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Veröffentlicht am 08.05.2023

Spannunsgeladen bis zum Ende

One of the Girls
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Von Lucy Clarke hatte ich bislang nicht gelesen, aber im britischen Fernsehen werden wohl zunehmend Adaptionen zu ihren Büchern vorangetrieben, was ich immer einen spannenden Faktor finde. Wenn ich mir ...

Von Lucy Clarke hatte ich bislang nicht gelesen, aber im britischen Fernsehen werden wohl zunehmend Adaptionen zu ihren Büchern vorangetrieben, was ich immer einen spannenden Faktor finde. Wenn ich mir nun ihr bisheriges Portfolio anschaue, dann fällt ins Auge, dass sie Liebesgeschichten offenbar genauso zu bedienen mag wie Spannungsliteratur oder tatsächlich auch Thriller. Das finde ich ebenfalls einen spannenden Balanceakt, denn die Schreibprozesse und die jeweiligen Anforderungen werden da doch schon unterschiedlich sein. Bei „One of the Girls“ habe ich nun zugeschlagen und ich würde sagen, dass Clarke hier einen Spannungsroman mit sehr starken Charakterentwicklungen abliefert, aber schauen wir uns das im Detail näher an.

Zunächst will ich noch ein paar Worte zu dem Marketing des Buchs verlieren. Ich finde es schon problematisch, dass das Ende des Buchs so offensiv im Klappentext schon angekündigt wird. Auch wenn es im Buch die Zwischenkapitel gibt, die etwas Schreckliches am Ende ankündigen, so bewerte ich das doch völlig anders als den Klappentext. Ich verstehe, dass natürlich dieser Thrill-Aspekt sich sehr gut vermarkten lässt und dass er vielleicht auch die Zielgruppe erweitert, aber dennoch führt sowas schnell in die Irre, denn ein klassischer Thriller ist es nicht, wahrlich nicht. Angesichts des Marketings ist es ein absolutes Plus, dass „One of the Girls“ tatsächlich durchgängig sehr spannend erzählt ist. Es ist kein an den Nägeln knabbern wert, denn die Spannung entsteht nicht dadurch, dass irgendetwas Gruseliges passiert oder man mitten in einer wilden Ermittlung steckt. Stattdessen hat mich gereizt, dass es sechs sehr unterschiedliche Frauenfiguren sind, die alle mit Geheimnissen im Gepäck angereist sind. Die Geschichte ist auch aus allen Perspektiven erzählt worden und meistens war es dann der letzte Satz des Kapitels, der Andeutungen machte und wo man unbedingt mehr erfahren wollte. Das ist eben so wichtig, weil es ansonsten vor allem eine Charakterstudie ist und ich weiß aus jahrelanger Erfahrung in Büchercommunities, dass das nicht immer gut ankommt.

Nun aber nach dieser Kritik zum Marketing ab zum Eintauchen in die Geschichte. Mir hat die Frauenvielfalt so gefallen, weil ich auch eine starke feministische Perspektive wahrgenommen habe. So ging es aber nicht darum, dass sechs Frauen sich gegen die Männerschaft verschwören, stattdessen waren es so unterschiedlichen Typen, dass sie erst ihre Baustellen untereinander aus dem Weg räumen mussten, um den Wert aneinander zu erkennen und umzudenken. Das fand ich spannend, weil es zu Beginn nicht ersichtlich war, worauf „One of the Girls“ genau hinarbeitet. Die sechs Frauen helfen aber natürlich auch, dass man auf jeden Fall eine Figur findet, mit der man sich identifizieren kann. Ich fand Robyn und Eleanor wohl am nachvollziehbarsten, aber insgesamt war es auch so positiv, dass ich selbst bei einer so ‚nervigen‘ Figur wie Bella dennoch genug angeboten bekommen habe, dass ich sie näher kennenlernen wollte, um sie besser verstehen zu können. Das schaffen Autoren nicht immer und dann habe ich keine Chance, aber auch wenn die Stimmung sich immer änderte, wenn Bella aufschlug und sich einmischte, so war sie am Ende doch die größte Überraschung für mich. Insgesamt würde ich auch sagen, dass ich zu allen sechs Figuren ausgiebig diskutieren könnte, weil ich zu allen so viel angeboten bekommen haben. Das war tatsächlich das große Highlight, im übertriebenen Sinne, sechs neue Freundinnen gewonnen zu haben.

