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Veröffentlicht am 27.10.2022

Humorvolles und Tragisches in Bayern

Herzschuss
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In einem Hotelrohbau liegt die Leiche des Abgeordneten Gansel. Dass es sich um Mord handelt, steht rasch fest. Als Verdächtiger stellt sich ausgerechnet Polizeihauptmeister Leonhardt Kreuthner heraus, ...

In einem Hotelrohbau liegt die Leiche des Abgeordneten Gansel. Dass es sich um Mord handelt, steht rasch fest. Als Verdächtiger stellt sich ausgerechnet Polizeihauptmeister Leonhardt Kreuthner heraus, der vor 30 Jahren mit Gansels Ehefrau Philomena zusammen war. Zu allem Unglück gesellt sich noch die neue Vorgesetzte Karla Tiedemann, die auf eine rasche Aufklärung drängt, um ihre eigene Karriere voranzutreiben. Kommissar Clemens Wallner gerät zwischen zwei Fronten – soll er an Leonhardts beteuerte Unschuld glauben oder seinen Kollegen einfach rasch hinter Schloss und Riegel bringen?

Von der ersten Seite weg voller Humor und köstlicher Unterhaltung präsentiert sich dieser bereits zehnte Band rund um Kreuthner und Wallner. Bestimmt ist es spannend, die bisherigen Krimis zu kennen, aber auch Neueinsteiger kommen hier voll auf ihre Kosten. Die Ermittlungen wegen Gansel stehen im Vordergrund, dennoch reichen viele Episoden in Form von Erzählungen unter Kollegen weit in die Vergangenheit zurück. Man glaubt kaum, welche zwei Gesichter Kreuthner in seiner Person vereint und nicht nur den Leser, sondern auch seine Freunde zu hellem Lachen bringt, manche aber auch zu schierer Verzweiflung.

Sehr lebendig mit vielen launigen Dialogen, teils in bayrischer Mundart, geht es in diesem Krimi flott dahin. Unterschiedlichste Charaktere, liebevoll und detailreich skizziert, ebenso wie diverse Blickwinkel verleihen dem Ganzen einen interessanten Anstrich, sodass man das Buch kaum zur Seite legen kann. Authentische und humorvoll überzeichnete Figuren hauchen der durchwegs logisch aufgebauten Handlung einen passenden Schuss an Dramatik ein. Viele Verstrickungen und Wirren werden aufgeworfen, wer der wahre Mörder ist, bleibt bis zum Schluss im Dunklen – genau so, wie man sich das erwarten darf.

Für Kenner ein Muss, wer Lokalkrimis mit einem Anschlag auf die Lachmuskeln mag, sollte zugreifen. Und ich, ich werde rasch die bisherigen Bände in mein Bücherregal holen!



Titel Herzschuss

Autor Andreas Föhr

ISBN 978-3-426-22670-4

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 384 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book und Hörbuch

Erscheinungsdatum 2. November 2022

Verlag Knaur

Reihe Ein Wallner & Kreuthner Krimi

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.10.2022

Hanna Ahlander ermittelt

Kalt und still
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Nach beruflichen und privaten Niederlagen fliegt Hanna Ahlander, 34, nach Åre ins Feriendomizil ihrer fürsorglichen Schwester Lydia. Eigentlich will sie sich hier ganz in ihr Schneckenhaus zurückziehen, ...

Nach beruflichen und privaten Niederlagen fliegt Hanna Ahlander, 34, nach Åre ins Feriendomizil ihrer fürsorglichen Schwester Lydia. Eigentlich will sie sich hier ganz in ihr Schneckenhaus zurückziehen, als sie von einer vermissten Schülerin erfährt. Nun ist Hannas innerer Antrieb als Polizistin geweckt und sie schließt sich der Suchtruppe Missing People an. Der Zufall will es, dass die junge Frau bald mehr weiß als die örtliche Polizei.

