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Veröffentlicht am 30.09.2022

Tödliche Armut

Die Totenärztin: Donaunebel
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„Sie wollen eine forensische Analyse eines Tatorts? Sowas ist bisher kaum praktiziert worden. Es wird gerade diskutiert, ob das eine sinnvolle Ergänzung zu einer Obduktion sein könnte.“ (S. 47) Die junge ...

„Sie wollen eine forensische Analyse eines Tatorts? Sowas ist bisher kaum praktiziert worden. Es wird gerade diskutiert, ob das eine sinnvolle Ergänzung zu einer Obduktion sein könnte.“ (S. 47) Die junge Gerichtsmedizinerin Fanny und ihr Kollege Franz werden von der Polizei zum ersten Mal überhaupt an einen Tatort gerufen. Mitten in den Donau-Auen stehen ein paar armselige Lehmhütten, deren 6 Bewohner alle tot sind – ohne, dass eine Todesursache erkennbar ist. Auch die Obduktion der Opfer ergibt nichts Verwertbares. Sie finden zwar die Todesart heraus, aber nicht, wodurch diese verursacht wurde. „Ein rascher Mord, ohne Gift und Gewalt.“ (S. 201) Die Zeitungen schüren das Gerücht der Auwald-Bestie, die ermittelnden Polizisten machen Druck und Fannys Chef Prof. Kuderna tobt – und sie gibt nicht zum ersten Mal Widerworte. Am Ende bekommt sie sechs Wochen Zeit und die alleinige Verantwortung für den Fall – traut Kuderna ihr endlich etwas zu?

„Donaunebel“ ist bereits der dritte Teil der Totenärztin und wurde von mir wieder sehnsüchtig erwartet. Die Protagonisten sind mir seit dem ersten Fall ans Herz gewachsen. Ich fiebere und leide mit ihnen mit, denn Fanny und ihre Freunde geraten bei den Ermittlungen regelmäßig in Lebensgefahr. Außerdem hat Fanny einen mächtigen Gegenspieler, der sich in ihr Leben und ihre Fälle einmischt. Ich hoffe ja, dass sie ihn irgendwann zur Strecke bringt. Auch hier taucht er kurz auf – also unbedingt mit dem ersten Band beginnen, falls ihr das noch nicht getan habt.

Mir gefällt, dass Fanny trotz allem, was sie bisher erlebt hat, immer noch so mutig, furchtlos, neugierig und mitfühlend ist. Sie kann die Morde einfach nicht hinnehmen, sondern will das Schicksal der Toten um jeden Preis aufklären, obwohl es aussichtslos scheint. „Die Opfer waren allen gleich. Niemand wusste überhaupt, dass sie existieren. Zumindest jetzt würde ich ihnen gern eine Stimme geben. … Und wenn es nur zeigt, dass ihr Tod nicht allen egal ist.“ (S. 76) Dabei hilft ihr neben ihrer Sturheit auch, dass sie um die Ecke denken kann und sich nicht zu fein ist, andere um Hilfe zu fragen, und sich nicht immer an die gängigen Regeln und Konventionen hält.
Schon bei ihren ersten gemeinsamen Ermittlungen haben sie und Polizist Max sich ineinander verliebt, doch in letzter Zeit verbringt er seine Freizeit lieber mit seinem neuen Freund, engagiert sich in der Arbeiterbewegung und entfernt sich immer mehr von ihr. Kein Wunder, dass sich Fanny da lieber auf ihren Kollegen Franz verlässt, mit dem sie endlich einen Artikel in einer Fachzeitschrift veröffentlicht.
Auch ihre beste Freundin Tilde, eine Herzensbrecherin, hat schon viel Schlimmes erlebt, erholt sich aber langsam von den Spätfolgen ihrer Entführung, verlässt ihr selbstgewähltes Schneckenhaus und krempelt ihr Leben um.
Natürlich mischt auch Fannys Cousin Schlomo wieder kräftig mit, der es aufgrund seiner Andersartigkeit in der eigenen Familie nicht leicht hat, hier aber endlich über seinen Schatten springt und zu dem steht, was er ist.

