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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.08.2017

Modernes Märchen

Töte mich
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„Töte mich“ von Amélie Nothomb liest sich wie ein modernes Märchen. Es geht um die Familie des Grafen Neville. Die beiden älteren Kinder, Oreste und und Électre, sind so schön und begabt, dass sie aufgrund ...

„Töte mich“ von Amélie Nothomb liest sich wie ein modernes Märchen. Es geht um die Familie des Grafen Neville. Die beiden älteren Kinder, Oreste und und Électre, sind so schön und begabt, dass sie aufgrund ihrer Vollkommenheit keinen Partner finden, während die Jüngste, Sérieuse, ihrem Namen (die Ernste) alle Ehre macht und mit ihren 17 Jahren keinen Spaß am Leben hat.
Sie beschließt, die Nacht im Wald zu verbringen, weil sie ausprobieren will, ob diese Erfahrung Gefühle in ihr weckt. Dort wird sie allerdings mitten in der Nacht von der Wahrsagerin Rosalba gefunden, die sie mit nach Hause nimmt und am nächsten Morgen den Grafen benachrichtigt. Rosalba ermahnt den Grafen, sehr zu dessen Missfallen, sich besser um Sérieuse zu kümmern und gibt ihm die ungebetene Weissagung auf den Weg, dass er auf dem in wenigen Tagen stattfindenden Empfang auf dem Schloss einen Gast töten wird. Obwohl Neville nicht viel von Rosalba hält, versetzt ihn die Vorstellung, jemanden zu töten, in Angst und Schrecken. Er fängt an, sich Gedanken zu machen, wer seiner Gäste das beste Opfer wäre, denn er ist der festen Überzeugung, dass er diesem Schicksal nicht entgehen kann. Sérieuse, die dem Leben sowieso nichts abgewinnen kann, bittet ihn, sie zu töten...
„Töte mich“ ist voller hintergründigem Wortwitz und Anspielungen, es macht viel Vergnügen, den wortgewandten Schlagabtausch zwischen den einzelnen Personen zu lesen. Obwohl die Geschichte so skurril ist, dass sie mit der Realität wenig zu tun hat – welcher Vater überlegt sich ernsthaft, dem Wunsch seiner jüngsten Tochter zu entsprechen und sie umzubringen? – macht es Spaß, sie zu lesen. Im Übrigen ist sie auch ganz hervorragend aus dem Französischen übersetzt.
Was mir auch richtig gut gefällt, ist das Cover: eine junge Frau, deren Kleid und Kopftuch dasselbe Muster wie die Stofftapete hat, vor der sie steht, und die somit fast mit dem Hintergrund verschmilzt.
Bis auf ein paar Längen – den Dialog zwischen dem Grafen und Sérieuse, in dem sie ihn davon überzeugen will, sie zu töten, fand ich sehr ermüdend – hat mir das Buch gut gefallen. Auf jeden Fall ist es ein Buch, das aus der Masse hervorsticht!

Veröffentlicht am 10.07.2017

Ein Meisterwerk an Fantasie und überraschenden Wendungen

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
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Jakub Procházkas glückliche Kindheit endet jäh mit dem Unfall seiner Eltern. Er erfährt, womit sein Vater die Familie ernährt hat, nämlich als Folterknecht des kommunistischen Regimes. Als der Vater nicht ...

Jakub Procházkas glückliche Kindheit endet jäh mit dem Unfall seiner Eltern. Er erfährt, womit sein Vater die Familie ernährt hat, nämlich als Folterknecht des kommunistischen Regimes. Als der Vater nicht mehr am Leben ist, beginnen sich Dorfbewohner und frühere Opfer am Sohn zu rächen, Jakub büßt sozusagen für die Sünden des Vaters.
Vielleicht ist auch dies ein Grund, weshalb er damit einverstanden ist, als ihm der Vorschlag unterbreitet wird, als erster tschechischer Raumfahrer Chopra, eine geheimnisvolle lila Wolke im All, zu erkunden. Er fühlt sich verpflichtet, seinem Land einen Dienst zu erweisen.
Die Raumfahrt verläuft nicht wie geplant, beispielsweise hätte sich Jakub nicht träumen lassen, dass ihn seine Frau währenddessen verlässt. Halb irre vor Einsamkeit und quälenden Gedanken beginnt er ein fremdes Wesen an Bord seines Raumschiffs wahrzunehmen, ein spinnenförmiges haariges Geschöpf, das in seine Gedanken eindringt.
Hier hatte ich zunächst große Probleme damit weiterzulesen. Die Leseprobe hatte mich fasziniert und amüsiert, aber die darauffolgenden Seiten sind ausgesprochen zäh. Das seltsame Wesen, von dem man nicht weiß, was es ist. Existiert es oder ist es eine Ausgeburt von Jakubs Fantasie?
Ich hatte mir vorgenommen, bis Seite 100 durchzuhalten und dann zu entscheiden, ob ich das Buch weglege. Das Durchhalten hat sich gelohnt. Die Geschichte ist äußerst unterhaltsam, ein Meisterwerk an Fantasie und überraschenden Wendungen. Gleichzeitig erfahren wir viel über Jakubs Vergangenheit. Der Schreibstil hat mir gut gefallen, abgesehen von manchen allzu bemüht originellen Metaphern („Albino-Giganten“ statt Alpen) und Vergleichen (sie küssen sich „mit der Begierde verendender Tiere“ oder so ähnlich). Auch die philosophischen Exkurse waren mit manchmal ein bisschen zu viel und zu lang.
Aber alles in allem habe ich dieses Feuerwerk an Fantasie sehr genossen. Es ist nicht einfach zu lesen, man muss sich darauf einlassen, aber es lohnt sich.

