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Veröffentlicht am 21.01.2023

Mord im Dunkeln

The Dark
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Eigentlich ist es schwer, von einem locked room mystery zu sprechen, wenn der Schauplatz der Handlung für unendliche Weite steht. Doch in Emma Haughtons Antarktis-Krimi "The Dark" sind die Charaktere abgeschlossen ...

Eigentlich ist es schwer, von einem locked room mystery zu sprechen, wenn der Schauplatz der Handlung für unendliche Weite steht. Doch in Emma Haughtons Antarktis-Krimi "The Dark" sind die Charaktere abgeschlossen vom Rest der Welt in einer Forschungsstation im antarktischen Winter. Da kann niemand rein und niemand raus, draußen herrscht vier Monate lang völlige Dunkelheit, wenn man mal von Sternen und gelegentlichen Polarlichtern absieht. Keine Umgebung also für Menschen mit Platzangst oder Furcht vor dem Dunkeln.

Ein denkbar schlechter Arbeitsplatz also für die englische Notärztin Kate, die sich im antarktischen Winter von den Dämonen der Vergangenheit befreien will. Nach einem schweren Verkehrsunfall fühlt sie sich wegen der Narbe im Gesicht verunstaltet, ihre Beziehung ist gescheitert und sie ist tablettenabhängig. Nicht die besten Voraussetzungen für ein Leben mit nur zwölf anderen Menschen, mit denen man irgendwie auskommen muss, ohne viele Abwechslungsmöglichkeiten und buchstäblich am Ende der Welt. Richtig stressig wird es allerdings, als Kate immer mehr Hinweise darauf erhält, dass der Unfalltod ihres Vorgängers womöglich kein Unfall war. Als es dann noch einen weiteren Toten gibt, wird immer deutlicher: Einer der Kollegen ist ein Mörder - oder eine Mörderin.

Das Setting und der Plot des Buches haben mich überzeugt, ebenso Tanja Geke als Sprecherin, die jedem der Besatzung eine eigene "Stimme" gibt. Die Tatsache, dass das Team international zusammengewürfelt ist und sie zumindest teilweise mit Akzenten arbeiten kann, macht das beim Zuhören sehr abwechslungsreich. Auch die Beschreibungen der Weite der Antarktis, des Schwindens der Sonne, der Weite der Landschaft, der Isolation und zunehmenden Paranoia sind der Autorin gut gelungen.

Zu den Schwächen des Buches gehört für mich aber insbesondere die mangelnde Glaubwürdigkeit der Hauptfigur Kate. Angesichts der medizinischen und psychologischen Tests, die mit der Arbeit an so einem entlegenen Ort verbunden sein dürften, ist es unwahrscheinlich, dass der ständige Pharma-Cocktail in ihrem Blut und ihr seelischer Zustand unentdeckt bleiben würden. Dass die Stationsärztin sich nicht nur an den Medikamentenvorräten der Forschungsstation vergreift, sondern ihren Kolleginnen und Kollegen entgeht, dass sie ständig breit ist, ist ebenso unwahrscheinlich. Und dass sie selbst mit kaltem Entzug es fertig bringt, in der Krise den Rest des Teams zu koordinieren, ganz zu schweigen von einem komplizierten medizinischen Eingriff - nein, da konnte mich die Autorin überhaupt nicht überzeugen.

Ein Denkfehler Kates zum Mörder auf der Station, der fast fatale Folgen gehabt hätte, war ebenfalls nicht sonderlich glaubwürdig. Insofern bin ich bei "The Dark" zwiegespalten. Die Antarktis als Schauplatz eines Whoodunit ist eine faszinierende Location, ich mag das Setting, wo die Beteiligten in Dunkelheit und Kälte ihren ganzen Überlebenswillen sammeln müssen, die Beschreibungen der Station sind faszinierend, und die kleinen und großen Macken des Personals sorgen für zusätzliche Entwicklungen der Handeln. Die Figur der Kate dagegen ist einfach viel zu dick aufgetragen und hat mich irgendwann nur noch genervt.

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Veröffentlicht am 06.01.2023

Unversöhnlich

Kuckuckskinder (Ein Falck-Hedström-Krimi 11)
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Der Titel "Kuckuckskinder" passt zu Camilla Läckbergs neuem Roman - so viel lässt sich wohl sagen, ohne zu spoilern. Bisher hatte ich von der schwedischen Autorin nur Bücher gelesen, in denen die Protagonistin ...