René Anour scheibt unglaublich fesselnd, mit feinem Humor und überrascht nicht nur mit seiner für die damalige Zeit sehr modernen Mordmethode und wie diese sich in Zukunft leider noch entwickeln wird, sondern auch mit der Person des Mörders und dessen Motiv. Er zeigt, dass nicht nur in der Auenwaldsiedlung tödliche Armut herrscht, sondern auch unter den Fabrik- und Donauhafenarbeitern, weswegen diese sich zu Streiks aufwiegeln lassen und damit Immobilienspekulanten in die Hände spielen. „Die Reichen gehen über Leichen, um sich ein noch größeres Stück am Kuchen zu sichern.“ (S. 101)

Mein Fazit: Die Totenärztin ist für mich eine der besten historischen Krimiserien dieser Zeit, hervorragend recherchiert, extrem spannend und unterhaltsam erzählt.

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Veröffentlicht am 27.09.2022

Hochprozentige Morde

Die Süße des Todes
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„… wir haben einen Job für dich. Du musst nur ein paar Weine schätzen.“ (S. 11/12) Der Anruf seines Freundes kommt Benjamin Freling wie gerufen. Er hat vor einem Jahr seinen Job als Sommelier und Restaurantleiter ...

„… wir haben einen Job für dich. Du musst nur ein paar Weine schätzen.“ (S. 11/12) Der Anruf seines Freundes kommt Benjamin Freling wie gerufen. Er hat vor einem Jahr seinen Job als Sommelier und Restaurantleiter im Gourmetrestaurant seiner Familie hingeschmissen und langsam wird das Geld knapp. Allerdings ist „nur ein paar Weine“ die Untertreibung des Jahres. Ihm gehen die Augen über, als er die uralten Gewölbekeller des Benediktinerklosters Marienwingert im Rheingau betritt und hunderte Flaschen extrem seltener Weine entdeckt, die die Nonnen von einem angeblich unbekannten Wohltäter geerbt und die zum Teil einen sechsstelligen Wert haben. „Er war im feuchten Traum eines Weinfreaks gelandet.“ (S. 26) Er kann kaum glauben, dass sie nicht wissen, was für Werte sie hier lagern. Aber sie haben die Schätze nach Gutdünken als Messwein genutzt, wichtigen Gästen kredenzt (vor allem der Bischof lud sich regelmäßig selber ein), oder – ganz schlimm für Benjamin – zum Kochen verwendet! Außerdem macht ihn stutzig, dass die Priorin, die das Erbe verwaltet hat, vor kurzem die Kellertreppe heruntergestürzt und gestorben ist. Danach war nämlich ihr Schlüssel weg und die Tür zum Weinlager musste aufgeflext werden.
Als weitere Nonnen bei ungewöhnlichen Unglücken sterben, sein Freund lebensgefährlich verletzt wird und Benjamin ins Visier der Polizei gerät, forscht er nicht mehr nur nach der Herkunft der Weinsammlung, sondern auch nach demjenigen, dem der Tod der Nonnen nutzt …

Wie schon „Mörderische Auslese“ ist auch „Die Süße des Todes“ wieder ein extrem spannender Genusskrimi. In der abgeschlossenen Welt des Klosters gibt es viele Geheimnisse und die Nonnen leben noch fast so isoliert wie seit Jahrhunderten. Außer Handwerkern oder anderen Dienstleistern betritt kein Fremder die strenge Klausur. Dann muss der Täter doch von innen kommen, oder?
Als Benjamin in den dunklen, kalten Kellern (die perfekt für die Weinlagerung sind) nach Hinweisen sucht, fühlt er sich mehr als nur einmal verfolgt und beobachtet. Außerdem juckt es ihn natürlich in den Fingern, eine der ihm anvertrauten Flaschen zu öffnen: „Einmal die berühmte Süße des Todes erleben, dafür würde der Sommelier viele Entbehrungen auf sich nehmen: die große, süße Entfaltung eines uralten Weins, bevor er kippte und ungenießbar wurde.“ (S. 25)

Man merkt Mattis Ferber (Gastro-Journalist Hannes Finkbeiner) an, dass er vom Fach kommt. Er beschreibt jeden Tropfen so poetisch und detailliert, dass man ihn förmlich schmecken kann. „Ein gereifter Wein, der zum richtigen Zeitpunkt geöffnet wurde, war für den Sommelier ein kleines Mysterium. Er war Zen. Yin und Yang. Pure Poesie. Die perfekte Balance von Millionen Gegensätzen.“ (S. 9)
Aber auch die Spannung und der Gruselfaktor kommen nicht zu kurz. Ich habe den Krimi am Stück gelesen, weil ich unbedingt wissen wollte, ob meine Tätervermutung richtig war, und ob, wo und wie er wieder zuschlägt. Und ohne zu viel verraten zu wollen, er hat zum Teil auf sehr kreative Weise gemordet. Zwischendurch musste ich mich echt allerdings echt zusammenreißen, mir nicht schon am Sonntagvormittag eine gute Flasche Wein zu öffnen …
Zudem fand ich es sehr interessant, einen Einblick in den Handel mit den außergewöhnlichen Spirituosen zu bekommen und wie die zum Teil horrenden und für Laien nicht wirklich nachvollziehbaren Preise entstehen – und schließe mit den Worten der Äbtissin und einem Augenzwinkern: „Das ist ja wohl eine Frechheit, was für eine Gier! So viel sollte kein Wein auf der Welt wert sein.“ (S. 61)

