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Sioux

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Veröffentlicht am 27.05.2023

Düster, spannend, grandios!

King of Scars
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Hallo ihr Lieben

Hallo ihr Lieben<3
Leigh Bardugo – spätestens seit Netflix die „Grischa“-Reihe verfilmt hat, kennt wohl jeder ihren Namen, der nur ansatzweise Fantasy mag. Die Serie deutet das Grisha-Verse aber erst an. Es kommt noch mehr:) Und auch, wenn ihr Nikolai vielleicht noch nicht kennt, mich hat er super neugierig gemacht und ich habe ihn sofort ins Herz geschlossen. Demnach war ich sehr gespannt auf diese Reihe!

Zur Info: Dies ist der erste Band einer Dilogie. Die Reihenfolge solltet ihr also unbedingt einhalten. Zudem habt ihr mehr Spaß beim Lesen, wenn ihr schon die „Grischa“-Reihe und die „Six of Crows“-Reihe gelesen habt. Ansonsten werdet ihr hier ein wenig ins kalte Wasser geschmissen:)

Klappentext:
Niemand weiß, was der junge König von Ravka, während des blutigen Bürgerkrieges durchgemacht hat. Und wenn es nach Nikolai selbst geht, soll das auch so bleiben.
Jetzt, wo sich an den geschwächten Grenzen seines Reiches neue Feinde sammeln, muss er einen Weg finden, Ravkas Kassen wieder aufzufüllen, Allianzen zu schmieden und eine wachsende Bedrohung für die einstmals mächtige Armee der Grisha abzuwenden.
Doch mit jedem Tag wird in dem jungen König eine dunkle Magie stärker und stärker und droht, alles zu zerstören, was er aufgebaut hat. Schließlich begibt Nikolai sich mit einem jungen Mönch und der legendären Grisha-Magierin Zoya auf eine gefährliche Reise zu jenen Orten in Ravka, an denen die stärkste Magie überdauert hat. Denn nur dort besteht eine Chance, sein dunkles Vermächtnis zu bannen.
Einige Geheimnisse sind jedoch nicht dafür geschaffen, verborgen zu bleiben – und einige Wunden werden niemals heilen.

Schreibstil:
Leigh Bardugo schreibt, als wäre sie selbst schonmal dort gewesen, in dieser Fantasy-Welt, die nur wenig mit unserer gemein hat. Allein, dass die Grischa besondere Fähigkeiten haben, ist ja schon immer wieder für eine Überraschung und ungewollte Action gut. Was ich an ihrem Schreibstil aber auch sehr gern mag, ist, dass sie ihre Figuren einerseits sehr zugänglich präsentiert, sie aber gleichzeitig der Welt anpasst und relativ hart auftreten lässt. Ein gesundes Gleichgewicht, dass einfach Spaß beim Lesen macht.

Zur Geschichte allgemein:
Nikolai kennt man schon aus der Grischa-Reihe. Nach einem wilden Leben als Freibeuter, wird er letztlich Zar und muss sich um ein ganzes Land kümmern, das in seinen Grundfesten in der letzten Zeit öfters durchgerüttelt wurde. Und genau das hier der Anknüpfungspunkt, der uns wieder zurück in die Geschichte holt und mich sofort mitnehmen konnte. Ich habe Ravka lieben gelernt, weiß aber auch, um die Schwierigkeiten und Nikolai versucht nun alles, irgendwie wieder geradezubiegen. Das Tolle daran? Obwohl er wesentlich ernster geworden ist, ist Nikolai immer noch Nikolai mit seiner liebenswerten Art, mit seinen schlauen Ideen und mit seinem bedachten Vorgehen.

Ich möchte jetzt eigentlich nicht spoilern, aber vielleicht tue ich es jetzt. Denn da gibt es neben Ravka selbst noch ein anderes Problem: Nikolais dunkle Seite. Denn die Geschehnisse aus dem Finale des Grischa-Bandes sind nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Das bringt immer wieder eine gehörige Portion Spannung und auch Grusel in die Geschichte, denn einerseits ist es Nikolai, der alles gibt, um Ravka zu retten und dann ist da die dunkle Seite, die man nicht richtig einschätzen kann und ihn zu Dingen zwingt, die er nicht tun will. Auch dieses Spannungsverhältnis fand ich super und hat die Geschichte sehr lebendig gehalten. Vor allem, als es dann auf Reisen ging, wurde es dadurch doch zunehmend düsterer und man hat gebangt und mitgefiebert.

Eine Besonderheit dieses Buches im Vergleich zur Grischa-Reihe sind die unterschiedlichen Erzählperspektiven. Ravka ist nicht länger ein Reich, in dem die Menschen getrennt betrachtet werden, sondern es kommen jetzt viele verschiedene Menschen aufeinander und genauso vielschichtig wird auch erzählt. Man taucht als Leser:in in verschiedene Figuren ein, erfährt Dinge aus ihrer Vergangenheit, erlebt Situationen nochmal ganz anders und bekommt generell einen vielschichtigeren Blick auf die Welt. Ich habe so schon oft Fantasy gelesen und bin hinterher immer nicht ganz so sicher, ob das nun das ist, was ich mir vorzugsweise wünschen würde. Fakt ist nämlich, dass man oft auf Figuren warten muss und Spannungsbögen so unterbrochen oder unnötig in die Länge gezogen werden.

Cool fand ich im Hinblick darauf aber, dass Zoya endlich sympathisch für mich wurde. Man konnte schon vermuten, dass noch mehr in ihr schlummert, hier stellt sie das unter Beweis und zeigt sich von ihrer tieferen Seite. Ebenso werden auch Nina und der Dunkle nochmal von einer anderen Seite gezeigt und es kommen neue Figuren dazu, die mich genau wie in der Trilogie haben hadern lassen. Manchmal ist es nämlich gar nicht so leicht, zu unterscheiden, wer gut und wer böse ist, welch Ziele noch vertretbar sind und welche nicht und wen man eigentlich nicht mögen sollte, es aber doch irgendwie tut. Es blieb auf jeden Fall spannend.

