurze Begegnungen“, wie die Affären, die ausdrücklich erlaubt sind, bezeichnet werden.

Aber sie wachsen auch aneinander, geben sich neue Impulse für ihre Arbeit. Inge scheibt neben Lyrik endlich auch Erzählungen und Romane, Max verarbeitet seine Probleme mit ihr in seinen Werken – was sie verständlicherweise sehr kränkt.

Bettina Storks hat es geschafft, mir diese beiden Ausnahmeliteraten, mit denen ich mich bisher ehrlich gesagt bisher noch nicht beschäftigt habe, näherzubringen und mich neugierig auf ihre Werke zu machen.
Nach meinem Geschmack lag der Focus allerdings manchmal zu sehr auf den Konflikten, was zugegebenermaßen natürlich den Charakter der Beziehung ausmachte. Man ist dadurch zwar mittendrin, sollte das aber auch mögen.

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Veröffentlicht am 11.09.2022

Rache serviert man am besten eiskalt

Am liebsten sitzen alle in der Küche
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Drei Frauen um die 50 lernen sich zufällig kennen und werden beste Freundinnen. Sie haben verschiedene Probleme – und ein gemeinsames, wie sie bald herausfinden. Es gibt einen Mann, der ihre Leben auf ...

Drei Frauen um die 50 lernen sich zufällig kennen und werden beste Freundinnen. Sie haben verschiedene Probleme – und ein gemeinsames, wie sie bald herausfinden. Es gibt einen Mann, der ihre Leben auf die eine oder andere Art vergiftet. Aber sie schwören Rache und servieren sie ihm eiskalt …

„Am liebsten sitzen alle in der Küche“ ist eine sehr unterhaltsame Komödie über drei Frauen in den besten Jahren. Almut wurde nach 25 Jahren und 4 Kindern von ihrem Mann für eine andere abserviert. Sie zieht in eine kleine Wohnung und weiß nichts so richtig mit sich anzufangen. Ihr Leben hat sich bisher nur um Mann, Haushalt und Kinder gedreht und bis auf ihre Jüngste sind die längst aus dem Haus. „25 Jahre war ich für ihn sein Kindermädchen, seine Köchin, seine Privat Sekretärin, sein Reisebüro und seine Gesellschaftsdame …“ (S. 272) Sie freundet sich mit ihrer Nachbarin Tille an, einer alleinerziehenden, ständig überarbeiteten Urologin mit einem 14jährigen Sohn („Alleinverdienend, alleineinkaufend, alleineinkäufetragend, alleinkochend, alleinaufräumend, alleinschlafend, alleinaufstehend, alleinerziehend …“ (S. 422)), und kochte jeden Donnerstagabend für sie. Bei einem Salsa-Kurs lernen sie Yeliz kennen, eine erfolgreiche Werbefachfrau mit türkischen Eltern und einem dänischen Freund, deren größte Probleme ihre Kinderlosigkeit und männliche Kunden sind, die Frauen weder als Geschäftspartner noch als Zielgruppe ernst nehmen: „Mit der Wahrheit können wir auf keinen Fall werben.“ (S. 24)

Schon bald ist Almuts Küche für sie „Ein magischer Ort, an dem niemand sie finden und mit nervigen Pflichten und Erwartungen belästigen konnte.“ (S. 127) und in der sie wirklich alles besprechen, Pläne schmieden und sich auch mal zoffen können, wenn sie das Lebenskonstrukt oder die Intentionen der anderen nicht verstehen.

Almut, Tille und Yeliz sind Frauen, in denen man sich wiedererkennen kann, mit Problemen, die mitten aus dem Leben gegriffen sind. Da ist die frisch Verlassenen, stets Hilfsbereite die einen neuen Sinn und neue Freunde finden muss und sich zu leicht ausnutzen lässt; die Alleinerziehende, die gar keinen Mann in ihrem Leben braucht („Liebe schien etwas zu sein, das sie theoretisch besser beherrscht als praktisch.“) aber voller Selbstzweifel und Sorgen ist, ob sie bei ihrem Kind alles richtig macht, und die Powerfrau, deren Leben perfekt sein könnte, wenn sie nur ein Kind hätte.

Ich fand die Erlebnisse und Küchengespräche der Freundinnen sehr amüsant, vor allem Tilles Job bietet viel „Kicherpotential“. Allerdings hatte ich ausgehend vom Klappentext weniger Alltag der Freundinnen und dafür deutlich mehr Rache(-Pläne) an ihrem gemeinsamen Feind erwartet.

