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Veröffentlicht am 10.02.2023

Kommt der Tod zum Psychiater...

Jetzt ist Sense
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Was normalerweise einen platten Witz ankündigen würde, funktioniert in diesem Roman auf eine sehr eigene Art und Weise perfekt.

Ich durfte im Vorfeld schon in das Buch rein lesen. Danke an Vorablesen ...

Was normalerweise einen platten Witz ankündigen würde, funktioniert in diesem Roman auf eine sehr eigene Art und Weise perfekt.

Ich durfte im Vorfeld schon in das Buch rein lesen. Danke an Vorablesen und dem dtv für die Zusendung eines Leseexemplares. Dies wird meine Bewertung für dieses Buch in keinster Weise beeinflussen.

Das Cover an sich ist schon ein echter Blickfang und zog mich magisch an. Auf der einen Seite wirkt der Anblick des Sensenmannes an der Bar schon sehr surreal. Andererseits stimmte es mich unendlich traurig, ihn dort ganz allein sitzen zusehen.

Der Tod gehört zu unserem Leben dazu, auch wenn wir davor gern die Augen verschließen. Hier begegnet er uns in Gestalt eines griechischen Gottes, der nicht nur verdammt gut aussieht, sondern auch noch äußerst charmant zu sein scheint. Kein Wunder also, dass die Psychiaterin Olivia ihn für einen Stripper hält, als dieser rein zufällig an ihrem 50.Geburtstag auf der Matte steht. Da er nebenbei in einer Sinnkrise steckt, nutzt der Tod, hier Zino genannt, die Gelegenheit und besucht Olivia nun häufiger, um in Therapie zu gehen. An der wahren Identität hat Olivia zunächst Zweifel. Doch einige Zufälle später, ist sie sich da nicht mehr so sicher.

Schon nach den ersten Seiten hatte mich die Geschichte. Der locker leichte Schreibstil, in Verbindung mit einem ganz eigenen Humor, bescherte mir reines Lesevergnügen. Es herrschte eine Situationskomik, die für mich auf den Punkt genau richtig war und nie peinlich oder zu gewollt wirkte.
Deshalb mochte ich die Charaktere, da sie auf mich verdreht aber deswegen so authentisch wirkten.
Manchmal fragte ich mich, wie Olivia es mit all den skurrilen Charakteren in ihrem Umfeld überhaupt aushält, ohne selbst in Therapie zu müssen.

Und genau dieser Humor nimmt dem Thema Tod seine erdrückende Schwere ohne respektlos zu werden. Denn neben all der Ironie und dem Wortwitz tauchen auch viele leise Töne auf, die zum Philosophieren und Nachdenken anregen. Es treten tiefgründige Fragen und Sichtweisen auf, die noch lange nachklingen. Zum Glück passiert das Ganze ohne esoterisch zu werden.
Was ist der Sinn des Lebens?
Ist das Schicksal unausweichlich?
Habe ich erfüllt gelebt?
Ist man irgendwann bereit zu gehen?

Viel zu oft denkt man, dass man noch ewig Zeit hätte oder man vergisst zu leben, aus Angst Fehler zu machen.

Den Tod zu personifizieren, dem Unbekannten ein Gesicht zu geben, um einem die Angst davor zu nehmen, gefiel mir sehr gut. Für mich hatte er viel menschliches an sich. Leben und Tod sind halt untrennbar miteinander verbunden. Die Einbettung der griechischen Mythologie, ist in meinen Augen das Sahnetüpfelchen.

Genau wie der Tod, kam das Ende leider viel zu überraschend. Gern hätte ich noch länger in der Geschichte verweilt.
Für mich gehört dieser Roman jetzt schon zum meinen Jahreshighlights.

Und wenn der Tod eines Tages vor eurer Schwelle steht, dann hadert nicht mit eurem Schicksal.
Ladet ihn einfach auf einen Ouzo ein.

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Veröffentlicht am 21.09.2025

so überraschend wie ein Center Schock

Adlergestell
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Die Mauer ist gefallen und die große Freiheit ist zum Greifen nah. Laura Laabs erzählt in ihrem Roman Adlergestell von einer Zeit, die von Hoffnung aber auch Erschöpfung geprägt war. Nicht nur das Leben ...