Und dann war da der Cut, der alles nochmal umgeschmissen hat. Ich musste mich wirklich nochmal ganz neu zurechtfinden und stand wieder vor neuen Rätseln. Da warten auf jeden Fall noch viele Erzählstränge darauf, zu einem Ganzen zu werden und so ist der Cliffhanger keine wirkliche Überraschung gewesen. Ich weiß nur: Ich muss weiterlesen!

Fazit:
Das Lesen aus unterschiedlichen Perspektiven ist etwas gewöhnungsbedürftig und manchmal auch etwas schwierig, es hat aber auch einen sehr vielschichtigen Blickwinkel auf die Welt erlaubt und die hat es wieder in sich. Nikolai mochte ich schon immer, auch hier bleibt er sich treu, steht aber vor ganz neuen Herausforderungen. Ich war an die Seiten gebannt und habe zwischendurch wirklich gebibbert, weil es doch alles sehr düster ist. Düsterer als die Grischa-Trilogie, aber so mag ich es normalerweise bei Fantasy. Das Ende war fulminant – was jetzt passiert? Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich weiterlesen muss und das ihr es auch nicht lassen können werdet, wenn ihr erstmal im letzten drittel des Buches gelandet seid. Ich bin gespannt!

5 von 5 Sterne von mir.

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Veröffentlicht am 23.03.2023

Gelungene Fortsetzung, die Lust auf mehr macht

Westwell - Bright & Dark
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Zur Info: Dies ist der zweite Band einer zusammenhängen Trilogie. Fangt also unbedingt vorne an, sonst verpasst ihr einfach zu viel.

Klappentext:
Helena vermisst Jess mit jeder Faser ihres Seins. Vor ...

Zur Info: Dies ist der zweite Band einer zusammenhängen Trilogie. Fangt also unbedingt vorne an, sonst verpasst ihr einfach zu viel.

Klappentext:
Helena vermisst Jess mit jeder Faser ihres Seins. Vor zwei Monaten musste sie die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen und sich von ihm trennen, und noch immer zerreißt ihr allein der Gedanke an ihn das Herz. Einzig ihre Nachforschungen zum Tod ihrer Schwester schaffen es, sie über Wasser zu halten. Doch als sie dabei auf eine Information stößt, die Jess’ gesamte Welt auf den Kopf stellen könnte, bleibt ihr nichts anderes übrig, als erneut Kontakt mit ihm aufzunehmen. Jess ist außer sich, als er erfährt, dass Helena im Todesfall ihrer Geschwister ermittelt, ist er doch überzeugt, dass sie sich dadurch in große Gefahr begibt. Daher beschließt er, ihr zu helfen – und obwohl beide wissen, dass sie nicht zusammen sein dürfen, ist es bald unmöglich, ihre Gefühle zu ignorieren …

Schreibstil:
Lena Schiefer schreibt schwungvoll locker. Ich hatte nie Probleme, ihr zu folgen und habe mich liebend gerne mitreißen lassen. Von Emotionen bis zur Spannung war alles sehr gut fühlbar und auch auf die kleinen Dinge und Details wurde viel Wert gelegt, sodass ich die Figuren noch mehr als sowieso schon lieben gelernt habe.

Zur Geschichte allgemein:
Wer in Band 1 mit Helena und Jess mitgefiebert hat, der weiß, dass dieses Buch mit einer ganz anderen Gefühlsachterbahn beginnt: die beiden leiden. Automatisch war ich also darauf eingestellt, dass ich nicht nur mit ihnen leiden würde, sondern auch im Erzählfluss, denn die Lovestory wird so natürlich heftig aufgehalten. Das Gute an Westwell ist aber, dass im Hintergrund ja immer noch ein Kriminalfall steht, den es aufzuklären gilt. So war ich dann doch schnell wieder in der Geschichte und habe mitgefiebert.

Überraschenderweise ist der Kriminalfall zudem alles andere als gut durchschaubar. In diesem Band gab es auch blinde Fährten, es wurden Geheimnisse ans Licht gebracht, die einiges veränderten, aber zur eigentlichen Sache gar nicht beitrugen und es galt wirklich, gut mitzudenken. Sowas erwarte ich nicht unbedingt in einem Liebesroman, weshalb ich umso begeisterter war. Stück für Stück kamen die beiden der Tat immer näher, ohne, dass die Spannung verloren ging. Ich bin wirklich sehr gespannt darauf, zu erfahren, was wirklich passiert ist.