Der Titel "Kuckuckskinder" passt zu Camilla Läckbergs neuem Roman - so viel lässt sich wohl sagen, ohne zu spoilern. Bisher hatte ich von der schwedischen Autorin nur Bücher gelesen, in denen die Protagonistin Rache an den Männern nahm, die sie kleingehalten, misshandelt oder sonstwie an einer eigenständigen Entwicklung gehindert hatten Mit der Protagonistin Erika Falk ist sie zu einer Seie zurückgekehrt, die mir bisher nicht bekannt war, ich kam aber auch ohne Vorwissen gut mit den Protagonisten klar, allen voran Schriftstellerin Erika, die mit True Crime-Romanen erfolgreich ist, und ihrem Ehemann Patrik Hedström von der Polizei im südschwedischen Fjällbacka.

Das Ehepaar hat über eine Freundin Erikas eine Einladung zu einer goldenen Hochzeit einer prominenten und wohlhabenden örtlichen Familie erhalten: Henning ist Schriftsteller, wird als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt, seine Frau stammt aus einer altehrwürdigen Verlegerfamilie. Ausgerechnet nach einem weinseligen Abend wird der verkaterte Patrik zu einer Mordermittlung gerufen: Der Starfotograf Rolf ist tot in einer Galerie gefunden worden. Auch er war zu der Feier eingeladen, hatte aber abgesagt.

Bilder der geplanten Ausstellung inspirieren Erika, bei einem ohnehin geplanten Reise nach Stockholm den Spuren von Lola nachzugehen, einer Transfrau, die Rolf offenbar so beeindruckt hat, dass ihr Foto im ehelichen Schlafzimmer hing. Bei ihren Recherchen stößt Erika auf eine tragische Geschicht: Lola und ihre Tochter kamen vor Jahren bei einem Brand ums Leben. Das ist der Stoff für einen neuen Roman, ist Erika überzeugt, die an die Theorie von einem Unfalltod nicht glauben will.

Sie stellt überrascht fest, dass Lola nicht nur Rolf kannte, sondern dass die Künstler- und Intellektuellenclique um Rolf, Henning und Elisabeth damals ihre Ersatzfamilie bildete. Währenddessen kommt es in Fjällbacka zu einem regelrechten Blutbad, das auch erfahren Polizisten nicht kalt lässt. Irgendjemand scheint einen unversöhnlichen Hass gegen die Familie zu hegen.

In einem zweiten Handlungsstrang geht es um die Zeit um 1980, die Monate vor Lolas Tod und das Leben und die Vergangenheit der Transfrau. Eniges hierzu wird von Erika im Gespräch mit Freunden und Nachbarn aufgedeckt, anderes aus der damaligen Erlebnisperspektive geschrieben.

Mir war eigentlich früh klar, wer hinter der Mordserie stecken musste, insofern hat mich die Auflösung des Plots nicht sonderlich überrascht. Trotzdem ist "Kuckuckskinder" spannend zu lesen, denn auch wenn ich die Lösung geahnt hatte, waren da noch einige "wie"-Fragen zu klären. Gut gefiel mir die Normalität von Erika und Patrik, die eben nicht als Superhelden dargestellt werden, sondern als gestresstes Ehepaar, dass auch noch den Alltag mit drei kleinen Kindern bestehen muss und plötzlich vor einer überraschenden und schwierigen Situation steht, die völlig andere Weichen für die Zukunft stellen kann.

Auch die übrigen Polizisten müssen neben der Arbeit private Probleme und Herausforderungen bewältigen. Dass auch Polizisten nur Menschen sind und beim Anblick mancher Tatorte traumatisiert werden, wird ebenfalls thematisiert.

"Kuckuckskinder" ist eingängig geschrieben, fängt allerdings etwas langsam an, bis die Handlung Fahrt aufnimmt. Am Ende fand ich einiges überzogen, kann darauf aber nicht ohne Spoilern eingehen.

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Veröffentlicht am 02.01.2023

Wettlauf mit der Zeit

Er will dein Ende
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Finanzberater Kipp Brown steckt mächtig in der Klemme in "Er will dich zerstören", der 14. Band von Peter James´Reihe um den Kriminalpolizisten Roy Grace aus Brighton. Denn der Mann, der das Vermögen seiner ...

