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Nilchen

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Veröffentlicht am 10.11.2022

Wie kam der Schmerz in die Familie?

Verbrenn all meine Briefe
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Alex Schulman ist einer DER schwedischen Autoren, die momentan große Aufmerksamkeit genießen. Im vergangenen Jahr erschien ins Deutsche übersetzt der Roman „Die Überlebenden“ und nun ist sein eigentliches ...

Alex Schulman ist einer DER schwedischen Autoren, die momentan große Aufmerksamkeit genießen. Im vergangenen Jahr erschien ins Deutsche übersetzt der Roman „Die Überlebenden“ und nun ist sein eigentliches Debüt übersetzt von Hanna Granz auch bei uns zu haben. Im Original ist diese autofiktionale Geschichte bereits 2018 erschienen und gibt uns einen intimen Einblick ins Schulmans Leben.
Drei Ebene hat der Roman und alle greifen ineinander und sind doch grundsätzlich verschieden. Sein Schreibstil entspannt wieder eine Sogwirkung in dem er sein eigenes psychologisches Familiendrama skizziert:
Analyse. Denn der erste Faden spielt in der Gegenwart und zeichnet ein von unvorhersehbarer Wut und vom Zorn gepackten Mann in Mitten seiner Familie. Alex Schulman schildert seine psychotherapeutischen Aufarbeitungen und macht sich auf die innere und äußere Spurensuche was ihn zu solch einem Verhalten leiten lässt. Schnell wird klar: Es liegt in der Familiengeschichte seiner Mutter begraben und er recherchiert.
Rekonstruktion. Strang Nummer 2 spielt im Jahr 1932, in dem seine Großmutter Karin (der auch das Buch gewidmet ist) ihrer großen Liebe Olof Lagercrantz begegnet, nur leider ist sie bereits verheiratet mit Sven Stolpe. Und dieses Drama entspinnt sich jahrzehntelang. Sven Stolpe macht seiner Frau das Leben zur Hölle und liefert sich einen erbitterten literarischen Kampf mit seinem Nebenbuhler. Olof und Karin lieben sich und doch kann es nicht sein und wird nie gelebt.
Erinnerung. Schulman taucht in seine eigene Kindheit ab und reflektiert wie er den narzisstischen, frauenverachtenden Mann, seinen Großvater, wahrgenommen hat. Mit Kinderaugen verfolgen wir die unheilvolle und kalte Stimmung im Hause der Großeltern.
Auch wenn hier viel vom Autor und all den bekannten schwedischen Literaten in seinem Umfeld enthalten ist, (Auch Karin war im Literaturbetrieb tätig als Übersetzerin ins Schwedische aus 4 Sprachen!) ist und bleibt es ein Roman, da ja doch viel unklar bleibt im Rückblick.
Schulman hat ein besonders ergreifenden Roman geschrieben, der mich noch lange nach der Lektüre beschäftigt hat. Er hat die Gabe in seinen Texten die Beklemmung einer ganzen Familie darzustellen und zeigt uns wie weit das Unglück dreier Personen noch sehr lange nachhallen kann in den kommenden Generationen. Wirklich ein Stück gute Literatur!

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Veröffentlicht am 05.11.2022

Gelungen

Am liebsten sitzen alle in der Küche
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Was ein nettes Hörbuch! Ich bin ja eher der Leser als die Hörerin, aber dieses hab ich in der Tat sehr konsequent (statt Podcasts) auf den Ohren gehabt, ob in der Ubahn, beim Aufräumen oder Spazieren. ...

