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Veröffentlicht am 25.01.2023

Lektionen eines langen Lebens

Lektionen
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Der Titel "Lektionen" ist doppeldeutig: Das gleichnamige Buch von Ian McEwan beginnt in einem englischen Internat in den 60-er Jahren, mit einem Klavierunterricht, der für den da noch kindlichen Protagonisten ...

Der Titel "Lektionen" ist doppeldeutig: Das gleichnamige Buch von Ian McEwan beginnt in einem englischen Internat in den 60-er Jahren, mit einem Klavierunterricht, der für den da noch kindlichen Protagonisten Roland Baines noch weitreichende Folgen haben wird. Doch während der Autor seiner gleichaltrigen Romanfigur ein Leben lang folgt, bis in die Corona-Pandemie, da geht es eben auch um die Lehren eines langen Menschenlebens, um das, was Roland mitnimmt und das, was bleibt, von seinen Hoffnungen, seinen Lieben, seinen Erwartungen in sich selbst und den Erwartungen, die andere in ihn gesetzt haben.

Da scheint zunächs vieles unerfüllt: Der junge Roland galt als großes Klaviertalent, doch statt einer Pianistenkarriere verdingt er sich auch noch deutlich jenseits der 70 als Klavierspieler während des afternoon tea in einem Hotel - von Musikmampfe spricht er dabei. Die literarischen und journalistischen Ambitionen münden in Kalendersprüchen und Gedichten für Grußkarten. Auch ein Profi-Tennisspieler ist er nicht geworden, hat sich jahrelang treiben lassen, heiratete schließlich Alyssa, Tochter eines Deutschen und einer Engländerin und wird von ihr verlassen, als der gemeinsame Sohn Lawrence gerade mal sieben Monate alt ist.

Plötzlich und unerwartet alleinerziehender Vater zu sein, zwingt Roland nicht nur zu Verantwortung und Struktur, er gerät auch vorübergehend in den Fokus der Polizei, die hinter dem Verschwinden Alissas ein Verbrechen vermutet. Und wer wäre da als Verdächtiger naheliegender als der Ehemann...

Das Private und das Zeitgeschichtliche liegen in dem mehr als 700 Seiten langen Roman nah beieinander. Es ist die mit Fragen und Unsicherheiten, ja existenziellen Ängsten begleitete Kuba-Krise, die den 14-jährigen Roland zum Haus seiner ehemaligen Klavierlehrerin treibt, die ihn schon drei Jahre zuvor mit einem unerewarteten Kuss verwirrte. Was folgt, ist einerseits sexuelles Erwachen und andererseits - wie ihm erst Jahrzehnte später bewusst wird - sexueller Missbrauch. Es ist nicht zuletzt diese verbotene Affäre, die ihn später dazu treibt, die Schule zu schmeißen.

Tschernobyl, der Fall der Mauer, die Thatcher Jahre, Brexit und schließlich Corona, aber auch Kriegserinnerungen aus deutscher und britischer Sicht, das Scheitern linker Träume und die Desillusionierung angesichts der Entwichlungen der Labour Party - "Lektionen" ist ein Kaleidoskp der vergangenen 70 Jahre, gespiegelt in einem Menschenleben. Roland hat Gelegenheit zu Konfrontationen mit der ehemaligen Klavierlehrerin und mit Alyssa, die als Schriftstellerin nicht nur ihren Ex weit in den Schatten stellt, sondern sich zur bedeutendsten deutschsprachigen Autorin und Nobelpreiskandidatin entwickelt.

Roland findet in der langjährigen Freundin Daphne eine neue Liebe, die durch Daphnes Krebserkrankung viel zu kurz andauern darf, auch wenn die Patchworkfamilie liebevoll und generationsübergreifend zusammenhält. Geheimnisse, ja Lebenslügen gibt es aber auch in der eigenen Familie über seine Eltern zu entdecken - auch hier sind "Lektionen" für Roland enthalten, die Antworten geben auf Lebensfragen. Wie McEwan das Große und das Kleine, das Private und das Zeitgeschichtliche zu einem buchstäblich epochalen Roman verwebt, das ermüdet auch bei der Länge des Buches nicht. Und angesichts der langen Entwicklung des Protagonisten ist es fast, als sei Roland am Ende ein langjähriger alter Bekannter.

