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Veröffentlicht am 05.01.2023

Ein kleines Eifeldorf im Wandel der Zeiten

Ginsterhöhe
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"Ginsterhöhe" spielt im kleinen Eifeldorf Wollseifen in der Nähe von Schleiden, das es inzwischen nicht mehr gibt - nach dem zweiten Weltkrieg fiel es dem historischen Wandel zum Opfer.

Wir Leser lernen ...

"Ginsterhöhe" spielt im kleinen Eifeldorf Wollseifen in der Nähe von Schleiden, das es inzwischen nicht mehr gibt - nach dem zweiten Weltkrieg fiel es dem historischen Wandel zum Opfer.

Wir Leser lernen es allerdings unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, dem Großen Krieg kennen, als Albert Linnemann, eine der Hauptfiguren, mit zerstörtem Gesicht nach Hause zurückkehrt und von manchen Dorfbewohner deswegen verspottet wird. Seine Frau Bertha wendet sich ab und lässt ihn deutlich spüren, dass ihr vor ihm graust.

Dennoch - Albert tut alles, um sich wieder in den Dorfalltag einzufinden. Dabei helfen ihm der Wirt Emilio, der Dorflehrer, Leni, die Braut seines gefallenen Freundes Hennes und nicht zuletzt sein kleiner Sohn Karl, der sich blitzschnell an das neue Aussehen des Vaters gewöhnt.

Gemeinsam mit den Dorfbewohnern erleben die Leser die Zwischenkriegszeit, in der dem landwirtschaftlich geprägten Dorf ein leichter Aufwärtstrend beschert wird - doch der Nationalsozialismus gewinnt auch hier an Einfluss.

Leider so sehr, dass es gerade in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft bereits zu einem wichtigen Standort wird und während des Krieges als Basis für das Militär dient.

Insgesamt hat mir der Roman, dessen Handlung an reale Entwicklungen angelehnt ist, gut gefallen. Ich habe neue Erkenntnisse in Bezug auf historische Entwicklungen in meiner näheren Umgebung gewonnen und durfte einen historischen Roman ganz ohne Kitsch und Tand genießen.

Veröffentlicht am 23.12.2022

Damals...

Verschwiegen
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Elma ist aus Reykjavik zurückgekehrt nach Akranes, an die Stätte ihrer Kindheit. Sie wollte eigentlich nicht wiederkehren, zu viele schmerzhafte Erinnerungen sind damit verbunden. Aber das ist ...

Elma ist aus Reykjavik zurückgekehrt nach Akranes, an die Stätte ihrer Kindheit. Sie wollte eigentlich nicht wiederkehren, zu viele schmerzhafte Erinnerungen sind damit verbunden. Aber das ist jetzt auch bei Reykjavik der Fall, denn ihre langjährige Beziehung ist zu Ende gegangen, sie kommt schlecht damit klar. Wobei sie in einer ganz anderen, hier neuen Rolle zurückkehrt, nämlich als Polizistin. Und begegnet ihrer liebevollen Mutter und ihrer großen Schwester, die immer noch nichts mit ihr zu tun haben will.

In der Arbeit kommt sie ganz gut zurecht, wobei von den Kollegen jeder in seiner eigenen Problematik festzustecken scheint. Und der Chef scheint mit so einigen Granden der Kleinstadt verbandelt u sein.

Schon bald wird eine tote Frau am Leuchtturm gefunden, rasch stellt sich heraus, dass es kein natürlicher Tod war. Elma wundert sich, dass von den Kollegen nur wenige so richtig motiviert in den Fall einsteigen. Sie möchte ihn unbedingt lösen und zwar nicht nur aus dem Grund, weil die Tote, deren Identität bald festgestellt wird, ebenso wie sie selbst Altlasten in Akranes hat, auch wenn sie schon als Kind die Stadt verließ.