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Veröffentlicht am 20.09.2022

Leichen pflastern ihren Weg

Es gibt ein Sterben nach dem Tod
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„So hatte sie sich den Tod nicht vorgestellt. Wen man tot war, hörte doch alles auf. Auch das Denken.“ (S. 16) Eigentlich hatte sich Marketingexpertin Börnie (Bernhardine) das Erwachen nach ihrer Abschiedsfeier ...

„So hatte sie sich den Tod nicht vorgestellt. Wen man tot war, hörte doch alles auf. Auch das Denken.“ (S. 16) Eigentlich hatte sich Marketingexpertin Börnie (Bernhardine) das Erwachen nach ihrer Abschiedsfeier bei Schön Cosmetics anders vorgestellt – z.B. mit einem schnuckeligen Lieferjungen in einem Hotelbett, aber doch nicht auf dem Fußboden ihres Büros! Tot! Vergiftet! Wer hat denn nach ihrem Weggang noch was davon? Ihr Verlobter und dessen Geliebte, die in der gleichen Firma arbeiten? Oder die zickige Chefsekretärin? Der hat Börnie ja noch nie über den Weg getraut! Trotzdem bleibt die Frage nach dem Warum. Und als sich dann der Tunnel mit dem weißen Licht öffnet, dreht sie sich einfach um – sie ist noch nicht bereit zu gehen, erst muss sie ihren Mord aufklären! Dem damit betrauten Hauptkommissar traut sie das nämlich nicht zu. Doch noch hängt sie in ihrem Büro fest und weiß nicht weiter. Bis nach einigen Tagen Putzkraft Jenny dort auftaucht „… bestimmt einen Meter neunzig, stämmig, kantig. Und schwarz.“ (S. 36) und mit ihr spricht. Jenny kann sie sehen und hören! Börnie ist begeistert und will sie für die Mörderjagd anheuern, doch stattdessen zeigt ihr Jenny, wie sie sich an andere Orte bewegen kann „Totsein ist eben ein Lernprozess.“ (S. 47) und bringt sie zu Madama Arkana, der „Dolmetscherin der Toten“ – die in Wirklichkeit ein schmächtiger, ängstlicher Jüngling mit fusseligem Kinnbart namens Kai-Uwe ist, der den Job von seiner Tante geerbt hat. Aber wenigstens kann er Börnie ebenfalls sehen und hören. Mit viel Geld bringt sie ihn dazu, Nachforschungen anzustellen, denn „Zudem fürchtete Börnie, dass es mehr von ihrer Art geben könnte, und sie würde sich ihnen nicht ohne Putzfrau und Medium stellen.“ (S. 133)

Bei ihrer Mörderjagd erleben Börnie, Jenny und Kai-Uwe einige Überraschungen. Sie arbeiten sich von einem Verdächtigen zum nächsten vor, doch leider sterben auch die bald weg wie die Fliegen. Will etwa jemand die gesamte Firma Schön Cosmetics auslöschen? Die Polizei tappt lange im Dunklen, entdeckt die anderen Leichen nicht oder bringt sie erst viel zu spät miteinander in Verbindung. Börnie und ihrem „Team“ bleibt also gar nichts anderes übrig, als selber weiterzumachen.
Nur leider ist Kai-Uwe nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte und hat das Talent, sich entweder selbst zu verletzen oder von ihrem Gegenüber niedergestreckt zu werden. Außerdem hat er ein (zu) weiches Herz und kann kein Blut sehen – er kippt regelmäßig um. Auch bei den Befragungen stellt er sich – nett formuliert – etwas ungeschickt an.
Jenny scheint sich die Hände nicht (mehr) schmutzig machen zu wollen und steht zwar mit Rat und Tat zur Seite, greift allerdings selber kaum ein. Nicht mal Börnies Geld kann sie locken.
Börnie war eine typische eiskalte Karrierefrau und hat andere immer auf Distanz gehalten. Dass sie Jenny und Kai-Uwe jetzt so nah an sich heranlässt, hätte sie sich nie träumen lassen. Außerdem wird ihr bewusst, dass sie zu Lebzeiten wirklich nicht besonders nett war und sie muss sich der Frage stellen, ob am Ende der Himmel oder die Hölle auf sie warten und wie sie ihr Karma noch verbessern kann …