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Veröffentlicht am 21.01.2023

Plädoyer für mutigen Journalismus

HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe. Von der Friedensnobelpreisträgerin
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Sie hat den Friedensnobelpreis erhalten und steht seit Jahren immer mit einem Bein im Gefängnis - nur weil sie ihren Job macht. Mit ihrer Biografie "How to stand up to a dictator" hat die philippinisch-amerikanische ...

Sie hat den Friedensnobelpreis erhalten und steht seit Jahren immer mit einem Bein im Gefängnis - nur weil sie ihren Job macht. Mit ihrer Biografie "How to stand up to a dictator" hat die philippinisch-amerikanische Jourmalistin Maria Ressa nicht nur ihre Lebensgeschichte erzählt, sie hat auch ein starkes Plädoyer für einen Journalismus mit Rückgrat geschrieben.

Als Einwandererkind in den USA eher schüchtern und aufs Lernen focussiert, hat Ressa mit der Rückkehr in ihr Geburtsland steile Karriere gemacht als Südostasien-Korrespondentin bei CNN und langjährige Leiterin einer TV-Nachrichtenredaktion. Die 1963 geborene Journalistin setzte auf Datenjournalismus und digitale Formate, als viele ihrer Generation noch stark damit fremdelten, die Print-Welt zu verlassen oder eine andere Option der Publikation zumindest als gleichwertig zu akzeptieren.

Als Mit-Gründerin des rein digitalen Nachrichtenportals "Rappler" beschritt Ressa Neuland. Sie versprach sich davon mehr Partizipation und Demokratie - die Leser, Hörer, Zuschauer würden nicht nur Konsumenten sein, sondern auf Augenhöhe mitwirken. Wie schwierig das sein kann, zeigt sich schon in halbwegs funktionierenden Demokratien. Die Philippinen unter Rodrigo Duterte entwickelten sich in eine andere Richtung. Schon vorher sahen sich Ressa und ihre Kolleg*innen Anfeindungen ausgesetzt, wenn sie Korruption, Machtmissbrauch und Nepotismus aufdeckten,

Ressa lernte nicht nur das Leben mit immer neuen Verleumdungsklagen, Haftbefehlen, Ermittlungen kennen, sondern auch die Kehrseite des Internets, insbesondere der sozialen Medien, in die sie so viele Hoffnungen gesetzt hatte: Hass, Misogynie, Tötungsaufrufe, übelste Beschimpfungen der Trolle im Internet, die so übermächtig wirken können.

Ressas Buch ist deshalb auch eine Warnung vor Desinformations- und Propagandanetzwerken, ein Appell "to hold the line", am Kampf für Wahrheit und unabhängigen Journalismus festzuhalten. "How to stand up to a dictator" mag ein Buch über die Medien auf den Philippinen sein, aber nicht nur in der Inselrepublik liegt vieles im Argen, sehen sich Journalisten Angriffen ausgesetzt. In Ländern wie Somalia, Syrien oder Mexiko kann der Beruf lebensgefährlich sein.

Als Polen oder Ungarn mit ihrem Rechtsruck sich innerhalb der EU isolierten, waren es neben dem Abbau der unabhängigen Justiz Journalisten, die als erste zwischen Staatsloyalität oder Arbeitslosigkeit wählen mussten. Und während hierzulande unabhängige Medien garantiert werden, sind auf Demonstrationen der Rechten spätestens seit Pegida Beschimpfungen wie "Lügenpresse" wieder aufgetaucht, die Journalisten entgegengebrüllt werden. Von persönlichen Angriffen und Bedrohungen insbesondere gegen die leicht erkennbaren Fotografen und Kameraleute mal ganz zu schweigen. Dass zu solchen Entwicklungen nicht nur in Diktaturen nicht geschwiegen werden darf - das ist eine der Botschaften in Ressas Buch.

Veröffentlicht am 15.01.2023

Die Stärke der Schwachen

Von Frauen und Salz
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Von einer kubanischen Zigarrenfabrik im 19. Jahrhundert bis ins Miami der Gegenwart, von wohlhabenden Vororten bis zu den Gefängnissen für illegale Einwanderer - mit "Von Frauen und Salz" schildert Gabriela ...