Der Schreibstil ist aber eben auch wichtig, weil dieses Entdecken der Geheimnisse entscheidend dazu beiträgt, immer nur weiterlesen zu wollen. Man will endlich alle Aufklärungen haben. Weiterer großer Pluspunkt: das Ende hält den Erwartungen stand. Es war total interessant und ja oft auch überraschend, wie die einzelnen Frauen in einem Zusammenhang standen, ohne es zu wissen. Dazu dann eben der Showdown, der so auch nicht im Vorfeld zu erahnen war, und es kommt ein Gesamtkunstwerk zustande, das ich wirklich nur empfehlen kann.

Zuletzt will ich noch einige Worte verlieren, weil ich „One of the Girls“ als Hörbuch konsumiert habe. Als schon angekündigt wurde, dass es mit Julia von Tettenborn und Corinna Dorenkamp gleich zwei Sprecherinnen geben wird, war ich gespannt, wie das gestaltet wird. Während ich beide Sprecherinnen loben will, so hadere ich immer noch etwas, ob man das Hörbuch nicht doch etwas anders hätten gestalten können. Julia von Tettenborn liest nämlich alle sechs Perspektiven, während Dorenkamp die Kapitel hat, die aus der ‚Wir‘-Perspektive sind. Die Unterscheidung hätte ich nicht unbedingt gebraucht, während ich als Hörerin aber bei gleich sechs Frauenfiguren lieber eine stimmliche Markierung für den Wechsel gehabt hätte. Es wird zwar immer schnell das erste Mal der Name der Frau genannt, aus deren Sicht nun erzählt wird, aber als Leserin hat man ja noch eine ganz andere optische Möglichkeit der Orientierung. Das hat mir etwas gefehlt, auch weil ich nicht unbedingt den Eindruck hatte, dass Tettenborn jeder Figur etwas ganz Eigenes mitgeben konnte. Sechs Sprecherinnen wären wahrscheinlich auch zu teuer gewesen, aber das fiel mir eben auf. Die Stimmen an sich top gewählt.

Fazit: „One of the Girls“ ist ein wirklich sehr empfehlenswerter Spannungsroman, der es geschickt schafft, bei gleich sechs Frauenfiguren tiefenpsychologisch einzusteigen. Dazu gibt es Geheimnisse und Verwicklungen genug, die sich nicht gleich zu Beginn erahnen lassen und die dadurch Spannung bis zum Schluss garantieren.

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Veröffentlicht am 28.03.2023

Unerwartete Thematik für die Reihe

The Brooklyn Years - Wonach wir uns sehnen
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Die Brooklyn Years-Reihe von Sarina Bowen geht in Deutschland bislang über sieben Bände und auch wenn von Lyx noch keine weiteren Bände angekündigt sind, so zeigt ein Blick auf die Website der Autorin, ...

Die Brooklyn Years-Reihe von Sarina Bowen geht in Deutschland bislang über sieben Bände und auch wenn von Lyx noch keine weiteren Bände angekündigt sind, so zeigt ein Blick auf die Website der Autorin, dass es noch reichlich weiteren Stoff zum Übersetzen gibt. Auch wenn diese Reihe für mich nie an True North ran reichen wird, weil es auf einer emotionalen Ebene nicht dasselbe ist, so habe ich dennoch auch für diese Reihe rund um das Eishockeyteam von Brooklyn etwas übrig, denn es fühlt sich auch wie eine Familie an, bei der ich immer wieder gerne vorbeischaue, wie es gerade so aussieht.