Was ein nettes Hörbuch! Ich bin ja eher der Leser als die Hörerin, aber dieses hab ich in der Tat sehr konsequent (statt Podcasts) auf den Ohren gehabt, ob in der Ubahn, beim Aufräumen oder Spazieren. Eine wirklich gelungene Lesung von Ilka Teichmüller! Sie liest es so klasse, dass man gleich mit den drei tollen Frauen am Tisch sitzt!
Julia Karnick, die ich als Brigitte-Kolumnistin lieben gelernt habe für ihre spritzigen Texte nimmt uns mit in die grundverschiedenen Leben dreier Frauen: Yeliz, eine erfolgreiche Werberin mit Freund, aber ohne Kinder. Hier ist der Clasch der Kulturen zu erkennen und auch die große Frage ob die Männerwahl für den Rest des Lebens so die richtige ist. Dann ist da Tille, die resolute Urologin, schon immer alleinerziehend eines Sohnes und die soeben geschiedene und gut situierte Almut mit 3 Kindern, wobei nur noch das Nesthäkchen zu Hause wohnt. Und diese drei finden sich durch Zufall, sind alle Charakterstark, eine gute Kombination, bei der es aber auch mal knallt. Wie im echten Leben unter echten Frauen, die keine 20…keine 30 mehr sind. Sehr sehr gelungen!

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Veröffentlicht am 05.11.2022

Zu viel ist zu viel -unbedingt lesen!

Globale Überdosis
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Es stockt einem der Atem, wenn man dieses Sachbuch liest und ist konsterniert über diesen einen Stoff: Stickstoff! Einerseits ist das Leben ohne Stickstoff undenkbar, aber zu viel macht ein Gift daraus ...

Es stockt einem der Atem, wenn man dieses Sachbuch liest und ist konsterniert über diesen einen Stoff: Stickstoff! Einerseits ist das Leben ohne Stickstoff undenkbar, aber zu viel macht ein Gift daraus für uns und unsere Umwelt.
Früher war es mal eine Mangelware und musste kreativ wiedergewonnen werden, wie aus Vogelkot. Die Zeiten sind lange vorbei und das Buch erklärt uns wie es zu diesem extremen Verbrauch an Stickstoff und Einsatz als Düngemittel kam.
Vor allem erklärt dieses Sachbuch auch sehr gut wie der Stickstoff wo wirkt, also wenn z.B. Stickoxide in die Luft geblasen werden beim Autofahren mit dem Verbrennermotor und aus diesem Grund unsere niederländischen Nachbarn mittlerweile maximal 100 km/h auf der Autobahn fahren. Ein anderes Beispiel ist die Nitritbelastung des Grundwassers.
Erstaunliche Fakten werden einem serviert und wie der Stickstoff unsere Artenvielfalt kaputt macht, da genügsame Pflanzen keinen Raum mehr finden.
Positiv sind dann auch die praktischen Lösungen, die aufgezeigt werden und die politischen Anregungen, die es gibt. Wenn wir alle uns anstrengen Veränderungen herbeizuführen, dann können wir das Ruder rumreißen und die Welt gesunden lassen.
Geschrieben von Anne Preger, die von Hause aus Geoökologin ist, hat dieses Buch sehr fundiert recherchiert und dann angenehm leicht zu Papier gebracht. Sehr lesbar und vor allem: Das Wissen bleibt haften und bereichert das eigene Tun!
Fazit: Unbedingt lesen! Fahrt langsamer oder ÖPNV, iss weniger Fleisch! Auch hier auf allen Ebenen gewonnen!

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Veröffentlicht am 03.11.2022

Wind, Wetter, Schicksal

Zur See
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Klappe die dritte für Dörte Hansen. Dieses Mal nimmt sie uns mit auf eine fiktive friesische Nordseeinsel und erkunden das Innenleben und die Verletzungen der Familie Sander. Eine alteingesessene Familie, ...