Die Mauer ist gefallen und die große Freiheit ist zum Greifen nah. Laura Laabs erzählt in ihrem Roman Adlergestell von einer Zeit, die von Hoffnung aber auch Erschöpfung geprägt war. Nicht nur das Leben der Erwachsenen änderte sich von heut auf morgen. Sie prägte und formte eine ganze Generation von Nachwendekindern.
Die namenlose Erzählerin reist mit uns in ihre eigene Kindheit, zurück in die Eigenheimsiedlung am Adlergestell, gemeinsam mit ihren beiden besten Freundinnen. Während die Mädchen versuchen ihren Platz in dieser neuen Welt zu finden, bröckelte diese um sie herum und mit ihr ihre Freundschaft. Die ältere Generation leidet noch immer unter Kriegstraumata und die Erwachsenen sind getrieben von einer Mischung aus Freiheit, Aufschwung und Ernüchterung. Es beginnt eine Reise der Aufarbeitung der persönlichen Geschehnisse, um das vermeintliche Ende zu verstehen.

Die Autorin verknüpft geschickt die Vergangenheit mit der Gegenwart und zeigt wie schnell sich alles wandeln kann. Die Nebencharaktere wirken zunächst blass. Deshalb war ich echt überrascht, als einige von ihnen mit ihren persönlichen Gedanken und Lebensgeschichten zu Wort kamen. Diese Erzählungen waren zum Teil sehr bewegend und gaben der Geschichte eine neue Tiefe. Die Geschichte des Adlergestells mit einzubauen gefiel mir richtig gut. Ich traue mich kaum zu sagen aber es hat ewig gedauert, bis ich herausfand, was es mit dem Adlergestell auf sich hatte. Die eingestreuten Werbeunterbrechungen wirken zunächst nostalgisch lustig, wichen aber schnell einem bitteren Nachgeschmack durch deren Interpretationen.
Nach dem Lesen habe wirklich einiges nach recherchiert, da mir einige Fakten einfach unbekannt waren. Ich selbst wurde kurz vor der Wende im tiefsten Osten geboren und etwas später als die drei Mädchen eingeschult. Mir war dennoch vieles von dem Gelesenen vertraut und zog mich in meine eigene Vergangenheit zurück. Ich las meinem Mann im Nachhinein viele Passagen vor. Er war ebenso begeistert und besonders gefielen ihm die einzigartige Ausdrucksweise. Jede Zeit und jeder Charakter bekam einen ganz individuellen Ton. Das Springen zwischen den Zeiten und Charakteren war anfangs etwas wirr für mich, dennoch fand ich mich schnell zurecht. Mein Vater wuchs in dieser Gegend auf und so hörte ich mir natürlich auch seine Sicht der Dinge an. Besonders der optische Wandel ist ihm noch immer im Gedächtnis geblieben.
Da diese Zeit historisch und politisch sehr geprägt war, ist es nicht verwunderlich, dass sich dies auch in diesem Roman widerspiegelt. Von damals bis in die Neuzeit. Mit dem Ende der Geschichte hadere ich etwas. Es wirkt alles im Nachhinein schlüssig aber auch etwas konstruiert.
Adlergestell ist kein Wohlfühlroman. Die Nostalgie, die er auslöst, wird immer wieder unterbrochen. Vieles wirkt komisch aber zeigt gleichzeitig die harte Realität. Wer mit einem nicht linearen Erzählstil kein Problem hat, sollte sich auf diese Reise in die Vergangenheit einlassen.

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Veröffentlicht am 06.04.2025

Tiefgründiger Debütroman über soziale Ungerechtigkeit und Resilienz

Ganz aus Splittern
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Ein Problemkind aus einem Problemviertel. Hat man einmal diesen Stempel aufgedrückt bekommen, ist es meist unmöglich sich aus dieser drohenden Abwärtsspirale heraus zukämpfen. Genau in diesem Dilemma befindet ...