Wer die Bücher von Tatjana Kruse kennt, weiß, dass bei ihr oft nichts so ist wie es im ersten Augenblick scheint. Ihre extrem skurrilen Protagonisten überraschen in vielerlei Hinsicht und die rasante Handlung nimmt mehrmals unerwartete Wendungen. Auch „Es gibt ein Sterben nach dem Tod“ ist wieder total abgedreht, sehr unterhaltsam, kurzweilig und echt lustig.

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Veröffentlicht am 18.09.2022

Internal Affairs

Prost, auf die Singles
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„Was auch immer dieser jungen Frau widerfahren war, einen romantischeren Ort zum Sterben hätte sie sich in dieser Gegend nicht aussuchen können.“ (S. 9) Als ausgerechnet Polizeiobermeister Fink die Tote ...

„Was auch immer dieser jungen Frau widerfahren war, einen romantischeren Ort zum Sterben hätte sie sich in dieser Gegend nicht aussuchen können.“ (S. 9) Als ausgerechnet Polizeiobermeister Fink die Tote am Ufer des Roten Traun identifizieren kann, wird es für ihn echt brenzlig. Er hatte Tanja am Vorabend beim Speeddating im „Krause“ kennengelernt und sich mit ihr angelegt, weil sie extrem unsympathisch war und sich über die anderen Teilnehmer lustig gemacht hatte. Mit seiner Meinung stand er zwar nicht allein, aber nur er hat ihr mehr als deutlich die Meinung gesagt. Kein Wunder, dass ihn Kommissar Tischler ordnungsgemäß verhört, auch wenn dem Muttersöhnchen nicht wirklich einen Mord zutraut.
Doch auch die anderen Teilnehmer der Veranstaltung scheinen kein ernsthaftes Mordmotiv zu haben, also schauen sich die Ermittler im Umfeld des Opfers um. Tanja war Krankenschwester, träumte aber von einer Karriere als Influencerin und zeigte sich dafür recht freizügig in den sozialen Medien. Ist vielleicht einer ihrer Fans übergriffig geworden und die Situation eskaliert? Oder gab es Probleme auf Arbeit, die ihnen verheimlicht werden?
Tischler und Fink ermitteln nach der altbewährten TUF-Methode in alle Richtungen und werden dabei tatkräftig von Dackeldame Resi unterstützt, die Tischler in Pflege genommen hat, während Förster Ferstl zur Kur ist.

„Prost, auf die Singles“ ist bereits der 5. Fall für Hauptkommissar Tischler und wieder sehr spannend (ich hatte den Täter bis zum Schluss nicht auf dem Schirm) und unterhaltsam mit viel Lokalkolorit. Der neue Fall führt in die Welt (un-)glücklicher Singles und den stressigen Krankenhausalltag, wo zwischenmenschlich auch nicht alles so toll ist, wie es nach außen kommuniziert wird.

Tischlers Spezl Fink braucht diesmal ein ganz schön dickes Fell, denn natürlich sticheln die Kollegen über seine Beteiligung in dem Mordfall, doch Fink lässt das ziemlich cool an sich abprallen – er hat nämlich endlich eine Freundin, gegen die auch seine Mama nichts hat (und die seine Trachtenjanker zu mögen scheint).
Doch auch Tischler hat zwei ernsthafte Probleme, bei Britta tun sich berufliche Veränderungen auf und seine heißgeliebte Kaffeemaschine ist kaputt.

Und ohne zu viel verraten zu wollen, besonders amüsant fand ich den Kleinkrieg zwischen Gastwirtin Nori und der zwielichtigen Nageldesignerin Tereza und Polizeioberrat Schwenks Rationalisierungspläne, die eigentlich noch geheim bleiben sollten. Aber auf dem Land ist die stille Post eben verdammt schnell unterwegs …

Mein Fazit: Wer Spannung, Humor und Dackel mag, liegt hier genau richtig!

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Veröffentlicht am 14.09.2022

Hier Amt, was beliebt?