Der siebte Band nun, „Wonach wir uns sehnen“, wirft eher noch unbekannte Figuren in den Ring. Bess ist zwar die Schwester von Dave (und da wären wir wieder bei True North), aber dennoch war sie noch keine aufdringliche Figur bislang. Noch weniger gilt das für den neuen Verteidiger Tank. Diese beiden haben aber eine Vergangenheit und treffen neun Jahre später wieder aufeinander. Die Funken fliegen natürlich sofort wieder und auch für mich als Leserin hat die Chemie sofort gestimmt. Auch wenn dieses „wir kennen uns schon, landen aber sofort wieder miteinander im Bett“ gerade zum vorherigen Band sehr ähnlich ist, zählt für mich dennoch, dass es auch ankommen muss, dass da eine gemeinsame Geschichte ist und ich mich dennoch bei Null abgeholt fühle und nicht den Eindruck habe, alles Wichtige verpasst zu haben. Bowen gelingt das hier gut, auch weil man deutlich merkt, dass Bess und Tank miteinander mehr sie selbst sind. Besonders schön fand ich das an einer Szene, die erst spät erfolgt, wo die beiden einfach zusammen vor dem Fernseher sitzen und gemeinsam Eishockey schauen. Tank lebt für den Sport und Bess genauso und die Liebe dafür hat sie auch zusammengebracht.

Einzeln wird es etwas komplexer, weil wir speziell bei Tank zwei Versionen geliefert bekommen. Die Presse verrät uns, dass er sich in Dallas eher unfreiwillig den Ruf eines Rüpels erarbeitet hat und auch gegenüber seinen Teamkameraden lässt er eher eine grimmige und zurückhaltende Persönlichkeit raus. Da ist er mit Bess dann fast nicht zu wiedererkennen, auch wenn das ihre Liebe füreinander natürlich noch einmal in ein anderes Licht rückt. Bess wiederum ist wahrlich keine typische Frau, weswegen es verständlich ist, wie sie so ganz langsam Frauenfreundschaften knüpft und erst lernen muss, dass es nicht überall nur um Shoppen und Schminke geht etc., sondern auch um echte Unterhaltungen und gegenseitige Unterstützung bei allem, was da kommt. Bess liebt ihren Job mit Haut und Haaren, aber sie würde noch mehr lieben, eine eigene Familie zu haben. Es war gut zu sehen, wie sehr sie sich ein eigenes Kind gewünscht hat und das eben nicht nur aus einem gesellschaftlichen Zwang heraus, sondern weil sie genau weiß, dass es sie erfüllt. Aber auch ansonsten hat Bess eine sehr soziale Ader, weil sie sich auch vehement für Frauenteams im Eishockey einsetzt, aber auch später wird das noch sehr deutlich.

Zwischen Bess und Tank geht es eigentlich nur steil bergauf, wenn da eben nicht ihre Befürchtungen wären, als Agentin nicht mehr ernst genommen zu werden und wenn er nicht wiederum in seiner gescheiterten Ehe Erfahrungen gemacht hätten, die seine Lebensplanung ganz anders aussehen lassen als die von Bess. Auch wenn ich hier arg in die Spoiler gehe, aber ich fand das Thema Fruchtbarkeit sehr überraschend gewählt, aber das hat mir deswegen auch so gut gefallen. Eben auch weil Tanks Perspektive dazu sehr intensiv in den Fokus gerückt wird. Auch wenn es selbst aus der Frauensicht in dem öffentlichen Diskurs noch zu wenig ist, aber bei Männern ist es ja noch weniger und ich fand es sehr einnehmend, als er seine Erfahrungen aus der Ehe beschrieben hat. Ich habe ihn so gut nachvollziehen können, auch welche Muster es in ihm festgesetzt hat. Daher war ich stolz, als er das eingestehen konnte, denn er war bei Bess direkt an der richtigen Stelle, eben weil sie niemand ist, die nur sich in den Fokus rückt. Spätestens hier war ich wirklich ein großer Fan von ihnen. Ich habe aber natürlich auch all die Begegnungen mit den anderen bekannten Figuren wieder sehr genossen, um auch zu sehen, was sich alles getan hat. Es war zwar wenig Eishockey im Vergleich zu anderen Bänden, aber dennoch war es auch so präsent, dass ich es als null problemo abhake.

