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Veröffentlicht am 17.02.2023

Von einer nebulösen Insel und einem heranwachsenden Jungen

Der Inselmann
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Dirk Gieselmann erschafft in seinem literarischen Debüt eine Welt der Natureindrücke in Verbindung mit teilweise selbstgewählter Einsamkeit, welches von poetischer Sprache gekennzeichnet ist und somit ...

Dirk Gieselmann erschafft in seinem literarischen Debüt eine Welt der Natureindrücke in Verbindung mit teilweise selbstgewählter Einsamkeit, welches von poetischer Sprache gekennzeichnet ist und somit das Anliegen des Romans eher nebulös erscheinen lässt.

Der kleine Hans zieht in einer wortwörtlichen Nacht-und-Nebel-Aktion mitten im Winter auf eine einsame Insel mitten in einem See. Dort will der Vater die Aufgabe des Schafhirten übernehmen und die ganze Familie muss mit anpacken. Örtlich und seitlich ist der Roman Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre in der DDR und nun begleiten wir auf den nur 170 Seiten Hans auf seinem gesamten mitunter tragischen Lebensweg.

Das erscheint viel für so ein dünnes Büchlein? Man könnte meinen der Roman sei sehr dicht geschrieben? Das ist aber leider nicht so. Der Autor spielt in seinem atmosphärischen Werk mit vielen Auslassungen und Umschreibungen. Mal ziehen Wochen, mal Jahrzehnte an den Lesenden und auch an Hans vorbei. Das Buch ist so atmosphärisch, dass man schon gar nicht mehr weiß wohin mit dieser ganzen Atmosphäre. Denn Hans‘ Geschichte wird auf so eine überladene Art und Weise poetisch erzählt, dass es einen schon zu erdrücken droht. Fast jeder Satz enthält ein Sprachbild. Fast jede Begebenheit muss eine Metapher angeheftet bekommen. Diese Bilder sind mal gelungen, mal weniger gelungen. Auf jeden Fall würden sie mehr strahlen, wenn sie nur vereinzelt hätten vorkommen dürfen und damit noch stärker hätten herausstechen können. Durch diese angewandte Sprachgewalt gehen die gelungenen Bilder aber meist unter und bleiben nicht hängen.

Zeitweise hat man das Gefühl sich in einem Märchen, einer Sage zu befinden. Das wäre dann auch in Ordnung und man könnte das Buch dementsprechend einordnen. Aber dem Autor scheint es wichtig gewesen zu sein, immer wieder Brotkrumen bezüglich der zeitlich und örtlichen Einordnung in den Text einzuweben. So wirkt das Setting Anfang der 1960er Jahre im noch jungen Staate DDR hochinteressant. Man fragt sich, warum der Vater für seine Familie den Rückzug ins Innere dieses Landes wählt, statt der Flucht nach außen, wie es so viele Bürger dieser Zeit gewagt haben. Aber dieser gesamte Themenkomplex wird weder erklärt, noch wenigsten erneut im Laufe des Romans aufgegriffen. So scheint es letztlich vollkommen irrelevant zu sein, wo und wann sich diese Sage abgespielt hat. Übrigens ebenso nebulös und merkwürdig: Der Umzug auf die Insel wird beschrieben, als handle es sich um einen vollständigen Rückzug aus der Zivilisation. Es wird gesagt, der Schiffer käme erst im Frühjahr mit Proviant etc. wieder. Später wird klar, das Hans aber auch einfach täglich zum Ufer rudern und weiter in die Schule gehen kann. Wie im zu Beginn des Buches beschriebenen Nebel um die Insel herum verschwimmt die Handlung und es bleibt kaum eine Quintessenz übrig. Ich konnte für mich persönlich so gut wie nichts mitnehmen aus dem Roman.

Den Figuren, allen voran Hans, blieb ich fast den gesamten Roman über fern. Erst in der zweiten Hälfte des Buches wurde mein Interesse an seinem persönlichen Schicksal geweckt. Das ist für mich einfach zu wenig, um über den Roman hinweg zu tragen. Und noch einmal: Dabei handelt es sich nur um ein 170-Seiten-Romänchen! Bezogen darauf, dass der Sprachstil Gieselmanns einfach nicht meins war, konnte ich jedoch froh sein, dass die Geschichte so kurz ist.