Veröffentlicht am 18.06.2017

Ein Dorf sucht einen Mörder

Dem Kroisleitner sein Vater
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Der Polizist Frassek aus Berlin verbringt einen Tag im beschaulichen St. Margarethen in der Steiermark. Just an diesem Tag kommt der 104-jährige Alois Kroisleitner auf seltsame Weise zu Tode. Da Fremde ...

Der Polizist Frassek aus Berlin verbringt einen Tag im beschaulichen St. Margarethen in der Steiermark. Just an diesem Tag kommt der 104-jährige Alois Kroisleitner auf seltsame Weise zu Tode. Da Fremde den Dorfbewohnern sowieso suspekt sind, liegt nichts näher, als dass Frassek der Mörder sein muss.
Der befindet sich längst zurück in Berlin, als er sein Konterfei auf einem Fahndungsfoto entdeckt. Natürlich kann er dies nicht so stehen lassen und fährt kurzerhand zurück in die Steiermark, um den dortigen Beamten bei den Ermittlungen zu helfen.
Dabei lernt er einiges über die Dorfbewohner und ihre Beziehungen zueinander und findet sogar einen Freund.
So verschroben und hinterwäldlerisch, wie der Autor die Dorfbewohner beschreibt, fürchte ich, kann er sich in St. Margarethen nur noch inkognito blicken lassen! Da ist zunächst die Wirtin Lissi, die nach dem Ableben des alten Kroisleitner als „Königin des Dorfes“ an dessen Stelle treten will und sich fortan Sissi nennen lässt. Dann treffen wir noch eine berühmte Sängerin, die nach ihrem vorgetäuschten Tod in ihrem Heimatort Unterschlupf sucht und einiges über ihre Herkunft erfährt. Deren Jugendliebe ist auch ein etwas seltsamer und einfältiger Kauz.
„Dem Kroisleitner sein Vater“ hat mir ein kurzweiliges Lesewochenende beschert. Der Stil ist humorvoll, und wäre nicht die eine oder andere Frage bei mir offen geblieben, zum Beispiel, warum „dem Kroisleitner seine Mutter“ Demenz vortäuscht – was hat sie davon? – dann hätte ich dem Buch 5 Sterne gegeben.

Veröffentlicht am 18.04.2017

Netter Krimi mit ein paar Längen

Lost in Fuseta
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Leander Lost, Kriminalkommissar aus Hamburg, kommt im Rahmen eines europäischen Austauschprogramms für ein Jahr nach Portugal. Schnell wird klar, dass dies keine Auszeichnung seiner Abteilung war, sondern ...

Leander Lost, Kriminalkommissar aus Hamburg, kommt im Rahmen eines europäischen Austauschprogramms für ein Jahr nach Portugal. Schnell wird klar, dass dies keine Auszeichnung seiner Abteilung war, sondern die Kollegen ihn vielmehr für ein Jahr loswerden wollten. Denn Lost ist anders als andere Leute: er hat das Asperger Syndrom, wodurch er weder Ironie versteht noch lügen kann.
Gleich an seinem ersten Tag in Fuseta geschieht ein Mord und er wird sofort in sein neues Team integriert. Sein Verhalten stößt jedoch nicht gerade auf Begeisterung, auch wenn er es nur gut gemeint hat...
Lost in Fuseta ist ein Roman, der Spaß macht, vor allem wegen der Person des Leander Lost und dessen skurrilen Eigenheiten, die mich des öfteren zum Lachen gebracht haben.
Insgesamt hätte das Buch vielleicht ein bisschen kürzer sein dürfen. Zwischendurch gab es nämlich immer wieder Passagen, die mich ein wenig gelangweilt haben. Der Kriminalfall selbst ist ganz nett, allerdings nicht gerade atemberaubend spannend. Was mir gut gefallen hat, sind die Beschreibungen der portugiesischen Mentalität und Landschaft und natürlich der liebenswerte Kauz Leander Lost, der selbst in der Hitze Portugals im schwarzen Anzug rumläuft.