Fazit: „Wonach wir uns sehnen“ ist sicherlich einer meiner liebsten Bände aus der Brooklyn Years Reihe, denn Bess und Tank haben eine tolle Chemie und sie haben vor allem eine Geschichte verpasst bekommen, die ich ungewöhnlich, aber auch toll dargestellt fand. Das bleibt in Erinnerung.

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Veröffentlicht am 20.03.2023

Gelungene Autorinnenzusammenarbeit

Let's be wild
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Da ich ein großer Fan von „The Bold Type“ war und bin, was über mehrere Staffeln vom US-amerikanischen Sender Freeform produziert wurde, habe ich bei der angekündigten gemeinsamen Dilogie von Nicole Böhm ...

Da ich ein großer Fan von „The Bold Type“ war und bin, was über mehrere Staffeln vom US-amerikanischen Sender Freeform produziert wurde, habe ich bei der angekündigten gemeinsamen Dilogie von Nicole Böhm und Anabelle Stehl natürlich sofort auch die entsprechenden Assoziationen gehabt und mir war sofort klar, da muss ich reinlesen. Auch wenn nicht alles, was im Fernsehen klappt, im Buch klappen muss (sowie umgekehrt), so war ich doch extrem gespannt.

Die Parallelen zu der Erfolgsserie sind in jedem Fall da. Es sind zum einen die mehreren Perspektiven, die daran erinnern, und wo wirklich alle gleichrangig nach ihrem Glück streben, es sind aber auch die vielfältigen Themen sowie hier eben die Werbeagentur, die sich mit diesen Themen in diverser Art und Weise am Puls der Zeit befindet. Ich brauchte zwar etwas zum Reinfinden, aber das war bei der Serienversion damals auch so. Da eben der Fokus so verteilt ist, müssen sich die Figuren die Zeit eben auch teilen, was ergo bedeutet, dass man nicht so rasch ein Gefühl für sie bekommt, wie es bei einer durchgehenden Ich-Perspektive vielleicht der Fall wäre. Dennoch kann ich nach Beendigung des ersten Bandes sagen, dass ich alle vier Figuren sehr sympathisch finde. Mein Liebling ist wahrscheinlich Ariana, was sie aber nicht mit klarem Abstand gewonnen hat, denn ich habe tatsächlich mit allen toll mitfiebern können. Sie waren alle mit ihren Fehlern und Stärken so menschlich und ich konnte schnell mit ihnen fiebern. Bei Ariana hat mich einfach fasziniert, dass sie tough wirkt, aber sie ist eine tolle Chefin auf einer zwischenmenschlichen Ebene. Sie ist leidenschaftlich, sie ist analytisch und durch ihre toxische Beziehung, in der sie steckt, sehr, sehr greifbar. Deswegen habe ich mich auf ihre Abschnitte schon am meisten gefreut, aber es bleibt dabei, dass alle vier ihre eigene wertvolle Geschichte zu erzählen haben.

Was mir auch gut gefallen hat, Liebe ist nur ein Nebenthema, denn in erster Linie geht es um die vier und ihren individuellen Weg, den sie zu beschreiten haben, also eigentlich erstmal Selbstliebe. Das ist für die vier aus den unterschiedlichsten Gründe eine Herausforderung und ich fand die Themenvielfalt hier wirklich toll. Über persönliche Verluste, Missbrauch, Unwohlsein in Bezug auf Geschlechtsverkehr, die schon angesprochenen toxischen Beziehungen, Panikattacken, es war viel dabei. Dazu ist dann auch über die Nebenfiguren noch viel angeboten worden, wie beispielsweise Fatshaming. Vielleicht wirkt es in der Gesamtsumme etwas idealisiert und es ist auch fast schon träumerisch schön, dass die Freundesgruppe so herrlich vorurteilsfrei ist, aber ich muss auch sagen, dass es soooo angenehm war, das zu lesen. Denn es wirkt echt, wie sie aufgrund ihrer eigenen Sorgen immer die Antennen für andere Perspektiven offen haben. Da darf sich auch mal gestritten werden, aber schon wenig später kann das als hochgekochte Emotion abgehakt werden und es wird sich ehrlich unterhalten. Sowas ist wirklich wünschenswert und im Grunde ist das in Büchern auch nicht verkehrt, denn dadurch packen wir uns vielleicht alle an die Nase, wo wir vielleicht noch nicht genug die Perspektiven von anderen einnehmen, um mitmenschlich zu sein.