Letztlich würde ich keinesfalls von einer Lektüre abraten, man sollte sich aber definitiv einen ersten Eindruck über die Leseprobe verschaffen und überlegen, ob man das wirklich gerne lesen mag. Da mich die zwar nicht immer stimmige Geschichte in der zweiten Hälfte etwas mehr mitreißen konnte, runde ich auf 3 Sterne auf und überlasse jedem sein eigenes Urteil über diesen Text.

2,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 10.11.2025

Dieser Cocktail ist leider nicht gut gemixt

Moscow Mule
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„Moscow Mule“ bezeichnet einen Wodka-Cocktail, der interessanterweise nicht in Russland sondern in den USA erfunden wurde, um Wodka dort populär zu machen. Er ist also kein Exportschlager, sondern ganz ...

„Moscow Mule“ bezeichnet einen Wodka-Cocktail, der interessanterweise nicht in Russland sondern in den USA erfunden wurde, um Wodka dort populär zu machen. Er ist also kein Exportschlager, sondern ganz und gar amerikanisch. Für mich ist der gleichnamige Roman von Maya Rosa leider auch kein Exportschlager. Ich finde den Mix nicht ausgewogen und das Buch trifft leider so gar nicht meinen Geschmack.

Die Ich-Erzählerin Karina ist außerhalb von Moskau aufgewachsen und pendelt nun als Studentin des politischen Journalismus zwischen Moskau und einem Vorort, in dem sie bei ihrer Großmutter lebt, hin und her. Die meiste Zeit verbringt sie entweder mit ihrer besten Freundin Tonya, in einem Club oder im Bett mit einem (meist wildfremden) Mann. Wahlweise die letzten beiden Punkte auch zusammen mit Tonya. Beide wollen raus aus Russland, vor allem seit 2006 die kremlkritische Journalistin Anna Politkowskaja einfach so in Moskau ermordet wurde.

Jetzt denkt man: Das ist eine wirklich gute Voraussetzung für einen tiefgründigen Roman, der sich mit der Seele junger, politisch engagierter Leute in Russland beschäftigt. Aber weit gefehlt. Tiefgründig wird es leider nie so richtig im Roman. Die Figuren bleiben unglaublich blass. Inhaltliche Tiefe will scheinbar allein dadurch erreicht werden, dass mehrfach der Mord an Anna Politkowskaja mehrfach erwähnt wird (mehr aber auch nicht). Vielleicht will der Roman auch die Selbstermächtigung zweier Frauen zeigen, die sich Männer zunutze machen. Aber letztlich vögeln sie sich nur durch die Gegend mit wechselnden Partnern, um bestenfalls einen Vorteil für sich herausschlagen zu können.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich bis Seite 100 intensiv gelesen und gehofft habe, irgendwo Tiefe zu finden. Ab da habe ich eher so oberflächlich weitergelesen, wie auch der Text geschrieben ist. Leider tauchte bis zum Ende des Romans keine Szene mehr auf, die mich irgendwie mitnehmen konnte. Der Schreibstil ist durchschnittlich bis einfach gehalten und der angekündigte Humor trifft scheinbar so gar nicht meinen Sinn für Humor.

Mich hat das Cover gleich auf den ersten Blick gebannt und der Klappentext klang interessant, ebenso wie die ersten Seiten. Aber es bleibt bei einer Aneinanderreihung von gefühlt zu belanglosen Szenen (im Vergleich dazu, was für ein Fass hätte aufgemacht werden können, da die Protagonistin politischen Journalismus studiert und kurz zuvor Anna Politkowskaja ermordet wurde). Es ist so schade, hatte ich doch zunächst ein großes Interesse an diesem Buch. Deshalb gibt es leider keine Leseempfehlung von mir für den unausgewogenen, eher langweiligen Cocktail „Moskow Mule“, den ich, hätte ich dafür nicht eine Rezension schreiben wollen, nicht einmal vollständig ausgetrunken (aka zu Ende gelesen) hätte.

2/5 Sterne

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Zu fragmentarisch

Telluria
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Auf diesen Roman war ich lange Zeit sehr gespannt. Die Geschichte verspricht viel. Eine mögliche Welt in der nicht ganz so fernen Zukunft, in der Russland (mal wieder) zerbrochen ist und vom Adel geführt ...

