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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.07.2023

Nicht ganz so spritzig wie der erste Band

Fräulein Anna, Gerichtsmedizin (Die Gerichtsärztin 2)
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Der erste Teil dieser Reihe („Die Prinzregentenmorde“) hatte mich sehr positiv überrascht. Insbesondere der verbale Schlagabtausch zwischen Anna und dem Adligen Fitz von Weynand war amüsant zu lesen - ...

Der erste Teil dieser Reihe („Die Prinzregentenmorde“) hatte mich sehr positiv überrascht. Insbesondere der verbale Schlagabtausch zwischen Anna und dem Adligen Fitz von Weynand war amüsant zu lesen - da wollte ich natürlich den zweiten Teil nicht verpassen.

Der brauchte leider ein wenig, um in die Gänge zu kommen. Im ersten Drittel des Buches war mir die Handlung noch zu konfus, um einen roten Faden zu erkennen. Ein totes Baby in einem Hinterhof - wobei man schnell feststellt, dass es nicht umgebracht wurde, sondern eines natürlichen Todes starb. Ein totes Dienstmädchen, bei dem sich die Anzeichen für einen gewaltsamen Tod mehrten - das aber mit dem toten Baby nichts zu tun hatte... Mehrere „Töpfe“ wurden aufgemacht, ohne dass sich die Hinweise auf einen Zusammenhang verdichteten. Genau wie Anna und Fritz tappte ich lange Zeit im Dunkeln, ob es überhaupt Zusammenhänge geben würde und wie sich diese darstellen. Dadurch verlor das Buch aber in der ersten Hälfte für mich an Spannung. Wenn nicht erkennbar ist, dass sich die Handlungsstränge aufeinander zu bewegen, wird es manchmal etwas langatmig.

Dann kam im zweiten Teil aber richtig Spannung auf, als sich doch noch herauskristallisierte, welche Zusammenhänge es gibt. Ich wette, es kommt kein Leser auf den Twist, den die Autorin hier eingebaut hat (wobei ich mir dazu schon ein, zwei Fragen gestellt habe, wieso das Umfeld von Alfons Wendlinger jahrelang nichts gemerkt haben soll...). Aber sei’s drum - es war auf jeden Fall eine faustdicke Überraschung.

Etwas gefehlt haben mir in diesem zweiten Teil die herzerfrischenden Dialogszenen zwischen Anna und Fritz. Ich hatte den Eindruck, es ging diesmal zwischen den beiden nicht so spritzig zu wie noch in Teil 1. Hauptsächlich war es Fritz, der eloquente Spitzen verteilte, aber Anna wirkte nicht so schlagfertig wie noch im ersten Band.

Insgesamt war es für mich daher zwar ein sehr unterhaltsamer, aber diesmal nicht begeisternder historischer Krimi. Fans der „Totenärztin“ von René Anour können aber gern mal einen zweiten Blick riskieren auf Fräulein Anna, denn ich könnte mir vorstellen, dass sie an Anna durchaus ihre Freude haben.

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Veröffentlicht am 14.01.2023

Zwei Kriminalfälle und viel Spannung

Die Verbrechen der anderen
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Ich kenne nur wenige deutsche Autoren, denen es richtig gut gelingt Zeitgeschichte zu transportieren. Frank Goldammer ist einer von ihnen. Seine Bücher haben neben meist komplexen und verzwickten Kriminalfällen ...

Ich kenne nur wenige deutsche Autoren, denen es richtig gut gelingt Zeitgeschichte zu transportieren. Frank Goldammer ist einer von ihnen. Seine Bücher haben neben meist komplexen und verzwickten Kriminalfällen auch diese besondere historische Komponente. Man glaubt ihm, was er da schreibt. Es fühlt sich „echt“ an. Und bei dieser Reihe stimmt das auch ganz und gar, denn der Autor ist selbst ein Kind der Wende und lässt diese Erfahrungen in seine Krimis einfließen.

Diesmal befinden wir uns im Februar 1990, mitten in der völlig chaotischen Zeitspanne nach dem Mauerfall und vor der Wiedervereinigung. Alte Strukturen sind noch fest in den Köpfen verankert und Neues wird einerseits euphorisch begrüßt, andererseits skeptisch beäugt. Jeder ist unsicher, keiner weiß, wie es weitergehen wird.
So erlebt der junge Dresdner Polizist Tobias Falck den Wende-Winter als eine Achterbahn der Gefühle und Gedanken, zumal auch privat so einiges zu klären wäre - doch welche Entscheidungen soll man treffen, wenn man sich so völlig im „Niemandsland“ befindet und keine Ahnung hat, wie sich das Leben weiterentwickeln wird?

Beruflich bekommt es Falck einerseits mit der Geschichte eines Mauerschützen zu tun, den die Eltern des getöteten Geflüchteten nun zur Rechenschaft ziehen wollen. Andererseits taucht plötzlich in der berühmten Gemäldegalerie Alte Meister die Kopie eines flämischen Gemäldes auf - wo doch eigentlich das Original hängen sollte!?

