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Veröffentlicht am 03.04.2023

Die Lebensgeschichte eines Gesetzlosen

Der Paria
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Der Paria gehört ohne Zweifel zu den Romanen, die nur veröffentlicht wurden, weil der Autor sich bereits einen Namen gemacht hat. Das ist nicht abwertend gemeint. Der Roman lässt sich in keine der gegenwärtigen ...

Der Paria gehört ohne Zweifel zu den Romanen, die nur veröffentlicht wurden, weil der Autor sich bereits einen Namen gemacht hat. Das ist nicht abwertend gemeint. Der Roman lässt sich in keine der gegenwärtigen Genre-Kategorien gut einordnen: kein historischer Roman, kein Fantasy-Roman. Wie in vielen Low-Fantasy Büchern ist ein Gesetzloser hier Protagonist, doch wer hier nach konkreten Fantasy-Elementen sucht, wird enttäuscht werden.
Im Rückblick berichtet Alwyn dem Lesenden seine Lebensgeschichte. In einer komplexen, vielschichtigen Welt gerät er, Waisenkind, Gesetzloser, Schreiber, in den Sog der Ereignisse um einen Thronstreit und schwehlende religiöse Konflikte. Hierbei hat mir besonders gut gefallen, dass statt dem typischen Format Religion A versus Religion B auch verschiedene innerreligiöse Strömungen eine Rolle spielen. Aber das zeichnet die diversen Fraktionen hier generell aus: sie sind keine Monolithen.
Passend dazu trifft unser Protagonist mal gute, rational Entscheidungen und mal solche, bei denen man auf Anhieb Übles ahnt. Der starke Überlebenswille des Protagonisten gerät dabei in Konflikt mit Rache und persönlichem Ehrgefühl. Auch die Nebencharaktere, sympathische wie unsympathische, sind gut ausgeformt, sind erinnerungswürdig und interessant. Eine Liste am Ende ist vorhanden, aber eigentlich nicht notwendig.
Obwohl der Spannungsbogen nicht so hoch wie bei einem Thriller verläuft, konnte mich der Roman dennoch von Anfang an fesseln. Die Handlung entwickelt sich eher langsam, durchsetzt mit einigen konkreten Actionszenen. Gewalt wird dabei explizit, wenn auch nicht ausufernd, beschrieben. Der Abschluss passt und lässt genug offene Handlungsstränge für den nächsten Band.
Alles in allem kann ich den Roman allen empfehlen, die ein Buch nicht nur schnell runterlesen möchten, sondern eine Reise suchen.

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Veröffentlicht am 15.03.2023

Gelungene Fortsetzung, die Lust auf den nächsten Band macht

Schloss Liebenberg. Hinter dem falschen Glanz
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Der zweite Band Hanna Caspians um die Eulenburg-Harden-Affäre aus den Perspektiven mehrerer Bediensteter setzt nahtlos da an, wo Band 1 aufhört.
Der Tod ihrer Mutter lastet schwer auf Adelheid und ihrer ...

Der zweite Band Hanna Caspians um die Eulenburg-Harden-Affäre aus den Perspektiven mehrerer Bediensteter setzt nahtlos da an, wo Band 1 aufhört.
Der Tod ihrer Mutter lastet schwer auf Adelheid und ihrer Familie. Als Informantin kann sie dringend benötigtes Geld verdienen und gleichzeitig Rache an der Fürstin üben, doch bringt sie sich selbst damit ebenfalls in Gefahr. Auch Viktor nimmt die Gefährdung seiner Dienststelle war und muss entscheiden, ob er eine Zukunft im Schloss Liebenberg haben wird. Für Constanze wurde diese Entscheidung bereits im ersten Band getroffen, doch die zukünftige Laufbahn ihres Verlobten ist eng mit dem Ausgang der Eulenburg-Harden-Affäre verwoben. Und Hedda findet nicht nur Verbündete gegen Opitz, sondern gerät in den Sog einer Bewegung, die sich für die Verbesserung der Lebensumstände aller Bediensteten einsetzt und von der besitzenden Klasse nicht gerade wohlwollend betrachtet wird…
Was soll ich sagen? Hanna Caspian beweist wieder einmal, dass sie große politische Ereignisse anschaulich mit Einzelschicksalen verknüpfen kann. Erzähltempo, Abschnittlängen und Perspektivwechsel sind einwandfrei gewählt. Diverse historische Alltagdetails offenbaren nicht nur die großartige Rechercheleistung, sondern bringen den Leser näher an das Geschehen heran und machen die Kulisse lebendiger.
Insgesamt würde ich sagen, dass die politischen Ereignisse im Vergleich zum ersten Band hier mehr in den Vordergrund rücken, doch war dies angesichts der Tatsache, dass besagte Ereignisse nun eine drängendere, bedrohlichere Dimension annehmen durchaus zu erwarten.
Alles in allem eine gelungene Fortsetzung, die einen von der ersten Seite an wieder direkt in die Handlung eintauchen lässt.