Weiterhin fand ich es auch schön, dass wir live dabei sind, wie sich der Freundeskreis überhaupt erst entwickelt. Shae und Tyler kommen schon als beste Freunde an (zu ihrer Vergangenheit gerne noch mehr!), aber Evie und Ariana kommen eben erst noch hinzu und das auf unterschiedliche Art und Weise. Ich fand aber auch das Spendenevent als Ausgangspunkt für ihre Freundschaft toll gewählt. Weiterhin mag ich den Überraschungsfaktor des Buchs. Wäre es jetzt ‚nur‘ eine Liebesgeschichte, vermutlich könnte man mehr erahnen, denn am Ende muss eben für das Pärchen das Happyend zu Buche stehen. Doch hier gibt es kein Muss, weswegen ich immer wieder überrascht wurde, was sich die beiden Autorinnen neues ausgedacht haben. Das macht definitiv ordentlich Lust auf den abschließenden Teil.

Fazit: „Let’s Be Wild“ ist wirklich perfekt für Fans von „The Bold Type“, denn die Freundschaftsmomente, die Traumata, die Themenvielfalt, all das konnte toll transportiert werden. Ich mochte alle Figuren und ich habe mich wunderbar im Geschehen zurechtgefunden, was auch keineswegs vorhersehbar war. Rundum gelungene Unterhaltung, die ich mit dem finalen Teil gerne noch einmal begleiten werde.

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Veröffentlicht am 06.03.2023

Sprachliches Korsett zum Träumen

No Longer Lost - Mulberry Mansion
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Willkommen zurück in der Mulberry Mansion! Den ersten Ausflug dorthin mit „No longer yours“ fand ich auf jeden Fall gelungen, weswegen für mich sofort im Anschluss klar war, dass ich zurückkehren werde. ...

Willkommen zurück in der Mulberry Mansion! Den ersten Ausflug dorthin mit „No longer yours“ fand ich auf jeden Fall gelungen, weswegen für mich sofort im Anschluss klar war, dass ich zurückkehren werde. In „No Longer Lost“ geht es nun um May, die ich im ersten Teil schon unwahrscheinlich sympathisch fand und in der ich viel von mir selbst wiedererkannt habe. Deswegen war ich gespannt, welche Geschichte ich mit ihr geboten bekomme.

Zunächst ist es so, dass für Autorin Merit Niemeitz festzustellen ist, dass sie eine ganz klar hervorstechende Stilistik schon entwickelt hat, die man wohl überall wiedererkennen wird. Zum einen ist das der poetische Schreibstil, den ich im ersten Band in seinem Potenzial mit Colleen Hoover verglichen haben. Das nenne ich auch gerne wieder, denn ich finde im zweiten Band hat sich Niemeitz noch einmal übertroffen. Ich bin gespannt, wie das im dritten Band wird, weil dort Willow eine recht zügellose Klappe hat, aber gerade bei May war es jetzt einfach nur genial, ihr eine solche Sprache und ein solches Denken zuzuordnen. Ich war wirklich verliebt in die Gedanken, die sich May gemacht hat. Im ersten Band war vor allem Eden die treibende Kraft, da er der Intellektuelle war, der so den Takt angegeben hat und so eine gewisse Stilistik erlaubt hat. Hier ist es nun May, die die ganze Welt auf eine Art sieht, die nur berühren kann. Sie würde ich gerne sofort als Freundin in meinem Leben haben, um stundenlang mit ihr sprechen zu können und mir von ihr die Welt erklären zu lassen. Ich kann die Art, wie Niemeitz aus Mays Sicht schreibt, gar nicht richtig in Worte fassen, aber es berührt mich tief. Eine zweite typische Stilistik ist, dass die männliche Perspektive eine deutlich kleinere Rolle spielt. Das ist auch hier wieder der Fall. Auch wenn es mich nicht im großen Ausmaß gestört hat, aber ich finde die Stilistik dennoch auffällig und ich weiß nicht, ob es wirklich geschickt ist. Denn das Ungleichgewicht ist offensichtlich. Ich bin eigentlich immer eher dafür, halbwegs es in der Waage zu halten oder eben nur sie oder ihn zu nehmen. So wirkte es am Ende so, als sei der Mann einfach nicht so wichtig für die Geschichte wie sie. Auch wenn Wes also weniger im Zentrum war als May, ich durfte ihn genug kennenlernen und deswegen setze ich hier einen Haken drunter, dennoch ist es für die Zukunft vielleicht eine Überlegung wert.