Auf diesen Roman war ich lange Zeit sehr gespannt. Die Geschichte verspricht viel. Eine mögliche Welt in der nicht ganz so fernen Zukunft, in der Russland (mal wieder) zerbrochen ist und vom Adel geführt wird. Außerdem existiert noch das Land Telluria, in welchem es die Droge Tellur gepresst in Nägeln gibt, welche den Konsumenten direkt ins Gehirn gehämmert werden. Soweit so interessant.

Der Roman ist aber dann gar nicht so romanhaft wie erwartet. In 50 (!) Kapiteln werden collagenhaft und hochfragmentarisch Szenen aus dieser Welt, in der es auch Zwerge und Riesen gibt, der Leserin hingeworfen. Wenn der Verlag im Klappentext schreibt: "... entfaltet Sorokin ein Feuerwerk der Genre und Stile, von Märchenton und orientalischer Poesie bis zur Live-Reportage, von Marco Polo bis Viktor Pelewin." trifft er ausnahmsweise mal komplett ins Schwarze. Vor dem Lesen dachte ich diese beispielhaften Genre treten neben dem erzählten Plot auf. Aber nein, der gesamte Roman besteht daraus. Die skurilsten, häufig völlig zusammenhangslosen Situationen werden geschildert. Auftretende Personen wechseln mit jedem Kapitel. So entsteht zwar nach und nach ein Bild von dieser Fantasie-Welt, Interesse kann das alles aber nicht wecken. Spätestens ab Kapitel 14, in dem 20 cm kleine Zwerge als lebende Vibratoren von Adligen Frauen und Männern genutzt werden, bin ich gedanklich ausgestiegen. Zugegebenermaßen habe ich den Rest des Buches nur noch überflogen. Vielleicht ist mir dabei der tiefere Sinn des Ganzen entgangen.

Mich konnte das Buch mit dem auf den ersten Blick interessanten Thema nicht fesseln. Absurde Szenen wechseln sich ab, bieten sicherlich den ein oder anderen satirischen Moment. Insgesamt jedoch eine Lektüre, die ich mir gern erspart hätte.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Zu viel Salz in der Suppe...oder zu wenig, je wie man es sieht.

Bergsalz
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Karin Kalisa hat sich für den vorliegenden Roman viel vorgenommen. Im Setting eines kleinen Dorfes im Allgäu behandelt sie nicht nur die Vereinsamung im Alter, die Veränderung von Rollenbildern, das Herauskommen ...

Karin Kalisa hat sich für den vorliegenden Roman viel vorgenommen. Im Setting eines kleinen Dorfes im Allgäu behandelt sie nicht nur die Vereinsamung im Alter, die Veränderung von Rollenbildern, das Herauskommen aus der Vereinsamung in die Gemeinschaft, die Entstehung einer Offene Küche als soziales Engagement, die Integration von Geflüchteten, die allgegenwärtige Landflucht, eine aufflammende Heimatverbundenheit, die Traumatisierung von Helfern in Kriegsgebieten, aber auch Heilung davon und das Besinnen auf die Natur. Selbst diese Auflistung erscheint nach der Lektüre des 200 Seiten dünnen Büchleins immer noch nicht vollständig.

Damit wird klar, wo eine der vielen Schwächen dieses Buches liegt: Zu viele Themen auf zu engem Raum. Die Geschichte ist überladen an Figuren, Ereignissen und Handlungsbotschaften an die LeserInnen. Dabei geht im Plot alles viel zu glatt. Die Quintessenz: Wenn sich nur alle ein bisschen anstrengen, klappt das schon alles. Ich fühlte mich in ein absolutes Feel-Good-Movie versetzt, in dem es zwar Andeutungen von ernsteren Lebensereignissen in der Vergangenheit der Protagonisten gibt, diese aber gefühlt gar nicht so eine große Rolle spielen. Alles lässt sich kitten. Die Figuren sind zwar liebenswert, dabei aber leider nicht genug ausgeformt und bleiben schablonenhaft. Auch wird die Beziehung zwischen den Figuren häufig nicht ausreichend beleuchtet. Wichtig scheinen der Autorin auch nur die deutschen bzw. die eine britische Figur gewesen zu sein, um ihnen eine Backgroundstory zu verpassen. Die eine wichtige syrische Frauenfigur bleibt unglaublich blass.