Als begeisterter Leser der Sandhamn-Krimis ist man anfangs ein wenig verwundert, dass der kantige Schreibstil mit sehr kurzen Sätzen im Präsens recht anders ist als bisher gewohnt. Nichtsdestotrotz siegt die Neugierde auf die neue Reihe rund um Hanna Ahlander am fernen Polarkreis. Sofort nimmt einen die stumme Schneelandschaft eines der ältesten Schigebiete in Schweden gefangen - Viveca Sten ist ein Profi, was die Verflechtung bezaubernder Landschaften mit einer interessanten und unterhaltsamen Handlung anbelangt.

Auch im klirrend kalten Norden entwirft sie realistische und authentische Figuren, welche natürlich gerade bei diesem Serienauftakt viel Persönliches von sich preisgeben. Gleichzeitig kommt aber die Krimihandlung keineswegs zu kurz: schon im Prolog sorgt eine grausame Entdeckung für Entsetzen, die Spannung bleibt lange gemächlich, steigt dann jedoch im Laufe der letzten Kapitel dramatisch an, wie es bei einem soliden Krimi sein soll. Verschiedene Fährten, überraschende Wendungen und wissenswerte Inhalte beschäftigen nicht nur Hanna, sondern auch den Leser, der gerne mitermittelt und eigene Schlüsse zieht anhand der stets neu eingestreuten Informationen. Der eher temperamentvolle und hitzköpfige Polizist Daniel Lindskog und Hanna Ahlander, die gerne aus dem Bauch heraus handelt und gleichzeitig brillant kombiniert, stellen die Hauptfiguren dar in Stens neuer Krimiserie.

Anfangs ein wenig skeptisch ob der gewählten Zeitform des Präsens, überzeugt dieses gelungene Buch aber recht bald durch die bildhaft charakterisierten Personen, eine malerische, bei minus 20 Grad mitunter auch tödliche Szenerie und eine gut durchdachte und logische Handlung, sodass man nur gespannt auf den nächsten Band warten kann. Ebenso wie bei „Thomas Andreasson ermittelt“, werde ich also auch hier dranbleiben. 5*



Titel Kalt und still

Autor Viveca Sten

ISBN 978-3-423-26338-2

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 512 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book und Hörbuch

Erscheinungsdatum 19. Oktober 2022

Verlag dtv

Originaltitel Offermakaren

Reihe Ein Polarkreis-Krimi

Übersetzer Dagmar Lendt

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.10.2022

Jede Frau kann backen

Vanilletage – Die Frauen der Backmanufaktur
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Nicht ganz standesgemäß, aber aus Liebe, haben Josephine und Carl geheiratet. Obwohl der junge Bräutigam gerne als Bäcker in die Fußstapfen seines Vaters getreten wäre, fühlt er sich seinen verstorbenen ...

Nicht ganz standesgemäß, aber aus Liebe, haben Josephine und Carl geheiratet. Obwohl der junge Bräutigam gerne als Bäcker in die Fußstapfen seines Vaters getreten wäre, fühlt er sich seinen verstorbenen Geschwistern gegenüber verpflichtet, Apotheker zu werden und wirksame Medizin herzustellen. Am liebsten forscht er jedoch an einem Backtriebmittel, welches jede Frau befähigt, flaumige Kuchen zu backen. Als er die richtige Rezeptur gefunden hat, gibt es natürlich Neid und Missgunst in der Nachbarschaft und auch die Ehe der jungen Leute steht nicht immer unter einem rosigen Stern.