Von einer kubanischen Zigarrenfabrik im 19. Jahrhundert bis ins Miami der Gegenwart, von wohlhabenden Vororten bis zu den Gefängnissen für illegale Einwanderer - mit "Von Frauen und Salz" schildert Gabriela Garcia zeit- und generationenübergreifend Frauen- und Migrationsgeschichten. Erst nach und nach zeigt sich, wo der rote Faden ist, der die Schicksale verbindet. Maria Isabel, die Zigarrendreherin auf Kuba, Analphabetin, die dank des vorgelesnen Romans "Les Miserables" erkenntt, dass dem Leiden der Armen eine Stimme gegeben wurde, ist nicht nur die Protagonistin einer der Erzählungen, sie ist auch die Ur-Urgroßmutter der drogensüchtigen Jeannette im Miami der Gegenwart.

Jeannette, immer zwischen Rückfall und Entzug schwankend, reist nach Kuba, auch auf der Suche nach einem Stück Identität. Ihre Cousine dagegen hofft auf eine Einladung in die USA oder dass einer der Touristen, die auf Kuba nicht nur Strände, sndern auch sexuelle Kontakte suchen, sie mitnimmt. Für Jeannettes Suche nach den Wurzeln hat sie wenig Verständnis. Carmen, die Mutter Jeannettes, hat nach der Revolution mit nichts in Amerika angefangen, durch eine "gute" Heirat lebt sie im Wohlstand zwischen Shopping und Schönheitsoperation, aber auch in ewiger Angst um ihre Tochter.

Für Jeannettes Nachbarin Gloria, eine illegal eingewanderte Salvadorianerin, endet der Traum vom Leben in den USA in einem Abschiebegefängnis, auch ihre kleine Tochter, die vorübergehend bei Jeannette unterkommt, wird schließlich von der Einwandererbehörde abgeholt und wächst in Mexico zu einer starken jungen Frau heran, die sich trotz prekärer Umstände die Träume nicht nehmen lässt und den Weg zurück ins "gelobte Land" findet.

Männer spielen in dem Roman nur eine Nebenrolle, der Fokus liegt auf der weiblichen Perspektive, so sehr auch das Leben der Protaginistinnen vom Geld, der Macht und der Gewalt und Kontrolle durch Männer beeinflusst wird.

Unterschiede in der Einwanderungspolitik werden ebenso thematisiert wie Rassismus und ethnische Diskriminierung innerhalb der eingewanderten "Latinos" wie auch in ihren Herkunftsländern. Damit packt die Autorin ein Thema an, dass in heutigen Romanen und Non Fiction zum Thema PoC gerne ignoriert wird.

Garcia erzählt genau beobachtend, skizziert Lebensläufe, zerschmetterte Hoffnungen und vorsichtige Träume, zeigt die Stärke der Schwachen und erliegt dabei nicht der Versuchung, in Betroffenheitskitsch abzugleiten. Ihre Frauenfiguren sind durchaus ambivalent, keineswegs perfekt, aber lebensnah und vielschichtig. Dass am Ende Maria Isabels Ausgabe von "Les Miserables" eine neue Besitzerin findet, ist die logische Fortentwicklung des Leitmotivs dieses Romans.

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Veröffentlicht am 15.01.2023

Tod am alten Leuchtturm

Verschwiegen
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Ein 7000-Einwohner-Ort an der isländischen Küste - Der Schauplatz Akranes in Eva Björg Aegisdottirs Island-Krimi "Verschwiegen" klingt erst einmal idyllisch. Fast alle kennen sich, die Verbrechensrate ...

Ein 7000-Einwohner-Ort an der isländischen Küste - Der Schauplatz Akranes in Eva Björg Aegisdottirs Island-Krimi "Verschwiegen" klingt erst einmal idyllisch. Fast alle kennen sich, die Verbrechensrate ist niedrig und Großstadtpolizistin Elma, die nach dem Aus einer mehrjährigen Beziehung in ihren Heimatort zurückkehrt, hat zunächst überwiegend mit Trunkenheitdelikten, Verkehrsufällen und Kneipenschlägereien zu tun - bis dann eine tote Frau am Fuß des alte Leuchtturms schon halb im Meer gefunden wird.

