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Veröffentlicht am 15.09.2016

Zwischen Lächeln und Tränen

Der Tag, an dem Marilyn starb
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Dieser Roman schafft es, trotz des traurigen Themas, den Leser immer wieder zum Schmunzeln zu bringen. Oft deshalb, weil man sich in der einen oder anderen Figur selbst erkennt. Doch auch wer nicht – wie ...

Dieser Roman schafft es, trotz des traurigen Themas, den Leser immer wieder zum Schmunzeln zu bringen. Oft deshalb, weil man sich in der einen oder anderen Figur selbst erkennt. Doch auch wer nicht – wie Hauptfigur Ethie – seine Mutter verlor, als er noch ein Kind war, wird von ihren klaren und direkten Schilderungen zu Tränen gerührt. In diesem Teil des Buches, der in der Gegenwart spielt, beschreibt Ethie, wie ihre Familie, allen voran ihr Vater, mit diesem schweren Schicksalsschlag umgeht. Sie will wissen, was genau passiert ist, tut sich schwer, zu akzeptieren, dass ihre Mutter nie wieder nach Hause kommen wird. Und mitten in diese Trauerphase platzt ein unbekanntes asiatisches Mädchen, das immer ihr Haus beobachtet. Ethie geht zusammen mit ihrem Bruder Kipper dieser Fremden nach und stößt mit der Zeit auf ein vom Vater gut gehütetes Geheimnis.
Unterbrochen werden Ethies Schilderungen von Rückblenden in den zweiten Weltkrieg, in dem ihr Vater für Kanada in Asien stationiert war. Seine Erlebnisse dort lassen den Leser besser verstehen, warum er in der Gegenwart meist sehr abwesend ist und viel Alkohol trinkt. Außerdem erklären diese Jahre auch, woher das Mädchen kommt, das auf das Haus der trauernden Familie starrt.

Mit einer packenden Unverblümtheit und Direktheit schreibt Donna Milner den Großteil des Buches über sehr schlimme und schreckliche Tatsachen, doch sie schafft es, dass sie den Leser zwar berührt, aber nicht verschreckt. Während der Kriegsszenen weiß man als Leser, dass der Vater heimkehren wird, auch wenn ihm und seinen Kameraden noch so unmenschliche Dinge zustoßen. Und in der Gegenwart lässt die Autorin den Leser hoffen, dass die Familie alles hinbekommt, näher zusammenrückt und letztlich stärker aus alldem hervorgehen wird. Ab und zu rückt das Geheimnis um das fremde Mädchen dabei fast in den Hintergrund und man fühlt sich zwischen den Gefühlen der Familienmitglieder so hin- und hergerissen als würde man zwischen ihnen auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen.

Veröffentlicht am 26.04.2026

Zwischen Idylle, Hingabe und großen Hürden

Gekommen, um zu bleiben
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Vorweg: Ich kannte Madeleine Becker bisher weder durch ihre Bücher noch durch Social Media. Aber da ich immer wieder auch bewusst etwas abseits meiner Krimis/Thriller lese und hier Österreich auch eine ...

Vorweg: Ich kannte Madeleine Becker bisher weder durch ihre Bücher noch durch Social Media. Aber da ich immer wieder auch bewusst etwas abseits meiner Krimis/Thriller lese und hier Österreich auch eine große Rolle spielt, war ich neugierig. 

Mir gefiel, dass sie einerseits ihre Situation (kaufte mit ihrem Lebensgefährten Lukas  einen alten kleinen Bauernhof in der Steiermark und bewirtschaftet diesen mit ihm und den gut 30 Tieren) erklärt, wie es dazu kam, dass sie nun so lebt (leben kann) wie sie das tut und gleichzeitig nicht zu sehr romantisiert. 

Zu sagen, ab morgen steige ich aus allem aus und bin Selberversorger auf einem Hof, mag ja aus der Umwelt- und der Entschleunigungsperspektive interessant sein, dennoch ist es so, dass die Art Landwirtschaft, die sich viele vorstellen und die Art, die auch wirklich ein ausreichendes Einkommen bringt, komplett verschieden sind. Madeleine und Lukas betreiben Landwirtschaft, aber leben müssen sie von ihren jeweiligen Jobs als Rettungssanitäter bzw. Autorin. 