Weiter fand ich es in diesem Band auch cool, dass Jess‘ und Helenas Familie nochmal mehr Platz bekam, bzw. die Probleme der beiden mit ihnen. Anfangs war ich mit Helena nämlich nicht ganz fein, weil ich nicht verstehen konnte, weshalb sie all das Leid nur wegen ihrer Familie auf sich nimmt. Mehr und mehr wurde diese Frage hier in den Vordergrund gerückt und dadurch sehr ausführlich behandelt, sodass auch Helena sie sich stellt. Einerseits ist da das, was sie quasi von klein auf eingetrichtert bekommen hat, andererseits ist da sie selbst, die gar keinen Freiraum bekommt, zu tun, was sie für sich entscheidet. Ein Zwiespalt der Jess mit einschließt und letztlich auch in einer Eskalation einen Höhepunkt findet. Zu meiner Freude, denn ansonsten wäre ich irgendwann echt nicht mehr bereit gewesen, Helena ihre Art zu glauben.
Ansonsten mag ich Helena nämlich weiterhin super gerne. Sie geht überlegt vor, ist aber dennoch bereit, ein Risiko einzugehen. Sie steht zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten für sich ein (bspw. lässt sie sich klar und deutlich nicht mit jemand anderem verkuppeln) und sie ist sehr einfühlend. Dazu kommt, dass sie Jess gegenüber weiterhin ehrlich bleibt. Für mich war es ein riesen Pluspunkt des ersten Bandes, dass die beiden nicht stumm voreinander stehen, sondern das Problem ansprechen. Auch hier gehen sie wieder offen mit dem um, was sie berührt, wie sie sich fühlen und warum sie etwas tun. Das schafft einfach viel Vertrauen, befriedigt uns Leser auch mehr, weil wir uns so in der Lage fühlen, auf die beiden zu warten, und erzeugt viel Mitgefühl und Spannung. Zudem heißen die zwischenzeitlichen Momente, in denen sie sich nachgeben, der Liebesgeschichte umso mehr ein.

So und dann ist da natürlich noch Jess, den liebe ich einfach! Er ist so cool zu seinem kleinen Bruder, vertritt ebenfalls seine Prinzipien, vor allem seiner Mutter gegenüber und kommt einfach sehr smart und clever rüber. Ich kann mir gut vorstellen, dass er gut bei seinen Kunden ankommt, weil sich alle bei ihm sofort wohlfühlen. Dadurch ist der das perfekte Gegenstück zu Helena, denn er kann auf sie eingehen, versteht sie und reagiert auch nicht mit ihren wahnwitzigen Ideen, die ihre Bedürfnisse außer Acht lassen würden.

Sie litt genau wie ich, aber wir durften nicht füreinander da sein. Wir waren zur Einsamkeit verdammt. Immer noch. Für immer. Für ewig.

WESTWELL – BRIGHT DARK VON LENA KIEFER

Fazit:
Alles in allem hat mir auch dieser Band wieder sehr gefallen. Es war spannend, sexy, tiefgreifend und dazu noch echt interessant, denn ich habe keine Ahnung, wer der Mörder sein könnte. Genial!

5 von 5 Sterne von mir.

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Veröffentlicht am 23.10.2022

Überraschendes Highlight mit Suchtfaktor

Dark Sigils – Was die Magie verlangt
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Zur Info: Dies ist der erste Band einer Reihe, die ihr zwingend in der richtigen Reihenfolge lesen solltet. Sonst ergibt es leider wenig Sinn.

Klappentext:
Früher existierte Magie nur in Träumen. Sie ...

Zur Info: Dies ist der erste Band einer Reihe, die ihr zwingend in der richtigen Reihenfolge lesen solltet. Sonst ergibt es leider wenig Sinn.

Klappentext:
Früher existierte Magie nur in Träumen. Sie war eine geheimnisvolle Kraft, die Wunder vollbringt. Aber so ist Magie nicht. Das weiß Rayne besser als jede andere. Wahre Magie ist düster und gefährlich – und dennoch Raynes einzige Chance, in den Armenvierteln Londons zu überleben. Mittels besonderer Artefakte, den Sigils, hat sie gelernt, die blau schimmernde Flüssigkeit zu nutzen … und mit ihr zu kämpfen. Doch als die Magie außer Kontrolle gerät, kann Rayne nur ein einziger Junge helfen. Er herrscht über die mächtigsten Sigils der Welt und stellt sie vor die Wahl: Entweder die Magie in Raynes Adern wird sie töten – oder sie bindet ihr Leben an die Dark Sigils. Für immer.

Schreibstil:
Der Schreibstil von Anna Benning hat mir schon bei dem letzten Buch von ihr sehr gut gefallen. Er ist sehr locker und super gut verständlich. Hier tun sich Welten auf, die erdachten Sachverhalte werden komplex, aber gut vorstellbar erklärt, sodass man beim Lesen wirklich komplett in der Welt versinken kann. Dazu kommt, dass auch das Indirekte für mich sehr gut fassbar war. Man hatte eine Ahnung, konnte es aber nicht komplett erahnen, sodass es immer spannend blieb. Insgesamt ließ sich die Geschichte somit sehr flüssig und auch sehr schnell lesen. Die Spannung war immer da – Seitenzahlen wurden praktisch zu einem verschwommenen Umriss.

Meine Meinung:
Das Coole bei diesem Buch? Ich habe die erste Seite aufgeschlagen, erste Buchstaben zu Wörtern in meinem Kopf geformt, Figuren gemalt und Kulissen gefühlt und schon war ich drin in der Geschichte – in Prime, in Raynes Kopf und in einer verzwickten Situation, in der es um Leben und Tod (oder vielleicht auch um Glück und Unglück) geht. Den Einstieg fand ich damit schonmal super. Es ist immer schön, wenn es nicht langsam anfängt, sondern man sofort mitfiebern kann. Mit meiner Angewohnheit, nie den Klappentext zu lesen, sondern mich von Cover, Autorin und Thematik neugierig machen zu lassen, war in meinen Erwartungen natürlich noch alles offen. Demnach konnte ich nicht erahnen, dass es alles noch viel mehr werden würde. So zumindest wurde ich erst einmal in Raynes Wirklichkeit eingeführt, habe mich damit vertraut gemacht und gleich versucht, Schurken und Gute auszumachen. Und die gibt es. Rayne hat eine beste Freundin: Lucy, mit der sie zusammen aufgewachsen ist. Anfangs war es mir nicht ganz so bewusst, aber tatsächlich spielt sie über die Geschichte hinweg eine nicht ganz unbedeutende Rolle. Im Nachhinein (und gerade als Teil des Spannungsverlaufes) fand ich es ganz gut gemacht, dass sie nicht anfangs als Teil der „alten Welt“ (bevor Raynes Welt sich durch die Geschehnisse ziemlich verändert) zurückbleibt, sondern immer präsent bleibt. Das zeugt von einer Kontinuität, die irgendwo auch Rayne sehr gut charakterisierte: Sie vergisst ihr vorheriges Leben eben nicht, steht zu ihren Wurzeln und ist treu in ihren Freundschaften.