Beide Fälle beschäftigen Falck weit über Arbeitszeitgrenzen und Werktage hinaus, so dass er und seine Kollegen mit ihren Kräften am Ende sind. Doch kann man denn den Kollegen überhaupt noch trauen?

In einem komplexen Verwirrspiel aus Absichten, Zielen, Strategien und Ängsten lässt Goldammer seine Hauptfiguren straucheln. Die Fälle entsprechend der Stimmung der Zeit - völlig verwirrend. Und so tappen sowohl Polizei als auch Leser bis zum Schluss im Dunkeln über Täter und Motive.

Die vielen beteiligten Figuren und die ambivalenten Beziehungen zwischen ihnen stellen allerdings auch für geübte Krimileser eine Herausforderung dar, würde ich behaupten. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich vielleicht ein paar Notizen machen, um die Entwicklung der Geschichte konsequent verfolgen zu können. Für mich war es kein Buch zum „Nebenbeilesen“, ich musste mich schon sehr konzentrieren, um den Faden nicht zu verlieren und den Überblick zu behalten.

Ich frage mich allerdings, warum in diesem Buch zwei Fälle beleuchtet wurden, die aus meiner Sicht beide für sich allein auch Potential für einen ganzen Band gehabt hätten.

Ich bin gespannt, wie es mit Tobias Falck und seinen Kollegen weitergeht - hoffentlich so spannend und turbulent wie in diesem Roman!

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Veröffentlicht am 12.12.2022

Neues Leben in unsicheren Zeiten

Fräulein Gold: Die Rote Insel
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Im bereits 5. Band der Hulda-Gold-Reihe begleiten wir die hochschwangere Hulda durch ihr neues Leben. Nach dem Tod ihres Verlobten Johannes ist sie als ledige werdende Mutter vielen Schwierigkeiten ausgesetzt. ...


Im bereits 5. Band der Hulda-Gold-Reihe begleiten wir die hochschwangere Hulda durch ihr neues Leben. Nach dem Tod ihres Verlobten Johannes ist sie als ledige werdende Mutter vielen Schwierigkeiten ausgesetzt. Ihre Stelle als Hebamme im Krankenhaus musste sie aufgeben, ihre Wohnung am Winterfeldtplatz ebenso.

Sie hilft nun ihrer Bekannten, der Ärztin Grete Fischer, in ihrer Praxis und kann in einer kleinen Wohnung im Souterrain der Praxis wohnen. Doch ihr neuer Kiez ist berüchtigt… die „Rote Insel“ – ein Gebiet zwischen zwei Bahnstrecken - ist eine Hochburg der Kommunisten und immer wieder Schauplatz von Unruhen. Da auch Grete und ihr Lebensgefährte überzeugte Kommunisten sind, wird Hulda in die Unruhen auf der Roten Insel direkt hineingezogen.

Wie in jedem ihrer Hulda-Gold-Romane gelingt es Anne Stern auch diesmal wieder, ein umfassendes und authentisches Bild des Berliner Lebens in den 1920er Jahren zu zeichnen. Die verschiedenen politischen Strömungen und die Umstände, unter denen die Berliner versuchen ihr Leben zu gestalten, schildert sie anschaulich, so dass man immer wieder das Gefühl hat mittendrin zu sein.

Mir haben diesmal besonders Huldas Reflexionen ihres eigenen Zustands gefallen – jahrelang hat sie Frauen auf Geburten vorbereitet, sie begleitet während und nach der Geburt und ihnen mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Doch jetzt merkt sie auf einmal, wie es ist „auf der anderen Seite“ zu stehen und selbst diese Situation zu durchleben. Ihre Zweifel und ihre Erkenntnisse fand ich sehr schön wiedergegeben, sehr wirklichkeitsnah und nachvollziehbar.

Im Herbst 2023 geht es dann schon mit Band 6 weiter – das Buch enthält auf den letzten Seiten schon eine Leseprobe zu „Die Lichter der Stadt“. Ich werde gern wieder mit dabei sein!


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Veröffentlicht am 12.12.2022

Komplexer und verzwickter Krimi

Einsame Nacht
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Wer Charlotte Link liest, wird nicht enttäuscht! Auch ihr neuestes Werk Einsame Nacht ist wieder ein komplexer und verzwickter Krimi, bei dem sich das Mitraten lohnt. Und er passt super zur jetzigen Weihnachtszeit, ...

Wer Charlotte Link liest, wird nicht enttäuscht! Auch ihr neuestes Werk Einsame Nacht ist wieder ein komplexer und verzwickter Krimi, bei dem sich das Mitraten lohnt. Und er passt super zur jetzigen Weihnachtszeit, denn er spielt in den Tagen vor und nach Weihnachten 2019.