Ich habe das Buch übrigens abwechselnd gelesen und gehört und Sprecherin Ilka Teichmüller hat die verschiedenen Charaktere mit ihrer Stimme sehr gut pointiert.

Mein Fazit: Julia Karnick zeigt, wie wichtig Freundschaften sind, dass man Frauen und ihre Netzwerke nie unterschätzen sollte und es für die Liebe nie zu spät ist.

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Veröffentlicht am 11.09.2022

Rache serviert man am besten eiskalt

Am liebsten sitzen alle in der Küche
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Drei Frauen um die 50 lernen sich zufällig kennen und werden beste Freundinnen. Sie haben verschiedene Probleme – und ein gemeinsames, wie sie bald herausfinden. Es gibt einen Mann, der ihre Leben auf ...

Drei Frauen um die 50 lernen sich zufällig kennen und werden beste Freundinnen. Sie haben verschiedene Probleme – und ein gemeinsames, wie sie bald herausfinden. Es gibt einen Mann, der ihre Leben auf die eine oder andere Art vergiftet. Aber sie schwören Rache und servieren sie ihm eiskalt …

„Am liebsten sitzen alle in der Küche“ ist eine sehr unterhaltsame Komödie über drei Frauen in den besten Jahren. Almut wurde nach 25 Jahren und 4 Kindern von ihrem Mann für eine andere abserviert. Sie zieht in eine kleine Wohnung und weiß nichts so richtig mit sich anzufangen. Ihr Leben hat sich bisher nur um Mann, Haushalt und Kinder gedreht und bis auf ihre Jüngste sind die längst aus dem Haus. „25 Jahre war ich für ihn sein Kindermädchen, seine Köchin, seine Privat Sekretärin, sein Reisebüro und seine Gesellschaftsdame …“ (S. 272) Sie freundet sich mit ihrer Nachbarin Tille an, einer alleinerziehenden, ständig überarbeiteten Urologin mit einem 14jährigen Sohn („Alleinverdienend, alleineinkaufend, alleineinkäufetragend, alleinkochend, alleinaufräumend, alleinschlafend, alleinaufstehend, alleinerziehend …“ (S. 422)), und kochte jeden Donnerstagabend für sie. Bei einem Salsa-Kurs lernen sie Yeliz kennen, eine erfolgreiche Werbefachfrau mit türkischen Eltern und einem dänischen Freund, deren größte Probleme ihre Kinderlosigkeit und männliche Kunden sind, die Frauen weder als Geschäftspartner noch als Zielgruppe ernst nehmen: „Mit der Wahrheit können wir auf keinen Fall werben.“ (S. 24)

Schon bald ist Almuts Küche für sie „Ein magischer Ort, an dem niemand sie finden und mit nervigen Pflichten und Erwartungen belästigen konnte.“ (S. 127) und in der sie wirklich alles besprechen, Pläne schmieden und sich auch mal zoffen können, wenn sie das Lebenskonstrukt oder die Intentionen der anderen nicht verstehen.

Almut, Tille und Yeliz sind Frauen, in denen man sich wiedererkennen kann, mit Problemen, die mitten aus dem Leben gegriffen sind. Da ist die frisch Verlassenen, stets Hilfsbereite die einen neuen Sinn und neue Freunde finden muss und sich zu leicht ausnutzen lässt; die Alleinerziehende, die gar keinen Mann in ihrem Leben braucht („Liebe schien etwas zu sein, das sie theoretisch besser beherrscht als praktisch.“) aber voller Selbstzweifel und Sorgen ist, ob sie bei ihrem Kind alles richtig macht, und die Powerfrau, deren Leben perfekt sein könnte, wenn sie nur ein Kind hätte.

Ich fand die Erlebnisse und Küchengespräche der Freundinnen sehr amüsant, vor allem Tilles Job bietet viel „Kicherpotential“. Allerdings hatte ich ausgehend vom Klappentext weniger Alltag der Freundinnen und dafür deutlich mehr Rache(-Pläne) an ihrem gemeinsamen Feind erwartet.

Ich habe das Buch übrigens abwechselnd gelesen und gehört und Sprecherin Ilka Teichmüller hat die verschiedenen Charaktere mit ihrer Stimme sehr gut pointiert.

Mein Fazit: Julia Karnick zeigt, wie wichtig Freundschaften sind, dass man Frauen und ihre Netzwerke nie unterschätzen sollte und es für die Liebe nie zu spät ist.

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Veröffentlicht am 07.09.2022

Die Suchende

Die Frau des Blauen Reiter
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„Deine Bilder sehen doch schon sehr ordentlich aus.“ (S. 7) ist wohl der letzte Satz, den man als angehende Malerin aus dem Mund seiner Eltern hören will. Maria Franck ist da schon 26 und studiert seit ...