Sowieso macht diese Treue Rayne ziemlich aus. Sie denkt sehr viel an andere und erst in letzter Instanz an sich selbst. Dadurch kommt es in der Geschichte immer wieder zu Situationen, in denen sie mit sich selbst hadert – nicht weiß, ob sie etwas tun sollte, weil sie es ihretwegen oder jemand anderes wegen machen sollte. Das fand ich sehr gut gemacht. Es ist ihr Charakter und der bleibt durchweg stark, dennoch formt sich ein Denkprozess, eine Entwicklung, die letztlich auch die Geschichte beeinflusst.
Ihr könnt euch aber vielleicht denken, dass Rayne dadurch sehr sympathisch wirkt. Sie versucht immer, den richtigen Weg für alle zu finden und nimmt dadurch auch Einbüßen für sich selbst hin. Das schließt auch ein, dass sie immer sehr überlegt vorgeht und versucht, die Situationen (die manchmal richtig schön verzwackt und komplex sind) zu durchschauen. Das fand ich bei ihr alles richtig gut gemacht, weil die Autorin es geschafft hat, dass Rayne dabei nicht ihren Biss, ihre Freude und ihre Spontanität verliert und somit nicht beginnt, die Leser zu nerven.

Die Welt, durch die sich Rayne bewegt, ist originell und gut durchdacht. Ich habe mitgefiebert, alle neuen Informationen in mich aufgesaugt und genau wie sie nach dem perfekten Ausweg gesucht. Um euch die Welt kurz zusammenzufassen: Es gibt Magie, die wohnt aber quasi nicht den Menschen inne, sondern wird durch bestimmte Quellen geschöpft und durch sie genutzt. Dann gibt es Prime, das ist sozusagen die Erde, die nur begrenzt Magie zur Verfügung hat. Dadurch ist sie automatisch natürlich sehr wertvoll und es wird viel Schmu damit gemacht. Über Prime, auf dem Kopf im Himmel, hängt der „Mirror“. Eine gespiegelte Version der Welt darunter, allerdings auch nicht so ganz. London beispielsweise scheint im Mirror ein paar Jahrhunderte älter. Und über den Mirror, in dem Magie ganz alltäglich ist, herrscht der Mirrorlord. Dreimal dürft ihr somit raten, auf wen Rayne trifft:) Für sie eröffnet sich hier eine komplett neue Welt, von der sie plötzlich ein Teil ist. Und statt Zeit für die Eingewöhnung zu haben, geht es gleich um richtig viel. Es gibt drei offene „Baustellen“, in die Rayne unmittelbar verwickelt wird. Dazu gefangen zwischen Freundschaft und Liebe, ihrem alten und ihrem neuen Leben und der Geschichte ihrer Familie. Jede Menge Potential also für viel Spannung, viele Erzählstränge und unerwartete Wendungen.

Dass alles gleich so komplex ist, ist natürlich erst einmal viel. Allerdings nicht zu viel und so habe ich es einfach nur genossen, dass keine Längen aufgekommen sind. Es ging gleich um viel, es kommen mehr Figuren hinzu und auch Raynes Leben wird immer mehr zu einem Mysterium, das sich durch Informationsschnipseln aus verschiedenen Richtungen zusammensetzt.
Toll fand ich in dem Ganzen (zu vielem anderen), wie die Figuren zusammenspielten. Ich habe die Truppe um sich herum gleich ins Herz geschlossen und die zarten Liebesgefühle, die zusätzlich hinzukommen, setzen allem die Krone auf.
Natürlich ist auch in Punkto Liebe hier nichts einfach. Auch hier geht es um Leben und Tod. Ihr kennt vielleicht die Bücher, in denen die beiden aus sehr heftigen Gründen heraus nicht zusammen sein können. Ein modernes Märchen von Romeo und Julia eben. Oft bin ich dann etwas genervt, weil die Gründe dann doch irgendwie übertrieben sind, man ja schon weiß, dass sie sich am Ende sowieso auflösen und damit ja auch immer ganz schön getrickst wird. Hier machte alles aber leider ziemlichen Sinn. Vom Prinzip her weiß man also, dass es irgendwie schon passen wird, von der Logik her gibt es hier aber so definitiv Gründe, die hier aber einfach noch näher ergründet werden müssen. Generell gibt es so einiges, was auch für die Figuren im Hinblick auf ihre Welt noch nicht ganz klar ist. Das macht es natürlich zusätzlich spannend, weil das Konstrukt, dass sie in und auswendig zu kennen meinen, wackelt. Und zwar gewaltig. Das wurde ganz besonders im Epilog deutlich, der es so richtig in sich hatte.

Ich war also von der Geschichte verzaubert. Ich habe durchweg die Spannung gefühlt, habe mitgefiebert, habe mit Rayne bezüglich ihrer Liebe geträumt, habe genug ernste Situationen erlebt, sodass die Geschichte für das Genre nicht zu seicht rüberkam, und habe gerätselt und überlegt. Das Ende hat mich sehr zufriedengestellt, weil es viele Stränge zusammengeführt, aber auf logische Weise und auf unerwartete Weise auch Pfade aufgerissen hat, die mich nun super gespannt auf den nächsten Band machen. Den muss ich unbedingt lesen! Was ich erwarte: Raynes Suche nach ihrer Freiheit, eine Liebesgeschichte, die eben doch alles überwinden kann (aber bitte nicht zu schnell) und eine komplett umgekrempelte Welt.