Kommen wir dann also intensiver zu den Figuren. Bei May bleibt es dabei, dass sie mir sehr ähnlich ist, nicht komplett, aber in doch so einigen Aspekten, so dass ich mich komplett in ihrer Geschichte fallen lassen konnte. Sie hat einfach ein großes Herz. Sie arbeitet zwar auch mit Vorurteilen, aber mehr weil ihre beste Freundin so verletzt wurde, denn eigentlich kennt eine May keine Vorurteile. Das zeigt die Geschichte ganz deutlich. Sie begegnet so offen den Menschen und ist dann entweder bereit, sich noch weiter zu öffnen oder wie eine Muschel zusammenzuklappen. Ich fand es auch bewundernswert, was für ein Körperbild May hatte, das hat mich sehr inspiriert. Gegen sie konnte ich wirklich nichts anbringen, weil ich zu 100% bei May war, in allen Momenten. Zu so einer Persönlichkeit braucht es dann eben einen Kerl, wo ich sagen kann, der hat sie verdient und ich bin dankbar, dass es Wes geworden ist, denn er hat mein Herz genauso im Sturm erobert. An ihm ist mir speziell auch noch einmal deutlich geworden, wie sehr sich mein Bild zu den männlichen Protagonisten im NA-Genre gewandelt hat. Bei meinen ersten Ausflügen in diesem Genre war es oft so, dass ich gerne die Bad Boys hatte. Das ist schon lange nicht mehr der Schlüssel für mich, weil dann mehr Toxik in meinem Kopf prangt. Wes wirkt zwar auch zunächst wie ein Bad Boy, aber es ist tatsächlich nur eine Wirkung, weil er vieles von sich verschließt, weil er eben nicht als der gesehen wird, der er wirklich ist. Die Mauern wurden aber wahnsinnig schnell eingerissen und er ist ein wirklich lieber Kerl, der in Fürsorge und Tiefsinnigkeit May in nichts nachsteht, das hat mich richtig gefesselt, denn die beiden waren damit wie füreinander geschaffen.

Ich mochte auch die Grundidee des Romans, indem für das Sozialprojekt die Frage gestellt wird, ob man sich in jede Person verlieben kann. Ich fand es toll, wie May und Wes angesichts des Rahmens gezwungen waren, sich kennenzulernen. Auch wenn das Projekt mehr und mehr unwichtiger wurde, was ich manchmal etwas schade fand, war es doch auch sinnig, denn sie wollten sich irgendwann kennenlernen und mussten es nicht mehr. Zwar gab es im Verlauf der Geschichte immer wieder Aspekte, die mich mal gestört haben, wie May, die Wes Freunden eigentlich nicht begegnen wollte, aber sofort zur Party rennt oder was jetzt genau wann mit Wes und seiner Mutter los war, aber insgesamt sind diese Gedanken auch jedes Mal wieder in Grund und Boden gestampft worden, weil wieder etwas so Tolles geschah, dass ich hin und weg war. Es ist also nicht die formal perfekte Geschichte, aber es war in dem Moment die perfekte Geschichte für mich, weswegen ich es sehr genossen habe, was Niemeitz mit dieser Handlung geschaffen hat.