Ein eindringlicher Krimi, bei dem viele Perspektiven beleuchtet werden, was mich zu Beginn etwas verwirrte. Doch dann konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Mir gefällt der Umgang der isländischen Autorin Eva Björg Ægisdóttir mit den Protagonistinnen - bei denen, die besonders gebeutelt wurden, erkenne ich eine große Wärme und Achtung, auch wenn es manchmal sehr hart zur Sache geht.

Doch die Autorin lässt die Frauen (und auch ein paar Männer, nur sind diese längst nicht so präsent in der Handlung) nicht allein mit ihren Taten und Worten, sie werden auf zarte und eindringliche Weise hinterfragt.

Dennoch ist es ein "richtiger" Krimi mit klassischem/er Täter*in. Diesbezüglich verstand es die Autorin aufs Trefflichste, ihre Leser aufs Glatteis zu führen - als ich meinte, ich wäre jetzt im Bilde, kamen neue Aspekte ins Spiel. Ein ungewöhnlicher Krimi, der mir sehr gefallen hat!

Veröffentlicht am 06.12.2022

Hier werden so einige Genres bedient

Die letzte Party
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Zudem ist er sowas von dicht und obwohl der Alkohol hier tatsächlich in Strömen fließt und der ein oder andere Protagonist mehr oder weniger durch die Handlung torkelt, meine ich DAS nicht. Nein, jedes ...

Zudem ist er sowas von dicht und obwohl der Alkohol hier tatsächlich in Strömen fließt und der ein oder andere Protagonist mehr oder weniger durch die Handlung torkelt, meine ich DAS nicht. Nein, jedes Fitzelchen von Text fügt sich akribisch ineinander zu einem großen Ganzen, das aus meiner Sicht seinesgleichen sucht. Vor allem die Figuren, auch die Nebendarsteller, sind so detailliert und gekonnt ausgearbeitet, das man sie beim Lesen vor sich zu sehen meint! In die Protagonisten, die Ermittler Ffion und Leo, die auf eine gemeinsame Vorgeschichte zurückblicken und sich erstmal zusammenraufen müssen,habe ich mich so verliebt, dass ich für jeden von ihnen oder am besten gleich für beide, bereit wäre, alles stehen und liegen zu lassen und nach Nordwales zu ziehen. Gut also, dass sie nur in der Phantasie der Autorin Clare Macintosh existieren, das bewahrt mich vor manch einem schmerzhaften Schnitt in meinem Leben.

Ähnlich ist es mit der Location - Macintosh hat ein Luxusressort geschaffen, das man vor sich sieht, ebenso wie das walisische Dorf am Rande der Welt. Wenn auch "nur" auf dem Papier existent, empfinde ich es als sehr präsent. Fast ist es, als würde ich einen Film sehen - ich sehe das kleine Dorf in Nordwales, in dem die Handlung spielt, deutlich vor mir.

Mein Fazit also: Lange nicht mehr so einen guten Krimi gelesen! Dieser hier bedient sowohl die Spalten Regionalkrimi als auch klassische Polizeiarbeit mit Gerangel im und unter den Teams inklusive skurriler Figuren und Liebes- und Familienroman. Nicht zuletzt kommt auch der Humor nicht zu kurz. Genau das, was ich liebe und wovon ich mir noch viel mehr erhoffe.

Ich bin wirklich froh, dass ich bisher noch keinen Krimi der Autorin gelesen habe, da kann ich mich jetzt noch auf ein paar Bücher freuen, die mich hoffentlich nicht enttäuschen angesichts der hohen Erwartungen, mit denen ich jetzt an sie rangehe!

Veröffentlicht am 06.12.2022

Nomen est Omen bei Phyllida Bright

Die Dreitagemordgesellschaft
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Die als Haushälterin bei Agatha Christie und ihrem zweiten Ehemann beschäftigt ist. Das Zepter liegt sicher in ihrer Hand und Agatha kann sich voll auf sie verlassen - allerdings kennen sich beide auch ...