Der Schreibtstil ist zwar flüssig und man ist schnell durch das Buch durch, hat aber trotzdem das Gefühl sich durchkämpfen zu müssen. Dies liegt einerseits an der nervigen Angewohnheit der Autorin im Fließtext jede Person mit einem Artikel vor dem Vornamen zu versehen und sie damit zu verkindlichen (obwohl es sich hauptsächlich um Frauen um die 70 Jahre handelt), zum anderen aber auch an der zu gewollt hintergründigen Sprache und Doppelbödigkeit, die nicht erstklassig ist: "Ob man die Liliane so etwas fragen konnte, war allerdings die viel fraglichere Frage."

Insgesamt stellt das Buch für mich eine Enttäuschung dar. Ich hatte viel erwartet und habe nur wenig bekommen. Grundsätzlich hat die Autorin sinnvolle Ideen dazu gesammelt, wie jeder einzelne die Gesellschaft ein bisschen besser machen kann. Das erkenne ich an. Leider wirkt das ganze Buch viel zu überladen und dadurch auch ab einem bestimmten Punkt nicht mehr glaubwürdig, um die Botschaften noch wirklich ernst nehmen zu können. Hier passt zu viel zu gut zusammen und wird am Ende doch alles wieder fallengelassen, ohne wirklich etwas auszuerzählen. Ein rundgelutschter Salzstein, ohne echte Ecken und Kanten. P.S. Das Cover find ich gut.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Dieser mäandernder Roman konnte mich nicht überzeugen

Big Sky Country
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Was nehme ich aus der Lektüre dieses Romans für mich persönlich mit? Nichts Substantielles ehrlich gesagt. Vielleicht, dass die Lebensrealität im Westen der USA an den Rocky Mountains tatsächlich auch ...

Was nehme ich aus der Lektüre dieses Romans für mich persönlich mit? Nichts Substantielles ehrlich gesagt. Vielleicht, dass die Lebensrealität im Westen der USA an den Rocky Mountains tatsächlich auch heutzutage noch vollkommen den gängigen Klischees entsprechen?

Über eine Zeit vom 13. bis zum 20. Lebensjahr begleiten wir den Jungen August beim Erwachsenwerden. Er zieht mit seiner Mutter aus dem Mittleren Westen (Michigan) in den Norwesten (Montana), weil die Mutter zwei Filme mit Brad Pitt, die in diesem Bundesstaat spielen, toll findet. Dort angekommen kann er sich nur schwer in die Gemeinschaft einfügen und wird zum Farmarbeiter.

In der Zwischenzeit trinkt der Junge, wie alle anderen Männer in der Gegend (oder auch nur in diesem Buch?), ständig Alkohol und ernährt sich von energiereichen Fleischgerichten. Zwei Handlungen, die ausführlichst und ständig wiederholend dieses Buch prägen. Psychologische Tiefe sowie umwerfende Landschaftbeschreibungen hingegen sucht man in diesem Buch vergebens. Da ich die am Anfang des Buches benannten Filme mit Brad Pitt nicht kenne, hatte ich kein vorgefertigtes Bild vom Sehnsuchtsstaat Montana vor Augen. Die knappen Schilderungen im Buch halfen dabei auch nicht sonderlich weiter. Schade, wenn die Figuren schon platt sind, der Beziehung untereinander nur ganz leicht gezeichnet wird, hofft man doch wenigstens auf einen tollen Landschaftsfilm im Kopf. Das hat der Autor bei mir zumindest nicht evozieren können. Der Text mäandert über endlose Seiten vor sich hin. Ohne vorhandene Dramaturgie, ohne einen Hinweis darauf, was der Autor mir mit seinem Werk eigentlich mitgeben möchte. Ich habe mich bei der Lektüre gelangweilt, obwohl ich normalerweise ein Faible für "klassische" amerikanische Literatur habe bzw. vor allem früher hatte.

Insgesamt konnte mich dieser Roman nicht überzeugen und gleitet sogar ins Lächerliche ab, wenn die beiden "love interests" der Hauptfigur August auch noch Julie und June heißen...

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