“Gekommen, um zu bleiben” zeigt die schönen, aber auch die vielen harten Seiten des vermeintlich so idealen “Aussteigerlebens”. Wirklich auszusteigen ist natürlich nicht möglich, die beiden stecken jede Minute ihrer Freizeit in die Renovierung der Gebäude auf dem Hof und die Betreuung der Tiere bzw. Pflege von Beeten, Wiesen und Bäumen. 

Es gibt Lichtblicke, aber auch Schattenseiten und viel Trauriges vom Leben auf dem Hof. Vieles kann man sich als “Stadtmensch” gar nicht vorstellen. Plötzlich schätzt man Dinge, die selbstverständlich sind, wieder umso mehr. Öffentliche Wasserversorgung gibt es auf dem Hof zum Beispiel nicht. 

Zwischen den Erlebnissen auf dem Hof und der harten, aufreibenden Arbeit gibt es auch Einblicke in zwei damit zusammenhängende Bereiche. Einerseits bekommt man auch ein bisschen mit, was so ein Alltag mit einer Beziehung anstellt; andererseits wirft die Autorin auch einen Blick auf die “Branche” an sich. 

Da sie vor diesem kleinen Hof auf dem fast-Erbhof ihres Lebensgefährten gelebt und gearbeitet hat, kennt sie auch diesen Zugang zur Landwirtschaft. Druck, Automatisation, Profit - was alles zur konventionellen Landwirtschaft gehört. Sie versteht also beide Seiten - die “produzierende” und die “ökologische”. Ich dividiere das einmal so pauschal auseinander, auch wenn das eine nicht immer das andere ausschließen muss. 

Wie auch Madeleine Becker im Buch bedaure ich, dass sich da die Fronten anscheinend so verhärtet haben und die einen als Tierquäler, die anderen als Öko-Fuzzis gesehen und verurteilt werden. Und so wird aus einem eigentlich harmlosen, gewissermaßen öffentlichen Tagebuch auch ein Denkanstoß für den Leser selbst. Was kann ich dazu beitragen, unsere Bauern, unsere Lebensmittelproduktion, zu unterstützen, aber den Druck auf die Umwelt, der durch das “zu viel” immer größer wird, nicht noch zu befeuern?

Veröffentlicht am 09.01.2026

(K)eine glatte Sache

Schneegestöber im kleinen Katzencafé
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Ich greife nicht allzu viel vor, wenn ich sage, dass das Ende dieser Cozy-Winterromanze zwar wie erwartet endet, der Weg dahin ist aber natürlich nicht so glatt (nur die Straßen sind es). In einer kleinen ...

Ich greife nicht allzu viel vor, wenn ich sage, dass das Ende dieser Cozy-Winterromanze zwar wie erwartet endet, der Weg dahin ist aber natürlich nicht so glatt (nur die Straßen sind es). In einer kleinen englischen Stadt betreibt Sylvie ein Katzencafé mit allem, was dazugehört. 

Bei ihr im Gebäude in den Stockwerken darüber wohnt auch ihre Nichte Emmie, die gerade eine schwere Zeit durchmacht und vorübergehend im Café arbeitet. Ihr Traum ist es, mit ihrer Kunst erfolgreich zu sein. 

Neben weiteren Café-Mitarbeiterinnen lernen wir auch noch Jared kennen. Ihm geht es noch schlechter als Emmie. Dazu werde ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber ein Hinweis sei gesagt: Dieses Buch ist zwar einerseits aufgrund der vielen Details rund um Katzen natürlich stark auf Katzenfans ausgerichtet und für diese grundsätzlich auch empfehlenswert. 

Aber es gibt nicht nur “heile Welt” - wer also kürzlich traurige Erlebnisse mit einer Katze hatte oder sehr stark auf schwierige Katzenschicksale reagiert, sollte hier vorsichtig an die Sache herangehen und Taschentücher griffbereit haben. Mich berührten manche Katzenszenen teilweise mehr als die zwischen den menschlichen Protagonisten. 

Ansonsten gibt es fast 350 Seiten liebevolle, humorvolle und tief winterliche Episoden aus dem Leben rund um das Café, seine Betreiber und ihr Privatleben. Mir persönlich haben viele kleine Sichtweisen auf die verschiedenen Katzen sehr gut gefallen, denn für Katzenliebhaber ist das allermeiste davon im Alltag wirklich so und keine Erfindung der Autorin. Natürlich lebt auch Rachel Rowlands mit Katzen zusammen, ansonsten könnten viele Beobachtungen gar nicht so gut beschrieben werden. 