Finanzberater Kipp Brown steckt mächtig in der Klemme in "Er will dich zerstören", der 14. Band von Peter James´Reihe um den Kriminalpolizisten Roy Grace aus Brighton. Denn der Mann, der das Vermögen seiner Kunden erfolgreich verwaltet und auf großem Fuß lebt, leidet unter Spielsucht. Der eigene Wohlstand ist längst mehr Schein als Sein. Als sein Sohn dann das Opfer einer Entführung wird und er Lösegeld zahlen muss, fürchtet er das Schlimmste - er kann einfach nicht zahlen. Und es ist ein Wochenende, er kann auch nicht bei den Banken versuchen, kurzfristig Geld locker zu machen. Sollte er dagegen das Vermögen seiner Kunden antasten, wäre das nicht nur beruflich das Aus, er stünde mit einem Bein im Gefängnis,

Einmal mehr gibt James den Lesern mehr Informationen als den Ermittlern. Denn der angeblich entführte Junge fühlt sich nach dem Unfalltod der älteren Schwester von den trauernden Eltern vernachlässigt, ja ungeliebt. Die Entführung, die er mit Hilfe eines Schulfreundes simuliert, soll Klarheit darüber bringen, ob ihn sein Vater überhaupt liebt. Doch dann wird aus dem Vorhaben der beiden Jungen tödlicher Ernst und die Bemühungen um Mungos Freiheit und Leben werden zum Wettlauf mit der Zeit.

In einem weiteren Handlungsstrang geht es um die Erpressung des örtlichen Fußballclubs durch einen Unbekannten, der mit Sprengstoffanschlägen droht.Verschärft wird die Situation durch einen brutalen Machtkampf innerhalb der albanischen Mafia in Brighton. Die Zusammenhänge bleiben den Ermittlern lange verborgen, erst am Ende des Buches kommt es zu einem dramatischen Showdown.

Zwischendurch war allerdings manche Entwicklung absehbar, manche Brutalität der Mafiamethoden wäre auch verzichtbar gewesen. Insgesamt entwickelte sich der Spannugsbogen gelegentlich etwas zäh. Der vorangegangene Roman über Romance Scams hatte mir jedenfalls besser gefallen. Dennoch solida Krimikost, bei der man als Leser vor allem am Dilemma Kipp Browns Anteil nehmen kann.

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Veröffentlicht am 30.12.2022

Exzentrikerinnen unter sich

Tea Time
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it "Tea Time" ist Ingrid Noll irgendwie zu ihren Anfängen zurückgekehrt: Was "Die Apothekerin" einer ihrer frühen Erfolge, ist die Ich-Erzählerin Nina als Apothekenhelferin in der gleichen Branche. Die ...

it "Tea Time" ist Ingrid Noll irgendwie zu ihren Anfängen zurückgekehrt: Was "Die Apothekerin" einer ihrer frühen Erfolge, ist die Ich-Erzählerin Nina als Apothekenhelferin in der gleichen Branche. Die junge Frau aus einer Kleinstadt an der Bergstraße pflegt ihre Spleens - ebenso wie ihre fünf Mitstreiterinnen aus dem "Club der Spinnerinnen". Ninas Freundin Franzi etwa kämmt mit Vorliebe Teppiche, Supermarktkassiererin Jelena deutet Wolkenbilder und die Lehrerin Corinna steigt als Voyeurin in fremde Gärten ein. Nina wiederum fotografiert mit Vorliebe Unkräuter, wickelt sich im Bett in einen dichten Kokon - eine für die Partnersuche eher hinderliche Angewohnheit und entwickelt im Laufe des Buches eine leichte kleptomanische Ader.

Es wäre kein Ingrid Noll-Kriminalroman, wenn nicht auch mörderische Instinkte und unangenehme Männer zur Handlung gehörten. Der unangenehme Mann heißt in diesem Fall Andreas Haase, ist der Ex von Jelena und der Vater ihrer kleinen Zwillingssöhne. Die halten ihn zwar für einen super Papa, aber neben Alkoholproblemen fällt der arbeitslose Uhrmacher mit unerwünschten sexuellen Avancen auf, als er im Park Ninas verlorene Handtasche findet.

Die Auseinandersetzung schaukelt sich nach und nach hoch - bis Haase eines Tages tot aufgefunden wird und Nina die Antwort auf eine schreckliche Frage finden muss. Hatte sie da etwa eine Hand im Spiel? Eher unabsichtlich, aber vielleicht doch unbewusst morden wollend? Zwischen schlechtem Gewissen und eher dilettantischer Detektivarbeit findet Nina gleichwohl noch Zeit, ihrem ebenfalls eher verschrobenen Nachbarn Yves näher zu kommen.

Frauenfreundschaft und -solidarität, Sympathie mit skurrilen Charakteren und Lust am Absurden prägen diesen Kriminalroman mit zahlreichen humorvollen Elementen und manchem Wortspiel. Mit ein bißchen Verrücktheit, so die liebenswerte Botschaft, kommt man entspannter durchs Leben.