Ein Problemkind aus einem Problemviertel. Hat man einmal diesen Stempel aufgedrückt bekommen, ist es meist unmöglich sich aus dieser drohenden Abwärtsspirale heraus zukämpfen. Genau in diesem Dilemma befindet sich die 17 jährige Protagonistin Christine. Aufgewachsen im falschen Teil der Stadt, muss sie eine Schule besuchen, die ihr kaum eine Perspektive bietet aus diesem sozialen Brennpunkt heraus zu kommen. Und vor ihrer Junkie-Mutter und ihrem gewalttätigen Stiefvater zu fliehen. Dabei hätte Christine das Potenzial dazu, wenn sie nur die Chance dazu hätte. Stets an ihrer Seite ist ihr bester Freund Tjard, der sie beschützt und immer für sie da ist. Eines Tages erhält sie die einmalige Chance, als eine Art Sozialexperiment, an ein renommiertes Elitegymnasium zu wechseln. Nach langem zögern nimmt sie aber das Angebot an. Dort lernt sie Alex kennen, der ihr von Anfang den Atem raubt. Nun scheint sich Christines Blatt zu wenden. Doch zu Hause spitzt sich das Drama immer weiter zu und auch auf der Sonnenseite ist nicht alles Gold was glänzt.
Gerade zu Beginn hat mich der Schreibstil einfach umgehauen. Mit einer präzisen Nüchternheit tauchte ich in Christines Viertel und Alltag ein. Die soziale Ungerechtigkeit zwischen den Schichten wurde meiner Meinung nach großartig ausgearbeitet ohne klischeehaft oder sentimental zu werden.
Hut ab vor dieser sehr jungen Autorin, die es jetzt schon versteht mit Worten Bilder und Stimmungen zu malen. Im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem das gelbe Mehrfamilienhaus in dem Christine lebt. Normalerweise steht die Farbe Gelb für Wärme und Fröhlichkeit. Doch hier bildet sie fast schon einen ironischen Kontrast, denn hinter diesen Mauern, gibt es schon lange keine Fröhlichkeit mehr.
Christine ist für mich, trotz ihres Alters und Lebensumstände ein sehr intelligentes und reifes Mädchen. Ihr zögern über den Schulwechsel konnte ich absolut nachvollziehen. Wer möchte schon gern, als Sozialexperiment angesehen werden. Auch ihre Hartnäckigkeit nicht aufzugeben und sich ihrem Schicksal zu ergeben, hat mich echt beeindruckt. Tjard habe ich einfach ins Herz geschlossen. Er ist ein wunderbarer Chaot, der aber absolut treu Christines Leben zusammenhält. Die Beziehung der beiden war mir zwischendurch manchmal etwas suspekt. Ab und an dachte ich wirklich Christine nutzt Tjard etwas aus, da er ihr Kleber ist, der die Splitter zusammenhält. Im Laufe der Geschichte begriff ich aber dass die beiden einfach auf eine besondere Weise seelenverwandt sind. Ich wünschte mir jeder hätte einen Tjard. Jemanden der bedingungslos hinter einem steht und die Scherben zusammenklebt. Auch ihre anderen Freunde sind durch die Bank weg einfach herrlich skurril. Jeder von ihnen gibt ihr auf ganz individuelle Art und Weise Halt, obwohl er selbst sein Päckchen zu tragen hat.
Typisch NA auch die Liebesgeschichte zwischen Christine und Alex. Quasi Anziehung auf den ersten Blick, obwohl beide aus unterschiedlichen Welten stammen. Zwar ist diese Art von Love Interest nicht so mein Fall aber gehört zu diesem Genre halt einfach dazu. Für mich sprang der Funke einfach nicht über. Außerdem war die Liebesgeschichte der beiden für mich absolut nebensächlich. Mir ging es allein um Christines Schicksal und ihren weiteren Werdegang. Aus diesem Grund hätte ich mich gefreut, mehr von ihrem neuen Schulalltag zu erleben. Dort wurden zwar einige Konflikte angerissen aber aus meiner Sicht irgendwie nicht zu Ende gebracht. Auch wenn die Geschichte an manchen Stellen vorhersehbar war, konnte mich der Plottwist doch überraschen. Mit den Geschehnissen am Ende hadere ich immer noch ein wenig. Diese Wendung kam so kurz und kalt, sodass ich kaum realisieren konnte was da geschah.
Christines Geschichte verdeutlicht wieder einmal mehr, dass wir mehr sind als unsere Vergangenheit oder Herkunft. Jeder sollte die gleichen Chancen haben seinen Weg gehen zu können.
Auch, wenn mir nicht alles gefallen hat, hat die Grundgeschichte für mich genau ins Schwarze getroffen. Es führte mir wieder einmal vor Augen, wie sehr gerade die Schwächsten in unserem System leiden und wie wichtig Resilienz ist. Ich denke auch, dass Christines Schicksal für viele bittere Realität ist.
Aufgrund der Spice Szenen würde ich nicht gerade eine Empfehlung ab 14 Jahren geben. Lest auch bitte unbedingt die Trigger-Warnungen.
Auch, wenn ich einige Kritikpunkte habe, hat mich die Geschichte echt gepackt und ich empfehle sie jedem weiter, der sich mit authentischen und sozialen Themen beschäftigen möchte.