Wie sich herausstellt, stammte auch sie aus Akranes, doch kaum jemand will sich an das Mädchen Elisabeth erinnern. das schon als Kind immer außen vor war: Der Vater starb bei einem Unglück auf See, wenig später auch der gerade zwei Wochen alte kleine Bruder am plötzlichen Kindstod. Elisaeths Mutter lässt sich nach dem doppelten Schicksalsschlag völlig gehen, Schule und Sozialamt kümmern sich nicht um Erscheinungsbild und Auffälligkeinen von Elisabeth. Warum sie, mittlerweile Pilotin, verheiratet und Mutter zweier Kinder, nach Akranes zurückgekehrt war, ist den Ermittlern zunächst ein Rätsel.

"Verschwiegen" hat zwei Erzählperspektiven - einmal die Ermittlungen in der Gegenwart, in Kursivtext davo abgesetzt die Erlebnisse und Erfahrungen des sechs- bis neunjährigen Mädchens Elisabeth. Die Leser ahnen daher sehr viel früher als die Ermittler, welches Geheimnis Elisabeth mit sich herumschleppte. Die scheinbar heile Welt von Akranes bekommt tiefe Risse, ähnlich wie der von Vulkanaktivität aufgerissene Boden der Stadt.

In Aegisdottirs Roman geht es nicht nur um die Aufklärung eines Mordes, das Buch ist zugleich das Psychogramm einer Kleinstadt, in der unschöne Geheimnisse jahrzehntelang gehütet werden und Schweigen, Wegschauen und Ignorieren die Instrumente sind, mit den übertüncht wird, was nicht wahrgenommen werden soll - Mobbing, Missbrauch, häusliche Gewalt, Macht- und Einflusstrukturen scheinen sich von Generation zu Generation zu übertragen.

Für Elma ist die Rückkehr in die scheinbar vertraute Kleinstadt vertrackt - die Bande zu alten Schulfreundinnen sind lose geworden. Wem hat sie überhaupt noch etwas zu sagen, wer verschweigt ihr möglicherweise etwas? Aegisdottir nimmt sich Zeit, das Setting zu setzen und die Personen einzuführen. Nicht nur der dunkle isländische Winter sorgt hier für düstere Stimmung, auch die Themen sorgen für dunkle Akzente. Insofern ist es in der Tat ein sehr skandinavischer Krimi, geprägt von einer ruhigen Erzählweise und eher psychologischer Spannung. Das ganz Drama des Falls entfaltet sich erst nach und nach, und auch über Elma gibt es auf den letzten Seiten noch etwas Neues zu erfahren.

Mir hat "Verschwiegen" gut gefallen. Zwischen Gletschern und Vulkanen kann hier im nordischen Wonter einiges ans Licht gebracht werden. Das Potenzial für weitere Fälle mit Elma und ihren Kollegen ist klar vorhanden.

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Veröffentlicht am 29.12.2022

Spannender Politthriller am Ende des Arabischen Frühlings

Damaskus
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Iben Albinus ist eigentlich eine erfolgreiche Drehbuchautorin, und das merkt man ihrem Debütroman "Damaskus" angesichts seines hohe Erzähltempos, Cliffhanger-Momenten und dramatischen Twists an. Ich ...

Iben Albinus ist eigentlich eine erfolgreiche Drehbuchautorin, und das merkt man ihrem Debütroman "Damaskus" angesichts seines hohe Erzähltempos, Cliffhanger-Momenten und dramatischen Twists an. Ich würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn das Buch um eine Menschenrechtsaktivistin im beginnenden syrischen Bürgerkrieg zeitnah auch verfilmt wird - nicht nur wegen der sowohl spannenden als auch weiterhin aktuellen Handlung, sondern auch wegen einer athmosphärisch dichten, "visuellen" Erzählweise.

Worum geht es? Sigrid Melin, die einst im Irakkrieg für eine dänische Zeitung im Nahen Osten war und aus dieser Zeit noch eine posttraumatische Störung mit sich herumschleppt, hat mit einem Temperamentsausbruch vor laufender Kamera ihre Karriere als Pressesprecherin von Amnesty International vergeigt. Da kommt das Angebot eines alten Studienfreundes durchaus passend: Sigrid soll für einen Telekommunikationskonzern nach Damaskus gehen, gewissermaßen als gutes Gesicht des Kapitalismus auf Einhaltung humanitärer Standards achten.