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Veröffentlicht am 27.12.2022

Irgendwein Krieg ist immer irgendwo

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.
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Es hat immer ein bißchen was von Entblätterung, wenn Journalisten über sich und ihre Arbeit schreiben. Und natürlich über geschätzte oder verachtete Kolleginnen und Kollegen. Das kann unerhaltsam sein, ...

Es hat immer ein bißchen was von Entblätterung, wenn Journalisten über sich und ihre Arbeit schreiben. Und natürlich über geschätzte oder verachtete Kolleginnen und Kollegen. Das kann unerhaltsam sein, scharfsinnig, eitel - im Fall von Gabriele Riedles "In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg" ist es vor allem eine literarische Verfremdung eines Genres, das eigentlich von präziser, ja nüchterner Sprache lebt. Jedenfalls im klassischen Nachrichtenjournalismus, der Fall Relotius hatte - vor dem Sündenfall - ja gezeigt, dass literarische Ausschmückungen die Chancen für prestigeträchtige Journalistenpreise steigern können. Hier wird nun nicht geclaast, hier steht gleich im Untertitel "Eine Art Abenteuerroman". Wie viel die Ich-Erzählerin und die Autorin, abgesehen vom Job und der Arbeit in Krisen- und Kriegsgebieten tatsächlich gemeinsam haben, darüber kann ich nur mutmaßen.

Lernen branchenfremde Leser hier etwas vom Alltag von Kriegs- oder Krisenreportern? Auf jeden Fall brauchen sie Geduld, sich durch Bandwurm- und Schachtelsätze hindurch zu bewegen, die Erzählerin kommt schließlich aus dem Feuilleton. Einfach nur erzählen, was ist - bah, das ist offenbar zu profan! Mich kann nur die durchaus vorhandene (Selbst-) Ironie mit diesem Schreibstil versöhnen, der für mich zu viel Verpackung und zu wenig Inhalt bedeutet, auch wenn zwischen den Zeilen durchaus eine Ahnung spürbar wird von den eher Ahnungslosen, die in das gerade aktuelle Krisengebiet einfallen und und nun Reportagestoff brauchen für den Chefredakteur in Hamburg oder Manhattan. Erzählen, was ist - aber mit einem Hauch Exotik.

"Fallschirmjournalismus" hat man diese Art von Reportereinsatz genannt, lange bevor es embedded Journalists gab, damals im Golfkrieg und einer der großen Stunden von Peter Arnett, der als Kriegsberichter-Dinosaurier auch hier nicht fehlen darf. Denn anders als die Reporter, die in den jeweiligen Regionen dauerhaft vor Ort berichten, müssen diese Kollegen in der Regel nach dem Augenfälligen greifen, es sei denn, es passiert eh gerade etwas Spektakuläres, worüber man schreiben kann. Bei Afrika-Einsätzen etwa ist dann in den Artikeln gern von der roten Erde Afrikas die Rede (Africa is not a country....) und zerlumpten, aber strahlend lächelnden Kindern.

Sind Reporter, die den Krisen, über die sie berichten, den Rücken kehren können, sobald das Interesse an ihnen nachlässt, Helden, Voyeure, Zeitzeugen? Riedle schildert durchaus ironisch Selbstdarsteller und solche, deren professionelle Distanz sich allmählich auflöst, die Ängste, aber auch Adrenalinschübe, das Getriebensein nach der nächsten großen Geschichte, dem nächsten Kick, die Momente mit den großen und kleinen Figuren eines Stücks, dass sie selbst nicht immer durchschaut.

"In Dschungeln..." ist auch ein Schwanengesang - zum einen sicher auch auf ein Metier, das sich immer weniger Verlage und Stationen leisten, weil es so viel billiger ist, auch das Material lokaler freier Mitarbeiter zurück zu greifen. Zum anderen, weil es immer wieder auch um Tim H. geht, den Freund und Kollegen, den, dessen Aussehen im Laufe der Jahre nicht schaden nimmt und dessen Gelenke nicht zu knirschen beginnen nach all den Jahren in all den Krisen, da er in Libyen bei einem Granatangriff ums Leben kam.

Doch, ich habe dieses Buch gerne gelesen, auch wenn ich immer ein wenig damit fremdele, wenn Journalisten über sich selbst schreiben. Aber hier ist es ja fast ein Abenteuerroman. Nur die verschachtelten Bandwurmsätze, die hätte ich wirklich nicht gebraucht.

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