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Veröffentlicht am 06.12.2022

Unter der Oberfläche

Die Sehnsucht nach Licht
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Das Schlematal im Erzgebirge: Luisa arbeitet in einem Besucherbergwerk.So weit sie zurückdenken kann, waren ihre Vorfahren im Bergbau tätig. Als Luisa Nachforschungen über ihre Familie anstellt, drängt ...

Das Schlematal im Erzgebirge: Luisa arbeitet in einem Besucherbergwerk.So weit sie zurückdenken kann, waren ihre Vorfahren im Bergbau tätig. Als Luisa Nachforschungen über ihre Familie anstellt, drängt Verborgenes an die Oberfläche…

„Die Sehnsucht nach Licht“ ist ein Roman von Kati Naumann.

Meine Meinung:
Der Roman umfasst 35 Kapitel mit einer angenehmen Länge. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen: einmal im Jahr 2019, einmal in den Jahrzehnten zuvor, angefangen im Jahr 1908. Zeitangaben zu Beginn der Kapitel erleichtern die Orientierung.

Der Schreibstil ist unspektakulär, aber anschaulich und lebhaft. Dialektale Einschübe und ein zeitgenössisches Vokabular machen die Geschichte authentisch.

Die Familie Steiner steht im Mittelpunkt des Romans. Vor allem auf Luisa liegt der Fokus. Die Figuren sind grundsätzlich interessant, lassen jedoch etwas Tiefe vermissen.

Inhaltlich beschäftigt sich auch der neue Roman der Autorin mit deutsch-deutscher Geschichte. Erneut hat es Kati Naumann geschafft, auf unterhaltsame Weise die Historie erlebbar zu machen und Verknüpfungen in die Gegenwart sichtbar werden zu lassen. Zugleich wird die Geschichte einer Familie dargestellt.

Die Zeittafel zum Bergbau im Erzgebirge ist ein ebenso hilfreiches Extra wie die Landkarte und der abgedruckte Stammbaum der Familie Steiner. Einen Blick wert ist zudem das Interview mit der Autorin, das mehr zu den Hintergründen der Geschichte erläutert und die fundierte Recherche belegt.

Auf den rund 400 Seiten gibt es nur wenige Längen. Größere Überraschungen hält die Handlung allerdings nicht bereit.

Das stimmungsvolle Cover gefällt mir sehr. Der poetisch anmutende Titel mag ein wenig kitschig klingen, passt thematisch aber tatsächlich.

Mein Fazit:
Mit „Die Sehnsucht nach Licht“ ist Kati Naumann erneut ein unterhaltsamer und interessanter Roman gelungen. Eine empfehlenswerte Lektüre für schöne Lesestunden.

Veröffentlicht am 04.12.2022

Was das Leben uns lehrt

Lektionen
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Roland Baines, Sohn eines schottischen Majors, aufgewachsen in Libyen und auf ein englisches Internat bei Ipswich geschickt: Als Barpianist fristet er sein Dasein in London. Als alleinerziehender Vater ...

Roland Baines, Sohn eines schottischen Majors, aufgewachsen in Libyen und auf ein englisches Internat bei Ipswich geschickt: Als Barpianist fristet er sein Dasein in London. Als alleinerziehender Vater kümmert er sich um seinen kleinen Sohn Lawrence. Was erwartet ihn noch in seinem Leben?

„Lektionen“ ist ein Roman von Ian McEwan.

Meine Meinung:
Der Roman gliedert sich in zwölf Kapitel und besteht aus drei Teilen. Die Handlung erstreckt sich über sieben Jahrzehnte. Erzählt wird dabei nicht streng chronologisch und mit mehreren Zeitsprüngen.

Der Schreibstil ist recht ausschweifend, sprachlich aber sehr ausgereift: schnörkellos und doch anschaulich, nüchtern und gleichzeitig atmosphärisch.

Der Fokus liegt auf Roland. Er und die übrigen Charaktere sind authentisch und weitgehend klischeefrei ausgestaltet. Leider fiel es mir schwer, einen Zugang zu ihnen zu finden.

Inhaltlich ist der Roman vielleicht als alternative Biografie des Autors zu werten. Wie könnte das Leben verlaufen, wenn ein paar Komponenten anders gewesen wäre? Tatsächlich streift die Geschichte immer wieder die existenziellen Fragen: Was beeinflusst uns? Was lenkt uns? Was macht ein gelungenes Leben aus? Es geht dabei um die großen Themen: Liebe, Verlust, Schmerz und einiges mehr.