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Veröffentlicht am 09.02.2023

Von Garten- und Kriegskunst

Blüte der Zeit
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Niederlande 1672: Obwohl den Zeitgenossen die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges noch vor Augen stehen, droht erneut ein Krieg. Ihres niederländischen Heimes beraubt sehen sich Gärtnersohn Max, seine ...

Niederlande 1672: Obwohl den Zeitgenossen die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges noch vor Augen stehen, droht erneut ein Krieg. Ihres niederländischen Heimes beraubt sehen sich Gärtnersohn Max, seine Mutter und sein jüngerer Bruder einer ungewissen Zukunft entgegen und entscheiden sich für die Flucht nach Brandenburg-Preußen. Allerdings sind auch dort die Auswirkungen des Kriegs spürbar, wie auch Elvina, Tochter eines Apothekers der aufstrebenden Bürgerschicht, erfährt. Ein dritter Handlungsstrang folgt dem adeligen Paulus van Houtkerke, der als enger Freund Wilhelms III. von Oranien und Offizier unmittelbar am politischen und kriegerischen Geschehen beteiligt ist.
„Blüte der Zeit“ ist der dritte historische Roman von Sabine Weiß zur niederländischen Geschichte, kann jedoch auch problemlos ohne Vorkenntnis der Romane „Krone der Welt“ und „Gold und Ehre“ gelesen werden.
Vor dem Hintergrund des Holländischen bzw. Niederländisch-Französischen Krieges, dessen Folgen und Begleiterscheinungen angesprochen werden, ohne zu einer blutigen Horrorshow zu werden, entfaltet sich ein Zeitporträt großer Politik und kleiner Einzelschicksale. In den einzelnen Handlungssträngen treten neben den äußeren Konflikten verschiedenartige innere Konflikte auf, beispielsweise drängt Paulus Vater ihn, seine Freundschaft zu Wilhelm für eine politische Karriere zu nutzen, während jene Freundschaft gleichzeitig im Laufe der kriegerischen Auseinandersetzungen aufgrund unterschiedlicher Meinungen unter Spannung gerät.
Thematischen Schwerpunkt bildet die Gartenkunst: von Lustgärten und Parkanlagen bis hin zu Wasserspielen, künstlichen Grotten und den Schwierigkeiten des Handels und Nachzüchtens exotischer Gewächse erhält man als Leser einen einzigartigen Einblick in die „unsichtbaren“ Mühen und die entstehenden Prachtbauten, deren Spuren sich bis in die Gegenwart verfolgen lassen.
Wie alle Handwerke verlangt die Gärtnerei neben Talent vor allem Geduld und Übung, gleiches gilt für das Schreiben - und was soll ich sagen, Sabine Weiß beherrscht ihr Handwerk. Besonders die beiläufige, lebendige Vermittlung von historischem Wissen ist überaus kurzweilig.
Alles in allem eine unbedingte Empfehlung an alle Leser historischer Romane!

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Veröffentlicht am 28.11.2022

Gut recherchiert und spannend erzählt

Der eiserne Herzog
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Guilhem muss sich Zeit seines Lebens alles erkämpfen, vom Herzogtum der Normandie bis hin zum Herz seiner Geliebten. Und als König Eadweard von England ihn zu seinem Nachfolger bestimmt, beginnt sich ein ...