Klappe die dritte für Dörte Hansen. Dieses Mal nimmt sie uns mit auf eine fiktive friesische Nordseeinsel und erkunden das Innenleben und die Verletzungen der Familie Sander. Eine alteingesessene Familie, die Jahrhunderte zur See gefahren ist und nun wie so viele andere die Richtung ihres Lebens wechseln müssen. Brüche, Veränderungen, genau das zeigt uns Dörte Hansen und was eine Heimat und deren Prägung mit uns macht. Wenn da die Tochter der Familie zwar eine Liebschaft auf dem Festland hat, aber die Insel nicht loslassen kann. Verlust an Identität und wie man mit Traumata umgeht, so schauen wir beim ältesten in die Seele, der „nur noch“ die Fähre zum Festland betreut. Der kleinste im Bunde Henrik ist nie so recht erwachsen geworden, aber mit seiner Kunst aus Treibgut hat er sich einen Namen und eine Nische erfunden. Tja und dann sind da natürlich auch die Eltern Hanne und Jens. Er mittlerweile Vogelwart um sich zu beschäftigen. Dörte Hansen lässt tief blicken.
Es ist unglaublich sprachgewaltig was Dörte Hansen hier wieder zu Papier gebracht hat. Beeindruckend wie jeder Satz am rechten Fleck sitzt, alles passt genau. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Schon alleine der Sprache wegen ein lesenswerter Roman. Das einzige was fehlt: Plattdeutsch. Aber da ist ja so viel mehr, wenn sie das Leben und deren Veränderungen in den Blick nimmt wie die immer stärkeren und zahlreichen Stürme, der Tourismus der einige auf der Insel ernährt und auch die Fangquoten. Alles drin und doch passiert oberflächlich nicht all zu viel. Wobei, es strandet ein Wal und auch hier wieder sehr metaphorisch, wenn die alten Walfängerfamilien das Wissen verloren haben wie man solch ein Tier nutzbar auseinander nimmt.
Ja, der dritte Roman nach zwei Bestsellern. Besser oder schlechter als die anderen beiden? Weder noch, alle drei von herausragender Qualität!
Fazit: Ein klingender Roman, der nachhallt.

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Veröffentlicht am 03.11.2022

Marokko in einer neuen Zeitrechnung

Schaut, wie wir tanzen
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Leïla Slimani sagte bei einer ihrer Lesungen, dass sie nur ein Volk kennt: Ihre Leserschaft. Sie interessiert sich nicht für Religionen und erzwungene Identitäten. Das sie nicht für die marokkanische Tourismusbehörde ...

Leïla Slimani sagte bei einer ihrer Lesungen, dass sie nur ein Volk kennt: Ihre Leserschaft. Sie interessiert sich nicht für Religionen und erzwungene Identitäten. Das sie nicht für die marokkanische Tourismusbehörde arbeitet wird deutlich. Sie hat sich wieder ganz ihren Figuren verschrieben in dem zweiten Teil ihrer Trilogie „Schaut, wie wir tanzen“. Den Schutzumschlag ziert übrigens ein Foto aus ihrer privaten Sammlung.
Dieses Mal beleuchtet Leïla Slimani das Leben von Aїcha, der Tochter von Mathilde und Amine, deren Leben stand im ersten Band „Das Land der Anderen“ im Fokus. Es setzt im Jahr 1968 ein und beleuchtet dann anhand Aїchas Leben die 60er und 70er Jahre im postkolonialen Marokko. Es verzahnt auf eine großartige Weise die politischen und soziologischen Dynamiken zur damaligen Zeit in Marokko. Es spiegelt in der Familienkonstellation mit seinen Figuren die verschiedenen Ebenen wieder. Aїcha kommt aus Strasbourg zurück nach ihrem Medizinstudium und muss sich als Gynäkologin in einem männerdominierten Beruf behaupten und trifft den smarten Ökonomen Mehdi Daoud, der auch Karl Marx genannt wird. Sie heiraten 1972 und der zweite Job einer Mutter kommt on top. Ihr Bruder Selim entzieht sich den Erwartungen der Eltern und flieht nach Essaouira, die Hippikommune am Strand in der wilden Natur und entflieht dem Land dann komplett.
Es ist eine leichte und flüssige Lektüre in bester Prosa gegossen. Mir hat das Buch viel Freude beim Lesen bereitet, weil es mich bereichert hat und mir die historischen Gegebenheiten in Marokko deutlicher gemacht hat. Leïla Slimani arbeitet gekonnt die Gegensätze heraus: Arm vs reich, Bildungsniveaus und natürlich Fortschritt vs Tradition. Natürlich sollte man vorher schon „Das Land der Anderen“ gelesen haben um die Familie zu kennen, aber es ist auch alleinstehend lesbar. Übrigens bestens aus dem Französischen von Amelie Thoma übersetzt.
Da dieser zweite Teil sehr neugierig macht wie es in den nächsten Jahrzehnten weitergeht, bin ich nun natürlich auf Band 3 gespannt!

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