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Veröffentlicht am 15.02.2025

Der Beginn eins besonderen Sommers

FREI – Bester Sommer (FREI 1)
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Schon als Kind die Möglichkeit zu haben, durch die Welt zu reisen und in den aufregendsten Städten zu wohnen, mag unglaublich faszinierend erscheinen. Für den mittlerweile 14-jährigen Joschua aber hat ...

Schon als Kind die Möglichkeit zu haben, durch die Welt zu reisen und in den aufregendsten Städten zu wohnen, mag unglaublich faszinierend erscheinen. Für den mittlerweile 14-jährigen Joschua aber hat dieses Leben schon lange seinen Reiz verloren. Nirgendwo gehörte er wirklich dazu und so macht er sich schon lange nicht mehr die Mühe sich irgendwo ein zu leben. Da er nie weiß, wann seine Künstlermutter weiterziehen möchte, bleibt er lieber ein Einzelgänger. Auf der einen Seite versucht er sich so zu schützen, dennoch ist er innerlich sehr einsam und staut mehr und mehr Wut in sich auf.
Verständlich, dass Joschua frustriert ist schon wieder umziehen zu müssen, dass es plötzlich von der Großstadt in das „Kuhdorf“ Rottloch geht. Ein typisches Dorf, in dem jeder jeden kennt und auch Kinder schon Rasentrecker fahren. Joschuas Gefühls- und Gedankenwelt wurden in meinen Augen sehr authentisch dargestellt. Es war für mich absolut nachvollziehbar, dass seine über die Jahre angestaute Frustration irgendwann ein Mal herausbrechen musste. Und auch, wenn sein Verhalten seiner Mutter gegenüber teilweise echt respektlos erscheint, konnte ich ihn wirklich verstehen und habe ein wenig mit ihm mit gelitten.
Seine neue Schule dort hat ein einzigartiges Konzept. Gemeinschaftlich wird dort über alles Wichtige entschieden und scheint so eine Lernumgebung zu schaffen, die mehr als positiv erscheint. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob solch ein Konzept wirklich für jeden geeignet wäre. Ich hoffe, dass in den Folgebänden noch mehr darauf eingegangen wird. Die Idee der Projektwoche gefiel mir auch sehr gut und die gemischten Gefühle Einzelner konnte ich auch nachvollziehen. Joschuas Gruppe könnte nicht unterschiedlicher sein und zeigt sehr anschaulich, wie Vorurteile funktionieren und man Dinge viel zu schnell überinterpretiert, wenn man nicht über sie redet. Für meinen Geschmack lag der Fokus bisher hauptsächlich bei den Jungs und hoffe, dass sich dies noch ändert.
Der Schreibstil ist locker und liest sich sehr flüssig. In meinen Augen hätte man die Art und Weise, wie Jugendliche heutzutage miteinander kommunizieren nicht besser darstellen können. Die teilweise komische Darstellung von Joshuas jugendlicher Genervtheit mochte ich, besonders am Anfang, sehr. Die Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit hatten eine gute Balance.
Einen kleinen Kritikpunkt hätte ich aber noch. In der Gesamtheit waren es für mich einfach zu viele Geheimnisse und mysteriöse Begebenheiten auf einmal. Dennoch hat mir die Geschichte sehr gut gefallen. Sie hätte wahrscheinlich auch als Einzelband funktioniert. Dennoch bin ich sehr gespannt wie es weitergeht und sich die Charaktere weiterentwickeln. Ein guter Coming-of-Age Roman, der auch für Erwachsene interessant sein kann.

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Veröffentlicht am 04.08.2024

Atmosphärisch dichter Kriminalroman

Maybrick und die Toten vom East End
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Ich finde es immer schwierig, wenn ein Roman schon mit den Worten beworben wird „hat Vibes von…“. Meistens enttäuschen mich solche Vergleiche. Doch überraschenderweise trifft diese Beschreibung hier voll ...