Guilhem muss sich Zeit seines Lebens alles erkämpfen, vom Herzogtum der Normandie bis hin zum Herz seiner Geliebten. Und als König Eadweard von England ihn zu seinem Nachfolger bestimmt, beginnt sich ein Konflikt mit Harold Godwinson, Bruder der Königin Englands, um den ihm versprochenen Thron abzuzeichnen.
Positiv überrascht hat mich der ungewöhnliche Gebrauch der historischen Namen. Auch hat der Autor geschickt das Problem der dreifachen „Edith“ gelöst, indem er für jede der Frauen eine alte Namensvariante verwendet. Da es sich hier um meinen ersten Roman aus der Feder von Ulf Schiewe handelt, war mir sein angenehm lebhafter Schreibstil zuvor unbekannt. Besonders gut hat mir gefallen, wie beiläufig-authentisch historische Alltagsdetails in die bildlichen Beschreibungen einflossen und mit hervorragender Recherche und überzeugender Fiktion ein stimmiges Gesamtbild schufen.
Auch die Figuren überzeugen, sie sind mehrschichtig und überwiegend sympathisch, verfügen dennoch über menschliche Schwächen. Wie bei einer griechischen Tragödie sind es jene negativen Eigenschaften (oder sind es Eigenschaften, die erst durch ihr Übermaß negativ werden?) die nach und nach die Schlinge enger ziehen und auf einen schier unlösbaren Konflikt zusteuern.
Alles in allem ein fesselnder historischer Roman um die Ereignisse und Personen, die zur Schlacht von Hastings führten; ideal für alle Fans von Ulf Schiewe und die, die es werden wollen.

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Veröffentlicht am 23.11.2022

Suchtpotenzial: Komplexe Fantasy mit arabischem Setting

Die Stadt aus Messing
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Mit Lug, Betrug und dem einen oder anderen Gelegenheitsdiebstahl hält sich Nahri im Kairo des 18. Jahrhunderts über Wasser. Niemand ist überraschter als sie selbst, als sie bei einem Ritual einen Daeva-Krieger ...

Mit Lug, Betrug und dem einen oder anderen Gelegenheitsdiebstahl hält sich Nahri im Kairo des 18. Jahrhunderts über Wasser. Niemand ist überraschter als sie selbst, als sie bei einem Ritual einen Daeva-Krieger beschwört und in einen jahrhundertealten Konflikt gerät. In der Stadt aus Messing soll sie Schutz finden, doch die Stadt ist alles andere als sicher: Alter Hass und neue Gerüchte brodeln und werden notdürftig durch die harte Hand des Königs im Zaum gehalten.
Über die Perspektiven Nahris, der Fremden, und Alis, des jüngeren Königssohns, erhält der Leser zwei verschiedene Blickrichtungen auf das Geschehen in und um Daevabad. Aufgrund der komplexen sozialen und politischen Strukturen handelt es sich hierbei um keinen Roman, den man „mal nebenbei“ lesen kann bzw. sollte.
Die Handlung zeichnet sich durch ein Wechselspiel aus Action und Politik aus, Loyalität und List, Verrat und Vorurteile, Geheimnisse und Geschichte. Sowohl die Figuren als auch die einzelnen Gruppierungen sind glaubwürdig, authentisch und vielschichtig. Besonders gut hat mir gefallen, dass es kein simples „Gut vs. Böse“ gibt, vielmehr wird in moralischen Grauzonen agiert. Die Figuren werden in hohem Maße gegeneinander ausgespielt, wobei es nicht immer eindeutig ist, wer an wessen Fäden zieht.
Chakraborty ist ein Roman gelungen, der ohne sackenden Mittelteil von Anfang bis Ende hochspannend ist und zugleich mit fantastischen, lebendigen Beschreibungen und einer magischen Atmosphäre überzeugt.
Alles in allem ein wundervolles Fantasy-Lesehighlight.

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