Die als Haushälterin bei Agatha Christie und ihrem zweiten Ehemann beschäftigt ist. Das Zepter liegt sicher in ihrer Hand und Agatha kann sich voll auf sie verlassen - allerdings kennen sich beide auch seit dem großen Krieg und sind einander in Freundschaft verbunden. Phyllida ist nicht gerade auf den Mund gefallen und denkt so schnell, dass manch einer nicht mitkommt. Doch nicht nur das passt zu ihrem Familiennamen Bright, sondern auch ihre leuchtend roten Haare.

Eines Morgens findet Phyllida in der Bibliothek eine Leiche - ein Herr, der am Vorabend uneingeladen auftauchte und ein Interview mit Agatha Christie machen wollte. Da gerade eine Menge Gäste anwesend waren, lud man ihn einfach zum Abendessen und zur Übernachtung ein, was den Gastgebern nicht gerade angenehm, nämlich durch seinen Tod vergolten wurde.

Ein herrlicher Krimi, wobei sich um die ermittelnde Haushälterin Phyllida auch so manches Geheimnis rankt. Es kommt eine ganze Armee von Charakteren vor - Gäste und Personal sowie noch einige mehr, aber es lohnt sich sehr, sich auf sie und auf die Erzählkunst der Autorin Colleen Cambridge einzulassen.

Die Handlung spielt in den 1920er Jahren - bis kurz vor Schluss werden Stil und relevante Inhalte gekonnt aufrecht erhalten. Dann erfolgt ein Bruch, der wirklich nicht in die Zeit passt und mir den Spaß vermieste - wenn auch nur geringfügig!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 30.11.2022

Der Mörder ist schon bald bekannt

Das Leuchten der Rentiere
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Allerdings wird er zunächst kaum bis gar nicht gejagt, da es Rentiere sind, die er ermordet. Und so gibt es auch selten Leichen - außer, wenn der Mörder in Eile war. Ansonsten finden die Besitzer ...

Allerdings wird er zunächst kaum bis gar nicht gejagt, da es Rentiere sind, die er ermordet. Und so gibt es auch selten Leichen - außer, wenn der Mörder in Eile war. Ansonsten finden die Besitzer der Rentiere meist nur kärgliche Überreste ihrer Tiere, an denen sie längst nicht immer identifiziert werden können.

Ist dies also ein Krimi? Nein, eigentlich gar nicht, es ist ein sehr eindringlicher, kraftvoller und nur an sehr wenigen Stellen behutsamer Roman, in dem es um das Leben der Samen und um ihren Stellenwert geht.

Vielerorts - bzw. eigentlich fast überall hängen sie am unteren Ende der Wertschätzungskette (ich wandle dieses Modewort hier mal ein bisschen ab für mich bzw. mache es passend für mein Thema). Daher kümmern sich weder Stadt noch Polizei um ihre Beschwerden, um jedoch im umgekehrten Fall, wenn einer der Samen einer Untat beschuldigt zu werden, schnell vor Ort zu sein.

Autorin Ann-Helen Laestadius, selbst gebürtige Samin, wählt klare, eindringliche Worte zur Beschreibung des Dilemmas und der Nöte, in denen sich die Samen seit Jahrhunderten befinden. Dennoch ist dies kein trüber Roman. Die Handlung wird aus der Sicht der zunächst kleinen, dann jungen Elsa, einer Tochter samischer Rentierhalter auf, die nicht nur die Mängel dieses harten Lebens im Norden von Schweden schildert. Sowohl als Kind als auch als Erwachsene liebt sie es und auch diese Seite lernen wir beim Lesen kennen.

Ein Roman, den ich allen empfehle, denen die Natur, sowohl Fauna als auch Flora in ihrer Ursprünglichkeit am Herzen liegt, die jedoch auch den Wandel der Zeit verfolgen. Ich selbst konnte ihn kaum aus der Hand legen!