Drei Gründe, warum du dieses Buch lesen solltest:
1. Du magst es, wenn du eine Welt komplett neu erkunden kannst, diese Welt sich noch während der Geschichte ganz unerwartet umformt und Magie dein Freund ist.
2. Du erwartest keine Liebesgeschichte, die jede Seite dominiert und somit den Großteil der Geschichte einnimmt, sondern vielmehr hinter den Geschehnissen der Handlung zurückbleibt und dadurch zart und und vielleicht umso stärker ist.
3. Du liebst Spannung, komplexe Erzählstränge, fieberst einem Ende entgegen, bei dem nicht alles gut ausgeht und du deshalb umso neugieriger auf den nächsten Band bist.

Fazit:
Mir hat die Geschichte durchweg gefallen. Bei Sci-Fi liegt mein Fokus immer sehr auf der Welt, der Komplexität der Handlungsstränge und der Spannung. Alles davon war hier supergegeben. Ich konnte und wollte nicht aufhören zu lesen, war mega neugierig und am Ende blieb genug, um mich erwartungsvoll auf Band 2 zurückzulassen. Dazu waren die Charaktere sehr sympathisch und die Liebesgeschichte super schön eingebunden, wenn auch sehr zart. Mich hat das aber nicht gestört, da Dramatik an der Stelle für mich nicht immer die Wunderwaffe für eine Geschichte ist.

5 von 5 Sterne von mir.

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Veröffentlicht am 01.10.2022

Bodypositivity und schönstes Venedig - perfekte Kombi!

Shape of Love - Mit jeder meiner Fasern (Love-Trilogie, Band 1)
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Hallo ihr Lieben

Hallo ihr Lieben<3
ich bin happy, denn ich habe wieder mal ein Buch gefunden, dass eine Plus-Size-Protagonistin hat. Darüber freue ich mich einfach sehr, weil es bisher noch viel zu wenige solcher Bücher gibt. Ich hoffe, da kommt in nächster Zeit noch was:)

Klappentext:
Ihre Ängste halten ihn auf Distanz. Doch gemeinsam können sie heilen.
Cleo kann ihr Glück kaum fassen: Sie hat ein Praktikum bei der gefeierten Designerin Ornella Russo in Venedig ergattert! Doch der Start verläuft holprig, denn ihre Chefin macht schnell klar, dass die kurvige Studentin in der Modewelt nichts zu suchen hat. Und dann ist da noch Alessandro: das Gesicht von Ornellas neuer Kollektion, ein berühmtes Männermodel – und der Enkel von Cleos Vermieterin. Von Beginn an spüren sie diese Anziehungskraft, die beide verunsichert. Denn während es Cleo aufgrund ihrer Figur schwerfällt, Nähe zuzulassen, hat Alessandro mit seinen eigenen Ängsten zu kämpfen …

Der Schreibstil:
Es ist mein erstes Buch von Marina Neumeier und ich hatte überhaupt keine Probleme mit ihrem Schreibstil. Tatsächlich war er so schön flüssig und locker zu lesen, dass er die Geschichte wunderbar unterstrich und ihr vor allem nicht im Weg stand. Die Seiten flogen nur so, die Charaktere waren fassbar und die Gefühle kamen rüber. Was will man mehr?

Meine Meinung zur Geschichte:
Cleo war mir von der ersten Seite an sympathisch. Obwohl ihre Eltern nicht hinter ihr stehen und es deutlich einfachere Wege für ein Praktikum geben könnte, entscheidet sie sich für eins in Italien. Sie packt einfach ihre Koffer und fährt nach Venedig. Und so ist Cleo auch während der Geschichte: Wenn sie etwas will, dann zieht sie es durch, zeigt Mut und unerschütterliche Energiereserven. Ebenso stark scheint sie auch in Bezug auf ihren Körper zu sein. Sie weiß sich zu kleiden, schämt sich nicht für ihre Kurven und steht über den Kommentaren und Anfeindungen so mancher Menschen. Das machte erstmal einen sehr guten Eindruck auf mich. Und so bestätigt es sich auch. Die Praktikumsstelle hätte niemand außer Cleo angefangen und durchgezogen.

Wohnen tut sie in Margheritas Haus, in dem gleich noch Lukas, ein singender Gondoliere, Sofia, ihre Nichte, und Alessandro, ihr Neffe, wohnen. Das Haus war schonmal mega cool, weil alle wie eine große Familie zusammenwohnen. Das gab richtig schöne Vibes und hat vor allem viel Dynamik zwischen den Figuren geschaffen. Schade fand ich vielleicht, dass man gerade von Luca nicht so viel erfahren hat. Aber wahrscheinlich kommen zu ihm und zu Sofia nochmal eigene Bände (oder sogar nur einer).

Hier trifft Cleo auch zum ersten Mal auf Alessandro. Der ist Model und immer viel unterwegs. Irgendwie war es komisch, von ihm zu lesen, weil so berühmte Models normalerweise nicht das sind, worein ich mich versetzen kann. Alessandro ist aber noch herrlich normal. Nicht abgehoben, eingebildet oder etwas dergleichen. So war gleich klar, dass man dem Pärchen Alessandro + Cleo entgegenfiebert.