Fazit: „No Longer Lost“ ist auf jeden Fall ein Herzensbuch und Merit Niemeitz hat sich in meinen Augen mit ihrer Sprache und ihren Figuren selbst übertroffen. Die beiden passten genial zusammen und ich habe heftig wie lange nicht mitgefiebert. Das alles war dann in einem sprachlichen Korsett gebettet, das mich gerade wegen der ganzen Sprachspiele sehr begeistern konnte. Es war nicht alles perfekt ausgearbeitet, aber das fiel für mich überhaupt nicht ins Gewicht. Sehr guter Job hiermit!

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Veröffentlicht am 13.02.2023

Faszinierende Interviewstilistik

Daisy Jones & The Six
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Als 2020 die deutsche Übersetzung "Daisy & The Six" von Taylor Jenkins Reid auf den Buchmarkt kam, da habe ich das Cover durchaus mitbekommen, aber ein begeistertes Zitat von Reese Witherspoon auf dem ...

Als 2020 die deutsche Übersetzung "Daisy & The Six" von Taylor Jenkins Reid auf den Buchmarkt kam, da habe ich das Cover durchaus mitbekommen, aber ein begeistertes Zitat von Reese Witherspoon auf dem Deckblatt war nicht unbedingt ein Argument für mich, reinlesen zu müssen. Dennoch habe ich mitbekommen, dass der Erfolg riesig war. Als dann angekündigt wurde, dass Streamingdienst Prime Video mit Witherspoons Produktionsfirma Hello Sunshine eine Adaption anstrebt, wurde ich schon hellhöriger. Solche Vorhaben machen Bücher nicht automatisch besser, aber ich finde es immer wieder faszinierend, Buch- und Serienwelten miteinander in eine Verbindung zu setzen. Das birgt natürlich auch immer Potenzial für Enttäuschung, aber oft genug kann man auch anerkennen, dass gewisse Veränderungen zur Vorlage nicht umsonst vorgenommen werden. Lange Rede, kurzer Sinn, mein Interesse für "Daisy & The Six" war geweckt. Ich war dabei speziell auch daran interessiert, wie es der Autorin wohl gelingen wird, die Geschichte einer fiktionalen Band zu schaffen, die sich aber so echt fühlt, dass man als Leserschaft felsenfest davon überzeugt ist, dass es diese Band doch tatsächlich gegeben haben muss.

Da ich im Vorfeld nicht groß in die Details zu "Daisy & The Six" eingestiegen bin, war ich doch sehr überrascht davon, wie das Buch von Jenkins Reid stilistisch erzählt ist. Denn es ist wie der Zusammenschnitt aus O-Tönen der einzelnen Zeitzeugen gestaltet, wo der Interviewer alle nacheinander befragt und anschließend alles zusammengefügt hat, um ein umfassendes Bild der Bandgeschichte abzugeben. Das hat mich erst etwas stutzig gemacht, aber ich weiß auch noch, wie skeptisch ich war, wenn sich AutorInnen daran gewagt haben, nur in Form von SMS oder E-Mails Geschichten zu erzählen. Das war dann ungewohnt, aber letztlich hat es eine ganz eigene Faszination entwickelt, jedenfalls, wenn es gut gemacht ist. "Daisy & The Six" gehört zum erfreulichen Fall von gut gemacht, denn ich war wirklich extrem fasziniert, wie ich nur alleine durch diese Zitate zu jeder Figur ein Bild in meinem Kopf entwickeln konnte. Ich erlebe das oft in Büchern, dass sie mir zu dialoglastig sind und mir ein Blick in das Innenleben der Figuren fehlt, um sie umfassend begreifen zu können. Hier fehlt die Gedankenwelt nun eigentlich völlig und dennoch hatte ich den Eindruck, dass speziell die Bandmitglieder all das ausgepackt haben, was sie wirklich bewegt hat. Auch wenn man natürlich nach außen hin immer etwas inszenieren kann, aber alle Figuren waren konsequent über die Zeitspanne hinweg gezeichnet, so dass es mir sogar gelungen ist, dass ich für jeden von ihnen eine Stimme in meinem Kopf hatte, die sich sofort anknipste, je nachdem, wer nun gerade dran war. Das war wirklich eine faszinierende Erfahrung beim Lesen.