Neben den persönlichen Erlebnissen der Protagonisten werden die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte wie Kriege, Katastrophen und Krisen immer wieder eingeflochten. Auffallend ist, dass vor allem Deutschland und seine Entwicklung, beispielsweise der Fall der Mauer, breiten Raum einnehmen.

Auf den mehr als 700 Seiten gibt es ein paar ausufernde Passagen. Allerdings ist der Roman weniger langatmig, als es der Umfang vermuten lassen könnte.

Lobenswert ist, dass der Verlag den englischen Originaltitel („Lessons“), der hervorragend zum Inhalt passt, wortgetreu übersetzt und zudem das Cover übernommen hat.

Mein Fazit:
Mit „Lektionen“ ist Ian McEwan ein durchaus lesenswerter Roman gelungen, der mich besonders in sprachlicher Hinsicht überzeugt hat. Leider ist der Funke nicht komplett übergesprungen.

Veröffentlicht am 02.12.2022

Über die deutsche Kolonialherrschaft in Ostafrika

Nachleben
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Nachdem Ilyas als Elfjähriger zwangsrekrutiert worden ist und Jahre später in sein Dorf zurückkehrt, sind seine Eltern bereits tot. Seine jüngere Schwester Afiya ist bei Verwandten untergekommen ist, wird ...

Nachdem Ilyas als Elfjähriger zwangsrekrutiert worden ist und Jahre später in sein Dorf zurückkehrt, sind seine Eltern bereits tot. Seine jüngere Schwester Afiya ist bei Verwandten untergekommen ist, wird von ihnen aber wie eine Sklavin gehalten. Ilyas nimmt sie mit in die Stadt. Als sie dort auf Hamza trifft, entsteht zwischen den beiden eine Liebe. Doch der nächste Krieg rückt schon näher…

„Nachleben“ ist ein Roman von Abdulrazak Gurnah.

Meine Meinung:
Der Roman beinhaltet vier Teile und insgesamt 15 Kapitel. Die Handlung umfasst den Zeitraum vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

In sprachlicher Hinsicht hat mich der Roman mit seinem nüchternen, antiquiert wirkenden Schreibstil ein wenig enttäuscht.

Inhaltlich hat mich der Roman dagegen mehr überzeugt. Hierin liegt für mich die eigentliche Stärke der Geschichte. Im Mittelpunkt steht die deutsche Kolonialherrschaft in Ostafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Warum zieht ein junger Schwarzer für den deutschen Kolonialherren in den Krieg? Über die koloniale Geschichte von Tansania war mir bis dahin nur wenig bekannt. Als umso interessanter und als augenöffnend habe ich es empfunden, einiges darüber zu erfahren und zudem mitzubekommen, wie weit die Folgen des Kolonialismus und die Einflüsse Europas reichen.

Darüber hinaus zeichnet der Autor ein Bild von den gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Zuständen in Ostafrika, was den Roman schon alleine deswegen lesenswert macht. Zugleich erzählt er eine Familiengeschichte.

Der Fokus des Romans liegt auf verschiedenen Charakteren. Zunächst geht es um Khalifa. Dann spielt Ilyas die Hauptrolle. Später wechselt die Perspektive erneut. Etwas verwirrend wird die Lektüre durch Namensähnlichkeiten. Zudem tauchen vor allem zu Beginn viele unterschiedliche Figuren auf verhältnismäßig wenigen Seiten auf, was den Einstieg in die Geschichte erschwert hat. Positiv anzumerken ist, dass die Charaktere insgesamt authentisch rüberkommen und deren Darstellungen viele Grautöne aufweisen.

Der Originaltitel („Afterlives“) wurde erfreulicherweise wortgetreu übersetzt. Das optisch ansprechende Cover hat wenig inhaltlichen Bezug, ist jedoch nicht unpassend.

Mein Fazit:
Obwohl „Nachleben“ von Abdulrazak Gurnah meine durch den Nobelpreis bedingten hohen Erwartungen vor allem auf sprachlicher Ebene nicht erfüllen konnte, halte ich das neueste Werk des Autors für empfehlenswert. Besonders westliche Leserinnen und Leser erwartet eine lehrreiche Lektüre, die nachhallt.

Veröffentlicht am 02.11.2022

Deckname: Hornclaw

Frau mit Messer
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Ihr Deckname ist Hornclaw. Sie ist Mitte 60 und gehört noch lange nicht zum alten Eisen. Die Auftragskillerin denkt nicht daran, ihren Job an den Nagel zu hängen. Doch das Alter lässt sie milde werden, ...