Die Geschichte der beiden verläuft dann erst einmal im Sinne einer Slow-Burn-Story. Das fand ich hier allerdings gar nicht schlimm, sondern ganz cool. Cleo liebt die Mode und steckt da ihr ganzes Herzblut rein. So ist es nur sinnvoll und auch schön zu lesen, wie sie für das Praktikum rackert, um sich zu beweisen.
Was ziemlich schnell klar wird, ist, dass beide Protagonisten nicht problemfrei mit ihrem Gewicht umgehen. Cleo scheinen einige Kommentare doch mehr an die Nieren zu gehen, als sie zugeben will und sie versteckt sich immer noch in einiger Hinsicht, Alessandro hingegen legt sehr kritische Verhaltensweisen in Bezug auf Essen an den Tag. Auf Cleo habe ich dabei besonders gelauert, weil ich mich mit dem Thema Bodypositivity vermehrt auseinandersetze und gerade erst ein Buch mit einer solchen Protagonistin gelesen habe. Cleo schätze ich so ein: Sie weiß, dass sie sich nicht auf ihr Gewicht beschränken lassen muss und versucht, Gewicht nicht als ein Problem im Alltag aufkommen zu lassen. Das ist aber nicht immer so leicht. Sie hat immer noch mit Zweifeln zu kämpfen. Leider ganz natürlich in unserer heutigen Gesellschaft. Und so fand ich Cleo letztlich einfach authentisch und echt.

Info: Mehrgewicht wird hier problematisiert, allerdings wird hier so vorgegangen, dass es nicht dauernd von der Protagonistin angesprochen wird. Trotzdem gibt es aber natürlich Situationen, in denen sie sich Diskriminierungen stellen muss und/oder sich mit Zweifeln auseinandersetzen muss. Es gibt aber keine aktive Aufklärung für Fatshaming zum Beispiel. Cleo ist da eher auf sich beschränkt.

Achtung Spoiler! Trigger! Alessandro ist nochmal eine ganz andere Nummer – eine wichtige Nummer. Er hat mit einer Essstörung zu kämpfen, die ebenfalls von der Gesellschaft abhängig ist. Seine Geschichte und Entwicklung fand ich wahnsinnig eindringlich. Mit beiden Themen geht die Autorin super um. Bei ihm schafft sie es sogar, seine Verschleierungen selbst vor dem Leser lange aufrecht zu erhalten. Ich will da jetzt gar nicht so viel zu schreiben, weil das zu viel spoilern würde, aber ich fand, man konnte seine Verzweiflung, seine ausweglos erscheinende Situation und den Druck, unter dem er stand, sehr gut nachvollziehen und auch nachempfinden. Ich habe mit ihm gelitten. Und vor allem eins fand ich gut an seiner Geschichte: Es wird nochmal verdeutlicht, dass nicht nur Frauen solche Probleme haben.

Zusammen ergeben die beiden ein wirklich schönes Paar, denn sie lieben sich bedingungslos. Alessandro mag Cleo’s Kurven und muss es auch nicht dauernd erwähnen, dass sie „dicker ist als andere“. Cleo’s Gewicht ist im schlicht nicht wichtig. Und Cleo tut ihm einfach gut und nimmt auch ihn, wie er ist. Auch, wenn sie ihm etwas Mut zurredet. Sie sind einfach süß zusammen und ich habe es genossen, sie in dieser falschen Welt zusammen zu sehen.

Denn die Welt ist falsch. In der Welt der Mode ist vieles äußerlich. Auch das zeigt die Autorin sehr gut. Einmal durch Cleo’s Eltern und dann durch Cleo’s Praktikum und die Medien. Es ist einfach gut gemacht, wie der gesellschaftliche Druck und die vermeintlichen Konventionen von allen Seiten hier gezeigt wurden.

Durch diese Abwechslung von Modewelt, Essverhalten, Familie im Haus und das Liebespaar wurde es nie langweilig, sondern floss super gut voran. Es blieb durchgehend spannend und niemals übertrieben dramatisch.

Das Ende war sehr schön, weil beide sich entwickelt hatten, sozusagen aus der Welt räumen konnten, was zwischen ihnen stand und – und das finde ich besonders gut – auch die Zukunft machbar zu sein scheint.

Fazit:
Die Geschichte war für mich durchweg rund. Sie war spannend und flüssig zu lesen, die Charaktere waren sympathisch und mit der Thematik wurde sehr gut umgegangen. Die Protagonistin kam gut zur Geltung und die Liebesgeschichte war wirklich süß. Dazu die schöne Kulisse Venedigs.

5 von 5 Sterne von mir.

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Veröffentlicht am 24.08.2022

Es sollte viel mehr solcher Bücher geben!

Alles, was du von mir weißt (Alles-Trilogie, Band 2)
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Hallo ihr Lieben

Hallo ihr Lieben<3
ich folge seid einiger Zeit einer Instagrammerin, die sich ganz stark für das Thema Bodypositivity und Selbstliebe macht. Von ihr habe ich in den letzten Monaten einiges gelernt und das ganz unbewusst. Sie zeigt sich einfach, wie sie ist, sensibilisiert für fettfeindliche Inhalte, zeigt, was es heißt, seinen Körper zu akzeptieren und erklärt ganz logisch (sie hat zudem Soziologie studiert und weiß also auch wissenschaftlich, wovon sie spricht), wie unsere Gesellschaft uns mit Idealen einschränkt, zermürbt und runtermacht. Das erste, dass man bei ihr lernt, ist, dass das Adjektiv „dick“ (Adjektiv = beschreibendes Wort für z.b. ein Substantiv) eben nur das ist: eine Beschreibung – und keine Wertung! Demnach ist es völlig okay, jemanden als dick zu beschreiben, unsere Gesellschaft hat nur dafür gesorgt, dass dieses Wort so negativ konnotiert ist, dass es zu einer Beleidigung geworden ist. Wichtig ist es also nun, das Wort wieder zu dem zu machen, was es ist: eine sachliche Beschreibung – nicht mehr und nicht weniger.
Wörter können in diesem Kontext also unheimlich viel anrichten. Mit Wörtern wird verletzt und idealisiert, es werden Tabus gesetzt und eine ganze Gesellschaft geprägt. Und was dann auffällt ist, dass die Liebesgeschichten, die wir täglich von jungen Leuten lesen, sich ebenfalls in ihren Wörtern einschränken. Fast nie hat man es mit einer Figur zu tun, die dick ist, fast nie hat man es überhaupt mit einer Hauptfigur zu tun, die wegen ihrer Figur in der Gesellschaft denunziert wird. Wenn jemand eigentlich schlank ist, sich aber noch zu dick fühlt, fehlt auch hier die Selbstliebe, allerdings erfährt diese Person in der Gesellschaft keine Nachteile – dicke Menschen schon.
Umso wichtiger ist es also, dass wir noch offener damit umgehen. Dass ein Liebespaar bei uns nicht aus einem schlanken Mädchen und einem gut gebauten Typen bestehen muss – und weiter muss der Typ auch nicht größer sein, als das Mädchen, er muss nicht die gleiche Hautfarbe haben, nicht genauso schlau sein, nicht genauso erfolgreich. Liebe ist individuell und es geht um unseren Charakter, nicht um unser Aussehen. Das sollte viel selbstverständlicher werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin so froh, dass es dieses Buch gibt!