Toll sind auch die Ideen, welche Speisen mit Katzen-Bezug im Café angeboten werden. Hier wäre es schön, auch das eine oder andere Rezept bzw. Dekorationsanleitung im Buch zu haben.

Veröffentlicht am 13.10.2025

Mehr als “true crime”

Protokoll eines Verschwindens
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Weniges in diesem Buch ist erfunden, aber diesen Roman als “true crime” zu bezeichnen, wäre auch nicht ganz richtig. Der Titel trifft in diesem Fall den Nagel auf den Kopf. Autor und Kriminaljournalist ...

Weniges in diesem Buch ist erfunden, aber diesen Roman als “true crime” zu bezeichnen, wäre auch nicht ganz richtig. Der Titel trifft in diesem Fall den Nagel auf den Kopf. Autor und Kriminaljournalist Alexander Rupflin verdichtet einen Zeitraum von wenigen Jahren auf weniger als 290 Seiten.

Natürlich erzählt er nicht jeden Tag und Stunde genau nach, dennoch üben die “Bruchstücke” dieses real passierten Verbrechens eine ganz spezielle Magie auf den Leser aus. Noch greifbarer wird das Geschehene durch viele Einblicke in das Leben und die Gefühlswelt vieler direkt und indirekt Betroffener: Familie, Freunde, Bekannte von Opfer und Täter, andere Opfer, Zufallsbekanntschaften, einfach viele Personen, die zumindest kurz den Weg einers der Beteiligten gekreuzt haben.

Gerade, wenn es weniger um Fiktion und vielmehr um Tatsachen geht, muss minutiös recherchiert werden. In kleinen Momenten, zwischen Zitaten aus offiziellen Unterlagen und der Aufarbeitung bekannter Geschehnisse, blitz durch, wie viel Zeit und Sorgfalt in diesem Buch stecken.

Der Autor war nicht nur beim zweiten Gerichtsprozess anwesend, sondern sprach auch mit vielen Beteiligten mehrfach persönlich und besuchte zahlreiche Originalschauplätze. Dass, wie im Vorwort angesprochen, Namen, Eigenschaften und Abläufe zugunsten der Privatsphäre verändert werden mussten, stört überhaupt nicht.

Veröffentlicht am 20.09.2025

Kurzweilig, spannend, nicht zu blutig

Verschworen
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Angesichts der tollen Krimireihe von Eva Björg Ægisdóttir bin ich froh, dass es in der deutschen Sprachen viele Adjektive mit “ver-” gibt. Das ist zwar nur ein Kniff für die deutschen Übersetzungen, aber ...

Angesichts der tollen Krimireihe von Eva Björg Ægisdóttir bin ich froh, dass es in der deutschen Sprachen viele Adjektive mit “ver-” gibt. Das ist zwar nur ein Kniff für die deutschen Übersetzungen, aber es wäre schade, wenn die Reihe dieses Merkmal verlieren würde.

Weitere, viel wichtigere, Merkmale sind natürlich die (angenehm “normalen”) Hauptfiguren und ihre kleinen Alltagssorgen sowie die oft mit Wendungen gespickten Krimigeschichten. Die Autorin versteht es, aktuelle Fälle mit einer Begebenheit in der Vergangenheit zu verknüpfen und lässt den Leser zwischendurch auch immer zurückblicken. So lässt es sich gut selbst ermitteln, auch wenn Kommissarin Elma und ihr Chef Hörður grundsätzlich schon wissen, was zu tun ist.

Wer schon die vorangegangenen Bände der Reihe kennt, freut sich immer auf ein Wiedersehen mit den bekannten Figuren - dieses Mal ganz besonders, denn Elma ist nach der Elternzeit wieder im Dienst zurück. Sie freut sich auf ein paar ruhigere Tage im Dezember, doch die erste große Ermittlung wartet schon.

Ein Mann wurde ermordet und das Motiv scheint weiter in dessen Vergangenheit zu liegen, als man zuerst vermutet. Da Elma nun wieder aktiv ist, ist ihr Partner und Kollege Sævar beim Kind zuhause. Die Autorin findet dennoch eine schöne Möglichkeit, ihn auch ins Buch und die Ermittlungen miteinzubinden, ohne ihn zu viel machen zu lassen.

Alles in allem ist “Verschworen” (abseits des Musters hier ein sehr passender Titel!) ein klassischer Islandkrimi rund um jugendliche Täter und die Frage, wie weit Eltern gehen dürfen, um Kinder zu schützen.