Die Entscheidung ist nicht leicht, muss Sigrid doch ihren Mann, den halbwüchsigen Sohn und die Teenager-Stieftochter zurücklassen - andererseits lockt nicht nur die Rückkehr in die arabische Welt, sondern auch das Wiedersehen mit der syrischen Studienfreundin Reem, die die Sicherheitsfirma leitet, die für den Schutz von Sigrid und den anderen Mitarbeitern von NorCom zuständig ist. Denn es ist das Jahr 2011, der Arabische Frühling ist ausgebrochen. Es gärt nicht nur in Nordafrika, sondern auch in Syrien.

Der neue Job erregt auch das Interesse des Ehepaares von nebenan, die beide beim Geheimdienst arbeiten. Denn Sigrid soll versuchen, einen Regierungsmitarbeiter oder eine andere hochrangige Persönlichkeit zur Zusammenarbeit zu überreden.

In Damaskus erlebt Sigrid nicht nur die Faszination für die Gassen der Altstadt, Baklava und die traditionelle arabische Gastfreunschaft. Sie muss auch feststellen, dass Reem, eine Alavitin, bestens vernetzt mit dem Assad-System ist, auch die blutige Niederschlagung von Demonstrationen verteidigt. Einer ihrer Kindheitsfreunde ist der syrische Innenminister. In dem Luxushotel, in dem Sigrid und ihre Kollegen leben, schnüffelt auch der syrische Geheimdienst herum. Nur Firas, Reems Mann, der als Arzt in einem Militärkrankenhaus arbeitet, hält sich mit politischen Lobpreisungen Assads zurück - auch weil er im Krankenhaus die Folterungen und Tötungen von Regimegegnern miterlebt.

Wie schnell es gehen kann, die Aufmerksamkeit des Geheimdienstes zu erregen, muss auch Sigrid feststellen. Im Gefängnis des Geheimdienst wird sie Augen- und Ohrenzeugin von Menschenrechtsverletzungen, ihr Status als Ausländerin und Expat bewahrt sie vor Schlimmerem. Reem wiederum spürt immer mehr Druck, ihre Loyalität gegenüber einem Regime zu zeigen, in dem die Paranoia mit jeder Freitagsdemonstration steigt. Dann verschwindet ihr Mann - und Sigrid und Reem, die schon vor einem Zerwürfnis standen, müssen eine schwere Bewährungsprobe bestehen.

Vieles von dem, worüber Albinus schreibt, hat bei aller Fiktion reale Hintergründe - etwa die Versuche, Informationen aus den Foltergefängnissen ins Ausland zu schmuggeln, die Zustände in den Gefängnissen und den Haftanstalten, die zahlreichen, miteinander konkurrierenden Geheimdienste, die Brutalität einer Macht, die sich bedroht sieht durch den Wunsch nach Veränderungen. Und auch die modernen Kommunikationsmittel erweisen sich als Fluch und Segen zugleich.

"Damaskus" fesselt bis zuletzt, bietet Spannung und eine immer düsterere Atmosphäre, während Syrien auf einen Abgrund zusteuert. Manches erscheint mir wenig realistisch - dass Journalisten willentlich Nachrichtendiensten zuarbeiten, ist nach allen westlichen Medienstandards ein No Go, und mit einer Vergangenheit als Menschenrechtsaktivistin scheint es mir noch unglaubwürdiger, dass sich Sigrid, noch dazu ohne jeden Druck, auf die Bitte ihrer Nachbarn einlässt. Dass Sigrid sich mehrfach unreflektiert und unüberlegt mit ihren Äußerungen in die Bredouillie bringt, dient zwar dem Plot, ist aber so unprofessionell, dass es mit ihrer vorangegangenen Berufslaufbahn und jemanden, der den Teenagerjahren entwachsen ist. Das ist allerdings Mäkelei auf hohem Niveau, denn ich habe diesen spannenden Thriller sehr genossen und hoffe, dass der Erstling von Iben Albinus nicht ihr letzter Roman bleibt.

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