Insgesamt glaube ich auch, dass die Stilistik der Trumpf bei "Daisy & The Six" ist. Die Handlung hatte auch ihren Reiz, weil es durch die O-Töne auch immer wieder Andeutungen gab, was wohl noch kommen wird und ich natürlich so wissen wollte, wann sich was und warum ereignet. Letztlich ist es aber doch eher eine typische Bandgeschichte, wie man sie durch Biografien von Musikern oder von anderen fiktiven Inszenierungen kennt. Es geht viel um Drogen und Alkohol, es geht viel um Sex und Fremdgehen. Es geht um Streitigkeiten untereinander. Es geht um geschlossene Allianzen. Es geht um Mechanismen hinter den Kulissen. All das ist wenig spektakulär neu oder aufklärerisch, aber diese Aufgabe wäre wohl auch unmöglich zu erfüllen gewesen, weil man eine Bandgeschichte nicht neu erfinden kann. Schließlich treffen immer wieder menschliche Urinstinkte aufeinander, so dass die Geschichte sich selbst wiederholt. Deswegen gehe ich auch schwer davon aus, dass die ungewöhnliche Art, einen Roman so zu erzählen, die Massen begeistert hat. Bei mir ist das in jedem Fall gelungen. Manche neuen Figuren, wie die Buchhalterin, die Einblick in die gesprengten Kosten während der Tour gibt, waren manchmal etwas holprig, weil sie aus dem eigentlichen Geschehen rausrissen, aber ich fand es auch liebevoll, wie umfassend dadurch die gewünschte Perspektive war.

Was mich immer besonders fasziniert, das ist der Prozess, wie Musik entsteht. Ich fand es daher in "Daisy & The Six" absolut gelungen, wie hautnah man dabei sein konnte. Manche Songs sind uns direkt fertig direkt präsentiert worden, aber dennoch wurde aus den Interviewteilen noch deutlich, was die Motivation für den Text war und was dann oftmals Billy und später Billy und/oder Daisy bewegt hat. Ich bin da bei Musik definitiv mehr angetan, wenn ich auch merke, dass die Geschichten hinter den Songs auch von den Menschen kommen, die dort auf der Bühne stellen, so dass es sofort ergreifender wird. Ich fand aber auch die Einblicke hilfreich, wie Schlagzeuger, Keyboarderin und Gitarristen darum kämpfen, mehr für ihr Spezialgebiet beitragen zu dürfen und wie dann später aus dem Rohmaterial ein fertiges Album entsteht. So intensiv, wie der Musikprozess hier dargestellt wird, ist es ein echtes Geschenk, dass die einzelnen Songtexte später auch noch komplett abgedruckt sind. Hier merkt man deutlich, wie sehr auch die Autorin selbst in diese Geschichte eingetaucht ist. Für die Serienadaption sind die Texte natürlich auch ein Geschenk. Insgesamt muss ich mit Hinblick auf die Serienversion sagen, dass Jenkins Reid viel vorgearbeitet hat, wo die Produktion eigentlich nur noch einen Haken hintersetzen muss. Es wird sicherlich sehr spannend, wie diese Vorlage dann umgesetzt aussehen wird.

Fazit: "Daisy & The Six" bietet inhaltlich vielleicht nicht etwas speziell Neues, aber die Stilistik, eine fiktive Bandgeschichte nur über Interviewzusammenschnitte zu erzählen, war sehr faszinierend und ich war richtig begeistert, wie dadurch dennoch im Kopf etwas entstanden ist, was auch ein ausgeschriebener Roman hätte sein können. Weiterer Pluspunkt ist natürlich auch die Liebe zur Musik, die aus allen Poren dringt. Sicherlich eine interessante Welt, die sich für eine Serienadaption hervorragend eignet.

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