Warum 2019? Ihr ahnt es wahrscheinlich... es wäre wohl einfach zu schwierig gewesen, die gesamte Handlung auch noch in den Corona-Kontext zu stellen. So gibt es nur ganz am Schluss ein paar wenige Sätze, die jedoch treffsicher das widerspiegeln, was wohl jeder zu dem Zeitpunkt gedacht hat...

Zur Handlung selbst muss und will ich nicht viel sagen - das muss man lesen und auf sich wirken lassen. Aber wie auf einmal Spuren zu einem alten Fall zurückführen und sich alles letztlich miteinander verflechtet - das ist schon die höhere Kunst des Krimischreibens - und die Autorin hat das richtig gut drauf.

Ich fand es etwas schade, dass Caleb Hale, den man aus den Vorgängerbänden kennt, in diesem Roman ein bisschen kurz kam. Seine Figur ist am zerrissensten und birgt für mich daher das meiste Spannungspotential. Ich hoffe, dass er beim nächsten Fall wieder eine etwas größere Rolle spielen darf.

Dabei sein werde ich beim nächsten Roman auf jeden Fall wieder!

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Veröffentlicht am 17.11.2022

Wieder ein tolles, eher unkonventionelles Ende!

Das Tor zur Welt: Hoffnung
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Zuerst muss ich unbedingt etwas loswerden, was mir bei diesem Buch - wie auch schon bei „Elbstürme“ - wieder sehr positiv aufgefallen ist: Miriam Georg schafft es, ganz unkonventionelle Enden für ihre ...

Zuerst muss ich unbedingt etwas loswerden, was mir bei diesem Buch - wie auch schon bei „Elbstürme“ - wieder sehr positiv aufgefallen ist: Miriam Georg schafft es, ganz unkonventionelle Enden für ihre Romane zu schreiben, die man so nicht erwartet und die trotzdem absolut stimmig sind!

In den „typischen“ historischen Sagas weiß man ja doch irgendwie immer weit im Voraus, wie das Ganze ausgehen wird und ist mehr daran interessiert, wie die Protagonisten dorthin kommen als dass es zum Schluss wirklich noch eine Überraschung gibt. Nicht so bei Miriam Georg! Sie hat einen deutlich realistischeren Blick auf ihre Figuren und lässt sie nicht einfach in einem erwartbaren Happy End entschweben... nein, ihre Abschlüsse sind vielschichtiger, realistischer - und eben vor allem unerwartet und überraschend!

Das ist ein Punkt, weshalb ich ihre Romane so gern lese. Der zweite ist: sie kann einen einfach richtig gut in die Zeit versetzen, in der ihre Bücher spielen. Man ist mittendrin statt nur dabei und hat jede Szene ganz bildhaft vor Augen - sei es nun ein Sturm auf dem Atlantik, den ein Auswandererschiff überstehen muss oder ein Treffen zum Tee, bei dem der neue Schwieger-Enkel von der distinguierten Großmutter in die Mangel genommen wird :)

Auch diesmal merkt man wieder gar nicht, dass man einen 640-Seiten-Wälzer liest. Der Schreibstil ist so schön flüssig, dass es einem wie ein „normales“ 400-Seiten-Buch vorkommt.

Trotzdem bin ich diesmal der Meinung, dass man an einigen Stellen etwas hätte kürzen können. Die Nebenhandlungen uferten zum Teil schon etwas aus (zumindest war das mein Eindruck) und es gab ein paar Nebenfiguren, deren Geschichte ich nicht so als notwendig angesehen habe. Aufgrund der Zeitsprünge war ich diesmal auch etwas durcheinander (zumal ich das Buch in Teilstücken auch als Hörbuch gehört habe und dort nicht so gut zuordnen konnte, wie manche Szenen in den Gesamtzusammenhang passen sollten...).

Bei ein paar Passagen ist mir auch aufgefallen, dass zu Beginn einer Szene nur ominös von „er“ gesprochen wurde und dann wurde die ganze Szene über kein Name genannt, mit wem das Gespräch/die Szene überhaupt spielt. Das kann als Spannungselement an einzelnen Stellen schon mal ganz nett sein, wenn erst zum Schluss verraten wird, wer da gemeint ist, aber teilweise hat mich das dann doch gestört.

Insgesamt gesehen war dieser zweite und abschließende Band der Dilogie daher aus meiner Sicht ein klein wenig schwächer als der erste - aber stach für mich immer noch positiv aus der Masse der historischen Romane über die Zeit 1900 - 1920 heraus! Insbesondere die Thematik der Auswandererstadt, die es in Hamburg in dieser Zeit ja tatsächlich so gab, war ein toller neuer Aspekt, der das Buch abwechslungsreich und spannend machte. Wer historische Romane mag, liegt mit Büchern von Miriam Georg also definitiv richtig!

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