Ich finde es immer schwierig, wenn ein Roman schon mit den Worten beworben wird „hat Vibes von…“. Meistens enttäuschen mich solche Vergleiche. Doch überraschenderweise trifft diese Beschreibung hier voll und ganz zu.
Es ist Joseph Maybricks erster Dienstantritt als Divisionsinspektor in Whithchapel, dem berüchtigtsten Elendsviertel Englands. Gleich zu Beginn bekommt man einen recht tiefen Einblick in seine Persönlichkeit. Recht und Ordnung stehen für ihn an oberster Stelle. Für ihn haben alle Menschen ein Recht auf Gerechtigkeit, egal welchen gesellschaftlichen Status sie haben. Er weiß um die Bürde dieses Amtes, da sich keiner jemals um die Bedürfnisse der Menschen in den Slums kümmerte und selbst die Polizei mehr als dubios agiert. Dies zu ändern hat für ihn größte Priorität. Ich muss zugeben als ich die Einführung Maybricks gelesen habe, war ich schon ziemlich gefesselt. Er scheint der Held zu sein, den die Menschen in Whitechapel so dringend benötigen. In meinen Augen wirkt er aber eher wie ein Antiheld, im Stile von Bruce Wayne. Er setzt sich für das Gute ein aber kämpft innerlich mit den Schatten seiner Vergangenheit. Durch die Mordermittlungen fällt es ihm schwerer nicht darin zu versinken. Ich muss gestehen, dass ich während der Einführung Maybricks die Erzählerstimme von 300 im Kopf hatte und ich mich nicht dagegen wehren konnte.
Doch kaum hat man Maybrick ein wenig kennengelernt, wird man auch schon mit einem grausamen Mordfall konfrontiert, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die detaillierte Beschreibung und Umstände des Tatortes löste bei mir schon einiges an Beklemmung aus.
Hier lernt man auch Doktor Roberts kennen, dessen Expertise für Maybrick unverzichtbar ist.
Die Beziehung zwischen den beiden lässt sich schwer in Worte fassen. Maybrick und Roberts sind charakterlich grundverschieden. Und doch könnte man sie als Freunde bezeichnen.
Für Roberts ist die menschliche Komponente eher hinderlich. Ihn schert es nicht was andere über ihn denken beziehungsweise provoziert absichtlich, um Menschen auf Abstand zu halten. Sein misantroper Charakter wirkt zwar sehr arrogant aber bildet einen erfrischenden Gegenpart zu Maybricks düsterer Art. Die Dynamik der beiden Männer gefiel mir sehr.
Was mich sehr überraschte, war die stets wechselnde Erzählerperspektive. Ich erlebte die Geschichte durch viele Augen. Somit standen für mich neben den Mordfällen auch die Menschen, dieser Gegend im Fokus. Die Autorin schaffte es hier, durch die Vielfalt an Perspektiven, ein umfassendes Bild über das Leben in Whitechapel darzustellen. Auch Kriminelle wie die Hehlerin Hester oder ein junges Bandenmitglied kommen zu Wort und zeigen auf, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Das Leben bietet viele Grautöne und selbst in einer Gegend, in der Gewalt und Elend dominiert, es so etwas wie Menschlichkeit existiert. Dies wurde vor allem in den zahlreichen Nebenhandlungen deutlich. Manche Kapitel zogen sich etwas in die Länge und gaben mir zunächst ein Gefühl als wären sie nur Lückenfüller. Doch im Großen und Ganzen hing alles miteinander zusammen. Es war wie ein Puzzle, das sich erst nach und nach zusammensetzte.
Wer für die grausamen Morde verantwortlich war, blieb für mich bis zum Schluss unvorhersehbar. Viele Plottwists gaben der Geschichte ständig neue Wendungen.
Einigen Szenen gingen mir aufgrund ihrer Thematik und Detailliertheit etwas an die Nieren.
Das Ende hat mich schon neugierig gemacht, wie die Ereignisse sich noch entwickeln werden. Dabei hoffe ich noch mehr über die Hintergründe der handelnden Personen zu erfahren. In diesem Punkt ist für mich noch ein wenig Luft nach oben.

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