Chronologisch in drei große Abschnitte gegliedert, erzählt Eva-Maria Bast sehr anschaulich die Geschichte eines Lebensmittelherstellers nach wahrem Vorbild. Die Figuren im ersten Band der Reihe sind allesamt recht bildhaft charakterisiert, die Zeit um 1900 passend ins Licht gerückt mit dem Bau von hilfreichen Maschinen, dem Automobil und der erstarkenden Frauenrechtsbewegung. Wie im echten Leben gibt es ruhige und aufregende, glückliche und niederschmetternde Zeiten. Der Leser blickt aus verschiedenen Richtungen auf die liebenswerte Familie Meister und fühlt dadurch mit allen Personen ganz unmittelbar mit, kann unkonventionelle Entscheidungen verstehen und unterschiedlichste Reaktionen nachvollziehen. In Berlin und später vorwiegend in Bielefeld spielt sich die Handlung ab, welche den Leser durchwegs in seinen Bann zieht und verschiedenste Besonderheiten der damaligen Zeit beleuchtet. So ist Josephine recht eigenständig und ideenreich, womit sie ihren Ehemann Carl immer wieder vor den Kopf stößt, wenn sie spontan und impulsiv handelt.

Von 1889 bis 1911 begleitet der Leser Josephine, von Carl gerne liebevoll Phinchen genannt, durch bewegende Zeiten. Nach jeder Niederlage spürt man die neuerliche Aufbruchsstimmung, innovative Ideen und Hilfsbereitschaft für ihre Mitmenschen prägen den Charakter der sympathischen Hauptdarstellerin.

Fazit: ein flüssig zu lesender Roman mit historischen Vorbildern und einer logisch durchdachten Handlung. Ich freue mich schon auf das Erscheinen des Folgebandes „Zuckerjahre“ im Februar 2023!



Titel Vanilletage – Die Frauen der Backmanufaktur

Autor Eva-Maria Bast

ISBN 978-3-7466-3846-1

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 388 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book

Erscheinungsdatum 20. September 2022

Verlag Aufbau TB

Reihe Die Backdynastie, Band 1

Veröffentlicht am 15.10.2022

Daheim

Wenn der Nebel schweigt
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Janas Mutter ist tot, den Kontakt zum Vater hat sie vor vielen Jahren abgebrochen, als sie nun ein Freund und Nachbar bittet, so rasch wie möglich nach Hause zu kommen. Den Grund nennt er nicht. Verärgert ...

Janas Mutter ist tot, den Kontakt zum Vater hat sie vor vielen Jahren abgebrochen, als sie nun ein Freund und Nachbar bittet, so rasch wie möglich nach Hause zu kommen. Den Grund nennt er nicht. Verärgert und beunruhigt zugleich setzt sich Jana in den Flieger und kehrt zurück ins Tal, den Ort des Unglücks.

Mit verwirrenden Zeitsprüngen und unklaren Zusammenhängen startet der Leser ins grauenvolle Vergnügen und wird dennoch sofort vom Tempo der Zeilen in den Bann gezogen. Die Augen flitzen bald rascher über die Sätze als man deren Inhalt erfassen kann. Man muss sich als Leser beinahe Einhalt gebieten, nicht zu schnell durch die Seiten zu toben, um ja nichts zu verpassen, aber der Schreibstil ist so fesselnd und einnehmend, dass man kaum länger verweilen möchte, sondern immer mehr wissen will über die unerklärlichen Zustände rund um Janas Familie. Insbesondere dann, wenn wieder einmal ein Kapitel am Ende eine Frage offen lässt.

Düster und unheimlich ist das mysteriöse Tal, in dem Jana aufgewachsen ist und in das sie nun wiederkehrt. Ihre Erinnerungen und die tatsächliche Abgeschiedenheit dieses nicht näher bestimmten Ortes ergeben ein phantastisches Bild der Umgebung; überwucherte Hauswände und morsche Zäune lassen ein Dorf erkennen, in welchem die Zeit stillzustehen scheint. Atmosphärisch exzellent eingefangen ist aber nicht nur die unheilvolle Natur, auch die einzelnen Figuren stecken voller Geheimnisse und geben sich wortkarg, wodurch der Phantasie des Lesers keine Grenzen gesetzt werden. Im Laufe der wenigen Tage kommt einem jeder mehr oder weniger verdächtig vor, Motive gibt es genug. Häufig sehen wir durch Janas Augen auf die Handlung, immer wieder aber wird ein anderer Blickwinkel eingenommen, wodurch die stete Spannung noch weiter steigt. Nebulöse Andeutungen verstricken die Realität mit wirren Gedanken und verschleiern die wahren Hintergründe, die niemand ans Tageslicht gelangen lassen will.