Klappentext:
Er steht für ALLES, was sie verabscheut. Doch das ändert NICHTS an ihren Gefühlen
Polly will ausziehen, Jura studieren und nie mehr einen dummen Spruch darüber hören, welche Kleidung sie bei ihrer Figur angeblich tragen darf und welche nicht. Gleich im ersten Semester ergattert sie einen Job in einer renommierten Kanzlei, nur das mit der Wohnung hat sie gewaltig unterschätzt. Kurzerhand quartiert ihre beste Freundin Anna sie in der WG ihres Bruders Jonas ein. Doch in der Kanzlei verläuft es alles andere als erhofft: Pollys Figur gibt den Angestellten allerhand Gesprächsstoff. Sie will Stärke beweisen und erzählt niemandem davon. Selbst Jonas nicht, obwohl die beiden einander immer näherkommen …

Zur Info: Dies ist der zweite Band einer lose zusammenhängenden Reihe. Ihr könnt die Bücher also unabhängig voneinander lesen, damit ihr aber auch später noch mit den Paaren mitfiebern könnt, wäre es einfach schöner, die Reihenfolge zu beachten.

Der Schreibstil:
Kyra schreibt gewohnt locker flockig und wunderbar feinfühlig. Sie hat definitiv ein Talent dafür, die Kleinigkeiten in den Gefühlen und Handlungen ihrer Figuren zu betonen und sie dadurch unheimlich authentisch zu machen. Ich habe das Buch super fix durchgelesen, weil alles flüssig lesbar war und ich einfach von Anfang an mitgefiebert habe.

Meine Meinung:
Polly habe ich im ersten Band der Reihe schon kennengelernt und gleich gemocht. Sie zeigte sich unheimlich stark, humorvoll, taff, zielorientiert und völlig sie selbst. Genauso ist sie auch am Anfang dieser Geschichte und so ganz einfach kommt einem in den Sinn: ja, Polly macht schon ihr Ding. Wieso sollte sie nicht schaffen, was sie sich vorgenommen hat? Gleichzeitig aber wird sehr schnell klar, dass sie sich eine harte Schale zugelegt hat, um den Alltag zu überstehen. Für mich war es erstaunlich zu lesen, dass sie einerseits ihren Körper so akzeptiert, wie er ist, andererseits aber auch akzeptiert zu haben scheint, dass die Gesellschaft sie anders behandelt als andere. Letzteres passiert bei ihr ganz unbewusst und verleitet sie weiter dazu, sich Dinge, die nicht zu den gesellschaftlichen Idealen passen, für sich ebenso auszuschließen bzw. sich einzufügen. Dazu gehört auch, dass beispielsweise ein dickes Mädchen auch einen dicken Freund haben muss oder zumindest keinen haben darf, der dünner ist als sie. Das Problem dahinter, diese Annahme schließt auch mit ein, dass dünne Männer an dicken Mädchen gar nicht interessiert sind. Und so entsteht ein Weltbild und eine Gedankenspirale, die unterschwellig immer wieder in Pollys Gedanken auftaucht, die aber zunächst einmal gar nicht so deutlich wird.

Ich fand es unheimlich gut gemacht, wie die eigentlich starke Polly nach und nach erkennt, dass sie eben einiges doch noch nicht ganz überwunden hat. Dazu passend zeigt die Gesellschaft natürlich, warum Polly so denkt: es gibt miese Vergleiche, diskriminierende Bemerkungen, fiese Hänseleien und Reduzierungen von Polly als Mensch auf Pollys Körper.
Wenn man das so liest, dann klingt alles leider viel zu authentisch, denn so ist es leider wirklich. Das habe ich oft genug von dicken Menschen gehört. Dadurch, dass Polly selbst sich aber erst einmal selbst davor schützt und manchmal auch in ihrer Stärke überschätzt, fällt es gar nicht so sehr auf. Erst nach und nach macht es sie mürbe, belastet es sie mehr und mehr psychisch. Ich fand das unheimlich gut gemacht, musste aber auch immer daran denken, dass Leser:innen, die nicht so sensibilisiert wie ich sind, einige diskriminierende Handlungen und Aussagen vielleicht gar nicht als solche wahrgenommen hätte. Vielleicht wäre es da ganz cool gewesen – nicht wegen der Geschichte, sondern nur wegen der Leser:innen – Polly in ihrem schlimmsten Umfeld jemanden zur Seite zu stellen, der noch mehr auf diese Ungerechtigkeiten aufmerksam macht.