Ihr Deckname ist Hornclaw. Sie ist Mitte 60 und gehört noch lange nicht zum alten Eisen. Die Auftragskillerin denkt nicht daran, ihren Job an den Nagel zu hängen. Doch das Alter lässt sie milde werden, was sie in Schwierigkeiten bringt…

„Frau mit Messer“ ist ein Roman von Gu Byeong-Mo.

Meine Meinung:
Der Roman umfasst elf Kapitel, die sich in mehrere Abschnitte gliedern. Erzählt wird chronologisch im Präsens aus der Perspektive von Hornclaw, jedoch unterbrochen von Rückblicken.

In sprachlicher Hinsicht hat mich der Roman überzeugt. Der Schreibstil ist unaufgeregt, aber fesselnd, schnörkellos und gradlinig, aber auch intensiv und atmosphärisch.

Was den Inhalt angeht, ist vor allem die Protagonistin an sich ein reizvolles Element. Eine interessante Figur, die sowohl speziell als auch authentisch wirkt.

Die Geschichte ist eine Mischung aus Porträt, Spannungsroman und Gesellschaftspanorama. Gut gefallen hat mir, dass hier viele tiefgreifende Fragen aufgeworfen werden. Zum Beispiel: Wer verdient es zu sterben, wer zu leben? Was ist moralisch verwerflich? Woran krankt die Welt? Somit ist der Roman facettenreicher und tiefgründiger als vermutet und regt zum Nachdenken an.

Auf den knapp 300 Seiten bleibt auch der Nervenkitzel nicht außen vor, tritt allerdings stellenweise in den Hintergrund. Nur wenige Passagen jedoch sind für meinen Geschmack zu langatmig geworden.

Das knallige, moderne Cover sticht hervor und ist durchaus passend. Der prägnante Titel ist ebenfalls nicht die schlechteste Wahl.

Mein Fazit:
Wer eine ungewöhnliche Geschichte zum Thema Auftragsmord lesen möchte, ist mit „Frau mit Messer“ von Gu Byeong-Mo sehr gut bedient. Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, für die es nicht immer der 08/15-Krimi sein muss.

Veröffentlicht am 08.10.2022

Die Herausforderung, unverwundbar zu sein

Die Kriegerin
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Lisbeth und Florentine kennen sich seit der Ausbildung bei der Bundeswehr. Beide eint ein Wunsch: Sie wollen unverwundbar sein. Dabei ist Lisbeth durchaus sehr empfindsam: Ihre Haut reagiert auf Gefühle ...

Lisbeth und Florentine kennen sich seit der Ausbildung bei der Bundeswehr. Beide eint ein Wunsch: Sie wollen unverwundbar sein. Dabei ist Lisbeth durchaus sehr empfindsam: Ihre Haut reagiert auf Gefühle und Träume anderer. Distanz ist ihr Schutz. Doch dann passiert etwas, das ihr diese Sicherheit nimmt…

„Die Kriegerin“ ist ein Roman von Helene Bukowski.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus drei Teilen, die wiederum in verschiedene Abschnitte untergliedert sind. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge, allerdings mit mehreren Rückblicken, aus der Sicht von Lisbeth. Der Aufbau ist unkompliziert und funktioniert gut.

Zwar ist der Schreibstil schnörkellos und auf den ersten Blick unauffällig. Dennoch ist er gleichzeitig atmosphärisch, bildstark und intensiv.

Lisbeth und Florentine, die beiden Frauen, stehen im Vordergrund. Zwei Protagonistinnen, die durchaus das Potenzial haben, zu polarisieren, aber zugleich mit psychologischer Tiefe und frei von Klischees ausgestaltet sind.

Inhaltlich ist der Roman harte Kost und dabei sehr gehaltvoll. Es geht um Gewalt und Traumata. Über allem schwebt die Frage, wie man unverletzlich bleibt. Besonders gefallen hat mir, dass die Autorin die Rolle von Frauen beim Militär literarisch verarbeitet. Auch an andere Themen, die zum Teil tabuisiert werden, traut sie sich heran.

Auf knapp 250 Seiten hat mich die Geschichte fast durchgängig gefesselt. Nur ein paar wenige inhaltliche Punkte, die ich hier nicht vorwegnehmen möchte, haben mich gestört.

Das Cover mit seinen Effekten ist sehr ansprechend geworden und passt wider Erwarten auch thematisch prima. Der prägnante Titel ist ebenfalls eine gute Wahl.

Mein Fazit:
Mit „Die Kriegerin“ ist Helene Bukowski erneut ein eigenwilliger, aber wieder sehr lesenswerter Roman gelungen. Eine besondere Lektüre mit nur wenigen Schwächen.