Psychologisch ausgefeilt und ohne viel Blutvergießen präsentiert sich auch dieser Thriller von Roman Klemetovic und trägt seine unverwechselbare Handschrift. Meine Leseempfehlung hat dieses Buch auf jeden Fall.



Titel Wenn der Nebel schweigt

Autor Roman Klementovic

ISBN 978-3-8392-0313-2

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 345 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book und Hörbuch

Erscheinungsdatum 14. September 2022

Verlag Gmeiner

Veröffentlicht am 11.10.2022

Russischer Autragsmörder im Schweizer Alpenidyll

Wer hat Heidi getötet?
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Das Bergdorf Gryon in den Schweizer Alpen ist hauptsächlicher Schauplatz dieses ungewöhnlichen Krimis, in dem es um eine Zuchtschau für Milchkühe geht und gleichzeitig um verschwundene Frauen und einen ...

Das Bergdorf Gryon in den Schweizer Alpen ist hauptsächlicher Schauplatz dieses ungewöhnlichen Krimis, in dem es um eine Zuchtschau für Milchkühe geht und gleichzeitig um verschwundene Frauen und einen russischen Auftragsmörder. Das passt nicht zusammen, meint ihr? Na, dann überzeugt euch einfach selbst.
Prolog, unglaubliche 140 Kapitel und ein Epilog, all das umfasst dieser etwa 400 Seiten starke Krimi. Extrem kurze Szenen und stete Schauplatzwechsel erlauben es dem Leser erst nach und nach, die Handlungsstränge auseinander zu halten und Kontinuität zu finden. Mit den überaus unterschiedlichen und daher ausgesprochen abwechslungsreichen Details ist das Geschehen rund um Heidi durchgehend interessant und spannend. Möglichkeiten für Irrwege und falsche Schlussfolgerungen gibt es genug, sodass man immer neugieriger wird und noch ein, zwei oder drei Kapitel weiterliest, anstatt eine Pause einzulegen.
Viele Personen und Kühe mit Namen schwirren dem Leser im Kopf, wer gehört wohin, wo bestehen Verbindungen? Für schnell einmal zwischendurch empfiehlt sich dieses Buch also nicht. Wer jedoch dranbleibt und den Krimi genießt mit all seinen Facetten und dem unkomplizierten Kommissar Andreas Auer über die Schulter schaut, der wird seine wahre Freude daran haben. Die Figuren sind sehr plastisch und lebensecht dargestellt, Schicksale glaubwürdig ausgearbeitet. Die einzelnen, zusammenhanglos erscheinenden Details ergeben erst im Laufe der Zeit ein komplettes Bild, das dann aber tatsächlich rund und stimmig ist. Der einnehmende Schreibstil Voltenauers macht es leicht, hier am Ball zu bleiben, mit Andreas gewissermaßen gemeinsam zu kombinieren, Sackgassen anzusteuern und irgendwie wieder zurückzufinden zu rational nachvollziehbaren Spuren.
Außergewöhnliche Themen und unterhaltsame Ermittlungsansätze lassen diesen Krimi zu einem originellen und unverwechselbaren Vergnügen werden – viel Spaß allen künftigen Lesern!

Titel Wer hat Heidi getötet?
Autor Marc Voltenauer
ISBN 978-3-7408-1536-3
Sprache Deutsch
Ausgabe Taschenbuch, 416 Seiten
ebenfalls erhältlich als e-book
Erscheinungsdatum 27. September 2022
Verlag emons