Veröffentlicht am 10.04.2026

Agentenehre und viele unbeantwortete Fragen

Untergang - Jensen und Sander ermitteln
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Das Buch beginnt mit einer Zusammenfassung der Ereignisse rund um den Untergang der estnischen Passagierfähre Estonia am 28.9.1994. Es ist das schwerste Schiffsunglück in Europa seit dem 2. Weltkrieg, ...

Das Buch beginnt mit einer Zusammenfassung der Ereignisse rund um den Untergang der estnischen Passagierfähre Estonia am 28.9.1994. Es ist das schwerste Schiffsunglück in Europa seit dem 2. Weltkrieg, bei dem über 800 Menschen ums Leben kamen. Laut Verlag basiert dieses Buch auf wahren Tatsachen, wobei mir bis zuletzt nicht klar war, was denn nun Tatsache und was Fiktion ist. Unumstritten ist, dass die Bugklappe der Fähre bei hohem Seegang abgerissen wurde und Wasser in das Fahrzeugdeck flutete. Im vorliegenden Buch wird jedoch ein ganz anderes Szenario geschildert, in dem die schwedische Regierung um jeden Preis verhindern will, dass die Öffentlichkeit die wahre Ursache für den Untergang der Estonia erfährt. Was ebenfalls Fakt ist: die schwedische Regierung wollte unter keinen Umständen, dass die Fähre geborgen wird, obwohl sie in relativ geringer Tiefe liegt. Stattdessen gab es den Plan, einen Sarkophag aus Beton um die Estonia zu gießen. Dieses Vorhaben wurde zwar nicht umgesetzt, doch ist es nach wie vor verboten, zum Wrack der Estonia zu tauchen, angeblich, um die Totenruhe der Opfer nicht zu stören.
„Untergang“ ist der 6. Band der Reihe um Michael Sander und Lene Jensen. Es hilft zwar, die vorigen Bände zu kennen, denn es wird Bezug auf Ereignisse daraus genommen, doch ist es ein abgeschlossener Fall, den man auch ohne Vorkenntnisse lesen kann.
Zu Beginn des Buchs findet in Stockholm ein Attentat statt, das das Ehepaar Sander/Jensen auf unterschiedliche Weise betrifft. Es geht um Geheimdienste und Unterlagen, die auf keinen Fall in die falschen Hände geraten dürfen. Die Verwicklung in den Fall stellt die ohnehin bereits belastete Beziehung von Michael Sander und Lene Jensen auf eine harte Probe.
Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört, was sich als ziemlich schwierig herausstellte. Da sind zunächst die vielen Fakten und Daten, hinzu kommen die Namen der unterschiedlichen Regierungsmitarbeiter und Agenten diverser Geheimdienste. Bei der gedruckten Version kann man zurückblättern, beim Hörbuch ist es natürlich möglich, manche Szenen erneut hören, aber was, wenn man nicht weiß, in welchem Abschnitt eine gewisse Person bereits erwähnt wurde? Trotz dieser Schwierigkeiten fand ich das Hörbuch spannend. Lediglich der Showdown am Schluss ist für meine Begriffe unnötig brutal. Es macht mir keinen Spaß zuzuhören, wie ein Agent Höllenqualen erleiden muss, egal welcher Nationalität er ist. Insofern lässt mich das Hörbuch gespalten zurück. Was mich im Übrigen mit der Zeit sehr genervt hat, ist der russische Akzent, den der Sprecher den russischen Agenten verpasste. Konsequenterweise hätte er auch die Engländer, Schweden und Dänen mit Akzent sprechen müssen, was er dankenswerterweise nicht getan hat. Abgesehen von diesem Fake-Akzent war das Hörbuch gut gesprochen.
Mein Fazit: „Untergang“ beginnt spannend, wird aber mit der Zeit immer verworrener und brutaler. Für Fans von Agententhrillern, aber besser lesen als hören.

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