Fräulein vom Amt – Die Nachricht des Mörders
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Baden-Baden 1922: Alma Täuber ist Telefonistin, ein Fräulein vom Amt, und stolz auf ihren Beruf. Eines Tages schaltet sie sich ausversehen in ein Gespräch und hört den Satz: „… ich wollte nur melden, dass ...

Baden-Baden 1922: Alma Täuber ist Telefonistin, ein Fräulein vom Amt, und stolz auf ihren Beruf. Eines Tages schaltet sie sich ausversehen in ein Gespräch und hört den Satz: „… ich wollte nur melden, dass der Auftrag erledigt ist. Sie finden die Dame bei den Kolonaden.“ (S. 18) Als dann genau dort eine Frau ermordet aufgefunden wird, meldet sie das der Polizei, doch außer Kriminalkommissar-anwärter Ludwig Schiller glaubt ihr niemand. Kurzentschlossen nimmt sie die die Ermittlungen selbst in die Hand. Unterstützt von ihrem Cousin Walter, einem Medizinstudenten, und ihrer Mitbewohnerin Emmi wagt sie sich in die zwielichtigen Amüsierbetriebe von Baden-Baden, da bei der Toten Jetons gefunden wurden …

„Das Fräulein vom Amt“ ist der Auftakt einer neuen Krimi-Reihe des Autoren-Duos Charlotte Blum und spielt in den Goldenen Zwanzigern, die hinter den Kulissen leider meist gar nicht so golden sind. Deutschland ächzt dank der Reparationszahlungen nach dem 1. WK unter der Inflation, aber im mondänen Kurort Baden-Baden wird weiter gekurt und gefeiert, werden Auto- und Pferderennen abgehalten und heimlich in verbotenen Casinos gespielt.

Alma ist eine moderne junge Frau ihrer Zeit, bodenständig, klug und entschlossen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Dank ihres Gehaltes kann sie sich zusammen mit ihrer Freundin Emmi eine winzige Dachwohnung leisten und den Heiratsplänen ihrer Mutter und Großmutter entgehen. Leider ist sie auch neugierig und überzeugt, dass die Tote kein leichtes Mädchen war, wie die Polizei und Zeitungen behaupten. Furchtlos und gewitzt stürzt sie sich in die Ermittlungen und wickelt dafür Männer (und Frauen) mit viel Charme um ihre Finger. Sie scheint Ludwig Schiller oft einen Schritt voraus zu sein, wie dieser neidlos anerkennt, und träumt bald von einem Leben abseits des Telefonpultes: „Ich habe daran Gefallen gefunden. Ich genieße es. Ich will mehr. Ich will alles. Ich will Aufklärung. Ich will darin verwickelt sein. Nicht als Räuber und Gendarm, … sondern richtig. Koste es, was es wolle.“ (S 237 /238)

„Weg mit unserem schnöden Leben! Her mit dem Abenteuer!“ (S. 60) ist der Leitspruch ihrer Freundin Emmi Wolke – Wölkchen. Die Floristin scheint mit dem Kopf wirklich meist in den Wolken zu sein, flattert von einem Mann zum nächsten und kennt immer jemanden, der jemanden kennt, wenn Alma Hilfe braucht.

Alma und Emmi leben in einer Zeit, in der man das Leben und die Liebe endlich wieder genießen kann, in der alles möglich zu sein scheint, wenn man sich nur traut und sein Glück selbst in die Hand nimmt. Aber es ist auch noch viel Leid auf den Straßen und in den Gesichtern der Menschen zu sehen. Nicht wenige haben alles verloren oder Traumata zurückbehalten und müssen jetzt sehen, wie sie über die Runden kommen.

„Die Nachricht des Mörders“ ist ein klassischer, sehr spannender und unterhaltsamer howdunit mit feinem Humor und überraschenden Elementen.
Die Autorinnen schreiben sehr atmosphärisch und anschaulich. Obwohl ich noch nie in Baden-Baden war, konnte ich mir die Stadt und jeweiligen Gegebenheiten gut vorstellen. Sie lassen technische Entwicklungen wie Telefone oder Automobile und die damit verbundenen Probleme und Gefahren einfließen, aber auch den Spaß, den eine rasante Verfolgungsjagden macht oder die aufregende Stimmung beim Glücksspiel und Pferderennen.

Mein Fazit: Mich hat Almas erstes Abenteuer ausgesprochen gut unterhalten und ich bin schon sehr gespannt auf alle, die noch folgen werden.

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