„Deine Bilder sehen doch schon sehr ordentlich aus.“ (S. 7) ist wohl der letzte Satz, den man als angehende Malerin aus dem Mund seiner Eltern hören will. Maria Franck ist da schon 26 und studiert seit Jahren an verschiedenen Kunstschulen, in Ateliers, bei privaten Lehrern und in Sommerkursen, aber sie ist nie mit ihrer Arbeit zufrieden. Sie hofft, dass sie auf der Münchner Damenakademie endlich den letzten Schliff bekommt, schließlich ist das Anfang des 20. Jahrhunderts DIE Adresse für angehende Künstlerinnen. Dass sie auch das freie und selbstbestimmte Leben weit weg vom Berliner Bankdirektoren-Haushalt ihrer Eltern sucht, sagt sie denen lieber nicht.

In München kann Maria endlich so leben (und lieben), wie sie es sich erhofft hat und wie es ihre Eltern entsetzen würde, wenn sie es wüssten. Bei einem Fest lernt sie den noch unbekannten Maler Franz Marc kennen, ist begeistert, dass er sie als Künstlerin ernst nimmt und fängt eine flüchtige Affäre mit ihm an, denn sein Ruf eilt ihm voraus. „Niemals wird er sie Annette Simon deinetwegen verlassen. Niemals wird er dir allein gehören.“ (S. 82) Sie verbringen viel Zeit miteinander, bestärken sich gegenseitig bei ihren Arbeiten, helfen sich weiter und lernen voneinander. „Sie achteten einander als Kollegen und genossen es, sich miteinander zu vergnügen. Ohne zu viel vom anderen zu erwarten. Ohne ihn zu arg zu bedrängen. Sie waren gute Kameraden.“ (S. 72) Und dann passiert es eben doch, sie verlieben sich ineinander.

Heidi Rehn erzählt hier, etwas abweichend von den anderen Büchern dieser Reihe, nicht nur Marias Geschichte, sondern auch die von Franz Marc. Er nimmt genauso viel Raum ein wie sie, denn sie haben eine sehr symbiotische Beziehung geführt. Und wie Maria es wohl auch selbst immer betont hat, hat sie zwar „nur“ elf Jahre mit ihm verbracht, aber das waren die wichtigsten und prägendsten ihres Lebens.
Dabei ist das Zusammenleben und -arbeiten nicht einfach. Sie verdienen kaum eigenes Geld, sind auf die Unterstützung ihrer Eltern oder Gönner angewiesen.
Franz hat eine große (verheiratete) Liebe und wendet sich auch Marias Lehrerin und Freundin „Schnürlein“ zu, geht sogar eine Scheinehe mit ihr ein, wegen der Maria und er auch Jahre nach seiner Scheidung nicht heiraten dürfen. Aber sie kann nicht von ihm lassen, und er versichert ihr seine Liebe ja auch immer wieder. „Ich liebe dich. Weil ich mich jederzeit auf dich verlassen kann.“ (S. 136) Diese wechselvolle und emotionale Beziehung wird sehr detailreich und umfassend erzählt.

Maria scheint eine sehr unsichere, aber auch leidenschaftliche und leidensfähige Frau gewesen zu sein. Sie ist mit ihrem Aussehen und ihrer Kunst nie zufrieden und hält seine Eskapaden aus, auch wenn die sie körperlich krank machen. Sie nimmt sich, typisch Frau, häufig hinter ihm zurück, lebt nur für ihn und seine Bedürfnisse. Ich hatte das Gefühl, dass sie gleichberechtigt sein wollte, aber seine Kunst, seinen Fortschritt (bewusst oder unbewusst) immer über ihre eigene gestellt hat. Oft musst er sie daran erinnern, dass auch sie etwas kann und wert ist: „Du musst von dir und deiner Malerei überzeigt sein, niemand anderer sonst. Du bist für dich das alleinige Maß deiner Kunst. ... Das bist du dir schuldig.“ (S. 57)

Ihrer beider Entwicklung hin zum Abstrakten wird wunderbar plastisch dargestellt, ebenso ihre verschiedenen Ansätze und Motive, seien es Marias Kinderbilder und Stillleben oder seine Tierstudien, ebenso die verschiedenen verwendeten Materialien und Stile, das immer wieder Probieren und Verwerfen, das sich Aneinanderreiben und daran wachsen.

„Die Frau des Blauen Reiter“ erzählt von einer von Kunst, Liebe und Leidenschaft geprägte Beziehung und hat mir das Paar Maria und Franz Marc nähergebracht.

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