Polly macht in diesem Buch also eine Entwicklung durch, die nicht so auffällig ist, wie es in anderen Geschichten der Fall ist, denn es ist ein schleichender Prozess, in dem Polly zunächst Selbstliebe verliert, bis sie sie wiederfindet. Schlüsselstellen dafür gibt es immer wieder und keine davon ist seicht. Aber genau das fand ich gut, denn sich nicht wohl in seinem Körper zu fühlen und/oder sich als minderwertig zu fühlen, ist keine kleine Sache. An ihrer Seite stehen immer ihre beiden Freundinnen, die wir ebenfalls schon aus Band 1 kennen (eine von ihnen ist Anna). Die drei zusammen mochte ich immer super gerne, weil sie wirklich füreinander da sind und nicht nach dem Warum fragen. In Pollys Fall ist es aber etwas komplizierter, denn keine der anderen beiden ist dick. Und so, auch wenn sie sich Mühe geben, verstehen sie eigentlich nicht wirklich, was Polly täglich durchmachen muss. Dadurch kann Polly natürlich vieles lange vor ihnen geheim halten, gerade weil sie sich als die Starke darstellt. Auch hier zeigte sich wieder, wie unehrlich man sich selbst gegenüber sein kann. Die Autorin hat die ganze Misere wirklich gut eingefangen und brillant gezeigt, dass eine Geschichte kein künstliches Drama, märchenhafte Fantasien oder übertriebene Gesten braucht – die Beschreibung der echten Welt kann genauso mitreißend und berührend sein.

So, und nun so Jonas. Mit ihm fing alles ein bisschen anders an. Normalerweise hört man ja von einem Typen und weiß: das wird der Love-Interest, die kommen zusammen. Die erste Begegnung mit Jonas dagegen verläuft ein wenig anders und zwar, weil Polly sich gleich eine Story zu seinen Handlungen zusammenreimt, die Interesse auf jeden Fall ausschließt. Schon da merkte man also: Trotz allem, ist Polly dem Bild der Gesellschaft erlegen. Und das ganz natürlich, denn es dauert eine lange Zeit, braucht Mut und Stärke, um gegen quasi alle anzukommen.
Nach und nach merkt man dann aber schon, dass Jonas öfters auftaucht, dass er Polly Avancen macht, sie gut findet und sich bemüht. Auch hier ist es wieder so, dass einige Leser:innen dies aber, genauso wie Polly selbst, umdichten könnten, denn warum sollte ein schlanker, sportlicher, gutaussehender Typ auf eine wie Polly stehen? Das ist genau die gedankliche Frage, die wir eingeprägt bekommen haben, die aber überhaupt keine Berechtigung hat. Wenn wir sowas denken, sagen oder hören, muss uns bewusst sein, dass wir fettfeindlich sind. Wir setzen einen Menschen aufgrund seines Gewichtes herab. Und das völlig zu unrecht, denn welche Rechtfertigung gibt es dafür? Warum sollte das Gewicht für die Liebe solch eine große Rolle spielen? Warum sehen wir zuerst die Körpermaße der Person und denken nicht in erster Linie an ihren Charakter?
Jonas tut genau dies, er muss aber zunächst durch Pollys Schutzwälle hindurch.

Die ganze Liebesgeschichte zwischen den beiden fand ich ebenfalls sehr authentisch und noch dazu super süß. Es ist ein auf und ab, ja, aber das hat Hand und Fuß. Beide entwickeln sich, beide haben mit etwas zu kämpfen und beide müssen sich dem Zugzwang der Gesellschaft entziehen. Dazu gehört mehr, als eine bloße Liebeserklärung, die in manch anderen Geschichten schon zu einer Schwierigkeit mutiert. Und dann kommt die Autorin auch noch mit einem weiteren Kniff um die Ecke, denn Selbstliebe und gesellschaftliche Zwänge sind nicht nur Probleme von dicken Menschen, sondern können sich auf jeden Menschen auswirken und zu psychischen Störungen, Belastungen oder Fehleinschätzungen führen. Dazu möchte ich hier gar nicht mehr sagen, aber es hat die Geschichte für mich einfach noch runder gemacht, denn Polly wird so gezwungen, darüber nachzudenken, dass ihre Gesellschaftsvorstellung vielleicht auch andersrum verletzend wirken kann. Denn natürlich eignet man sich eine gewisse negative Einstellung und auch Vorurteile zu einer Gesellschaft an, die einem zu schaffen macht. Ganz aus dem Kontext zum Beispiel, indem man annimmt, die coolen Mädchen in der Schule – hübsch, reich und super beliebt – hätten keine Probleme.

Ihr seht, ich könnte noch ewig so weiter machen, ich möchte jetzt aber gerne ein Fazit zu diesem Buch fassen:

Mein Fazit:
Ich fand die Geschichte sehr sehr sehr authentisch und wieder super gut erzählt. Polly macht hier ein auf und ab in ihrer Entwicklung durch, die sehr umfassend die Probleme unserer Gesellschaft hinsichtlich Diskrimierung von Personen deutlich macht. Die Themen Fettfeindlichkeit, Body-Positivity und Selbstliebe werden hier sehr schön dargestellt, auch wenn es natürlich nicht alles umfassen kann und auch an der ein oder anderen Stelle noch mehr Aufklärung für nicht so sensibilisierte Leser:innen bedurft hätte. Aber es ist und bleibt ein Liebesroman und kein Sachbuch und so war es wirklich wunder wunderschön! Ich bin absoluter Fan von Polly und Jonas, ihre Beziehung macht sehr deutlich, worauf es wirklich ankommt und ich würde mich wirklich freuen, wenn wir bald noch mehr Bücher zu lesen bekämen, in denen dicke Frauen oder auch Männer zu Hauptprotagonisten werden. Lest es einfach:)

5 von 5 Sterne von mir.

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